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...   Erstellt am 08.08.2009 - 12:26Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Mein erstes Interview

Nachdem meine erste Buchauflage überraschender Weise schneller vergriffen war als ein Top Angebot bei ALDI, beschloss mein überglücklicher Verleger, vor der nächsten Neuauflage ein Interview bei der hiesigen Tagespresse zu arrangieren.
Dieses Interview sollte in seinem Büro stattfinden, da ich mich weigerte, die Herrschaften der Presse bei mir Zuhause zu empfangen. Natürlich war ich stolz, aufgeregt und sehr nervös.

„Frau Braun, sie werden sehen, es wird ein gemütlicher Plausch werden. Man wird Ihnen keine intimen Fragen über ihr Privatleben stellen. Machen sie sich keine Sorgen. Sie machen das schon.“
Während dieser Worte gab mein quirliger Verleger noch die letzten Anweisungen an einen jungen Mitarbeiter, die „verdammten Rosen“ vom Tisch zu nehmen, da sie die Sicht zum Schreibtisch verdeckten und mein Diplom „so protzig wie möglich“ über mein holdes Antlitz zu hängen.

„Sollte Ihnen eine Frage unangenehm werden, weichen sie einfach vom Thema ab.“

Für was hielt er mich? Immerhin bin ich eine Schriftstellerin, Redakteurin, Kolumnistin und habe außerdem in einem Abendkurs für Rhetorik mit nur drei Sätzen ein Diplom erworben.
Natürlich hatten meine drei kleinen Gehirnzellchen schon für alle möglichen Arten von Fragen, die auf mich zukommen könnten, mehrere passende Antworten parat gelegt.
Leider erschien die Reporterin viel zu früh, nämlich gerade in dem Moment, als der junge Mitarbeiter des Verlages noch dabei war, mein uraltes Diplom zurechtzurücken. Lächerlich. Als hätte mein damaliger Beruf etwas mit meiner jetzigen Tätigkeit zu tun.

„Hallo, meine Liebe. Ich bin Frau Kayser und leider viel zu früh, weil ich nachher noch einen anderen Termin habe. Nennen Sie mich doch bitte Edwina“, flötete die ca. Mittfünfzigerin mit einem äußerst charmantem Lächeln. Ihr Erscheinungsbild glich eher einer liebenswürdigen Großmutter als einer gewieften Klatschspaltenreporterin.

„Bitte nehmen Sie Platz, Frau Kayser. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“ lud ich die nette Dame ein. Frau Kayser raffte ihre fünf Röcke zusammen und quetschte sich ein einen Sessel.

„Hätten Sie jemals mit so viel Erfolg gerechnet, Frau Braun?“ zwinkerte sie mir zu.

„Nein, ganz im Vertrauen, ich wollte nur mit einer weiteren Veröffentlichung meiner Kolumnen, die in einem Buch zusammengefasst sind, eventuell etwas zusätzlich verdienen. Immerhin sind alle unsere Renten, bis auf die von Herrn Oskar Lafontaine, nicht gesichert.“

Wir glucksten wie zwei alte Hennen. Ja, diese Frau war sehr sympathisch und ich revidierte sofort alle zuvor mit der Presse gemachten Erfahrungen, die mir noch aus der damaligen Zeit in unangenehmer Erinnerung waren, in der ich als Pressesprecherin für einen gemeinnützigen Verein in Rheinland Pfalz tätig war. Nun konnte das Interview beginnen.

„Frau Braun, womit begründen Sie den genialen Erfolg Ihres ersten Buches?“

Mein Antwortrepertoire bestand aus:
1. Ich habe mich schon mit 12 Jahren als Schriftstellerin versucht und immer gehofft, dass ich eines Tages Erfolg haben werde,
2. Von irgendwas muss der Mensch schließlich leben. Ha, ha,
3. Ich habe mein Hobby einfach zum Beruf gemacht,
4. Nun ja, wer nichts wird, wird Wirt. Wer das nicht kann, geht zur Bahn. Und wer überhaupt nichts kann, der veröffentlicht ein Buch über seine Unzulänglichkeiten oder besser noch über die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen.

Brav, wie ich jedoch nun mal bin, antwortete ich: „Es sind immer die mehr oder weniger kleinen Probleme des Alltags, die den Menschen zu schaffen machen. Mit meiner humorvollen, aber auch oft zynischen Art versuche ich, ihnen zu zeigen, dass man mit einer gehörigen Portion Gelassenheit alle Stresssituationen beseitigen kann und dass das Leben durchaus lebenswert ist. Übrigens habe ich schon mit 12 Jahren meinen ersten Roman verbrochen.“
Entspannt lehnte ich mich zurück.

„Sagen Sie, ist tatsächlich alles so in Wirklichkeit passiert, wie Sie es in ihren Geschichten beschrieben haben?“

Natürlich musste diese Frage kommen. Ich wählte aus meinen Antwortrepertoire von:
1. Nein! Ich bin eine geniale Lügnerin,
2. Wenn dem so wäre, hätte ich mich schon längst aufgehängt,
3. Ja, aber mir ist nichts peinlich

„Ca. 60 % der Inhalte sämtlicher Geschichten haben einen tatsächlich erlebten Hintergrund. Der Rest ist frei erfunden, beziehungsweise total übertrieben dargestellt.“

„Liebe Frau Braun, wie geht Ihr Mann mit Ihrem Erfolg um? Leidet Ihre Ehe darunter?“

Auf meinem geistigen Spickzettel standen zu dieser Frage folgende Antworten:
1. Da er meine Arbeit sowieso noch niemals ernst nahm, kümmert er sich nicht weiter darum.
2. Er ist mit unserer 62jährigen Haushälterin durchgebrannt.
3. Er will mich auf Schadensersatz verklagen, wenn ich auch nur einen einzigen seiner Sprüche zitiere, die während unserer Ehe gefallen sind.

Wahrheitsgemäß antwortete ich jedoch: „Mein Mann ist seit vielen Jahren ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann und Dozent. Seit Anbeginn unserer Beziehung haben wir eine gegenseitige Vereinbarung getroffen und zwar, dass sich niemand von uns in die geschäftlichen Angelegenheiten des Anderen einmischt. Er kümmert sich also weder um meine Kolumnen, noch rede ich ihm in seine Arbeit rein.“

Die liebenswerte Frau Kayser bekam noch eine Tasse Kaffe und zündete sich ihre siebte Zigarette an. Verschwörerisch neigte sie sich zu mir.
„Nur so am Rande gefragt, wie reagieren Ihre Nachbarn und Freunde darauf, wenn Sie einige Details aus deren Leben erzählen?“
Wie nett von Edwina, dass sie sich tatsächlich auch Gedanken um die Leute macht,
die sie interviewt.

„Ach die. Die meisten wissen gar nichts davon und ich verändere immerhin alle Namen der Personen, über die ich schreibe. Außer bei einer. Ha, ha, wenn Frau Fischer wüsste, dass ich sie in einer meinem Kolumnen als Zeitdiebin beschimpft habe, würde sie mich wahrscheinlich wegen Rufmord verklagen. Anders jedoch sieht es da bei meinen Arbeitskollegen aus. Sie bringen mir täglich Bestechungsgeschenke in Form von Sekt und Pralinen, weil sie gerne namentlich in einer Kolumne erwähnt werden möchten.“

„Und? Werden sie erwähnt?“ lächelte Edwina.

„Bin ich bescheuert? Dann bekäme ich ja keine Geschenke mehr“ zwinkerte ich zurück.

„Noch eine letzte Frage. Aber die stelle ich wirklich nur privat. Sie beschreiben sich in ihren Kolumnen und Geschichten immer als eine ... na ja, sagen wir mal ... fast schon Alkoholikerin. Ist da etwas Wahres dran?“

„Natürlich trinke ich abends mal ein Glas Wein oder ein Bier oder einen trockenen Martini zur Entspannung. Warum auch nicht? Sonntags erlaube ich mir sogar ab und zu ein Sektfrühstück. Alkohol kann entspannend wirken oder auch den Geist beflügeln, wenn ich eine Schreibblockade habe. Aber ich übertreibe es nicht. Ich würde mich niemals betrinken.“
Am nächsten Tag konnte man in der Zeitung lesen:

„Erst nach über 30 Jahren stellte sich bei der Kolumnistin Marina Braun der erste Erfolg ein. Ihr Buch konnte sie jedoch nicht ohne Einfluss von Alkohol schreiben. Ihre eigenen Worte dazu: „Ich trinke Wein, Bier, Sekt und Martini. Alkohol beflügelt meinen Geist.“
Sie selbst gab zu, dass 40 % der Geschichten gelogen sind. In ihren Geschichten verspottet sie aufs Übelste ihre ahnungslosen Mitmenschen, Freunde und Nachbarn. Vielleicht ist es ihr Ziel, durch Beleidigungsklagen in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu gelangen? Ihr Ehemann hat sich schon lange von ihr abgewendet und kümmert sich nicht darum, welch haarsträubende Lügengeschichten sie verbreitet. Wahrscheinlich ist er von den Erpressungen seiner Frau angewidert, die sie täglich bei ihren Mitarbeitern betreibt.“

Lieber Leser und geschätzte Leserin,
wie man sieht, kann man fast ungestraft jede „Wahrheit“ fernab der tatsächlichen Realität darstellen. Nun muss ich zwei Zitate anführen, die wesentlich bekannter sind als dessen Verfasser. „Die Feder ist mächtiger als das Schwert“ und „Das leichteste Opfer für einen Betrug ist man selbst.“ Diese sehr weisen Worte stammen von Edward Bulwer-Lytton. Bleibt uns Schriftstellern nur zu wünschen übrig, dass uns die Journalisten gewogener sind, als ich den Personen, deren Lebensumstände von mir total übertrieben dargestellt werden.

Copyright bei Marina Braun.





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