johnnyrebel  Moderator a.D.
 

Status: Offline Registriert seit: 12.09.2006 Beiträge: 242 Nachricht senden | Erstellt am 10.09.2007 - 20:42 |  |
Sooo,
damit dann mal wieder den Anschluss finde, stelle ich hier auch mal wieder eine Geschichte ein. Hmmm, und warum gerade unter Nachdenkliches? Nun, weil ich, völlig aus dem Stegreif, etwas schreiben wollte, was nicht bestimmend auf ein Thema hinweisen, nichts darstellend Psychopatisches sein sollte, sondern nur eine düstere Szenerie ohne richtungsweisenden Zielpunkt wiederspiegeln sollte. Kurz und knapp gesagt, ich hab geschrieben, und das kam dabei heraus *lach*
das Johnny
Lifetime
Das Gebäude war miserabel belüftet. Die Luft, sofern man die wabernden Schwaden als Luft bezeichnen konnte, bestanden einzig aus einer Mischung von Urin, angesaugten Abgasen und einem grossen Restbestand an Kohlenmonoxid und obwohl ihm übel war, beobachtete er seine Reflexion in dem halbblinden Spiegel. Eigentlich doch völlig gesund, blickte ihm ein hohlwangiges und graues Gesicht entgegen. Von der einstigen, gut durchbluteten und gebräunten Haut schien nichts mehr übrig geblieben zu sein. Dunkle und weiß-graue Bartstoppeln zierten sein eingefallenes Gesicht und stumpfe, fast schon tote Augen, blickten ihm rastlos entgegen.
Leicht hob er sein Gesicht in den fahlen und flackernden Lichtstrahl, den eine vergilbte Lampe von der Decke in die Einöde des Lebens verstrahlte. Noch vierundfünfzig Kilo, schoss es ihm durch den Kopf. Von einstigen sechsundachtzig Kilo der leidliche Rest, der ihm geblieben war. Erstaunt sah er an sich herunter. Doch noch immer schien sein Körper durchtrainiert und nicht abgemagert. Doch er hatte keinen Hunger. Oder besser gesagt, eigentlich wollte er auch gar nicht mehr Essen. Vielleicht höchstens nur noch seine Sinne betäuben, wie, war ihm selber weder bewusst, noch machte er sich Gedanken darüber. Das Leben hatte jedes Geheimnis offenbart, jeder Dreck und Schmutz zeigte sich in den tiefen Linien seines Gesichtes. Er stellte erneut den Blickkontakt zu sich her.
‚War er verbraucht’, fragte er sich? Irgendwie spürte er noch eine Verbindung zu einer Ebene, die tief in seinem Inneren den letzten Aufstand probte. Sein Blick fest auf den Spiegel gerichtet, blickte er doch in die unendliche Leere. Seine Ideen waren vernichtet, sein Mut gelöst. Es gab nichts mehr zu teilen, nichts mehr zu sehen und schon gar nichts mehr zu erfassen oder zu entdecken. Das Wissen bereits verloren im Nebel des Vergangenen und der Glauben ans Kreuz genagelt, längst vermodert. Schweiß strömte an seinem Körper herunter und er leckte sich über die spröden, aufgesprungenen Lippen.
Draußen schien erbarmungslos die Sonne, als wolle sie alles Leben vernichten, welches sich unter ihren Strahlen krümmte. Heißer Wind pfiff durch die kleinen Luken und der Ammoniaknebel setzte sich auf seinen Lippen fest. Er spürte den Geschmack fremden Urins auf seiner Zunge. Der Geschmack fraß sich durch, beginnend in seiner Kehle, bis er tief in seinen Eingeweiden wühlte. Erneute Übelkeit überkam ihn. Und überall eine gnadenlose Stille, die ihn umgab. Er begann zu zittern und streckte sich selber die Zunge entgegen. Dann spürte er schon den Würgereflex.
