Athene  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 14.07.2006 Beiträge: 122 Nachricht senden | Erstellt am 14.07.2006 - 18:21 |  |
Lust
Himmel, was für ein Tag. Es hat schon morgens gut angefangen, ein Tag mit der Überschrift: Schlaf weiter oder spring hinter den Zug.
Mein Wecker hat mal wieder versagt, normalerweise benutze ich die Weckfunktion des Handys zusätzlich. Das hatte ich wohl vergessen einzustellen. Mist, um halb sieben bin ich erst aufgewacht. Eine Stunde zu spät. Unter die Dusche, rein in die Kleider, na toll, schütte ich mir doch gleich den Kaffee über die frische Bluse. Warum habe ich das Teil eigentlich gebügelt? Kaffee muss sein, sonst wach ich nicht auf. Eigentlich habe ich ja Zeit genug, die nächste Bahn fährt kurz nach acht. Nicht an diesem Tag. Nein, an diesem Tag fällt die Bahn aus, die nächste fährt genau eine Stunde später. Total überfüllt natürlich, alle sind am Fluchen. Ich sag nix mehr, mir reicht es jetzt schon. Hätte ja auch mit dem Auto fahren können, aber Tank leer, Geldbeutel und Konto machen grad Diät. Immer das gleiche, am Ende des Geldes ist noch jede Menge Monat übrig!
Wider Erwarten verläuft der Tag ruhig. Zu ruhig. Schleppe überall das Handy mit, auch aufs Klo. Warum ruft er nicht an, der Saukerl, der elende. Es ist doch Montag. Ich bin nervös, renne alle halbe Stunde in die Küche um zu rauchen. Die Kollegen kennen das, lassen mich in Ruhe. Eine einzige blöde Bemerkung und ich wäre geplatzt.
Eine Sauhitze heute. Man glaubt es kaum, die Bahn kurz nach vier ist pünktlich. Warum sind diese blöden Bahnen nicht klimatisiert? Ich schwitze wie ein Tier, bin klatschnass, als ich eine halbe Stunde später aussteige. Immer noch kein Anruf, bedeutet wohl, ich brauche heute nicht auf ihn zu warten. Soll ich jetzt lachen? Natürlich warte ich trotzdem. Um acht, um neun, um zehn. Vielleicht ruft er ja gar nicht an, er weiß ja, dass ich zuhause bin. Obwohl er das eigentlich nie macht. Und einen Schlüssel hat er auch.
Bin mal wieder total gefrustet, näher am Heulen als am Lachen. Aber immer noch mit Hoffnung, ich lerne es wohl nie.
Also noch schnell duschen und ab ins Bett. Leicht duftend nach Casmir, ein Anflug von Verschwendungssucht, die Flasche kostet fast 20 Eurakel, schlüpfe ich in mein Bett. Es knistert kühl, Ikea-Bettwäsche, reine Baumwolle, leicht gestärkt. Wow, es ist ein Genuss.
Meine Teddys setze ich alle ans Kopfende, nur Charly darf mit unter die Decke. Das ist ein brauner, knubbeliger, abgekämpfter Teddy, der mich schon Jahre begleitet. Tröster meiner einsamen Nächte.
Die Terrassentür lasse ich offen, ein Stückchen wenigstens. Das Fenster öffne ich ganz. Der Mond scheint direkt in mein Schlafzimmer, der Duft des wilden Jasmins bringt mich fast um den Verstand. Wenn das meine Mutter wüsste.
"Hast du keine Angst? So im Erdgeschoss und alles offen?" Nein, ich hab keine Angst. Mir passiert schon nichts. Habe noch Vertrauen in meine Mitmenschen. Manchmal zuviel.
Bin wohl gleich eingeschlafen. Doch irgendetwas hat mich wieder aufgeweckt. Leise, tappende Geräusche. Er! Endlich!
