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Nordwind ...
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...   Erstellt am 19.07.2007 - 19:24Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Das zweite Märchen. Könntet ihr mir vielleicht ein paar Tipps geben, wo ich die Absätze setzen könnte? Mir kommt es immer so vor, als würde ich die Geschichte zerreißen, wenn ich es versuche.




Märchen vom Schatten

Es war einmal vor langer, langer Zeit eine Welt, der unseren gar nicht so unähnlich und ihr Name war… ihr Name war gar von so bizarrer Sprache, dass ich ihn nicht zu nennen vermag.
In dieser Welt, da lebte eine Vielzahl von seltsamen Wesen und nicht wenige von ihnen waren von menschlicher Gestalt, so auch ein junger Wanderer namens Schatten, der sich eines schönen Tages in einer Stadt über den Winter niederließ und sich in die Tochter des herrschenden Grafen verliebte und sie sich in ihn. Sie war das schönste Mädchen im ganzen Land, mit langem, weißem Haar, hellen Augen, einer Stimme so hell wie Glocken und einem Lachen wie die Sonne selbst. Die Gefühle der beiden blieben anderen nicht verborgen, und so kam es eines Tages, dass der Graf selbst davon erfuhr und böse Geschichten über Schatten verbreiten ließ, die genug Wesen glaubten, so dass bald niemand mehr mit Schatten sprach, man ihn mied und sich vor ihm zu fürchten begann. Doch der junge Mann ließ sich nicht vertreiben und das Mädchen, das wusste, dass die Gerüchte nicht der Wahrheit entsprachen, setzte sich für ihn ein und verteidigte ihn.
Der Graf war so erzürnt über die Reaktion der beiden, dass er einigen Wachen befahl Schatten im Geheimen zu überfallen und ihn einzusperren an einem Ort, an dem ihn nie ein Wesen finden würde. So geschah es, dass die Männer Schatten fesselten und knebelten und in der Dunkelheit der Nacht in das tiefste Verlies des Grafen brachten. Schatten stand an der Türe und blickte hinunter in das dunkle Loch, das sie eine Zelle nannten. Es war schwarz, verschluckte das Licht, absorbierte es und nährte sich davon. Alles in ihm schrie danach zurückzuweichen, doch in seinem Rücken standen die Wächter, die machtlosen Marionetten des Grafen. Er konnte ihr höhnisches Grinsen spüren, obgleich er es nicht sah, wusste, dass sie ihn verspotteten mit stummen Worten und blitzenden Augen. Sie waren froh, dass man ihn endlich wegsperren würde. Wegsperren, damit er kein Unheil mehr anrichten konnte, damit sich niemand mehr fürchten musste, damit niemand mehr in Gefahr war. Sie würden erleichtert sein, sobald sie die Türe hinter ihm verriegeln konnten, so fest, dass niemand sie je wieder aufbekommen würde. Schatten kannte nicht alle Geschichten, die man sich über ihn erzählte, doch er wusste genug. Welche Last würde von ihren Schultern fallen, wenn sie ihn endlich tief unten im letzten Eck der Welt wussten, an einem Ort, den die Sonne niemals erreichen würde, wo es kein Licht gab und die Dunkelheit zur Präsenz wurde. Er starrte hinab in die Finsternis und spürte, wie seine Hand zu zittern begann. Schweiß trat aus seinen Poren und sammelte sich auf seiner Stirn. Seine schwarzen Augen blickten kalt und leblos, verbargen die Schlacht, die hinter ihnen gefochten wurde. Seine Haut wirkte bleich im schwachen Licht der Fackeln, die die Wächter bei sich trugen. Vielleicht ein wenig blasser als sonst. Von seinem rabenschwarzen Haar fielen kleine Wasserperlen herab, Überbleibsel des Regens durch den sie ihn zuvor geschleift hatten. Alles in ihm sträubte sich dagegen dort hinunter zu steigen. Die erste Stufe konnte er noch erkennen, die zweite wurde bereits von der Dunkelheit verschluckt. Wie tief mochten sie wohl hinab führen? Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er es wohl gleich herausfinden würde, dass er es bald nur allzu gut wissen würde, wenn er sie aus Langweile zum tausendsten Mal hinauf und wieder hinab gestiegen wäre. Panik stieg in ihm auf, ein Gefühl, das er zum ersten Mal in seinem Leben verspürte. Angst. Vielleicht nicht zum aller ersten Mal, doch zumindest zu ersten Mal seit einer sehr, sehr langen Zeit. Einer der Wächter versetzte ihm einen Stoß und hätte er nicht die Stelle getroffen, an der sie zuvor tausendmal mit der Peitsche auf ihn eingeschlagen hatten, so hätte es nichts gebracht. Nun jedoch stolperte er und fand sein Gleichgewicht erst wieder, als er mit beiden Beinen auf der ersten Stufe stand. Er befand sich nun direkt vor der Dunkelheit, die wie eine Mauer vor ihm emporragte und hätte er die Hand ausgestreckt, so war er sicher, dass er sie hätte berühren können. Der stumpfe Geruch der abgestandenen Luft stieg ihm in die Nase. Wann war zum letzten Mal eine frische Brise durch die Dunkelheit gestreift? Hatte es hier unten jemals eine gegeben? Unwillkürlich wich er einen Schritt zurück. Einer der Wächter lachte.
„Du wirst dich dort unten wohlfühlen!“ höhnte er. „Dieser Ort ist ebenso schwarz und abgrundtief wie deine Seele.“ Die anderen drei Wächter stimmten in das Lachen mit ein.
„Nähre dich von der Dunkelheit.“ riet ihm einer von ihnen spöttisch. „Etwas anderes wirst du nämlich nicht bekommen.“
Schattens Augen weiteten sich ein wenig vor Schreck. Er wollte dort nicht hinunter. Dieser Ort war gefüllt mit Finsternis, die anders war. Lebendige Schwärze, wie eine dickflüssige, zähe Masse. Er wagte nicht sie zu berühren, wollte sie nicht in sich aufnehmen, wollte nicht von ihr leben müssen, doch er wusste, sein Körper würde sich an ihr laben und verhindern, dass er starb, solange, bis das Alter ihn dahinraffte. Ein scheußliches Ende. Es kümmerte sie nicht. Für sie war er ein Monster, ein Mörder, ein böser Geist. Ein Fluch. Oh ja, er war der Fluch und selbst mit einem Fluch belegt. Was auch immer der Graf ihnen erzählt haben mochte, es reichte aus um sie dazu zubringen, dass sie ihn verabscheuten, sich vor ihm fürchteten und ihn hassten. Sie würden kein Mitleid mit ihm haben. Niemals.
Es gab dort unten nichts für ihn zu gewinnen. Er hatte dort nichts zu suchen. Er fürchtete die Finsternis. Ihm war plötzlich kalt. Er würde dort unten sterben. Er würde solange dort unten sitzen, bis sein Körper zerfiel und bis es so weit war, würde er sich tausendmal wünschen bereits tot zu sein. Der Mann versetzte ihm einen weitern Stoß und er stolperte hinunter in die Schwärze. Es waren nur zwei Stufen. Er hörte, wie hinter ihm die Türe geschlossen und der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde. Er streckte die Hand aus und tastete nach der Wand, dann ging er an ihr entlang, bis er zehn Schritte weiter auf die hintere Wand stieß, die parallel zur Türe stand. Er ließ sich auf den Boden sinken, lehnte sich mit dem Rücken an das kalte Mauerwerk und starrte mit leerem Blick in die Schwärze, in der er nichts sah und nichts erkannte. Es war still, völlig still.
Kein Geräusch durchbrach das Nichts. Und die Zeit verging oder vielleicht auch nicht. Anfangs hatte er versucht die Sekunden zu zählen, die Minuten, die Stunden, doch bald schon verlor er jedes Gefühl für die Dauer einer Sekunde. Er wusste nicht mehr ob schon einige Tage oder nur Minuten vergangen waren. Ihm kam es vor wie Monate, doch er glaubte nicht, dass es stimmte. Er schlief nicht, obwohl es wohl die sinnvollste Beschäftigung gewesen wäre. Vielleicht schlief er auch, vielleicht schlief er die ganze Zeit und wurde nur wach um zu bemerken, dass er noch immer an diesem grässlichen Ort saß. Er wusste es nicht. Er wusste gar nichts mehr, wusste nicht warum er hier war, an diesem schwarzen Ort, wusste nicht wo er sonst hätte sein sollen, wusste nicht ob er noch lebte oder ob es sich um die Hölle handelte, in der er sich befand. Er vergaß wer er war, vergaß seinen eigenen Namen und wünschte sich nichts mehr als endlich tot zu sein.
Und dann, irgendwann geschah es, dass plötzlich ein Schlüssel im Schloss herumgedreht und die Tür mit einem leisen Quietschen aufgeschoben wurde.
Und als Schatten aufsah, bemerkte er dass es die Tochter des Grafen war. Sie hielt eine Laterne in der Hand und er erkannte überrascht, dass die Schwärze dem Licht wich und es nicht, wie er geglaubt hatte, verschluckte. Dass sie wich wie die Nacht dem Tag, vor ihr zurückwich, vor ihr, dem Licht. Er blickte sich um und stellte erstaunt fest, dass die kleine Laterne den ganzen Raum erhellte und ein noch hellerer Lichtkegel durch die weit offen stehende Türe fiel. Sie stand vor ihm, wie die Sonne selbst mit ihrer strahlenden Gestalt in einem schlichten weißen Kleid und er glaubte nicht jemals etwas Schöneres gesehen zu haben.
Doch es war bereits zu spät, denn sie fand ihn nicht, obwohl die Zelle so klein war, konnte sie ihn nicht finden, denn er war bereits selbst zur Dunkelheit geworden. Und weil das Mädchen strahlte wie das Licht selbst konnte er nicht einmal in der dunkelsten Nacht zu ihr gehen und musste sich verstecken hinter jedem Gegenstand, hinter jedem Wesen um in ihrer Nähe bleiben zu können, denn verlassen konnte er sie nicht. So ist der Schatten immer nur da, wo auch das Licht ist.





Signatur
Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könnte den Himmel zerstören.
Das ist zweifellos.
Beweist jedoch nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeutet eben:
Unmöglichkeit von Krähen.


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