‚Nur nicht nachgeben’, dachte er bei sich. Würgend schluckte er seine Wut mitsamt dem aufkommenden Mageninhalt hinunter. ‚Einfach stehen bleiben’, dröhnte es in seinem Kopf, ‚was sollte denn noch geschehen können?’ Er griff nach unten zu der fast glühenden Dose mit irgendeinem verfluchten Bier, dessen Namen er nicht lesen konnte. Doch wozu auch, brachte es ihn doch einen Schritt näher dem, worauf er insgeheim hoffte. Gurgelnd fühlte er die heiße und schäumende Flüssigkeit seine Kehle herabrinnen. Dann folgte, was nicht ausbleiben durfte. Sein Magen rebellierte erneut.
Die ihm eigene Selbstbeherrschung ließ ihn so stehen, wie er seit ewigen Zeiten schon so vor dem Spiegel stand, aufrecht und ungebrochen. Eigentlich sollte er nachgeben, sich dem eigenen Willen beugen. Doch das Adrenalin schoss mit so urplötzlicher Wucht in seinen Körper, dass er meinte, zu explodieren. Ein Zittern durchlief seinen Körper und der Schmerz wühlte in seinen Eingeweiden. Tief holte er Luft. Nicht, weil er es wollte. Er konnte einfach nicht anders. Wogen durchliefen wie wellenartige Geschosse durch seinen Körper. Dann zerbrach auch der letzte Wille. Der Schmerz war überwältigend. Seine Lungen saugten sich durch den Schmerz bedingt voll mit heißer, stinkender Luft. Hart prallte er mit dem Gesicht auf das Waschbecken und anschließend mit dem Hinterkopf auf die Fliesen. Blut schoss aus seiner Nase und nach ein, zwei Krampfanfällen beruhigte sich sein Magen und sein Wille gewann wieder die Oberhand.
Langsam setzte er sich auf, verkreuzte die Beine und beobachtete teils belustigt, teils erstaunt, die rote Soße, die aus seiner Nase schoss. ‚Mann, was war das heute wieder alles verkorkst!’ Mit der anderen freien Hand betastete er die Beule an seinem Hinterkopf. Wenigstens dort war alles heil, stellte er befriedigt fest. Doch gleichzeitig schalt er sich einen Narren. Denn was war gut daran?
Er richtete sich etwas auf und ergriff mit beiden Händen das völlig verdreckte Waschbecken. ‚Das wenigstens will ich noch sehen’, und zog sich mit beiden Händen ruckartig auf die Beine. Mit einem lauten Knall riss das Becken aus der total verrosteten Halterung und zersprang in einige große und viele kleine Teile direkt vor seinen Füssen. Dem inneren Instinkt folgend machte er einen Ausfallschritt und kam kurzfristig ins Rutschen. ‚Nicht das Leben bringt mich um, sondern mein eigen Schweiß und Blut.’ Grinsend fing er sich schließlich, rutschte noch etwas in dem glibberigen Gemisch unter seinen Schuhen wie ein kleines Kind hin und her, bis ihm auch das zu langweilig wurde. Die Nase hatte eh aufgehört, zu bluten.
Noch einmal begutachtete er sich in dem Spiegel, betaste seine leicht lädierte Nase, die sich aber nicht gebrochen anfühlte und dann griff er zum Wasserhahn, der einsam und allen Widrigkeiten zum Trotz die letzten Jahre überstanden hatte. Mit einiger Kraftanstrengung gelang es ihm, den verkalkten Wasserhahn zu öffnen. Und wie zum Hohn, gurgelte es einige Male, dann schoss eine braune, gallertartige Masse aus dem Rohr. Zweimal spritzte er sich die Flüssigkeit ins Gesicht, dann reichte es auch ihm. Er wischte sich den Schmutz aus dem Gesicht, grinste sich noch einmal zu, drehte sich wild rutschend um und wusste, er würde auch heute wieder überleben.
Langsam öffnete er die Tür, starrte einen Moment mit blinzelnden Augen in das gleißende Licht, welches ihn mit voller Wucht traf. Dann trat er heraus, um schließlich die stinkende Luft des Raumes mit der gleichen Luft der Welt tief und aufrecht in seine Lungenflügel einzuatmen, während sich knarrend die Tür hinter ihm und einem anderen Leben ab jetzt für immer verschloss.
[Dieser Beitrag wurde am 13.09.2007 - 21:14 von johnnyrebel aktualisiert]
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