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MadameKaya  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 12.01.2006 - 21:36 |  |
Bei Carola Sterns Romanbiographie über Rahel Varnhagen hat sich mir ein Aspekt gezeigt , den wir in unserer heutigen Fitness- und Sport- Wahn -Welt schwerlich nachvollziehen können:
Die "Ästhetik" des Leidens und die ungenierte Thematisierung derselben. Wer für sich in Anspruch nahm intellektuell und empfindsam zu sein gab sich leidend ; Kopfschmerz , nervöse Unruhe( damals gar nicht mal abwertend als "Hysterie" bezeichnet). Sehr beliebt auch Fieberanfälle und ausgedehnte Wochenbette.
Die erlittenen Krankheiten wurden als ausgiebiger Konversations Gegenstand betrachtet und in Briefen ausführlichst thematisiert.
Wobei ich mich Frage:
1. Welche Krankheiten waren am "beliebtesten"?(durfte man über Syphillis reden ?)
2. Wie wurden sie bezeichnet ? Als authentische Krankheiten fällt bei uns ja oft die beliebte Musselinekrankheit oder die mal mehr oder weniger galoppierende Schwindsucht als Stichwort...
Brüstete Mann sich als Militär eigentlich mit seinen Verwundungen (oder zeigte man diese zum Amusement im Salon den Damen )
Eure Meinung? Krankheiten - nur ein Gesprächsthema für Matronen und Schreiberlinge? 
eure
gar nicht leidende
Madame Kaya
[Dieser Beitrag wurde am 12.01.2006 - 21:46 von MadameKaya aktualisiert]
Signatur Es gibt kein echtes Leben im Falschen... |
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Catherine  Zweig


Status: Offline Registriert seit: 03.01.2006 Beiträge: 194 Nachricht senden | Erstellt am 12.01.2006 - 22:24 |  |
Da man in der Biographie über Rahel ließt, das selbst, als sie noch sehr jung war, ihre Krankheit (Rheuma) immer wieder Thema schriftlicher Ergüsse war, zeigt uns dies ja, das jenes Thema durchaus nicht wie heute den alten Leuten allein vorbehalten war.
Des weiteren hat meine Ärztin herausgefunden, das Nervenlähmungen, hervorgerufen durch das reiten im Damensattel eine durchaus gängige Krankheit gewesen war.....ich hatte mir selbige letztes Jahr am letzten Tag in Kommern zugezogen, als ich mit meinem Schatz ca. eine 3/4 Stunde ausgeritten bin (wunderschönes Erlebnis, zu zweit im Museum auszureiten...). Hi hi, ich war also "historisch krank" und könnte dies nun mit voller Berechtigung in meine Korrespondenz einfließen lassen. Wie ich inzwischen mehrfach gelesen habe, hat man sich tatsächlich auch über derlei Mißlichkeiten geschrieben...ich denke mal über Unfälle generell, da dazu meist eine Geschichte gehört, die "erzählenswert" ist.
Ebenso ließt man z.B. in Jane Austen´s "Emma", das Mrs. Bates einen Brief von Jane Fairfax bekommen hat, in dem diese ihre Reise nach Hartfield bekannt gibt (2. Buch, 2. Kapitel). In diesem Brief steht u.a., das Jane seit Anfang November erkältet ist und bis dato (es ist Jahresanfang des Folgejahres) noch nicht wieder gesundete. Jane Fairfax ist zu derzeit wenn ich mich recht entsinne 21 Jahre alt.
[Dieser Beitrag wurde am 12.01.2006 - 22:27 von Catherine aktualisiert]
Signatur "Ich were erstickt, wenn ich dieses nicht gesagt hätte" Liselotte von der Pfalz |
Nanny  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 656 Nachricht senden | Erstellt am 13.01.2006 - 00:32 |  |
Es tut mir ja jetzt sehr leid für euch! Aber die Syphilis wurde auch die "Franzosenkrankheit" genannt und selbstverständlich hatte eine anständige Frau keine Ahnung davon - liebste Madam Kaya: "Hach ja... der arme Lord Cedric, da hat er sich doch in diesem ...Haus mit der Franzosenkrankheit angesteckt..." ...und dann dabei genüßlich in ein Gurken-Sandwich beißen, während allen anderen geschockt der Bissen aus dem Mund fällt...
Influenza war beliebt und auch über die Schwindsucht konnte man mitfühlend und ausdauernd reden. Die diversen Verletzungen der Soldaten durften kein Thema unter Frauen sein, sie durften sie ja auch in den Hospitälern nicht pflegen - nackte Männer! Umgotteswillen,-wenn-überkommt-die-animalität-da-bitte-zuerst?! Der arme Leutnant mit dem appen Arm durfte aber gerne betüddelt werden, wenn er dann wieder auf seinen Beinen stand. Auf den Schiffen fuhren allerdings öfter (Ehe-)Frauen mit und die halfen bei einem Gefecht dem Schiffsarzt.
[Dieser Beitrag wurde am 13.01.2006 - 07:34 von Nanny aktualisiert]
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Una  Ast


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 201 Nachricht senden | Erstellt am 13.01.2006 - 01:19 |  |
In der Empire und Regency Zeit scheinen alle bürgerlichen Frauen (und viele Männer) in Europa Rheinländer bzw. Niederrheiner gewesen zu sein.  Nichts scheint einem Niederrheiner so sehr auf dem Herzen zu liegen als Krankheiten. Bei Festlichkeiten, Beerdigungen, in Briefen Telefonaten und beim Bäcker an der Ecke, man spricht über die diversen Malaisen und Zwickerchen. In England wurde selbst der gute König George III. nicht ausgeschlossen. Seine Depressionen und andere Eigenschaften seiner Geistes-Krankheit (denn er war nicht wirklich verrückt, sondern ist am Königstum verzweifelt) waren nicht nur Hof-, sondern Stadt- und Landesgespräch in den besseren Kreisen. Es schien wohl damals chic zu sein 
Signatur We are not human beings on a spiritual journey. We are spiritual beings on a human journey.
- Stephen Covey |
Nanny  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 656 Nachricht senden | Erstellt am 13.01.2006 - 07:33 |  |
sicher, aber nicht über Syphillis!
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eva  Der Blätter zwey


Status: Offline Registriert seit: 05.12.2005 Beiträge: 36 Nachricht senden | Erstellt am 13.01.2006 - 08:55 |  |
etwas anders gefragt: sollte jemand - gar noch eine Dame? - ich ungetrübter Gesundheit erfreuen, so hatte sie diesen etwas gewöhnlichen Zustand empfindsam zu kaschieren?
Wie sind denn dann die in den Austenromanen wiederkehrenden Antworten " Danke, sie erfreuen sich ausgezeichneter Gesundheit" auf die Frage nach dem Befinden von Angehörigen zu verstehen? Als Zurückweisung, wiel man dem Gesprächspartner einen tieferen Einblick verweigert?
Ma chère Madame Kaya, über Französische Krankheit (in Frankreich übrigens Spanische Krankheit) können wir gar nicht reden, weil wir darüber nicht einmal denken können, weil wir darüber überhaupt gar gar nichts wissen. Es sei denn, Ihre Reisen in den Orient haben Sie in Berührung mit Themen gabracht, die Ihnen in einer zivilisierten Gegend erspart geblieben wären.
Signatur Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. Was Ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln. (Faust zu seinem Famulus) |
Catherine  Zweig


Status: Offline Registriert seit: 03.01.2006 Beiträge: 194 Nachricht senden | Erstellt am 13.01.2006 - 10:02 |  |
Also Syphillis und andere peinliche Krankheiten werden wohl sicherlich unter Damen wie Herren ein Tabuthema gewesen sein, über das man sich nur hinter vorgehaltener Hand austauschte. Da Briefe oft in Gesellschaft vorgelesen wurden bzw. auch herum gereicht wurden, wäre ein solches Thema (Geschlechtskrankheiten) auch für Herren durchaus unangenehm und peinlich.
"...ungetrübte Gesundheit" Dieses Thema ist sicherlich von Stand zu Stand unterschiedlich thematisiert worden. In P&P von Jane Austen lästern die Bingley Schwestern ja darüber, wie gesund und braun Liz Bennet aussehe. Offensichtlich ist dies für sie ein Zeichen von Minderwertigkeit, mit dem sie nichts zu tun haben wollen. -> Bräune kommt ja von viel Frischluft und Aufenthalt im Freien, welche eine vornehme Dame ja doch eher zu vermeiden sucht (vornehme Bläse!).
Im mittleren Bürgertum und natürlich alle Klassen darunter, dürfte eine gute Gesundheit aber durchaus positiv angesehen wurden sein. Man denke nur mal an die teueren Arztkosten und die zum Teil doch recht primitiven und geringen hygienischen Mittel. Der nächste Punkt ist, gerade in der arbeitenden Klasse, das ein kranker Mensch oft nicht arbeitsfähig ist und Lohnausfälle zu persönlichen Desastern führen konnten.
Für unsere Darstellung (bürgerlich), wäre aber eine ausgiebige Schilderung all unserer kleineren und größeren Weh-Wehchen durchaus passend,
Signatur "Ich were erstickt, wenn ich dieses nicht gesagt hätte" Liselotte von der Pfalz |
Nanny  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 656 Nachricht senden | Erstellt am 13.01.2006 - 10:50 |  |
Treffend ausgedrückt! 
Aber überleg mal: Wenn jemand heute fragt: Wie geht es Ihnen?" Sagt man "Gut! und Ihnen?" Direkt mit der aufzählung sämtlicher Wehwechen anzufangen ist unhöflich und nervend. Damit fängt man erst später an  ich kann mir gut vorstellen, das man das auch vor 200 Jahren so gehalten hat.
Während heute "Braun = Gesund" gilt, war das früher für eine Dame ein Desaster (und erstmal Sommersproßen...) Dabei kann ich mir denken, das die Damen früher eine bessere Haut hatten, weil "Braun" ja eigentlich gar nicht so gesund ist.
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Adolphe  Zweig


Status: Offline Registriert seit: 31.10.2005 Beiträge: 174 Nachricht senden | Erstellt am 13.01.2006 - 11:27 |  |
Die Frage " Wie geht´s Ihnen" ist eh nur eine Floskel. Niemanden interessiert es wirklich wie es einem geht. Ich habe mir mal den Spaß gemacht und auf diese Frage mal eine zeitlang mit einem Lächeln geantwortet: Danke, so richtig schlecht und selbst? Es war schon sehr erstaunlich, wie wenig Leute diese Antwort überhaupt wahrgenommen und nachgefragt haben.
Mit der Bräune verband man früher das schaffende Volk. Nur wer den ganzen Tag draußen arbeitete konnte so eine Farbe aufweisen. Irgendwann in unserer Zeit setzte man Bräune mit Gesundheit und Wohlstand (konnte sich leisten in Urlaub zufahren) gleich. Mittlerweile wandelt sich dieses Bild wieder. Im Zeichen von Pauschaltourismus wird die Karibik selbst für Sozialhilfeempfänger erschwinglich. Alle können sich dieses Symbol leisten.
Langsam stellt sich ein neues Bild ein: Braun sind Leute die viel Zeit haben,z. B. Leute ohne Arbeit, sie haben also auch kein Geld. Jemand der Arbeitet und gut verdient hat keine Zeit sich stundenlang unter die Sonnenbank zu legen oder zehnmal im Jahr in Urlaub zu fahren. Daher ist es hier in Düsseldorf bei manchen schon "in" wieder eine gewisse Blässe zu pflegen.....
  
Signatur Der Schein trügt.......... |
Nanny  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 656 Nachricht senden | Erstellt am 13.01.2006 - 11:58 |  |
@Adolphe: 
Ich pflege auch eine vornehme Blässe - nur die Sommersprossen... mit denen muß ich geboren worden sein! Und wenn sonne an mich drankommt, werde ich dermaßen Quitsche-rot, das man mich als Glühbirne ausstellen kann! 
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