Eine zarte Berührung, etwas streicht zärtlich über meine Haare. Schnelle, heiße, feuchte Küsse wandern über meine Augen, streifen die Nasenspitze, ver-weilen kurz auf meinen Lippen. Wandern über meine Ohren, saugen sich fest an der pulsierenden Stelle am Hals. Ich wage kaum Luft zu holen, will ihm noch nicht zeigen, dass ich wach bin. Sein Atem dicht an meinem Ohr lässt mich erschauern, Wellen der Erregung ziehen durch meinen Körper, die Sehnsucht nach ihm wird fast schmerzhaft. Ich spüre seine dichten Haare auf meinem Brustansatz, langsam, lasziv, genüsslich streift sein Mund über meinen Busen, ich spüre seine Zähne an meinen Brustwarzen. So viele Jahre und noch immer stehe ich bei der kleinsten Berührung in Flammen. Das Gefühl der Liebe schlägt über mir zusammen, ich könnte ohnmächtig werden vor Lust. Ohne die Augen zu öffnen, sehe ich sein Gesicht. Kann seinen Blick spüren, der jetzt nichts mehr verbergen kann. In dem ich nur noch Wärme und Liebe sehe, der ganz eintaucht in meine Seele. Spüre, wie seine Lippen zittern, wie er alles Belastende abstreift, nur noch genießt, sich ganz in unsere Welt der Gefühle fallen lässt.
Sein Kopf liegt schwer auf meinem Schoss. Leises Atmen zeigt mir, dass er schläft. Dieses Glück schmerzt, diese Liebe lässt mich weinen. Ich will ihn halten, ihn dicht bei mir spüren, Haut an Haut, Herz an Herz. Jetzt könnte ich sterben. Auf dem höchsten Punkt des Glücks und der Lust. Nichts anderes brauche ich mehr, meine Welt ist komplett.
Fest greife ich in seine Haare, will ihn dichter an mich heranziehen.
Fauchend und kratzend springt etwas von mir weg. Entsetzt suche ich den Lichtschalter, die plötzliche Helligkeit tut meinen Augen weh.
"Paul, du Miststück, was hast du hier in meinem Bett zu suchen? Elendes, rotes Teufelsvieh!"
Der Kater Paul, so ein Frechdachs. Ich hätte wohl doch das Fenster schließen sollen.
[Dieser Beitrag wurde am 14.07.2006 - 22:20 von Minotaurus aktualisiert]
Signatur Wenn dein Pferd tot ist, steig ab!
(Indianerweisheit) |
Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 15.07.2006 - 02:16 |  |
Athene schrieb
Diese erwähnte Kritik würde ich selbst mal gerne lesen, wo steht die? |
Hallo "Tante" Athene,
wenn Du mir versprichst, es nicht weiter zu erzählen , werde ich es Dir verraten:
Es war ein Zitat der Pythia aus dem Orakel von Delphi! 
Zur Erklärung:
Das Orakel von Delphi war dem Apollon geweiht und gilt als das wichtigste Orakel im antiken Griechenland.
Als Medium des Gottes diente die Pythia, die als einzige Frau den Apollon-Tempel betreten durfte. Das Amt der weiblichen Priesterin geht wahrscheinlich noch auf den alten Kult der Erdgöttin Gaia zurück. Die Pythia versetzte sich wahrscheinlich durch die Inhalation von ethylenhaltigen Gasen, die aus einer Erdspalte austraten, in Trance. Interpretiert wurden ihre Worte von den Oberpriestern des Apollon.
Das Orakel entwickelte einen beträchtlichen Einfluss im gesamten Griechenland und wurde vor allen wichtigen Unternehmungen (z.B. Kriege, Gründung von Kolonien) befragt. Damit entwickelte sie sich zu einem bedeutenden politischen Faktor.
Der Historiker Herodot berichtet, dass der lydische König Krösus das Orakel von Delphi befragte, bevor der 546 v. Chr. gegen den Perserkönig Kyros II. ins Feld zog. Von der Antwort, er werde ein großes Reich zerstören, ermutigt wagte Krösus den Angriff, unterlag aber. Die Weissagung war nicht auf das Perserreich, sondern auf sein eigenes bezogen.
Da vor wenigen Tagen ein sehr wichtiges Ereignis für diese Plattform bevorstand, habe auch ich dieses Orakel befragt und es hat mir die obengenannte Auskunft gegeben.
Und wie Du weißt, hat das Orakel immer Recht!
Ich hoffe, daß ich damit Deine Frage zu Deiner Zufriedenheit beantwortet habe? 
Orakelhafte Grüße vom Minotaurus. 
Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |