TheFab  Literaturkenner

Status: Offline Registriert seit: 06.11.2006 Beiträge: 277 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2008 - 21:18 |  |
Hier nun ein weiteres Kapitel. Es ist eines der bereits geposteten. Aber dadurch das die Story ziemlich am Anfang an zusätzliche Kapiteln gewonnen hat, musste ich auch die restlichen Kapitelnnummern korrigieren.
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44. Kapitel:
Max und Daniel machten sich schon bald auf dem Heimweg.
„Wie konntest du wissen, dass die Stelle am Teich nicht dick genug war?“ fragte er seinen Freund.
„Ein Gefühl hat es mir verraten.“ versuchte Max seinem Freund weiß zu machen.
„Ja sicher. Das war bestimmt das gleiche Gefühl wie im Sommer, als du den einen Jungen vor dem Ertrinken gerettet hast.“ meinte Daniel eher ungläubig.
„Ganz genau.“ sagte Max entschieden. Sie waren bei dem Haus von Max Paten angelangt.
„Sei ehrlich Max. Niemand, noch nicht mal du, kann wissen, dass eine zugefrorene Stelle eines Teiches nicht dick genug fürs Eislaufen ist.“ meinte Daniel entschieden.
Max sperrte die Haustür auf und ließ seinen Freund eintreten.
„Ich wusste es aber.“ wandte Max ein.
Peter, Clarissa, Theo, Con und Rolf waren in der Küche beisammen. Max trat nun selbst in die Küche.
„Hallo Daniel.“ grüßten die anderen Max Freund freundlich.
„Guten Tag.“ wandte Daniel ein.
„Weißt du, komisch ist das schon.“ wandte er sich unbeirrt an Max. „Du hast irgendwie so einen Rettungstick, oder? Ich meine, erst der Junge im Freibad und heute der Junge auf dem zugefrorenen Teich. Du kannst mir nicht weiß machen, dass dir irgendein Gefühl signalisiert haben konnte, dass die drei Jungen in Gefahr waren. Das glaube ich dir einfach nicht.“
„Es war aber so.“ beharrte Max eindringlich. Die anderen hörten ihnen einfach nur zu.
„Für was hältst du dich? Für den Hellseher der Nation, oder was?“ meinte Daniel und ahnte anscheinend nicht, dass er damit den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.
Max schwieg einen Moment und sah in die Runde seiner Verwandten. Keiner sagte etwas.
„Wenn du es so nennen willst…“ versuchte er vorsichtig seinem Freund zu antworten.
„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du mir etwas verschweigst. Etwas, von dem du glaubst, dass ich es nicht zu wissen brauche. Aber weißt du, ich hatte schon immer das Gefühl, dass mit dir etwas nicht stimmt. Und falls du es vergessen haben solltest: wir haben uns mal geschworen keine Geheimnisse voreinander zu haben. Warum sagst du mir nicht einfach, was mit dir eigentlich los ist?“ meinte Daniel nun ein wenig aufgebracht.
Max atmete schwer durch.
Dann sah er seinem Freund in die Augen und sagte frei heraus: „Die Sache ist schwieriger als du vermutet, Dan. Außerdem weiß ich nicht, ob du mir überhaupt glauben würdest.“
Daniel lachte hohl.
„Wie wäre es, wenn du einfach mal versuchen würdest, nichts weiter als ehrlich zu mir zu sein und die Tatsachen auf den Tisch legst. Immerhin spüre ich genau, dass mit dir etwas nicht stimmt. Ich weiß genau, dass du Geheimnisse vor mir hast. Und ich weiß zufälliger weise sehr genau, dass du irgendwie nicht so bist, wie du es mir weiß machen willst. Früher im Kindergarten war es ganz genauso. Aber damals hast du dich nicht verstellt, so wie heute. Damals warst du ganz anders als heute. Und wenn du mir nicht verraten willst, wer du eigentlich bist, dann muss ich mir die Antworten eben selbst heraus suchen. Jene Antworten auf dessen Fragen du mir offenbar keine geben willst, weil du glaubst, dass du sie mir nicht anvertrauen kannst.“
Kaum hatte Daniel seinen Frust ausgesprochen, verabschiedete er sich kurz und ging aus dem Haus.
„Na großartig.“ sagte Max und ließ sich schwer auf einen der freien Stühle nieder.
„Versuche es.“ munterte ihn Peter auf. „Mehr als das er dir nicht glaubt, kann dir eigentlich gar nicht passieren.“
Max schien mit sich zu ringen.
„Er weiß genau, dass du nicht so bist wie er. Aber wenn du sagst, dass er auf Fantasyliteratur steht, dann besteht die Chance, dass er dir womöglich doch glaubt.“ erklärte nun Theo vorsichtig.
„Ich bin mir darin gar nicht so sicher.“ sagte Max schwer und versuchte sich klar zu werden, was er eigentlich tun wollte.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück machte sich Max auf dem Weg zum Haus seines Freundes. Frau Berger öffnete ihm die Tür.
„Oh hallo Max.“ sagte sie.
„Ist Daniel zuhause?“ fragte Max nach.
„Auf seinem Zimmer.“ stimmte sie zu und ließ Max eintreten.
Max ging die Treppe hoch zu Daniels Zimmer. Die Tür zu seinem Zimmer war geschlossen. Max klopfte an. Daniel öffnete sie einen Spalt breit.
„Mit dir rede ich nicht.“ sagte er und wollte die Tür bereits zu machen, doch Max hinderte ihn daran.
„Ich will mit dir reden.“
„Ich aber nicht mit dir.“ fauchte Daniel zurück.
„Dan bitte. Ich bin hier, weil ich dir alles erklären will.“ meinte Max eindringlich, aber doch etwas leiser.
„Klar, denn in Ausreden erfinden bist du echt gut.“ meinte Daniel abwertend.
„Ich bin nicht hier, um Ausreden zu erfinden. Ich bin hier, um dir die Wahrheit zu sagen. Die ganze Wahrheit. Die Frage ist nur, ob du bereit bist, mir die Wahrheit auch zu glauben.“ meinte Max ernster.
Daniel schien ihm anzumerken, dass es Max offenbar sehr ernst war und er keine Späße versuchte. Er ließ Max in sein Zimmer und schloss die Tür.
„Also, was hast du mir nun zu sagen?“ fragte er nach. Max atmete tief durch.
„Dan, glaubst du an das was in den Büchern steht, die du hier ließt?“ fragte Max erst einmal nach.
„Diese Frage hast du mir schon mal gestellt.“ wandte Dan ein. „Du kennst die Antwort darauf.“
„Sie handeln von Magie und dem ganzen Kram, oder?“ fragte Max weiter, ohne auf die Bemerkung seines Freundes zu achten.
„Meistens, warum?“ entgegnete Daniel.
„Angenommen, dass was in den Büchern steht, sei nicht bloß erfunden. Angenommen, das was darin vor kommt, gäbe es wirklich. Nur eben nicht auf die Art und Weise, wie sie da drinnen beschrieben wurde. Wie würdest du dazu stehen?“ fragte Max nach.
Daniel verstand seine Fragen nicht.
„Max, das sind bloß Geschichten.“ wandte er ein.
„Nicht für mich.“ sagte Max prompt.
„Zumindest nicht, wenn es um meine Ahnungen darüber geht, dass sich jemand in Gefahr befindet.“ versuchte er gleich abzuschwächen.
„Ja klar.“ sagte Daniel lachend.
„Dan, ich kann durch die Zeit sehen.“ fuhr Max ungehindert fort.
Daniels Lachen erstarb abrupt.
„Du kannst… was?“
„Ich wusste du glaubst mir nicht.“ meinte Max nur und wollte schon davon gehen.
„Warte. Wie war das gerade? Willst du etwa behaupten, du kannst hellsehen?“ hielt ihn Daniel auf.
„Naja, manchmal schon. Aber nicht immer auf die gleiche Art.“ versuchte Max zu verdeutlichen.
„Kein Scherz?“ fragte Daniel nach.
Max schüttelte den Kopf.
„Und Magie, Dan, gibt es wirklich. Zwar nicht so, wie du sie in den Büchern gelesen hast, aber sie ist da. Sie ist direkt unter uns. Direkt bei uns.“ erklärte Max langsam weiter.
Seinem Freund blieb der Mund offen.
„Ist nicht wahr?“ fragte er nach und ließ sich auf seinem Bett nieder.
„Es ist doch wahr.“ wandte Max ein.
„Ich habe die Magie von meinen Eltern geerbt, Dan. Sie ist mir angeboren und ich kann sie nicht loswerden. Auch wenn ich manchmal wünschte es wäre so.“ machte Max deutlich.
„Dann bist du also so was wie ein Zauberer, ja?“ fragte Daniel nach.
Max spürte irgendwie, dass sich Daniel ernsthaft darum bemühte ihm zu glauben.
„Eigentlich bezeichnen wir uns als Magier.“ wandte Max ein.
„In der Schule, auf die ich gehe, bekomme ich alles darüber gelehrt. Aber wir werden auch in gewöhnlichen Fächern wie Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen unterrichtet.“ meinte Max.
„Und das ist wirklich nicht von dir erfunden? Ich meine, du sagst das nicht nur so?“ wollte Daniel wissen.
„Nein.“ legte Max fest.
„Ich habe sogar das hier.“ meinte Max und holte seinen Zauberstab hervor.
„Allerdings kann ich dir jetzt keine Demonstration bieten, weil ich außerhalb Adularbergs keine Magie verwenden darf.“
„Heißt so das Internat, von dem du gesprochen hast?“ fragte Daniel nach.
„Ja.“ stimmte Max zu, der sich nun zu seinem Freund aufs Bett setzte.
„Und wie stellst du das an? Ich meine, dass du weißt, dass gewisse Dinge passieren werden?“ erkundigte sich Daniel.
„Gar nicht. Es passiert einfach. Manchmal habe ich Visionen. Manchmal träume ich von diesen Visionen. Und in seltenen Fällen bekomme ich einfach so eine Ahnung davon, dass etwas Bestimmtes passiert. Aber meistens habe ich danach ganz schöne Kopfschmerzen.“ erklärte Max.
„Ich kann mit meinen Augen auch Magie anwenden. Das ist mir angeboren. Ich kann mit meinen Augen Gegenstände bewegen, sie in Brand setzen, sie vereisen, anhalten oder erstarren lassen.“ schilderte Max offen weiter.
„Wahnsinn.“ sagte Daniel strahlend.
Max merkte ihm sofort an, dass sein Freund ihm offenbar glaubte und ganz hingerissen davon war.
„Und auf der Schule? Was genau erlernst du dort über Magie?“ fragte er weiter.
„Es gibt verschiedene Fächer. Angefangen von Zauberkunstlehre, über Zaubertranklehre und Kräuterkunde, bis hin zu Verwandlung, Astronomie und Wahrsagen.“
Gegen Mittag kam Max wieder zu Hause zurück.
„Ich habe es ihm erzählt.“ sagte Max zu Theo und Peter, die im Moment allein in der Küche waren.
„Und?“ fragte Peter nach.
„Er hat es mir ohne weiteres glaubt. Und er hat mir geschworen, es niemanden, nicht mal seinen Eltern, zu verraten.“
„Du hast also einen Verbündeten mehr in der Runde, ja?“ fragte Peter nach.
„Sieht so aus. Er war ganz hin und weg gerissen.“ erklärte Max.
„Und du hast ihm wirklich alles erzählt?“ wollte Peter weiter wissen.
„Ja alles. Auch das von der Schule und von meinen Fähigkeiten. Ich habe ihm sogar den hier gezeigt. Auch wenn ich keine Experimente gemacht habe.“ sagte Max und legte seinen Stab auf den Tisch.
„Nun, jetzt weiß er zumindest, dass du keine Geheimnisse mehr vor ihm hast.“ meinte Theo erleichtert.
Die letzten Tage der Weihnachtsferien verbrachte Max ziemlich viel mit lernen. Manchmal kam auch Daniel vorbei, der sich die Bücher von Max fasziniert durch sah. Max, der vor ihm nichts mehr zu verbergen hatte, ließ ihn.
„Dein Kater ist ja echt süß.“ sagte Dan, als Merlin sich zu ihm auf die Schoß legte.
„Ja manchmal schon.“ sagte Max, als er kurz von seinen Schulunterlagen aufsah.
„Wofür lernst du in den Ferien eigentlich?“ fragte Daniel nach.
„Für die Halbjahresprüfungen. Nach den Ferien haben wir praktische Prüfungen in magischen Fächern und Schriftliche in gewöhnlichen Fächern.“ erklärte Max ganz offen.
„Bist du denn gut?“ fragte Daniel nach.
„Ja, eigentlich schon.“ stimmte Max zu.
Am letzten Ferientag wurden Max, Con und Rolf von Peter und Clarissa zum Bahnhof gefahren. Kaum waren sie dort angekommen und auf dem Weg zum Bahnsteig 7a, kam ihnen Daniel entgegen. Dieser grüßte kurz und musterte Max, Con und Rolf ziemlich genau.
„Hübsch.“ sagte er schlicht. Max wusste, dass die Schuluniform gemeint war.
„Wo ist euer Zug?“ fragte Daniel weiter.
„Du kannst nicht mit.“ wandte Max ein.
„Ich will ja auch nicht mitfahren. Ich will euch nur zum Zug begleiten. Schließlich bin ich extra gekommen, um mich zu verabschieden.“ erklärte Daniel.
Peter schien nichts dagegen zu haben und so durfte Daniel zum ersten Mal mit auf Bahnsteig 7a. Der schneeweiße Schulzug fuhr gerade auf dem Bahnsteig ein. Max sah Daniel die Begeisterung an.
„So ein großer Zug nur für euch Schüler. Das ist echt unglaublich.“
„Wenn du noch lauter sprichst, fällst du noch auf.“ meinte Max an ihn gewandt.
Peter half den Jungs ihr Gepäck im Großraumwaggon der dritten und vierten Jahrgänge zu verstauen. Daniel wartete auf dem Bahnsteig vor dem Zug. Max stieg noch einmal kurz aus. Peter folgte ihm schweigend.
„Sage mal, Onkel Peter. Adularberg hat doch auch eine normale Postadresse oder?“ fragte Max nach.
„Natürlich hat sie das.“ sagte Peter und notierte etwas auf einem Schreibblock, den er vermutlich öfters mit sich trug.
„Hier. Auf diese Weise können wir uns schreiben.“ sagte Max ernsthaft. Daniel war überglücklich.
„Super, ich freu mich schon.“
„Ich muss bald einsteigen.“
Dann wandte sich Max an seinen Paten.
„Sind wir in den Energieferien wieder zu hause?“ fragte er nach.
„So viel ich weiß, ist für heuer wieder ein Skikurs geplant.“ erwiderte Peter.
„Also, dann sehen wir uns erst zu Ostern wieder.“ meinte Max und hatte bei den Worten ein beklommenes Gefühl.
„Kein Problem.“ meinte Daniel locker und umarmte seinen Freund sehr herzlich.
Die Durchsage kam, dass der Zug bald abfahren würde und alle Personen aussteigen sollten, die nicht auf die Schule fuhren.
„Max, du musst los.“ merkte Peter an. Max löste sich von seinem Freund.
„Soll dich Clarissa nach Hause fahren?“ fragte Max seinen Freund, ehe er in den Zug stieg.
„Nein, ich finde allein nach Hause.“ sagte Daniel.
Max eilte zum Zug und stieg schnell ein. Bei der Tür wandte er sich um und winkte seinem Freund noch zu. Der Abfahrtspfiff ertönte. Kaum waren alle Zugtüren geschlossen, setzte sich der Zug in Bewegung. Clarissa war inzwischen bei Peter angelangt. Daniel machte sich mit den Erwachsenen zusammen vom Bahnsteig.
Max setzte sich zu Con, Julian und Nicole.
„Wer war dieser Junge mit dem du gekommen bist?“ fragte Julian nach.
„Ein alter Freund von mir.“ antwortete Max.
„Du meinst, es war dieser Daniel von dem du mal gesprochen hast?“ fragte Nicole nach. Max nickte nur.
„Bist du immer noch davon überzeugt, dass die Träume, die du über ihn hattest wahr werden?“ wollte Nicole nun wissen.
„Einerseits ja, andererseits bin ich mir darin nicht sicher.“ entgegnete Max vorsichtig.
Rund vier Stunden später waren alle Schüler auf Adularberg zurück gekehrt. Nun saßen sie im Speisesaal zusammen und nahmen das Mittagessen ein. Kaum war das Mittagessen beendet, erhob sich Herr Thalenberg von seinem Sitz und trat vor dem Tisch der Lehrkräfte.
„Bevor wir uns alle zurück ziehen, möchte ich ein paar Worte an euch richten.“ begann er mit seiner Ansprache.
„All jene Schüler, die an dem heurigen Skikurs teil nehmen möchten, mögen dies bitte ihren Erziehern mitteilen. Die Energieferien werden wir an unserem Hauptskiort verbringen. Nichts desto trotz werden zuvor jedoch die anstehenden Halbjahresprüfungen abgelegt werden. Ich wünsche jedem von euch bei den Prüfungen viel Erfolg. Und ich hoffe, dass wir gemeinsam eine sehr erholsame Woche zwischen den Halbjahren haben werden.“
Max und seine Mitschüler lernten fleißig für die bevorstehenden Prüfungen. Bereits vier Tage nach den Weihnachtsferien begannen die letzten Prüfungen in allen Haupt- und Lernfächern. Nicht wenige Schüler benutzten die Bibliothek als Ausweichraum, um dort für die Prüfungen zu lernen. Die praktischen Prüfungen in den magischen Fächern waren für Max so schwierig, wie in den Jahren zuvor auch schon.
Alle Schüler wirkten umso erleichterter und entspannter, als die Prüfungen schließlich ein Ende nahmen. Die letzten Tage vor den Energieferien wurden dennoch mit Unterricht ausgefüllt. Der Freitag vor den Energieferien war gekommen. Am Ende der letzten Stunde vor der Mittagspause erhielten alle Jahrgangsklassen ihre Halbjahreszeugnisse. Max und Con waren an dem Anblick von gewöhnlichen Notenzahlen bereits gewohnt.
„Genauso gut wie bisher.“ sagte Max erfreut.
„Ich auch.“ sagte Con zustimmend.
Am folgenden Tag bestiegen alle Schüler, die mit auf Skikurs fuhren nach dem Frühstück die Busse. Die Erzieher fuhren auch mit. Kaum waren alle Schüler die mit auf Skikurs fuhren in die Busse gestiegen, fuhren diese vom Schulgelände.
Max und Con saßen nebeneinander im Bus.
„Worüber denkst du nach?“ fragte Con seinen Bruder.
„Über gar nichts.“ wandte Max ein.
„Er hat dir doch geschrieben, oder?“ fragte Con nach.
„Ja und ich habe zurück geschrieben.“ erwiderte Max.
„Dann denk nicht so viel über ihn nach.“ ermahnte Con seinen Bruder.
„Ich kann nachdenken über was immer ich will.“ meinte Max.
Con ersparte sich eine Antwort. Er spürte, dass ein Streit bevor stand, wenn er sich diesbezüglich weiter mit seinem Bruder unterhielt. Und einen Streit wollte er unbedingt vermeiden.
Einige Stunden später hatten alle Schulbusse das Gelände des Ferienheims am Skiort der Schule erreicht. Die Schüler stiegen mit ihrem Gepäck aus die Busse und gingen in das Ferienheim. Die Erzieher teilten die Schüler den richtigen Schlafräumen zu. Nachdem die Schüler ausgepackt hatten, aßen alle zu Mittag im großen Speisesaal des Ferienheims.
Bereits nach dem Essen wurden die Schüler in verschiedene Skikursgruppen aufgeteilt. Max, Con, Julian und Nicole waren in der gleichen Fortgeschrittenengruppe, die dieses Mal von Herrn Thalenberg und Herrn Thornberger gemeinsam betreut wurde. Ihrer Gruppe gehörten noch an die zwanzig anderen Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Jahrgängen an.
Schon der Nachmittag wurde auf der Skipiste verbracht, damit sich alle Schüler schon einfahren konnten. Während die Fortgeschrittenengruppe von Max und Con ihre Piste hinabfuhr, entdeckte Max ein etwa achtjähriges Mädchen, das mitten auf der Piste stand und weinend nach ihrer Mutter rief.
„Wartet.“ sagte Max zu den Erwachsenen.
„Worauf sollen wir warten?“ fragte Peter nach. Als sich Max seine Skier abspannte, fragte Peter weiter: „Es kommt doch hoffentlich keine Lawine, oder?“
„Nein. Aber das Mädchen dort hat offenbar ihre Eltern verloren.“ sagte Max und machte sich auf dem Weg zu dem Mädchen. Seine Skigruppe stellte sich an den Rand der Piste, um nicht von anderen Fahrern überrollt zu werden.
„Wie heißt du?“ fragte Max, als er bei dem Mädchen ankam.
„Jasmin.“ sagte sie weinend.
„Und deine Eltern? Wo sind sie?“ fragte Max weiter.
„Ich weiß nicht. Die waren da, und dann waren sie weg.“ sagte das Mädchen weiter schluchzend.
„Pass auf. Ich nehme dich jetzt runter zum Tal. Dort werden wir versuchen, deine Eltern zu finden.“ schlug Max vor.
„Du kannst doch fahren, oder?“ fragte Max nach. Das Mädchen nickte nur.
„Sieh mal. Das sind meine Mitschüler. Mit denen fahren wir jetzt runter. Und wir versuchen deine Eltern ausfindig zu machen.“ erklärte Max und führte das Mädchen zu seiner Skigruppe.
Gemeinsam fuhren sie den Hang weiter hinunter. Max ließ das Mädchen vor sich fahren, um sie im Auge zu behalten. Schon einige Minuten später waren sie im Tal angelangt.
Max führte das Mädchen zu einer Aufsichtshütte. Dort teilte er dem Mann mit, dass er ein Mädchen gefunden habe, dass ihre Eltern verloren hatte. Eine Infomeldung wurde per Mikrophon ausgesandt. Max wartete mit dem Mädchen in der Hütte. Schon wenige Minuten später tauchte ein Ehepaar auf.
„Mein Gott. Jasmin, wo hast du nur gesteckt?“ fragte die Mutter, die offenbar sehr erleichtert darüber war, dass es ihrer Tochter gut ging.
„Ich habe sie auf der Piste gefunden. Sie hat es nicht gewagt weiter zu fahren.“ meinte Max.
„Sehr aufmerksam von dir.“ sagte der Vater des Mädchen anerkennend.
„Sie sollten besser langsamer fahren.“ merkte Max nur an und verabschiedete sich.
Die darauf folgenden Tage des Skikurses vergingen ziemlich schnell. Am Ende der Skikurswoche wurde wieder ein Wettbewerb gemacht, bei dem Max den zweiten Platz belegte. Am letzten Ferientag kehrten alle Schülerinnen und Schüler mit ihren Erziehern nach Adularberg zurück.
Die ersten Unterrichtstage nach den Energieferien boten keinem Schüler die geringste Erholung. Der Lehrplan wurde in jedem Fach genau eingehalten und durchgezogen. Vor allem den Schülern aus dem vierten und achten Jahrgang rauchten schon bald die Köpfe. Immerhin würden sie im Juni ihre wichtigen Prüfungen ablegen: Unterstufenabschlussprüfung und Abiturprüfung.
Auch die Forderung des Schulrates wurde von den Lehrern und Erziehern weiter eingehalten. Das bedeutete, dass die Erwachsenen keine Späße verstanden und mit ihrer Unterrichtsart weiterhin sehr konsequent blieben. In einer Geschichtsstunde der vierten Februarwoche begannen die Schüler der 4aO ein neues Thema.
„Welche Schlagwörter würdet ihr nennen, wenn ich euch die Zeitspanne 1920 und 1950 vorgeben würde?“ fragte Herr Thalenberg die Schüler, kaum hatte er den Klassenraum betreten.
Nur vereinzelt wurden die Hände gehoben.
„Max.“ sagte Herr Thalenberg bestimmt.
„NSDAP, Putschversuche, Drittes Reich, zweiter Weltkrieg, Adolf Hitler, Alliierte und Besatzung.“ nannte Max einige Schlagwörter, die sein Lehrer an die Tafel schrieb.
„Sehr richtig. Zehn Punkte für Klasse und Wohnturm. Noch jemand?“ meinte Herr Thalenberg in Ruhe. Nicole hob die Hand.
„Bitte, Nicole.“ bat Herr Thalenberg in ruhe.
„Die Alliierten waren Soldaten der Länder Großbritannien, USA, Russland und Frankreich.“ sagte Nicole.
Herr Thalenberg nickte und schrieb die Namen der Länder an die Tafel.
„Weitere fünf Punkte an Klasse und Wohnturm.“ sagte er nur.
„Wer kann mir die volle Bezeichnung dieser Abkürzung nennen?“ fragte er weiter in die Runde und deutete mit der Hand seitlich an der Tafel auf NSDAP. Dieses Mal schien Julian es zu wissen.
„Julian.“ kam es von Herrn Thalenberg prompt.
„Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei.“
„Korrekt.“ stimmte sein Lehrer zu.
„Wer weiß noch etwas über diese Partei?“ fuhr er unweigerlich fort. Kurze Stille trat ein.
Nicole hob die Hand. Herr Thalenberg nickte ihr zu.
„Die NSDAP hieß früher nur Deutsche Arbeiter Partei. Adolf Hitler wurde bei ihr Mitglied und stieg schließlich zum Leiter dieser Partei auf. Erst Anfang der dreißiger Jahre gewann die Partei so viel Macht, dass sie sich immer mehr Plätze im Parlament einnahm. Sie wurde Teil der Regierung. Hitler trieb es so weit, dass die NSDAP allein regieren konnte. Er wurde schließlich zum Reichskanzler, dessen Posten zuvor Hindenburg inne hatte. Hitler sorgte nicht nur für den Aufstieg der Partei selbst. Er schaffte es mit der NSDAP schließlich Österreich an Deutschland anzuschließen. Das erfolgte 1938. Ein Jahr später marschierten Soldaten der Hitlerregierung in Polen ein.“ schilderte sich Nicole weg.
Herr Thalenberg schrieb davon wichtige Schlagwörter an die Tafel.
„Sehr richtig. Weitere Zehn Punkte an Klasse und Turm.“ stimmte er zu.
„Wer weiß noch etwas über die Partei?“ fragte er in die Klasse.
Con hob dieses Mal die Hand.
„Con.“ kam es von Herrn Thalenberg.
„Die Partei unterteilt sich in zwei große Parteigruppen: in die SS und in die SA. Die SS diente zunächst als Leibgarde für Hitler. Die SA dagegen war eine weniger bedeutsame Parteigruppe.“ erklärte Con.
„So in etwa könnte man es ausdrücken.“ stimmte Herr Thalenberg zu.
„Welche Regierungsform kam mit der NSDAP schließlich zum Tragen?“ wollte er nun wissen.
„Die Diktatur natürlich.“ sagte Max unvermittelt.
„Nicht ausrufen.“ tadelte Herr Thalenberg ihn sofort ohne einen Namen zu nennen.
„Aber es stimmt. Die Diktatur. Was sind weitere Merkmale dieser Partei oder die der Diktatur selbst?“ Thomas hob schließlich die Hand.
„Es gab Jugendverbände.“ sagte er, nachdem Herr Thalenberg ihm zugenickt hatte. „Sie hießen Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädchen.“ erklärte Thomas.
„Sehr richtig.“ stimmte Herr Thalenberg zu.
„Nun, da haben wir schon ziemlich viel zusammen getragen. Wer weiß, was Hitler über seine Vorstellung von der Jugend sagte?“
Kurzes schweigen trat ein. Max hob zusammen mit Nicole die Hand.
„Max.“ sagte Herr Thalenberg.
„Die Jugend soll schlank und rank sein, flink wie Windhunde und…“ meinte Max, doch weiter kam er nicht.
„Ja der Ansatz ist schon richtig.“ stimmte sein Lehrer ihm zu.
„Nun gut. Den Rest wollen wir uns mit Hilfe des Buches erforschen. Schlagt dazu das Kapitel über das Dritte Reich auf.“ kommentierte Herr Thalenberg. Die Schüler nahmen ihre Bücher zur Hand und schlugen es auf.
Mit März kamen die ersten Klassenarbeiten des zweiten Schulhalbjahres immer näher. Max dagegen wurde zunehmend unruhig. In den letzten Wochen hatte er regen Briefkontakt mit Daniel betrieben. Doch nun standen die Klassenarbeiten vor der Tür. Außerdem musste er nebenher auch noch einen ganzen Berg an Hausaufgaben erledigen. Das Fach Wahrsagen war für Max bereits fast schon zur Qual geworden. Er fragte sich, wozu er überhaupt noch dieses Fach mitmachen musste. Als der Unterricht an einem Tag, an dem sie dieses Fach wieder gehabt hatten, vorüber war, betrat Max mit Con, Julian und Nicole am späten Nachmittag den Wohnturm.
„Lange halte ich es in Wahrsagen nicht mehr aus. Ich frage mich, wie lange ich mir dieses langweilige Fach noch antun muss. Ehrlich, ich könnte gut und gerne darauf verzichten.“ sagte er zu Con und seinen Freunden.
„Wahrsagen nervt dich, wie?“ mischte sich Peter ein, der eben zu ihnen an den Tisch kam, auf dem sich die vier nieder gelassen hatten.
„Oh ja, sehr sogar. Ich brauche dieses blöde Fach nicht. Ich weiß ja schon, wie man die Zukunft vorher sagt.“ meinte Max missmutig.
„In der Oberstufe kann man das Fach abwählen.“ meinte Peter milde.
„Euer Vater hat das getan. Er hatte mit der Zeit auch genug von diesem Fach.“
„Kann ich mir denken.“ meinte Max leise.
„Er wusste auch, wie er gezielt Visionen herbei rief, ohne deswegen in Panik zu verfallen.“ brummte er weiter.
„Nur nicht so ungeduldig. Irgendwann schafft ihr das auch. Ihr müsst euch nur damit beschäftigen.“ beruhigte ihn Peter.
Die Stimmung in der Woche der Klassenarbeiten und Tests war sehr angespannt und stressig. Selbst in Max Klasse war der große Lernstress deutlich zu spüren. Es verging kein Tag an dem nicht ein Test oder eine Arbeit geschrieben wurde. Sogar den Sonntag mussten die Schüler fürs lernen nutzen. Kaum waren die Tage der Arbeiten und Tests vorüber, stand auch schon Ostern vor der Tür. Allmählich legte sich der Lerndruck wieder und die Schüler kamen etwas zur Ruhe.
Signatur MfG,
TheFab |
TheFab  Literaturkenner

Status: Offline Registriert seit: 06.11.2006 Beiträge: 277 Nachricht senden | Erstellt am 18.03.2008 - 10:08 |  |
45. Kapitel:
Am letzten Samstag im März hatten die Schüler ihre Sachen gepackt. Bereits nach dem Frühstück machten sie sich auf dem Weg zu ihren Schulbussen. Auch Max war mit seinen Mitschülern dabei zu ihrem Bus zu gehen. Doch irgendwie hatte Max dabei ein unruhiges Gefühl. Er sah auf dem Weg zum Bus vor dem Schulgebäude wie Peter sein eigenes Gepäck in sein Auto lud. Herr Thalenberg war bei ihm und schien sich mit Peter über etwas zu unterhalten.
Max sah schließlich Herrn Thalenberg von Peter fort und auf den Haupteingang des Schulgebäudes zu gehen. Er eilte schnell zu ihm.
„Einen Moment.“ sagte Max zu ihm.
Herr Thalenberg hielt direkt bei der Tür an und wandte sich um.
„Was möchtest du von mir?“ fragte er nach.
„Gar nichts. Ich wollte nur…“ sagte Max langsam.
„Nur was?“ fragte Herr Thalenberg nach.
„Du beobachtest doch die Sterne, oder? Ich meine in letzter Zeit ist mir nichts mehr aufgefallen. Aber dir vielleicht. Das letzte Mal als ich dich deswegen gesprochen habe, da hast du so getan, als wäre das nichts Beunruhigendes.“ sagte Max langsam.
Herr Thalenberg seufzte schwer.
„Max, hör zu. Nicht immer gibt es gleich Grund zur Besorgnis, wenn man Sterne deutet. An deiner Stelle würde ich mich deswegen nicht all zu sehr damit beschäftigen. Und nur weil du glaubst, eine Veränderung daran erkennen zu können, heißt das noch lange nicht, dass sich das wirklich auf die Zukunft auswirken muss. Nicht immer ist die Zukunft anhand der Sterne zu ersehen.“ versuchte er klar zu machen.
„Und meine Theorien in Bezug auf die Zukunft? Was wenn ich recht habe und…“ wandte Max ein.
„Ich habe dir meine Meinung dazu bereits gesagt. Gehe nun zum Bus zurück und mache dir wegen der Zukunft keine Gedanken.“ erwiderte Herr Thalenberg schlicht und ging davon.
Nur langsam machte sich Max auf dem Weg zu seinem Bus.
Einige Stunden später waren Max, Con und Rolf mit Peter und Clarissa in Peters Haus in Hamburg. Max hatte eben seine Sachen fertig ausgepackt. Nun ging er zur Eingangstür. Dort zog er sich seine Schuhe und seine dünne Jacke an.
„Wo gehst du hin?“ fragte Peter, der seinen stillen Abgang bemerkte.
„Zu Dan, wieso?“ erwiderte Max.
„Wir wollten bald essen.“ meinte Peter.
„Ich esse bei Dan. Also, bis heute Abend dann.“ entgegnete Max und öffnete die Haustür.
Peter sah ihm etwas besorgt nach. Kaum war Max aus dem Haus verschwunden, kehrte er zu Clarissa in die Küche zurück.
Max traf sich mit Daniel auf einem Spielplatz.
„Was hast du?“ fragte Daniel, nachdem sie sich auf zwei Schaukeln gesetzt hatten.
„Es ist nichts.“ wandte Max ein.
„Ach komm. Mach mir nichts vor. Ich kenne dich weit besser als du glaubst.“ erwiderte Daniel. „Also?“
Max überlegte kurz. Er atmete tief durch und sagte schließlich: „Dan, sorge dafür, dass deine Eltern in den Ferien ihr Auto stehen lassen und die Öffis benutzen.“
Daniel stand von der Schaukel auf und stellte sich vor Max. Er ging vor ihm in die Hocke und versuchte anhand von Max Gesichtsausdruck zu erkennen, warum er ihm das sagte.
„Du hast doch keine Angst davor, dass uns was passieren könnte, oder?“ fragte er vorsichtig nach.
„Dan, es ist mir ernst. Bleibt in den Ferien vom Auto weg.“ wandte Max ein und sah seinem Freund entschieden in die Augen.
Daniel schien sich nun an etwas zu erinnern.
„Hast du etwa eine Ahnung gehabt? Ich meine so eine, wie du sie mir in den Weihnachtsferien erzählt hast?“ fragte Daniel vorsichtig nach.
Max schwieg und rührte sich nicht. Sein Freund schien die Reaktion richtig zu deuten.
„Hey Mann. Uns passiert schon nichts. Außerdem ist im Moment auf den Straßen eh nicht so viel los. Und Vati ist ein vorsichtiger Fahrer.“ versuchte Daniel seinen Freund zu beruhigen.
„Es ist zwar länger her. Fast schon ein Jahr, aber ich habe von euch geträumt. Sogar mehr als nur einmal. Daniel, bitte haltet euch von dem Auto fern.“ sagte Max nun bedrückt. „Ich könnte es mir….“ bevor Max ausreden konnte, hatte Daniel seinen Kopf an die eigene Schulter gelehnt.
„Hey, keine Angst. Ich passe schon darauf auf, dass uns nichts passiert. Wir werden zusammen bleiben. Auf immer und ewig, versprochen.“ meinte Daniel nun behutsam.
Während der nächsten Ferientage war Max die meiste Zeit mit Daniel und dessen Eltern zusammen. Er bemerkte nicht, dass er heimlich von seinem Paten und dessen Onkel heimlich beschattet wurde. Max hatte die Eltern von Daniel schon sehr oft dazu überreden können, dass Auto stehen zu lassen. Doch am Donnerstag der Ferienwoche hatte Herr Berger kein Verständnis mehr dafür.
„Ich habe genug vom ständigen umsteigen.“ erklärte er und war dabei die Fahrertür seines Wagens zu öffnen.
„Mit den Öffentlichen sind wir besser dran.“ wandte Max ein.
„Jetzt hör mal zu, Max. Ich bin in den letzten Tagen mehr als genug mit den öffentlichen gefahren. Außerdem fahren wir nur zum Kaufhaus und wieder nach Hause.“ erklärte Herr Berger und stieg in den Wagen ein.
Max seufzte und öffnete die Tür hinter dem Beifahrersitz.
„Wenn das mal gut geht.“ murmelte er in sich hinein und stieg ebenfalls ein.
Die Fahrt zum Kaufhaus verlief ganz ohne Probleme. Herr Berger hatte seinen Wagen in der Tiefgarage geparkt. Nun durchstreifte Familie Berger mit Max das Kaufhaus. Schließlich gingen sie an einem Hotelgasthaus vorbei. Das Ehepaar Berger schien das jedoch kaum zu bemerken.
„Ist es das?“ fragte Daniel nach. „Ist das das Hotelgasthaus von dem du gesprochen hast?“
„Ja.“ sagte Max und drängte seinen Freund, weiter zu gehen.
„Es sah ganz normal aus.“ meinte Daniel leise.
„Ja und deshalb ist es deinen Eltern kaum aufgefallen.“ erklärte Max eilig.
Sie verbrachten einige Stunden im Kaufhaus. Zwischen durch setzten sie sich in ein Lokal oder kauften ein paar Sachen ein. Max war immer noch nicht aufgefallen, dass Peter und sein Onkel sie heimlich beschatteten. Dann gegen vier Uhr Nachmittag kehrte Familie Berger mit Max zum Auto zurück.
Ein paar Momente später fuhren sie mit dem Auto aus dem Kaufhaus und die Straße entlang. Einige Minuten später sagte Max zu Herrn Berger: „Können wir bei der nächsten Kreuzung anhalten?“
„Weshalb sollte ich das tun?“ wandte Herr Berger ein.
„Weil es besser ist, denke ich.“ versuchte Max ihm klar zu machen.
„Auf dieser Straße ist weit und breit kein Verkehr zu erkennen. Also kann ich bestimmt…“ wollte Herr Berger ihm klar machen, doch Max unterbrach ihn.
„Halten Sie einfach bei der nächsten Ampel an.“
„Du willst mir im ernst vorschreiben, wie ich zu fahren habe?“ erwiderte Daniels Vater etwas aufgebracht.
„Ich will nur einen Unfall vermeiden.“ meinte Max leiser und mehr zu sich selbst.
Herr Berger hörte nicht weiter auf ihn. Die nächste Ampel zeigte für ihn grün an. Je näher sie ihr kamen, umso unruhiger wurde Max.
„Halten Sie an, bitte!“ brach es Max heraus, als sie nur noch wenige Sekunden von der Ampel entfernt waren.
„Ich habe grün, siehst du das denn nicht?“ wandte Herr Berger ein und fuhr weiter. Daniel warf einen Blick zu seinem Freund. Kaum hatten sie die Ampel überquert schrie Max vor schmerz auf. Sein Kopf tat ihm weh. Doch es war mehr als nur die Kopfschmerzen.
„Max, was ist los?“ fragte Daniel besorgt.
Herr Berger hatte sein Auto direkt auf die Kreuzung gefahren. Das Auto fuhr immer noch, doch dann schien Frau Berger auf der Seitenstraße etwas zu bemerkten.
„Matthias, pass auf!“ rief sie und deutete mit dem Kopf auf die linke Seite der Straße. Ihr Gatte wandte den Kopf und erschrak. Ein kleiner Laster näherte sich ihnen.
„Fahr über die Kreuzung, Vati. Schnell!“ sagte Daniel, der nun selbst den Lastwagen bemerkte.
„Ja, was denn nun?“ fragte sein Vater und wusste nicht mehr so recht was er tun sollte.
Er hatte seinen Wagen auf der Kreuzung abgebremst, da er durch die Reaktion von Max verunsichert gewesen war. Nun versuchte er den Wagen dazu zu bringen, schnellst möglich weiter zu fahren. Der Motor lief. Er trat aufs Gaspedal. Der Wagen setzte sich erneut schneller werdend in Bewegung.
Max Vision löste sich langsam auf, auch wenn er immer noch Kopfschmerzen hatte.
Er richtete sich in seinem Sitz auf und versuchte sich klar zu werden, wo sie sich befanden. Und dann krachte es. Max spürte einen deutlichen Stoß, hörte wie die Familie Berger vor schreck schrie. Er spürte wie sich der Wagen seitlich anhob. Der Wagen wurde von der Kreuzung gestoßen.
Max spürte nur noch, wie sich um ihn herum alles drehte. Er konnte Daniel an seiner Seite spüren, obwohl alle angeschnallt waren. Max versuchte die Augen zu öffnen, doch irgendwie wollte ihm das nicht gelingen. Der Wagen kam auf den Reifen zum Stillstand. Ehe Max einen Gedanken erfassen konnte, hörte alles auf einmal auf.
Ein paar wenige Meter entfernt waren Peter und sein Onkel, die das Spektakel mit angesehen hatten.
„Max!“ hauchte Peter und wollte zum Wagen eilen.
„Nein!“ hielt ihn sein Onkel zurück.
„Da drinnen ist Max!“ erwiderte Peter laut.
„Ich weiß. Wir werden die Einsatzkräfte herbei rufen.“ sagte sein Onkel in Ruhe.
„Einsatzkräfte?“ fragte Peter verständnislos.
„Es würde zu viel Aufmerksamkeit erregen, wenn wir unsere Kräfte ins Spiel bringen.“ machte Theo im klar und führte Peter mit sich zu einer nahe gelegenen Telefonzelle.
Rund zehn Minuten später kamen Feuerwehr, Polizei und Rettung zum Unfallort. Nicht nur der PKW, auch der kleine LKW machte einen ziemlich demolierten Eindruck. Peter und sein Onkel waren inzwischen nicht mehr die einzigen, die das Geschehen auf der Kreuzung beobachteten.
„Schon gut.“ versuchte Theo seinen Neffen zu beruhigen.
„Gut? Gar nichts ist gut!“ wandte Peter aufgebracht ein.
Die Feuerwehr war dabei das Dach des PKWs zu öffnen.
„Du hast gewusst, dass es dazu kommt, oder?“ machte Peter seinen Onkel auf einmal den Vorwurf.
„Nein. Max hat es gewusst. Ich habe versucht ihn zu besänftigen. Und ich habe dir von seinen Visionen erzählt.“ wandte Theo ein.
„Und du hast trotzdem zugelassen, dass er mit dieser Familie zusammen bleibt?“ fragte Peter nach, der das nicht ganz verstehen konnte.
„Es war Max Entscheidung. Vielleicht dachte er, wenn er die Familie davon abhalten könnte, mit dem Auto zu fahren, dass es dazu gar nicht erst kommt. Aber wie du siehst, hat er es nicht geschafft, die Familie auf Dauer vom Auto fern zu halten. Und jetzt ist das passiert, wovor er sich am meisten gefürchtet hatte. Hoffen wir mal, dass die Familie den Unfall überlebt.“ versuchte Theo seinen Neffen zu erklären.
Nun hievten die Rettungskräfte die erwachsenen Personen aus dem demolierten PKW. Herr Berger war wie seine Frau ohne Bewusstsein. Die Rettungsleute hievten beide in jeweils einen der vorhandenen Rettungswagen. Diese fuhren mit den Verletzten mit Blaulicht und Sirene davon. Die Einsatzkräfte versuchten nun einen der Jungen aus dem Wagen zu hieven. Das war gar nicht so einfach. Schließlich kam Daniel langsam zum Vorschein. Peter und sein Onkel erkannten auch so, dass dieser Junge sehr schwer verletzt zu sein schien. Die Bergungsleute legten den Jungen auf einen der Transportwagen des Rettungswagens. Dieser fuhr dann selbst davon. Nun kam Max langsam zum Vorschein. Er wirkte nicht so schwer verletzt. Dennoch wurde er wie die anderen Insassen mit Sauerstoff versorgt.
„Verzeihung!“ rief Peter einen der Einsatzleute zu. Einer der anwesenden Polizisten kam zu ihm.
„Kennen Sie die Insassen?“ fragte er nach.
„Dieser Junge da ist…“ versuchte Peter zu sagen.
„Wir sind Verwandte von ihm.“ sagte Theo an seiner Stelle. „Die anderen sind enge Freunde von ihm.“
„Haben Sie auch Namen?“ fragte der Beamte nach. Peter und sein Onkel gaben die nötige Auskunft.
„In welches Krankenhaus werden sie gebracht?“ wollte Theo nun wissen.
„Alle kommen ins große Unfallkrankenhaus.“ erklärte der Polizeibeamte.
Theo führte seinen Neffen mit sich davon.
Einige Zeit später befanden sich Theo und Peter im Krankenhaus. Sie standen im Gang der Notaufnahme und warteten darauf von einem Arzt informiert zu werden. Für Peter kam das Warten wie eine Ewigkeit vor. Er sah auf die Uhr, die an der Wand hing.
„Kurz vor acht.“ sagte er leise und fast schon zu sich selbst. „Wie lange brauchen die noch da drinnen?“ wandte er sich direkt an seinen Onkel.
„Ich glaube, sie werden bald bescheid geben.“ meinte Theo geduldig.
Fünf Minuten später trat ein großer Mann in weißem Kittel aus der Notaufnahme.
„Sind Sie Angehörige der Unfallopfer?“ fragte er nach.
„Wir sind Verwandte von einem der Jungen.“ erklärte Theo. „Da wir nichts von anderen Verwandten der Familie Berger wissen, wüssten wir deshalb gerne wie es allen geht.“
Der Arzt nickte langsam.
„Nun, es ist schwierig.“ begann er vorsichtig. „Die Erwachsenen selbst sind sehr schwer verletzt und werden gerade von einem anderen Ärzteteam behandelt. Und der eine Junge befindet sich in einem sehr kritischen Zustand. Wir haben ihn vorhin behandelt. Er wurde auf die Intensivstation gebracht. Allerdings befindet er sich im Koma.“ erklärte der Arzt weiter.
„Und Max?“ fragte Peter nun und sah den Arzt mit angsterfüllten Augen an.
„Das ist der zweite Junge, oder?“ fragte der Arzt an Theo gewandt.
„Ja, er ist mit uns verwandt.“ stimmte Theo zu.
„Es ist eigenartig. Obwohl der Junge verletzt ist, scheint es ihm besser zu gehen als allen anderen. Sein Zustand ist stabil. Meine Kollegen haben ihn gerade auf die normale Station gebracht. Er schläft im Moment noch.“ sagte der Arzt. Peter wirkte sehr erleichtert.
Ein anderer Arzt kam eiligen Schrittes zu ihnen.
„Paul.“ sagte er hastig und nahm seinen Kollegen beiseite.
„Was gibt es, Markus?“ fragte der Arzt nach, der mit Peter und Theo gesprochen hatte. Theo und Peter gingen zur Seite. Die beiden Ärzte sprachen ziemlich leise miteinander.
„Ist das sicher?“ fragte der Arzt nach, der mit Paul angesprochen worden war.
„Ja, ganz sicher.“ stimmte der andere Arzt zu. „Was ist mit dem Jungen?“
Paul schwieg kurz. „Koma.“ sagte leise.
„Und die Chancen, dass er aufwacht?“ fragte der Kollege nach.
„Gering. Sehr gering.“ sagte Paul.
„Sollte er jemals aufwachen, können wir nur darum beten, dass er die Nachricht gut verkraftet, nicht?“ meinte der andere Arzt leise.
„Hoffen wir es.“ sagte der Arzt namens Paul.
Die Ärzte verabschiedeten sich. Der Arzt namens Paul wandte sich den Erwachsenen wieder zu.
„Was ist mit dem Ehepaar Berger?“ fragte Peter, der bereits eine schlimme Ahnung hatte.
„Verstorben. Gerade eben.“ sagte der Arzt bitter.
„Ist es möglich, dass wir Max kurz besuchen können?“ fragte Theo den Arzt.
„Natürlich.“ stimmte der Arzt zu.
Wenige Momente später hatten Peter und Theo mit dem Arzt das Einzelzimmer von Max betreten. Der Junge lag da und schlief. Weder Theo, noch Peter wussten, ob er nur schlief, oder auch träumte. Max wirkte sehr ruhig.
„Wann wird er denn ungefähr aufwachen?“ fragte Peter den Arzt.
„Vermutlich erst morgen früh.“ schätzte der Arzt.
Dieser wollte die Erwachsenen bereits im Raum alleine lassen, doch Theo wandte sich ihm zu.
„Doktor.“ Der Arzt wandte sich Theo zu. „Max verband mit dem anderen Jungen eine sehr enge und tiefe Freundschaft. Ein Band, das weit über Freundschaft hinaus ging. Ich weiß nicht ob sie das verstehen können, aber sollte der andere Junge versterben, dann wird das Max vermutlich sehr schwer treffen. Es könnte sogar sein, dass Max dabei durchdreht. Ich sage Ihnen das, damit sie gefasst auf eine sehr heftige Reaktion sind.“
Der Arzt sah Theo erstaunt an. Dann ging sein Blick zu Max hinüber.
„Die beiden haben also so etwas wie ein tiefes brüderliches Verhältnis zueinander, ja?“ fragte er nach.
„Das Band zwischen ihnen ist so stark, Doktor, dass man meinen könnte sie wären ein Herz und eine Seele.“ erklärte Theo entschieden.
„Oh, ich verstehe.“ sagte der Arzt und wirkte nun etwas irritiert, als er die beiden allein mit Max im Zimmer zurück ließ.
Am darauf folgenden Morgen waren Peter und Theo schon sehr früh in das Krankenhaus gekommen. Jetzt um halb sechs Uhr früh befanden sie sich mit dem Arzt in Max Zimmer. Nur sehr langsam und zögerlich bewegten sich Max Augenlieder. Irritiert und total verwirrt bewegten sich Max geöffnete Augen.
„Hallo.“ sagte Peter behutsam und darum bemüht sorglos zu klingen.
Max Kopf dröhnte vor schmerz. In der Tat hatte er das Gefühl, dass ihm jemand die ganze Zeit über hart auf den Kopf schlug.
„Hört auf.“ flüsterte er fast schon murmelnd. „Hört auf damit.“
„Was meinst du?“ fragte Peter nach.
„Es tut so weh. Mein Kopf. Hört auf damit.“ Peter sah irritiert zu seinem Onkel.
„Es tut dir niemand weh.“ versicherte Theo.
„Aber mein Kopf.“ stöhnte Max.
Er drehte sich im Bett zur Seite und zog vorsichtig den Polster von seinem Kopf hervor.
„Es soll aufhören.“ klagte er und hielt sich den Polster auf den Kopf.
Peter und Theo schienen zu spüren, dass Gefahr drohte.
„Was ist mit ihm?“ fragte der Arzt irritiert.
Theo drängte den Arzt zur Tür. Das Zimmer begann zu erzittern und zu beben. Theo führte den Arzt den Gang entlang. Peter eilte ihnen nach. Alle drei warfen sich zu Boden, als die Fensterscheiben zusammen krachten und einen solchen Lärm verursachten, als hätte eine Explosion statt gefunden. Sogar das Fensterglas, das von Max Zimmer zum Gang gerichtet war, war zerbrochen. Theo half dem Arzt auf die Beine.
„Was um alles in der Welt war das?“ fragte der Arzt.
„Wenn ich Ihnen die Erklärung geben würde, würden Sie das vermutlich nicht verstehen.“ sagte Theo bestimmt.
Der Arzt wollte in Max Zimmer gehen, doch kaum war er bei der Tür angelangt, trat Max aus dem Raum.
„Geh zurück ins Bett. Deine Verfassung ist noch nicht so gut.“ ordnete der Arzt an. Max ignorierte seine Worte.
„Wo ist er?“
„Bitte?“ fragte der Arzt nach, der nicht verstand, was Max meinte.
„Daniel. Wo ist Daniel?“ fragte Max erneut.
„Es ist besser du legst dich wieder hin.“ meinte der Arzt abwehrend.
„Sie sagen mir sofort, wie ich zu Daniel komme. Ansonsten erleben Sie mehr als nur zerbrechende Glasfenster.“ meinte Max sehr ernsthaft und fast schon drohend.
Peter und Theo warfen sich nur kurz einen verständigenden Blick zu. Der Arzt schien zu spüren, dass er mit Max nicht verhandeln konnte.
„Intensivstation. Den Gang hier entlang.“ sagte er deshalb und deutete in die richtige Richtung.
„Danke sehr.“ sagte Max und ging langsam, aber doch etwas wackelig auf den Beinen an dem Arzt vorbei.
„Max…“ begann Peter.
„Mein Kopf dröhnt zwar so sehr, dass ich kaum etwas denken kann, aber sonst bin ich in Ordnung.“ wandte Max ein, der anscheinend wusste, was Peter hätte sagen wollen.
Es brauchte einige Minuten, ehe Max, ziemlich langsam und wackelig zur Intensivstation gelangte. Er hielt sich beim Gehen an dem Wandgeländer fest, um vorwärts zu kommen. Doch schließlich betrat er die Intensivstation. Max sah sich die Station an. Sein Instinkt schien ihm zu verraten, in welchen Raum er gehen musste, um zu Daniel zu gelangen. Eine Aufsicht habende Schwester kam ihm entgegen.
„Zu wem willst du denn?“ fragte sie.
„Zu Daniel Berger.“ sagte Max.
„Oh, dann bist du also der andere Junge, der gestern hier eingeliefert wurde.“ stellte die Schwester fest und begleitete Max zum richtigen Zimmer.
Kaum hatte Max den Raum betreten, bot sich ihm ein ungewohntes Bild. Sein Freund lag auf dem Bett und machte den Eindruck, als würde er tief und fest schlafen. Geräte standen neben dem Bett. Etwas, das aussah wie eine Sauerstoffmaske, befand sich auf dem Gesicht des schlafenden Jungen.
„Was ist mit ihm?“ fragte Max die Schwester, die ihn hinein begleitet hatte.
„Er… er schläft.“ sagte sie vorsichtig.
Max näherte sich dem Bett. Die Schwester stellte ihm einen Stuhl zum Bett. Max setzte sich und nahm die Hand seines Freundes. „Hi, Dan.“
Die Schwester ließ ihn im Zimmer zurück.
Peter und Theo waren inzwischen mit dem Arzt zur Intensivstation gegangen, als sie der Schwester begegneten.
„Der Freund des Jungen ist gerade bei ihm. Wir sollten sie nicht stören.“ meinte die Schwester und ging zum Dienstzimmer zurück.
Peter und Theo stellten sich mit dem Arzt zum Fenster, durch das sie ins Zimmer von Daniel sehen konnten. Max sah aus, als würde er seinem Freund gut zureden.
Es vergingen einige Stunden. Max war bis dahin nicht von der Seite seines Freundes gewichen. Doch irgendwann hatte ihn die Erschöpfung gepackt. So war es nun, dass Max Kopf auf dem Bett seines Freundes lag. Er saß zwar immer noch im Stuhl, aber sein Kopf und seine Arme lagen auf dem Bett, dicht beim Körper seines Freundes. Max schlief nun tief und fest. Und ganz plötzlich begann er zu träumen.
Er war auf einem Art Spielplatz. Max und Daniel saßen nebeneinander auf einer breiten Schaukel. Um sie herum schien weißer Dampf zu sein.
„Was ist das hier?“ fragte Max seinen Freund.
„Keine Ahnung.“ meinte Daniel.
„Träumen wir?“ fragte Max weiter. „Du schon. Für mich ist das hier real.“ sagte Daniel. „So real, wie die Magie für dich.“
„Dann passiert das hier wirklich, ja?“ fragte Max und versuchte in seiner Umgebung etwas zu erkennen.
„Weißt du, Max. Ganz egal was mich erwartet, oder was dich erwartet. Wir werden stets zusammen bleiben. Ich verlasse dich nicht. Wenn ich immer bei dir bleiben soll, dann darfst du nie aufhören mich in Erinnerung zu behalten. Solange du an mich denkst und mich nicht vergisst, werde ich immer ein Teil von dir bleiben.“ sagte Daniel fast schon weise.
„Sag so etwas nicht. Dan, komm mit mir nach Hause.“ erwiderte Max.
„Ich bin zuhause.“ wandte Daniel ein. „Siehst du. Hier sind meine Eltern. Sie warten darauf, dass ich zu ihnen gehe.“ sagte Daniel und deutete mit dem Kopf in die Richtung, in der Daniels Eltern standen.
„Aber Dan…“ sagte Max, als sein Freund von der Schaukel aufstand.
Daniel wandte sich ihm zu und sagte lächelnd: „Es wird Zeit für mich. Mach dir keine Sorgen um mich. Mir geht es gut. Ich bin ja bei meinen Eltern.“
„Dan, hör auf so zu reden. Komm mit mir, bitte.“ wandte Max ein.
Doch Daniel schüttelte lächelnd den Kopf.
„Es ist in Ordnung, Max. Für dich wird es Zeit aufzuwachen.“ sagte Daniel und in Max Ohren klangen sie irgendwie fern.
„Wach auf.“ hörte Max die ferne Stimme seines Freundes. Mit einem Mal verschwand alles um ihn herum.
Max öffnete die Augen und hob seinen Kopf. Irritiert sah er sich um. Er war im Krankenzimmer seines Freundes. Dieser lag immer noch friedlich schlafend da. Und dann ganz plötzlich endete das kurze piepen des Gerätes neben dem Bett seines Freundes. Statt dessen ertönte nun ein langer, eintöniger hoher Piepton, der einfach nicht enden wollte. Total konfus, stand Max ruckartig vom Stuhl auf und starrte die Anzeige des Gerätes an. Alle Striche waren gerade und bewegten sich nicht. Die Zahlen gaben keine Auskunft.
Plötzlich spürte Max einen stechenden und sehr heftigen Schmerz in seiner Brust. Max faste sich an die Brust und sah nun panisch zu seinem Freund. Nun wurde ihm klar, was geschehen war. Der Traum war kein Traum gewesen.
Max packte Daniel beim Oberkörper und rief: „Wach auf! Daniel, wach auf! Bitte, wach doch auf!“
Max schüttelte seinen Freund, doch dieser rührte sich nicht.
„Dan, bitte!“ flehte Max ihn an, doch es tat sich nichts.
So schnell der Schmerz in seiner Brust gekommen war, genauso plötzlich tat sich in Max eine Leere auf. Er spürte diese Leere, diesen Verlust eines Teils von ihm. Max versuchte weiter seinen Freund zum aufwachen zu bewegen. Doch sein Verstand signalisierte ihm, dass es nichts nützte. Sein Freund war von ihm gegangen. Aber Max wollte sich damit nicht abfinden. Er ertrug den Schmerz und die Leere in ihm nicht. Deshalb begann er nun sehr laut und fast schon hysterisch zu schreien.
Ärzte und Schwestern kamen in den Raum. Der Arzt versuchte Max von seinem Freund los zu reißen. Max jedoch ließ seinen Freund nicht los. Er wollte Daniel nicht gehen lassen. Er hörte seinen schreienden und voller Trauer erfüllten Ton nicht mehr. Als es jemand schaffte ihn von hinten vom Bett zu ziehen, wehrte sich Max heftig dagegen.
Die anderen Schwestern und Ärzte im Zimmer entfernten die Geräte von Daniels Bett. Max wurde von einem der Ärzte aus dem Raum befördert. Er hörte nicht, wie der Arzt zu einer weiteren Schwester etwas sagte. Max konnte noch nicht mal sehen, dass Peter und sein Onkel auf dem Gang standen und das Geschehen mit betroffenen Gesichtern beobachteten.
Max Schreie wollten einfach kein Ende nehmen. Er konnte nur schwach erkennen, dass der Arzt nun darum bemüht war seinen rechten Arm frei zu machen. Als Max durch seine verweinten Augen erkannte, dass der Arzt eine Spritze in der Hand hielt, versuchte Max sich davon zu entfernen. Doch es half nichts. Max spürte den Stich in seinen Arm. Bevor er richtig registrierte, was eigentlich geschehen war, verstummte alles um ihn herum. Sogar sein Geschrei hörte auf. Und dann fiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Es waren Stunden vergangen. Max öffnete die Augen. Er erkannte, dass er in seinem eigenen Krankenzimmer auf dem Bett lag. Die frühmorgendlichen Sonnenstrahlen schienen durch das immer noch zerstörte Fenster. Die Scherben auf dem Boden waren bereits entfernt worden.
„Wie geht es dir?“ fragte eine für ihn vertraute, männliche Stimme. Max drehte den Kopf auf die andere Seite. Peter, Theo, Clarissa, Rolf und Con waren links von seinem Bett. Er schluckte schwer.
„Soll das ein Witz sein?“ fragte Con, der anstelle von Max antwortete. „Du musst am besten wissen, wie er sich fühlt. Immerhin hat er gestern Abend…“
Con stoppte seine Worte. Max wusste wie der Satz geendet hätte. Der Arzt kam ins Zimmer.
„Entschuldigt, wenn ich störe.“ begann er an die Verwandten von Max zu sprechen.
„Kein Problem.“ meinte Theo behutsam.
Der Arzt ging zur anderen Seite des Bettes und sah sich Max musternd an.
„Nun, wie es aussieht, könntest du heute Vormittag entlassen werden.“ stellte er fest. „Aber bevor du gehst, habe ich noch etwas für dich.“
Max sah, wie der Arzt ihm ein durchsichtiges Plastiksack auf seine Schoß legte.
„Das habe ich dir aufgehoben. Da es vermutlich keine weiteren Verwandten deines Freundes gibt, dachte ich, wäre es besser dir die Sachen zu geben.“ meinte der Arzt behutsam.
„Aber seine Eltern…“ meinte Max leise.
Der Arzt senkte schweigend den Blick. Ohne etwas zu sagen, nahm Max einen speziellen Gegenstand aus dem Sack. Es war eine Kette mit einem Medaillonanhänger. Er öffnete das Medaillon. Was er darin sah, trieb ihm erneut Tränen in die Augen.
Der Arzt ließ Max und seine Familie im Zimmer zurück. Con schien zu wissen, wie es Max erging. Er kam zu seinem Bett und sah sich das Innere des Anhängers an.
„Oh.“ sagte er betroffen.
Am späten Vormittag wurde Max von Peter abgeholt. Zusammen gingen sie aus dem Krankenhaus. Als Max seinen Paten zu seinem Auto gehen sah, überkam ihn ein sehr ungutes Gefühl. Er blieb bei der Tür vom Krankenhaus stehen. Peter war bereits bei seinem Wagen angelangt. Doch dann schien ihm aufzufallen, dass Max nicht bei ihm war. Er wandte sich ihm zu.
„Nun komm schon.“ sagte er. „Max, bitte.“
Doch Max rührte sich nicht. Peter ging zu ihm zurück.
„Wir fahren nur nach Hause, versprochen.“ versuchte er Max zu besänftigen.
Max wollte nicht mit dem Auto fahren. Peter fasste Max Hand an. Sekunden später ließ er sie wieder los.
„Na schön.“ sagte er seufzend. „Dann fahren wir eben so nach Hause.“
Er nahm Max seitlich an sich und ging mit ihm vom Krankenhausgelände.
„Den Wagen hole ich eben später.“
Signatur MfG,
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46. Kapitel:
Im Laufe der nächsten Tage blieb Max weiterhin stumm. Kein Wort und kein Ton kam über seine Lippen. Die meiste Zeit hielt er sich in seinem Zimmer auf. Seine Trauer um seinen Freund war groß. Keiner wusste, was in ihm vor ging. Noch nicht mal Con schien eine Ahnung davon zu haben, womit sich Max still und leise beschäftigte. Jedem im Haus war klar, dass dieser Verlust ein sehr schweres Erlebnis für Max war. Allen war bewusst, dass es Zeit brauchen würde, bis Max sich davon erholt hatte.
Am Sonntag, dem letzten Tag der Osterferien wurden Max, Con und Rolf von Peter und Clarissa zum Bahnhof begleitet. Max fiel es schwer wieder in den Zug zu steigen.
„Wir sehen uns auf der Schule.“ sagte Peter und verabschiedete sich von den drei Jungs.
Als er Max liebevoll umarmte, sagte er ihm leise ins Ohr: „Es wird besser werden. Mit der Zeit wird auch der letzte Schmerz vergehen, glaube mir.“
Max antwortete nicht.
„Steig jetzt ein.“ meinte Peter, als er die Umarmung aufgelöst hatte.
Als sich Max im Zug auf seinen Platz bei der Sitzgruppe begeben hatte, die bereits Con belegt hatte, gesellten sich auch Nicole und Julian zu ihnen.
„Hallo.“ sagten beide fröhlich.
Doch als sie Max Blick bemerkten, waren sie irritiert.
„Hey, was ist passiert?“ fragte Nicole.
„Ist die Welt untergegangen und wir haben nichts davon mitbekommen?“ fragte Julian an Con gewandt.
„Nein.“ sagte Con. „Aber es ist besser, wenn wir Max für die nächste Zeit in ruhe lassen. Ihm geht es im Moment nicht besonders gut.“
Sein Blick auf seinen Bruder bestätigten seine Worte. Nicole und Julian schienen bereits zu ahnen, was vorgefallen sein könnte. Keiner der drei sprach weiter darüber.
Und während der Zug seine gewohnte Strecke nach Adularberg entlang fuhr, sah Max die ganze Zeit über trostlos und gedankenverloren aus dem Zugfenster links neben ihm.
Auch auf Adularberg bekam niemand von Max auch nur ein Wort zu hören. Er blieb weiterhin stumm. Der Unterricht in den folgenden Tagen war für Max eine qual. Seine Lust und Freude im Unterricht war verschwunden. Seine Konzentration und Aufmerksamkeit war gänzlich abgesunken. Die Lehrer sahen ihm an, dass er mit dem Kopf ganz wo anders zu sein schien. Zwar machte Max seine Hausaufgaben, doch seine Begeisterung für den Unterricht war stark abgeschwächt.
Auch drei Wochen nach den Osterferien hatte sich am allgemeinen Verhalten von Max nichts geändert. Körperlich schien er anwesend zu sein, aber geistig war er vollkommen weggetreten. Die letzten Klassenarbeiten und Tests standen an. Jeder lernte dafür. Max jedoch schien kein Interesse daran zu haben, auch nur irgendetwas zu lernen. Sogar sein Kater Merlin spürte den Kummer seines Besitzers.
Wenn Max in seiner wenigen Freizeit für sich war, dann saß er meistens am Fensterbrett des Aufenthaltraums und sah verstohlen aus dem Fenster. Merlin gesellte sich öfters zu ihm. Vermutlich in der Hoffnung sein Herrchen etwas aufmuntern zu können. Max streichelte ihn zwar, doch er schenkte ihm nie wirklich Aufmerksamkeit.
Die Erzieher des Wohnturms hatten in den letzten Wochen Max sehr oft beobachten können. Sogar der oberste Leiter des Wohnturms schien sich ernsthaft Gedanken um Max zu machen. Doch Max war in seinen gedanklichen Überlegungen bereits viel weiter gegangen.
Der erste Sonntag im Mai war gekommen. In der darauf folgenden Woche sollten die letzten Klassenarbeiten und Tests im vierten Jahrgang geschrieben werden. Außerdem würden dann die Tetrigusballspiele statt finden. Alle Schüler hatten sich bereits im Speisesaal zum Frühstück versammelt.
„Wo ist Max?“ fragte Julian, dem nun auffiel, dass Max Sitzplatz leer war.
Herr Ruthenberger apparierte direkt an die Seite von Herrn Thalenberg und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Kein Schüler und kein Kollege konnte verstehen, was die beiden Erwachsenen zueinander sagten. Dann kam Peter zu ihnen.
„Was ist los Onkel?“ fragte er leise nach.
„Max ist verschwunden.“ sagte Theo zu ihm.
„Nein. Im Ernst?“ fragte Peter nach und sah zu seinem Kollegen.
Dieser nickte nur.
„Dann haben sich unsere Befürchtungen bestätigt, oder?“ fragte Peter nach.
„Sieht ganz so aus.“ stimmte sein Onkel zu.
„Er hat nur seine eigenen Sachen mitgenommen.“ sagte Herr Ruthenberger zu Peter.
„Alles was mit der Schule oder Magie zu tun hat, hat er hier gelassen. Sogar seinen Kater hat er zurück gelassen.“
„Hast du eine Ahnung wo er hin gegangen sein könnte?“ wollte Peter von seinem Onkel wissen.
Dieser schüttelte ahnungslos den Kopf.
„Ich glaube, es wird nicht einfach werden, seinen Aufenthaltsort heraus zu finden. Wir werden ihn erst finden, wenn er selbst gefunden werden will.“ erklärte Theo schließlich.
Auch während der nächsten Tage tauchte Max nicht in der Schule auf. Con und seine Freunde fragten sich, wo Max hin gegangen sein könnte. Schon bald wusste die ganze Schule, dass Max verschwunden war. Die letzten Klassenarbeiten wurden geschrieben. In der Klasse 4aO vermisste man Max sehr. Vor allem aber Con und seine Freunde.
Mit Anfang Juni kamen auch die Halbjahresprüfungen herbei. Der vierte Jahrgang legte seine Unterstufenabschlussprüfungen in den normalen und magischen Fächern ab.
Bereits am ersten Juniwochenende bekam Herr Thalenberg in seinem Büro Besuch vom Schulratsvorsitzenden persönlich.
„Mir ist zu Ohren gekommen, dass sich einer Ihrer Schüler aus dem Staub gemacht haben soll. Ist das richtig?“
Herr Thalenberg nickte betroffen.
„Ja, das ist richtig.“
„Und wissen Sie auch weshalb es dazu gekommen ist? Immerhin ist dieser Fall einmalig.“ meinte der Schulratsvorsitzende.
„Nun, ich nehme an, der Schüler hatte seine persönlichen Gründe.“ versuchte Herr Thalenberg deutlich zu machen.
„Ich bin sicher, dass er früher oder später wieder zurückkehrt. Aus verlässlicher Quelle weiß ich, dass sein derzeitiger psychischer Zustand nicht gerade optimal ist. Und das dürfte eine Ursache dafür sein, weshalb er es vorgezogen hat von der Schule zu verschwinden.“
„Haben Sie eine Ahnung wo sich der Schüler befindet?“
Herr Thalenberg schüttelte den Kopf.
„Nein, nicht die leiseste.“
„Ich verstehe. Nun, wenn Sie den Schüler zu Gesicht bekommen, Herr Thalenberg, dann teilen Sie ihm mit, dass er sich beim Schulrat einzufinden hat. Schließlich liegt es an uns zu entscheiden, ob dieser Schüler die nötigen Vorraussetzungen hat, um weiter hier auf die Schule zu gehen.“ erklärte der Schulratsvorsitzende nun.
„Sie mögen zwar die Gesetze einführen, Herr Schulratsvorsitzende. Aber ob es einem Schüler erlaubt ist, hier zu Schule zu gehen, bestimme immer noch ich selbst. Doch wenn Sie der Meinung sind, dass der betreffende Schüler zuvor bei Ihnen vorsprechen soll, so werde ich es ihm mitteilen, wenn ich ihn früher oder später sehen sollte.“ entgegnete Herr Thalenberg.
„Wir werden ihn zu seiner Flucht befragen, Herr Thalenberg. Und wie ich schon sagte, dies ist ein einmaliger Fall, der zuvor noch nie eingetreten ist. Um welchen Schüler handelt es sich denn?“ erklärte der Schulratsvorsitzende.
Herr Thalenberg schwieg einige Sekunden.
„Maximilian Riedberg aus der Klasse 4aO.“ antwortete er schließlich.
„Nein, im ernst? Dieser Schüler? War es nicht auch er, der damals bei der Präsentation so großspurig vor sich her geredet hat? Und war es nicht auch dieser Schüler, der dabei auch noch vom Schulrat Forderungen erhoben hat?“ meinte der Schulratsvorsitzende bestürzt.
„Ja, ganz genau dieser Schüler.“ stimmte Herr Thalenberg zu.
„Und Sie kennen nicht die Gründe, die für sein plötzliches Verschwinden erklärbar wären?“
Herr Thalenberg sah dem Schulratsvorsitzenden in die Augen.
„Ich habe meine Vermutungen. Aber die Erklärungen werden Sie sich von dem Schüler selbst anhören müssen.“
„Ich verstehe. Nun, ich denke das war es fürs Erste. Es wartet noch Arbeit auf mich.“ meinte der Schulratsvorsitzende und ging zur Tür.
Ein paar Wochen später hatten die Sommerferien begonnen. Viele Kilometer von Deutschland entfernt erwachte Max in einer kleinen Ferienwohnung. Diese lang in einer Kleinstadt bei einem Strand von der Ostküste Floridas. Er hatte etwas Geld von seinem Konto abgehoben und sich davon ein Flugticket nach Florida gekauft. Nun befand er sich hier, in der Kleinstadt direkt am Meer. Wie so oft in den letzten Wochen hatte Max sehr schlecht geschlafen.
Nachdem er sich angezogen und frisch gemacht hatte, verließ er die kleine Wohnung. Er schlenderte den Weg entlang, bis er zu einem kleinen Restaurant kam. Es war ziemlich früh am Morgen. Max betrat das Restaurant und grüßte die wenigen anwesenden Angestellten.
Er zog sich sein Arbeitsgewand an und begann sich an den Tätigkeiten des Restaurants zu beteiligen. In der Tat war Max schon bald zwei Monate in Florida. Bereits wenige Tage nach seiner Ankunft in der Kleinstadt hatte er sich in diesem Restaurant einen Ferienjob ergattert. Niemand im Restaurant fragte nach seiner Vergangenheit. Alles was die anderen Angestellten wussten, dass Max aus Deutschland kam und hier in den Staaten erste Berufspraxis erwerben wollte.
Fast den ganzen Tag arbeitete Max in dem Restaurant. Das tat er nun bald zwei Monate und jeden Tag für einige Stunden. Als Lohn kassierte Max so viel, dass er sich damit die kleine Ferienwohnung leisten konnte. Der Teil, der ihm über blieb, behielt sich Max als Taschengeld.
Nahezu jeden Tag arbeitete Max von sechs Uhr früh, bis vier Uhr am Nachmittag im Restaurant. Auch an diesem Tag ging sein Dienst um vier Uhr zu Ende.
Wie so oft in den letzten Wochen ging Max zum Strand. Dort schlenderte er dicht beim Wasser den Strand entlang. Er kletterte auf die Brandungsfelsen und ließ sich dort auf einen der Steine nieder.
Auf diese Weise konnte Max in Ruhe daran arbeiten, die Erlebnisse der letzten Monate zu verarbeiten. Doch die Gefühle, die er dabei hatte, wenn er an die letzten Osterferien dachte, konnte er dennoch nicht los werden.
„Hey Max.“ sagte ein Junge hinter ihm, der gerade zu Max gekommen war.
„Hi Justin.“ meinte Max nur, ohne sich umzudrehen.
„Und kommst du heute wieder in den Klub?“ fragte Justin.
„Vielleicht.“ meinte Max nur.
Sie unterhielten sich auf Englisch, da Justin in Florida aufgewachsen war. Sie hatten sich zusammen mit Justins Freunden vor wenigen Wochen kennen gelernt.
„Dad sagt mir immer, man sollte die Vergangenheit ruhen lassen und nicht so oft daran denken. Er sagt, es sei besser in die Zukunft zu blicken.“ meinte Justin, der sich zu Max auf den Felsen gesetzt hatte.
„Wenn das so einfach wäre.“ meinte Max nur.
„Ich weiß ja nicht, wie es ist, einen guten Freund zu verlieren. Aber vor deiner Vergangenheit davon zu laufen, bringt auch nichts.“ entgegnete Justin.
„Ja, vielleicht.“ sagte Max seufzend.
„Aber es war nicht einfach nur ein Freund. Er war wie ein Bruder. Wie ein sehr vertrauter Bruder. Wir waren…“ versuchte er weiter zu erklären.
Justin brauchte den Satz nicht fertig hören. Er hatte diese Worte von Max in den letzten Wochen schon mehrmals gehört.
„Und willst du nie wieder nach Deutschland zurück?“ fragte er nur, ohne auf Max Worte einzugehen.
„Ich bin mir nicht sicher.“ wandte Max ein. „Fürs Erste bleibe ich hier.“
Einige Tage später war der dreizehnte Juli gekommen. Für Max war es der erste Geburtstag ohne seiner Familie und ganz ohne seinen deutschen Freunden.
Als Max an diesem Tag nach der Arbeit zum Strand kam, sah er eine größere Menschenmenge. Es war offenbar ein Podest auf dem Strand errichtet worden. Darauf befand sich ein Rednerpult. Ein Mann, der aussah, als ob er an die vierzig Jahre alt wäre, stand dahinter und hielt gerade eine für ihn wichtige Rede.
Max hatte sich unter die Menge gemischt. Doch plötzlich überkam ihn ein ungutes Gefühl. Dieses Gefühl kannte er bereits zu gut. Als sich das Gefühl legte, hörte niemand den Schuss. Max Sinnesorgane jedoch meldeten ihm instinktiv, dass ein Schuss los gegangen war. Max wandte sich um. Er verschärfte seinen Blick und sah, wie die kleine Kugel auf den Redner des Podestes zusteuerte.
Max eilte durch die Menge. Dann sprang er auf das Podest. Er warf sich auf den Redner und diesen zu Boden. In just diesen Moment verspürte Max einen stechenden Schmerz auf der linken Rückseite seiner Brust. Bevor Max noch etwas anderes denken konnte, war ihm klar, dass die Kugel ihn getroffen hatte.
Der Redner war überrascht gewesen. Er richtete sich unter Max Last auf und sah den Jungen verwirrt an. Seine Sicherheitsleute kamen zu ihm.
„Geht es Ihnen gut, Sir?“ wurde der Redner gefragt.
„Ja, mir geht es gut.“ sagte er.
Nun bemerkte er, warum der Junge ihn umgeworfen hatte. Er sah die Schusswunde auf der linken Rückseite der Brust des Jungen.
„Er hat mir das Leben gerettet. Er muss sofort ins Krankenhaus.“ sagte der Redner ernsthaft zu seinen Sicherheitsbeamten.
Seit die Kugel Max getroffen hatte, bekam er nichts mehr mit. Er dachte nichts und fühlte nichts. Es war als wäre er in ein tiefes, dunkles Loch gefallen. Er sah auch nichts. Keine Gedanken füllten seinen Kopf. Er bekam noch nicht einmal mit, wie sein Körper von Rettungsleuten begutachtet wurde. Ebenso wenig wusste er, dass er mit dem Krankenwagen eilig ins nächste Krankenhaus gefahren wurde.
Es war als wäre eine Ewigkeit vergangen, als sich vor Max ein helles Licht auftat. Es war, als würde dieses Licht direkt auf ihn zusteuern. Und dann kamen Menschen auf ihn zu.
„Bin ich tot?“ fragte Max die Leute, die auf ihm zu kamen.
„Nein.“ antwortete die Frau vor ihm.
Sie hatte langes, braunes, leicht gewelltes Haar und braune Augen.
„Dann träume ich also nur?“ fragte Max nach.
„Nein, nicht wirklich.“ erwiderte der Herr.
Er hatte schwarzes, fast glattes Haar und blaue Augen. Max betrachtete die beiden Gestalten genauer. Dann schien er sie zu erkennen.
„Ich kenne Sie beide irgendwo her. Ich glaube, ich habe Sie schon mal gesehen. Oder habe ich das nur geträumt?“
Die beiden Menschen vor ihm lächelten mild.
„Es gibt viele Dinge, die du noch nicht verstehst, Max.“ sagte der Herr vor ihm. „Und ehrlich gesagt, ist es zu früh für dich, um dich damit auseinander zu setzen.“
„Was ist das hier? Ich meine, wenn ich nicht tot bin, wo bin ich dann?“ fragte Max nach.
„Du bist angeschossen worden. Die Kugel sitzt tief. Aber sie hat dein Herz nicht getroffen. Das hier mag dir wie ein Traum vorkommen. Aber es ist nichts anderes als die Schwelle zwischen Leben und Tod.“ sagte die Frau.
„Aber Sie sind tot, oder?“ fragte Max.
„Ja, wir sind bereits tot. Aber das bedeutet nicht das Ende vom Leben.“ erklärte die Frau.
„Jetzt weiß ich, wer Sie sind. Ihr seid unsere Eltern.“ kam es Max auf einmal.
„Hör zu. Wir wissen was du gerade durch machst. Aber wie gesagt, deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du wirst weiter leben.“ sagte Frank entschieden.
„Mag sein. Aber eure Zeit war auch noch nicht gekommen. Ihr hättet nicht sterben sollen. Das ist…“ wandte Max sein.
Seine Eltern sahen sich an.
„Nun, vielleicht hat uns beide das Schicksal zu früh ereilt. Aber an den Tatsachen ändert das nichts.“ sagte Frank entschieden.
„Ist Dan hier?“ fragte Max. „Er fehlt mir so sehr. Ich will nicht zurück, ehe ich nicht…“ meinte Max auf einmal.
Sein Vater senkte den Blick. Seine Mutter seufzte schwer.
„Nein, tut mir leid.“ sagte seine Mutter nun.
„Aber er ist doch…“ erwiderte Max.
„Es stand nie fest, was er wirklich war. Ich glaube er befindet sich in einer anderen Ebene.“ sagte seine Mutter vorsichtig.
„Andere Ebene?“ fragte Max nach.
„Es ist zu früh für dich, bestimmte Dinge zu erfahren. Die Zeit, um von diesen Dingen zu erfahren, wird kommen. Doch jetzt wird es Zeit zurück zu kehren. Genieße dein Leben, Max, so lange du kannst.“ erwiderte Frank.
Er deutete Max in die Richtung, aus der er gekommen war.
„Nein, ich kann noch nicht gehen. Nicht bevor…“ sagte Max ernsthaft.
„Das sieht ihm mal wieder ähnlich. Oh ja, er ist ganz dein Sohn.“ sagte Maria lächelnd zu ihrem Mann.
„Keine Sorge. Wir wissen wie es euch ergangen ist. Aber es wartet zu viel auf dich, als dass du bei uns bleiben könntest. Dein Weg ist noch nicht zu Ende, Max. Weder deiner, noch der deines Bruders. Es wird der Tag kommen, an dem wir uns wieder sehen werden. Doch bis dahin, sei so gut, und lebe dein Leben. Ich weiß, es ist nicht gerade leicht für dich. Vor allem, weil du einen bedeutsamen Menschen verloren hast. Du solltest die Dinge positiv sehen. Jeder Verlust stärkt uns für die nächst größere Aufgabe.“ sprach sein Vater und klang fast schon weise.
Max war noch mehr verwirrt.
„Wovon sprichst du?“ fragte er.
Doch bevor er eine Antwort erhalten konnte, war es, als würde er weit, weit zurück fallen.
Max öffnete die Augen. Seine Augen sahen verwirrt die Decke mit Lampen an. Dann beugte sich eine für ihn fremde männliche Person über sein Gesicht.
„Wissen Sie, was geschehen ist?“ fragte er nach.
„Ich wurde angeschossen?“ fragte Max nach.
„Korrekt. Wissen Sie welcher Tag heute ist?“ fragte der Arzt weiter.
„Der dreizehnte Juli.“ meinte Max erneut.
„Der dreizehnte Juli war vor fünf Tagen.“ erwiderte der Arzt.
„Vor fünf Tagen? Das ist unmöglich.“ sagte Max und wollte sich ruckartig im Bett aufsetzen.
„Sie haben sehr lange geschlafen, Mister Riedberg.“ sagte der Arzt neben seinem Bett.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“ fragte Max nach.
„Durch Ihre Personalien, aus Ihrer Hosentasche.“ erklärte der Arzt schlicht.
„Wann kann ich hier raus, Doktor? Ich habe es nicht so mit Krankenhäusern.“ meinte Max.
„Nun, wenn sich Ihr körperliches befinden weiter so gut entwickelt, würde ich sagen, in zwei Tagen.“ sagte der Arzt entschieden.
„Ähm, Doktor, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ meinte Max nun.
„Natürlich.“ sagte der Arzt geduldig.
„Sollte ich nicht tot sein?“
Der Arzt sah Max verblüfft an. Doch dann schüttelte er den Kopf.
„Nein. Die Kugel hat Ihr Herz um wenige Zentimeter verfehlt. Andernfalls wären sie auf der Stelle tot gewesen. Ich muss sagen, Sie hatten echt Glück. Man könnte meinen, Sie haben einen sehr guten Schutzengel.“ legte der Arzt fest.
Max ließ sich ins Bett zurück fallen. Und irgendwie kamen die Erlebnisse, die er in seinem Schlaf hatte, nun wirklich so vor, als hätte er sie nur erträumt. Die Erinnerung daran schwand schnell.
Bereits zwei Tage später wurde Max mit seinen Sachen aus dem Krankenhaus entlassen. Die nächsten Tage verbrachte er damit, sich klar zu werden, was er nun eigentlich wirklich wollte.
Der Juli neigte sich dem Ende zu. Bereits am einunddreißigsten Juli fuhr Max mit seinem Gepäck zum Flughafen der nächst größeren Stadt. Dort nahm er sich ein Flugticket nach Deutschland.
Die Träume der letzten Wochen hatten bereits aufgehört. Doch innerlich beschäftigte er sich nun mit dem Traum, den er nach dem Einschuss gehabt hatte.
Einige Stunden später konnte Max sein Flugzeug in Richtung Heimat besteigen. Er hatte einen Fensterplatz ergattert. Obwohl er wusste, dass die Rückkehr nach Deutschland die richtige Entscheidung war, hatte er dennoch ein ehrfürchtiges Gefühl. Instinktiv wusste er, dass er um Fragen, die man ihm stellen würde, nicht herum kommen würde. Doch bevor er nach Hause ging, hatte Max bereits einen anderen Gedanken im Kopf.
Der Rückflug nach Hamburg beanspruchte rund zehn Stunden. Auf dem Hamburger Flughafen angekommen, holte sich Max sein Reisegepäck. Er wechselte das Dollargeld, das er immer noch bei sich hatte, in Deutsche Mark und machte sich auf dem Weg zu einem Taxistand.
„Können Sie mich zum Zentralfriedhof fahren?“ fragte Max den Fahrer eines Taxiautos.
Bereits einige Minuten später stieg Max mit seinem Gepäck beim besagten Friedhof aus. Er nahm sein Gepäck und besorgte sich zuerst ein paar Blumen. Dann betrat er mit Gepäck und Blumen den Friedhof. Zunächst einmal suchte Max das Grab seiner Eltern auf. In der Tat, war er schon ziemlich lange nicht mehr hier gewesen.
„Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich nun von euch geträumt habe oder nicht, aber ich weiß, dass ihr recht habt.“ sagte Max leise zum Grabstein vor ihm.
Er verweilte noch ein paar wenige Minuten, ehe er weiter ging. Max hatte bereits recherchiert, wo man Daniel mit seinen Eltern begraben hatte. Er selbst war nicht bei der Beerdigung dabei gewesen. Schon bald fand er die Grabstelle. Es war ein gemeinsames Familiengrab, in dem alle Familienangehörige beerdigt waren. Max las auf dem Grabstein die Namen und Daten der Verstorbenen. Besonders das Geburtsdatum seines engsten Freundes stach ihm ins Auge: 13. März 1973. Er legte die Blumen beim Grab ab und ging mit seinem Gepäck davon.
Es war bereits später Vormittag des ersten August, als Max schließlich mit seinem Gepäck beim Haus seines Paten ankam. Er atmete tief durch, bevor er sich auf dem Weg zur Haustür machte. Dann stellte Max das Gepäck ab. Es kostete ihn große Überwindung überhaupt die Türklingel zu betätigen.
Peter befand sich gerade in der Küche des Hauses, als die Türklingel läutete. Er wunderte sich darüber, denn er hatte keinen Besuch erwartet. In der Tat war weder er, noch der Rest der Familie ins Ferienlager gefahren. Er legte das Geschirrtuch auf der Theke ab und ging in den Vorraum. Nur langsam öffnete er die Haustür.
Und dann sah er den rund vierzehn jährigen Jungen, der sich bereits mit dem Rücken zum Haus gewandt hatte. Peter sah die lange Jean, das kurzärmelige blau-weiß karierte Hemd, die braunen, leicht gewellten und wohl bereits länger gewordenen Haare.
Der Junge vor ihm hatte anscheinend vernommen, dass die Tür geöffnet worden war. Denn nun drehte er sich wieder um. Und dann fiel Peter der Reisetrolley auf, der neben dem Jungen stand.
Beide schwiegen und sahen sich für einen Moment lang nur in die Augen. Peter ließ die Tür los und trat zu ihm vor die Tür. Max wurde so plötzlich in den Arm genommen, dass er glaubte daran zu ersticken. Doch aus Peter brach die große Erleichterung heraus, dass er dafür einfach keine Worte finden konnte.
Es brauchte einige Sekunden, ehe Peter die Umarmung auflöste. Max konnte die feuchten Augen sehen. Peter schnappte sich den Reisetrolley und sagte: „Komm rein.“ Max war überrascht. Er hatte nicht damit gerechnet, so offen empfangen zu werden.
Peter stellte den Trolley im Vorraum ab und ging in die Küche.
„Sind die anderen nicht da?“ fragte Max nach.
„Onkel Theo und Clarissa sind mit ihnen im Kaufhaus.“ sagte Peter entschieden. „Hast du Hunger?“
„Nein, eigentlich nicht.“ sagte Max. „Ich kann verstehen, wenn ihr sauer auf mich seid.“
Peter, der gerade dabei war, Milch auf dem Herd zu erwärmen, wandte sich zu Max um.
„Warum sollten wir auf dich sauer sein? Nur weil du einfach mal so beschlossen hast, alles hinzuschmeißen?“ erwiderte er fast schon sarkastisch.
„Na ja, ich bin einfach so gegangen, ohne…“ wollte Max verdeutlichen.
„Ja, das wissen wir nur zu gut. Wir alle haben uns nicht nur gefragt, wo du dich wohl rum treibst. Wir haben uns ehrlich gesagt, große Sorgen gemacht.“ legte Peter fest und warf einen prüfenden Blick zur Milch auf dem Herd.
„Wenn ihr böse auf mich seid, dann kann ich euch das gar nicht verübeln.“ meinte Max nun.
„Wir sind dir nicht böse deswegen. Du hattest gute Gründe dafür, die wir gut nachempfinden können. Es ist dir zu viel geworden, oder? Zuerst dieser Verlust und dann noch dieser Schuldruck.“ erklärte Peter und nahm eine Tasse aus dem Schrank.
„Nein, das ist es nicht. Zumindest nicht allein.“ versuchte Max klar zu machen.
„Ja, ich weiß was du meinst. Als ich meine Eltern verloren habe, habe ich anfangs oft mit dem Gedanken gespielt, einfach abzuhauen. Es war sehr schwer, damit überhaupt klar zu kommen. Dir ist es ganz ähnlich ergangen, vermute ich mal. Aber ich hatte ja noch Onkel Theo. Er wusste genau, wie ich mich fühlte.“ begann Peter zu schildern.
„Weil er die Gefühle von anderen ablesen kann, richtig?“ fragte Max nach, der sich nun zu Peter an den Küchentisch gesetzt hatte, als dieser ihm die Tasse mit der heißen Milch auf dem Tisch platziert hatte.
Peter hatte ihm noch eine Box mit Kakaopulver und Zucker auf den Tisch gestellt.
„Ja, unter anderem.“ stimmte Peter zu. „Jedenfalls hat er mir in der ersten Zeit dann persönliche Sprechstunden gegeben.“ erklärte Peter weiter.
„Sprechstunden? Bei Onkel Theo?“ fragte Max ungläubig nach.
„Er bestand darauf, weil er wollte, dass ich den Tod meiner Eltern auf diese Art verarbeite. So hat er eben den persönlichen Therapeuten gespielt.“ meinte Peter ernsthaft.
„Hat es geholfen?“ fragte Max nach.
Peter nickte langsam.
„Es hat Zeit gebraucht, aber auf Dauer hat es geholfen.“ gestand er ein.
„Deshalb können wir uns denken, was dich bewogen hat, einfach fort zu gehen. Ich hatte stark gehofft, dass du zurück kommen würdest. Wo warst du eigentlich, während der letzten zwei Monate und drei Wochen?“
Max wandte Blick von Peter zu seiner Kakaotasse.
„Darüber will ich nicht reden.“
„Nun, wie auch immer. Du musst es uns nicht sagen, wenn du nicht möchtest. Ich bin jedenfalls froh, dass du wieder hier bist.“ erklärte er entschieden.
Max schwieg und sah immer noch seine Kakaotasse an. Peter stand auf, um den Topf, in dem er die Milch zubereitet hatte abzuwaschen.
„Glaubst du, dass es mit dem Tod nicht vorbei ist?“ fragte Max unvermittelt nach.
Peter warf ihm erschrocken einen Blick zu.
„Wie bitte?“ fragte er nach.
„Ach nichts, vergiss es. Es war nur so ein Gedanke.“ wehrte Max ab.
„Wie kommst du zu einer solchen Frage?“ fragte Peter nach.
„Es ist nicht wichtig.“ erwiderte Max.
Peter näherte sich dem Tisch und stützte sich darauf ab.
„Du spielst doch hoffentlich nicht mit dem Gedanken…“ begann er ernsthaft.
Max sah auf und Peter in die Augen.
„Nein, natürlich nicht.“ erwiderte er entschieden.
„Es ist nur, dass ich in den letzten Monaten viel über diese Dinge nachgedacht habe. Immerhin weiß ich nicht, wo sich Dan gerade aufhält.“ Peter seufzte.
„Sein Körper ist unter der Erde, Max.“ erklärte er.
„Ja ich weiß. Ich habe das Grab besucht, bevor ich hier her gekommen bin. Aber es gibt doch mehr als nur den Körper, oder? Ich meine in uns ist noch etwas anderes.“
Peter atmete tief durch.
„Man redet nicht viel über diese Dinge. Aber ich habe gehört, dass sich der Mensch in zwei Faktoren aufteilt: in Körper und in Seele. Allerdings ist dieser Umstand nie erwiesen worden. Es gibt keine Beweise für diese Dinge. Spekulationen und Gerüchten zufolge, verlässt die Seele nach dem Ableben des Menschen den Körper und begibt sich an einen anderen Ort. Einen Ort, den man schon oft versucht hat, nachzuweisen. Allerdings wurde dieser Ort, was auch immer das sein soll, nie gefunden. Somit gibt es für diese Aussagen auch keine konkreten Beweise. Allerdings behaupten Menschen, auch Magier, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben, diesen Ort gesehen zu haben. Die Personen wurden jedoch für verrückt erklärt. Ihnen hat man diese Aussagen nie geglaubt.“ versuchte Peter ihm zu erklären.
„Und was denkst du? Glaubst du diesen Spekulationen?“ fragte Max nach.
„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was ich davon halten soll.“ erwiderte Peter ernsthaft.
„Ich habe mich in den letzten Wochen und Monaten oft gefragt, warum ich nichts habe unternehmen können.“ begann Max nach einigen Sekunden.
„Das sind nur unnötige Schuldgefühle.“ erwiderte Peter behutsam, der sich wieder zu Max an den Tisch gesetzt hatte.
„Möglich. Jedenfalls habe ich mich gefragt, warum ich überhaupt etwas über Magie lerne, wenn sie mir dann noch nichts nützt.“ berichtete Max weiter.
„Uns war klar, dass du nach diesem Ereignis den Glauben daran verlieren würdest.“ antwortete Peter leise.
„Ich habe den Glauben nicht verloren. Ich habe die Magie nur in Frage gestellt. Ich wollte sie von dem Auto fern halten. Aber Herr Berger hat sich davon dann nicht mehr abbringen lassen. Und jetzt kommt mir der Unfall wie ein schrecklicher Alptraum vor. Du kannst dir nicht vorstellen wie das ist. Erst dieser Unfall, und dann… Wenn es nur der Unfall gewesen wäre und nur der Tod dieser Menschen gewesen wäre, dann wäre ich längst darüber hinweg. Aber es ist, als würde mich das alles verfolgen. Egal wo ich bin, egal was ich tue. Kaum liege ich im Bett und schlafe ein, da kommt alles wieder. Es ist nicht bloß die Erinnerung. Es ist, als würde ich den Unfall und den Tod von Dan Nacht für Nacht immer und immer wieder erleben. Das macht mich halb wahnsinnig. Es ist viel schlimmer, als die Visionen, die ich habe. Ich bekomme es einfach nicht los. Es haftet an mir, wie eine Klette, die einfach nicht abfallen will. Ich habe das nicht ausgehalten. Und dann dachte ich, wenn ich abstand nehme, wenn ich einfach weit weg irgendwo hin reise, dann würde ich diesen Alptraum hinter mir lassen. Aber das hat mir nichts genützt. Während der letzten zwei Monate habe ich Nacht für Nacht diesen Tag immer und immer wieder erlebt. Ich konnte alles genau spüren: den Zusammenstoß und wie sich das Auto überschlagen hat. Aber seit meinem Geburtstag ist alles weg. Die Alpträume sind verschwunden, ganz plötzlich. Ich weiß nicht warum, aber es hat aufgehört.“ berichtete Max ausführlich.
Peter hatte ihm schweigend zugehört.
„Und du weißt wirklich nicht, warum die Träume aufgehört haben?“ fragte er nur nach.
„An meinem Geburtstag habe ich etwas erlebt. Ich habe einem anderen das Leben gerettet. Er hätte erschossen werden sollen. Aber ich habe mich auf ihn geworfen und statt ihm die Kugel abgekriegt.“ sagte Max leise.
Peter stand erschrocken auf.
„Keine Sorge, mir geht es gut. Ich glaube, auf der linken Seite meines Rückens wird eine Narbe davon zurück bleiben.“ sagte Max weiter. „Das verrückte daran ist, dass der Arzt dann gesagt hat, ich hätte fünf Tage lang durchgeschlafen.“ meinte Max nun, der darüber anscheinend nur noch lachen konnte.
„Du hast… fünf Tage…?“ fragte Peter hauchend.
„Na ja, ich hatte einen ziemlich großen Schutzengel wie es aussieht.“ meinte Max und sah Peter ins Gesicht.
„Wo ist der Schuss gelandet?“ fragte Peter nach.
„Ein paar Zentimeter vom Herz entfernt.“ gab Max zu.
Peter ließ sich wackelig wieder auf seinen Stuhl nieder.
„Ich glaube dadurch sind die Träume verschwunden. Das hat irgendetwas in mir ausgelöst, denke ich. Vielleicht habe ich mir zu viele Vorwürfe wegen Dan gemacht. Und da ich ihn nicht retten konnte, habe ich einen anderen gerettet. Jedenfalls habe ich seit dem achtzehnten keine Träume mehr von dem Unfall. Überhaupt habe ich gar nichts geträumt.“ berichtete Max ausführlich zu Ende.
„Das hätte auch schief gehen können.“ hauchte Peter nur bestürzt.
„Ja hätte es. Ist es aber nicht.“ wandte Max ein.
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47. Kapitel:
Einige Zeit später hatte Max seine Sachen in seinem Zimmer ausgepackt. Es war bereits früher Nachmittag als Theo, Clarissa, Rolf und Con in das Haus traten. Rolf und Con zogen sich mit Clarissa auf die Terrasse zurück. Max kam die Treppe hinunter.
Schon von der Tür aus erkannte er, dass Theo bei Peter in der Küche war und sich mit ihm unterhielt.
„Hallo.“ sagte Max vorsichtig.
Theo wandte sich zur Tür um. Er brauchte einige Sekunden um zu wissen, dass nicht Con vor ihm stand.
„Ach, sieh mal einer an. Der Ausreißer ist auch wieder da.“ kommentierte er nur.
„Seit wann ist er wieder da?“ fragte er direkt an Peter gewandt.
„Seit heute Vormittag.“ meinte Peter.
„Und hast du vor wieder nach Adularberg zu gehen?“ wollte Theo von Max wissen.
„Vielleicht.“ sagte Max vage.
„Nun, wenn du vor haben solltest zurückzukehren, dann musst du wohl mit einigen Hindernissen rechnen. Aber zuerst soll ich dir ausrichten, dass du noch in den Ferien beim Schulrat vorsprechen musst.“ teilte Theo ihm ernsthaft mit.
„Bein Schulrat vorsprechen? Weswegen?“ fragte Max nach.
„Nun, die haben irgendwie davon Wind bekommen, dass du einfach so die Schule verlassen hast.“ erklärte ihm Theo.
„Und deswegen wollen die mich ausfragen ja?“ erkundigte sich Max ungläubig.
„Sieht ganz so aus. Ich habe dem Schulratsvorsitzenden bereits gesagt, dass du vermutlich gute Gründe für dein Verschwinden gehabt hast.“
„Klar, als ob ich denen auf die Nase binden würde, weshalb ich gegangen bin. Die würden das ohnehin nicht verstehen.“ meinte Max nun sarkastisch.
„Der Schulrat ist der Ansicht, dass nur sie über deine Rückkehr nach Adularberg entscheiden können. Ich habe dem Vorsitzenden erklärt, dass die Entscheidung darüber immer noch bei mir liegt. Vermutlich wollen sie heraus finden, ob du in gewisser Weise durch dein verschwinden eine Gefahr für die anderen Schüler darstellst.“ versuchte Theo ihm klar zu machen.
„Ich und eine Gefahr für die anderen Schüler? Das ist vollkommener Stuss.“ wandte Max ein.
„Mir musst du das nicht erklären. Wenn es nur nach mir ginge, würde ich nur darauf bestehen, dass du die versäumten Abschlussprüfungen nach holst, bevor du mit dem fünften Jahr beginnst.“ meinte Theo behutsam.
„Damit habe ich schon gerechnet.“ sagte Max langsam.
„Aber zuerst sprichst du beim Schulrat vor.“
Max seufzte ungnädig.
„Wenn es sein muss.“ stöhnte er lustlos.
Die Freude darüber, dass Max wieder zurück war, war vor allem bei Con sehr groß. Aber auch Rolf und Clarissa waren froh, dass Max wieder bei ihnen war. Drei Tage nach seiner Rückkehr begleitete Peter Max zum Schulrat. Dieser befand sich im eigenen Magistrat und das wiederum lag direkt im Kaufhaus, in dem sich auch die Einkaufspassage der Magier befand.
Peter führte Max zu einer Tür auf der rechten Seite der Passage. Sie durchschritten die Tür und kamen in einen sehr schmalen Eingangsraum, an dessen Ende sich ein Lift befand. Max und Peter stiegen in den Lift und fuhren zwei Stockwerke nach oben. Als sie ausstiegen gelangten sie in einen Gang. Es waren Orientierungsschilder an der Wand befestigt.
„Schulrat. Hier müssen wir lang.“ sagte Peter und deutete auf die Tafel, die zur linken Seite zeigte.
Max folgte Peter den linken Gang entlang. Schließlich kamen sie bei einer Tür an, auf dessen Schild daneben „Schulrat“ stand.
Beide traten in den Raum. Es war eine Art Empfangszimmer. Dieses Zimmer war ziemlich klein. Zwei Schreibtische standen dicht nebeneinander in der Mitte. Dahinter saßen zwei Frauen.
„Guten Tag.“ sagte Peter zu einem der Frauen. „Dieser Junge hier hat einen Termin beim Schulrat.“
Die Dame antwortete nicht, doch sie blätterte scheinbar in ein paar Unterlagen. Erst nach wenigen Sekunden sagte sie: „Wenn dieser Junge Maximilian Riedberg heißt, dann ja.“ gab sie zu.
„Der bin ich.“ sagte Max und wurde nun ein wenig nervös.
„Die Schulräte erwarten Sie bereits, Herr Riedberg. Im Sitzungssaal, durch diese Tür dort.“ erklärte die Sekretärin und deutete mit dem Arm zur Tür hinter dem Schreibtisch der Sekretärinnen.
„Die Schulräte? Ich dachte, ich soll nur mit dem Vorsitzenden sprechen.“ wandte Max ein.
„Da unterliegen Sie einem Irrtum. Der gesamte Schulrat hat sich versammelt, um mit Ihnen über Ihren Fall zu sprechen.“ erwiderte die Sekretärin.
Max ging an den Tisch der Sekretärinnen vorbei. Peter wollte ihn begleiten, doch die Sekretärin hielt ihn auf.
„Sie bleiben schön hier. Herr Riedberg muss alleine gehen.“ Peter blieb stehen.
„Geh nur.“ murmelte er Max zu, der sich irritiert umgewandt hatte.
Max ging zur verschlossenen Tür. Bevor er diese öffnete atmete er tief durch. Er trat in einen relativ kleinen Saal. An der Wand gegenüber der Tür befanden sich einige Sitzreihen mit Tischen. An die sechzehn Männer und Frauen unterschiedlichen alters in dunkelblauen Umhängen waren anwesend.
„Guten Tag.“ grüßte Max und trat weiter in den Saal.
„Guten Tag, Herr Riedberg. Sie sind doch Maximilian Riedberg?“ meldete sich der Vorsitzende des Schulrates zur Wort, der in der Mitte seiner Kollegen saß.
„Ja, der bin ich.“ stimmte Max zu.
Der Vorsitzende bot Max den Platz auf dem Stuhl vor dem Schulrat an.
„Uns ist zu Ohren gekommen, dass Sie einfach so von der Schule verschwunden sind. Nun würden wir gerne erfahren, aus welchen Gründen Sie das getan haben.“ begann der Schulratsvorsitzende ohne Umschweife.
„Ich hatte persönliche Gründe dafür.“ sagte Max.
„Und welche waren das?“ fragte der Vorsitzende nach.
„Ich habe nicht vor Ihnen diese Gründe zu erklären, Herr Schulratsvorsitzender. Und ich werde Ihnen und Ihren Kollegen nicht sagen, was ich in den letzten zwei Monaten und drei Wochen getan habe. Ich hatte Gründe die Schule zu verlassen. Es sollte Ihnen allen genügen, wenn ich sage, dass ich nun mal diese Auszeit gebraucht habe, um zu mir selbst zu finden. Und wenn ich vor habe im kommenden Schuljahr wieder auf Adularberg einzusteigen, dann können Sie sicher sein, dass ich keine Gefahr für andere Schüler darstelle. Sie und Ihre Kollegen mögen über die Gesetze der Schule bestimmen. Aber ob ich auf Adularberg zurück kehren kann, bestimmt ganz allein der Schuldirektor. Ich werde mit dem Schuldirektor persönlich über die Bedingungen meiner Wiederaufnahme sprechen. Es muss Ihnen, Herr Schulratsvorsitzender, genügen wenn ich sage, dass ich sämtliche Prüfungen, die ich durch meine Abwesenheit im vergangenem Schuljahr versäumt habe, nachholen werde. Auf diese Weise werde ich meinen Wissenstand prüfen lassen. Und wenn ich diese Prüfungen bestehe, dann kann der Schuldirektor selbst entscheiden, ob er einen weiteren Schulbesuch meiner Seits zulässt oder nicht. Nun, ich denke, damit habe ich alle erdenklichen Punkte klar gestellt. Einen schönen Tag noch.“
Kaum hatte Max seinen Vortrag beendet, kehrte der dem Schulrat den Rücken und verließ den kleinen Saal.
„Max. Das ging ja schnell. Was hat der Schulrat gesagt?“ meinte Peter und kam auf Max zu.
„Nicht viel. Ich habe ihnen meine Meinung dargestellt.“ sagte Max und ging mit Peter aus dem Empfangsraum.
„Wie meinst du das?“ fragte Peter nach.
„Ich habe ihnen alles gesagt, was ich ihnen sagen wollte. Auf diese Weise hatte der Vorsitzende kaum die Möglichkeit mich auszufragen. Ich habe ihnen meinen Standpunkt erklärt und bin einfach gegangen.“ sagte Max schlicht.
Peter sah Max verblüfft, aber auch beeindruckt an. Max sah, dass sich nun ein amüsiertes Lächeln bei seinem Gesicht bildete.
„Das wird dem Schulratsvorsitzenden nicht gefallen haben.“ meinte er nun amüsiert.
„Muss es auch nicht.“ wandte Max ein und kehrte mit Peter in die Einkaufspassage zurück.
„Ich habe ihnen erklärt, dass ich über die Bedingungen meiner Aufnahme mit dem Direktor sprechen werde. Und wenn es erforderlich sein sollte, werde ich die versäumten Prüfungen nachholen.“ sagte Max nun.
„Wie hat der Vorsitzende darauf reagiert?“ fragte Peter nach.
„Mit unfassbarem Gesichtsausdruck und großem Schweigen. Ich habe weder ihn noch seine Kollegen groß zu Wort kommen lassen.“ machte Max deutlich.
„Das war mutig von dir.“ sagte Peter lächelnd. „Ich glaube dein Vater hätte das gleiche getan.“
„Meinst du?“ fragte Max, der von Peter seitlich in den Arm genommen wurde.
„Ja sicher.“ legte Peter fest.
Während der nächsten Wochen holte Max den versäumten Lehrstoff nach und bereitete sich auf die Prüfungen vor, die er in der ersten Schulwoche ablegen musste.
Am letzten Wochenende im August packte er seine Sachen für die Schule. Da er nicht wusste, ob er die Prüfungen überhaupt bestehen würde, hatte Max nichts für das fünfte Schuljahr eingekauft.
„Wie werden die Prüfungen überhaupt vor sich gehen?“ fragte Max seinen Paten.
„Du hast die ganze erste Woche dafür Zeit, die schriftlichen und praktischen Prüfungen abzulegen. Jeden Tag wirst du mehrere Prüfungen absolvieren.“ erklärte Peter ernsthaft. „Du wirst also keine Zeit haben den normalen Unterricht deiner Klassenkameraden zu besuchen.“
Max seufzte.
„Das klingt nach großen Stress.“
„Hauptsache ist, dass du die Prüfungen bestehst.“ meinte Peter ernsthaft.
„Und wenn mich Onkel Theo trotzdem nicht wieder auf der Schule haben will?“ fragte Max nach.
Onkel Theo kam zu ihnen in die Küche.
„Wenn du die Prüfungen mit guten Noten bestehst, sehe ich keinen Grund dir den Schulbesuch zu verweigern.“ machte er deutlich.
„Ich habe mich in den letzten Wochen so gut vorbereitet, wie es nur ging. Aber ich weiß nicht, ob das ausreicht.“ meinte Max ernsthaft.
„Die Lehrer werden für dich eigene Prüfungen zusammen stellen. Wie bei jeder Abschlussprüfung wird das zusammengefasste Wissen der letzten vier Jahre abgefragt. Das gilt für die magischen Fächern ebenso, wie für die normalen Fächer.“ legte Theo fest.
Max wurde gleich noch mehr beunruhigt.
„Das ist nicht gut.“ sagte er leise.
„Nun mach dich mal nicht fertig. Es ist nicht so schlimm, wie du glaubst.“ versuchte Peter ihn zu beruhigen.
Am frühen Morgen des letzten Sonntags im August fuhr Max mit seiner Familie zum Bahnhof. Con und Rolf stiegen in den Waggon der fünften und sechsten Jahrgänge ein. Max jedoch wusste nicht so recht, wo er einsteigen sollte.
„Nimm fürs erste noch den Waggon der dritten und vierten Jahrgänge.“ schlug Peter vor. „Zu Weihnachten kannst du immer noch den anderen Waggon nehmen.“
Max nickte nur und wollte schon einsteigen.
„Max.“ sagte Peter und hielt ihn auf. „Onkel Theo hat mir gesagt, dass, auch wenn du die Prüfungen bestehen solltest, er zuvor noch ein klärendes Gespräch mit dir führen wird. Er sagte, er würde nach den Prüfungen dir die Ergebnisse davon persönlich mitteilen.“
„Soll mich das beunruhigen?“ fragte Max nach.
„Onkel Theo ist es sehr ernst damit. Nach deiner Zusammenkunft mit dem Schulrat hat er einen Anruf vom Vorsitzenden erhalten. Ich weiß nicht was sie miteinander besprochen haben, aber Onkel Theo klang nicht gerade erfreut über diesen Anruf. Was auch passiert, Max, wir stehen hinter dir.“ legte Peter fest.
Max wurde noch einmal vertraut in den Arm genommen. „Und nun viel Glück für morgen.“ sagte Peter und ließ Max in den Zug steigen.
Die Zugfahrt nach Adularstätten kam für Max sehr lange vor. Er holte seinen Kater von der Ablage herunter und ließ ihn aus dem Transportkäfig.
„Na Merl? Es ist komisch, nicht? Zuerst gehe ich fort und dann komme ich wieder.“ sagte er zu seinem Kater und streichelte ihn kurz.
Nach der Ankunft in Adularstätten bestieg Max den Bus der dritten und vierten Jahrgänge. Es war ein komisches Gefühl für ihn wieder nach Adularberg zu fahren. Irgendwie kam er sich im Bus verloren vor. Die Schüler dieser Jahrgänge sahen ihn irritiert an.
„Was willst du bei uns im Bus?“ fragte einer der Schüler aus dem vierten Jahrgang.
„Ich habe das vierte Jahr nicht beendet. Also wäre es ein Fehler in den anderen Bus zu steigen.“ sagte Max ernsthaft.
„Du kannst dich in die erste Reihe setzen.“ sagte der Schüler und deutete mit dem Kopf zur Reihe hinter dem Busfahrer.
Nach fünfzehn Minuten Busfahrt stieg Max mit den anderen Schülern aus dem Bus und betrat mit seinem Gepäck das Schulgebäude über den Haupteingang. Er stellte sein Gepäck zu den anderen Koffern und Taschen ab und ging mit den Schülern in den Speisesaal. Irgendwie kam sich Max verloren vor. Er wusste nicht so recht wo er sich nun hin setzen sollte.
„Sieh mal einer an. Der Vollidiot ist auch wieder da.“ höhnte Dietrich und stellte sich vor Max.
„Na wissen wir nicht, wo wir hin sollen?“
„Lass mich in Ruhe.“ meinte Max, der keinen Streit austragen wollte.
„Hoffentlich wirft man dich hier raus.“ meinte Dietrich.
„Das ist wohl kaum dein Problem.“ erwiderte Max und wollte an Dietrich vorbei gehen.
„Erst abhauen und dann wieder kommen. Glaubst du wirklich, dass du bei deinen Wohnturmgenossen noch willkommen bist?“ fragte Dietrich weiter.
Ehe Max einen weiteren Schritt tun konnte, hatte Dietrich ihm ein Bein gestellt. Max fiel zu Boden.
„Versager.“ sagte Dietrich genugtuend. „Sieh lieber zu, dass du wieder von hier verschwindest. Ich glaube kaum, dass es noch einen Schüler gibt, der mit dir noch zusammen sein will.“
Con kam zu Max und half ihm auf die Beine.
„Achte du mal lieber darauf, dass man dich nicht raus schmeißt.“ sagte er zu Dietrich. „Und überhaupt gewöhn dir an, meinen Bruder in Ruhe zu lassen.“
Con wollte Max zu seinem Tisch führen, doch Max löste sich von seinem Bruder.
„Ich bin noch nicht im fünften Jahrgang.“ sagte Max entschieden.
„Deshalb kannst du auch…“ meinte Con.
Max schüttelte den Kopf.
„Ist schon in Ordnung.“ sagte er und wollte sich an den Tisch des vierten Jahrgangs setzen.
„Tut mir Leid, aber du gehörst nicht zu unserer Klasse.“ sagte der Klassensprecher der Klasse 4aO.
Bevor Max etwas tun oder sagen konnte, kam der Wohnturmleiter von Ostrot zu ihm.
„Komm.“ sagte Herr Ruthenberger und führte Max mit sich. Max wurde zum Tisch des Kollegiums geführt.
„Fürs erste kannst du bei uns sitzen.“ bot Herr Ruthenberger an.
Zwischen ihm und Peter war ein zusätzlicher Platz eingebaut worden. Peter sah ihm an, dass Max angeschlagen wirkte.
„Der Tumult wird sich legen.“ versuchte Peter ihn zu beruhigen.
„Ich bin abgehauen, schon vergessen?“ wandte Max ein.
„Direktor Thalenberg hat mit uns nach deinem Verschwinden ein Gespräch geführt. Er hat uns deutlich gemacht, dass du gute Gründe dafür hattest. Und er hat uns darum gebeten, neutral gegenüber deines Verhaltens zu handeln.“ erklärte Herr Ruthenberger.
„Was auch immer das heißen mag, nicht?“ fragte Max nach.
Die neuen Schüler wurden schließlich in den Saal geführt. Darauf hin startete die Zuteilung. Im Anschluss daran hielt Herr Thalenberg seine Willkommensrede, indem er auf Verbote und bestimmte Schulregeln verwies. Danach wurde mit dem Mittagessen begonnen.
Max Hunger verging ihm bei dem Gedanken an die nächsten Tage.
„Hühnchen?“ fragte Herr Ruthenberger nach und bot Max eine Schale mit Hühnerkeulen an.
„Danke.“ sagte Max ablehnend.
„Du solltest dich etwas stärken.“ meinte Peter.
„Ich habe aber keinen Hunger.“ erwiderte Max.
„Mach dir wegen der Meinung der anderen Schüler nicht zu viele Gedanken.“ sagte Peter ernsthaft.
„Du hast gut reden. Du musst ja keine Prüfungen nachholen, von denen ohnehin fest steht, dass es mir die Lehrer unheimlich schwer machen werden.“ entgegnete Max.
Nach dem Mittagessen ging Max mit seinem Gepäck sehr langsam zu seinem Wohnturm. Als er schließlich mit seinem Gepäck den Aufenthaltsraum betrat, verstummten die Gespräche der anderen Schüler.
„Und hast du dich im Sommer gut amüsiert?“ fragte ein Schüler des sechsten Jahrgangs.
„Das geht dich doch nichts an.“ erwiderte Max und wollte an dem Schüler vorbei.
„Es heißt du wärst abgehauen, weil du die Nase voll hattest.“ meinte der Schüler und wollte Max nicht vorbei lassen.
„Geh mir aus dem Weg.“ sagte Max.
„Die hätten dich raus schmeißen sollen. Es ist uns ohnehin nicht klar, warum du dich überhaupt noch hier her traust.“
Ein anderer Schüler aus dem sechsten Jahrgang kam zu ihnen.
„André, lass ihn in ruhe.“
„Er ist doch selbst schuld, wenn er einfach abhaut.“ wandte der andere Schüler ein.
„Du hast gehört, dass der Wohnturmleiter letztes Jahr gesagt hat. Also halte dich auch daran, ja?“ bat der andere Schüler.
Erst jetzt fiel Max auf, dass es ein Vertrauensschüler war.
„Der Wohnturmleiter hat mit euch gesprochen?“ fragte er erstaunt nach.
„Allen ist aufgefallen, dass du nicht mehr da warst. Der Wohnturmleiter hat versucht uns klar zu machen, dass du wohl bestimmte Gründe dafür hättest. Und er sagte, wenn du zurück kommen solltest, dann sollten wir nicht darüber reden. Aber es gibt halt ein paar Schüler, die deine Rückkehr nicht nachvollziehen können.“ meinte der Vertrauensschüler ohne Spur von Vorwurf oder Unverständnis.
„In welchen Schlafsaal soll ich wohnen?“ fragte Max nach.
„In gar keinen. Offiziell bist du keinem Jahrgang zugeteilt.“ sagte der Vertrauensschüler und ging davon.
Max blieb nun ahnungslos im Aufenthaltsraum stehen.
Peter kam mit seinen Erzieherkollegen in den Raum.
„Komm.“ sagte er und nahm Max Reisetrolley in die Hand.
„Wohin?“ fragte Max, doch Peter führte ihn mit sich zum Bereich der Erzieherzimmer. Sie betraten das Schlafzimmer von Peter.
„Für die nächsten Tage kannst du hier schlafen.“ sagte Peter freimütig.
„Aber es gibt nur ein Bett.“ stellte Max fest.
Ehe er sich versah, sorgte Peter mit seinem Stab dafür, dass die Möbel sich anders aufstellten. Mit einem weiterem Schlenker erschien auf der freien Fläche des Zimmers ein Klappbett mit Matratze und Bettzeug.
„Zufrieden?“ fragte er nach.
„Danke.“ sagte Max, dem nichts Besseres einfiel.
„Deine Kollegen beruhigen sich auch wieder. Es braucht nur etwas Zeit.“ sagte Peter zuversichtlich. „Wirst sehen, in ein paar Wochen ist dein Abgang Schnee von gestern und keiner spricht mehr darüber.“
Am nächsten Morgen wurde Max von Peter um sechs Uhr früh geweckt. Nur langsam stieg Max aus dem Klappbett in Peters Schlafzimmer. Nachdem er sich gewaschen und die Schuluniform angezogen hatte, machte er sich mit den anderen Schülern auf dem Weg zum Speisesaal.
Kaum hatte Max das Frühstück beendet, sagte Professor Eisenauer zu ihm: „Ihre erste Prüfung absolvieren Sie im Lehrerzimmer.“
Max folgte seinem Klassenlehrer durch die Gänge der Schule und in eines der Lehrerzimmer.
„Hier werden Sie alle schriftlichen Prüfungen schreiben.“ machte Professor Eisenauer deutlich. Dann wurde ihm die erste Prüfung auf den Platz gelegt.
„Für jede schriftliche Prüfung haben Sie zwei Stunden Zeit. Sie können bereits anfangen.“ erklärte sein Klassenlehrer schließlich und ließ Max im Lehrerzimmer zurück.
Max hatte keinerlei Schulunterlagen bei sich. Seine Erste Prüfung war das Fach Deutsch. Nach exakt zwei Stunden tauchte Professor Finke bei ihm Lehrerzimmer auf und nahm den Testbogen entgegen.
„Machen Sie jetzt ein paar Minuten Pause. Dann kommen Sie hier her zurück.“ erklärte Professor Finke.
Nach fünf Minuten kam Max erneut ins Lehrerzimmer. Dieses Mal füllte er den Prüfungsbogen für Zauberkunst aus. Auch dafür hatte er zwei Stunden Zeit. Nach dieser Prüfung durfte sich Max erneut entspannen. Im Anschluss daran musste Max sein Wissen aus Zauberkunst praktisch vorweisen. Professor Finke stellte ihm dafür diverse Aufgaben. Nach einigen praktischen Tests erfuhr Max nicht, wie er dabei abgeschnitten hatte.
Nach dem Mittagessen machte Max die nächste schriftliche Prüfung. Diese war in Mathematik. Auch für diesen schriftlichen Teil hatte er zwei Stunden Zeit. Nach ein paar Minuten wurde ihm der schriftliche Testbogen zu Verwandlung vor gelegt. Kaum hatte er zwei Stunden später auch diesen ausgefüllt, machte Max nach einer kurzen Pause die praktische Prüfung in Verwandlung. Professor Eisenauer prüfte sein Können sehr vielfältig und genau. Auch nach dieser Prüfung erhielt Max kein Anzeichen dafür, wie er dabei abgeschnitten hatte.
Zehn Minuten später fand sich Max im Direktionsbüro ein.
„Weshalb soll ich hier her kommen. Mir wurde gesagt, dass ich alle Prüfungen im Lehrerzimmer zu machen habe.“ sagte Max zu Herrn Thalenberg.
„Ich ziehe es vor, wenn du die Prüfungen in meinen Fächern hier oben schreibst.“ sagte sein Direktor entschieden.
Max erblickte wieder den zusätzlichen Tisch und Stuhl.
„Gut, von mir aus.“ sagte Max und ließ sich beim Tisch nieder. Ihm wurde der Testbogen zu Geschichte vorgelegt.
„Du hast zwei Stunden. Fang an.“
Max tat in den nächsten Zwei Stunden sein Bestes um sein Wissen aus den letzten drei Jahren von Geschichte hervor zu kramen. Zwei Stunden später nahm ihm Professor Thalenberg den Testbogen wieder weg.
„Und nun gehe zum Abendessen. So viel ich weiß h |