Ciriel Vize-Administrator
            

Status: Offline Registriert seit: 25.02.2008 Beiträge: 914 Nachricht senden | Erstellt am 26.02.2008 - 13:11 |  |
44 His last Bow
Heute widmen wir uns der letzten Geschichte aus "His Last Bow", nach der die Sammlung der Kurzgeschichten auch benannt ist: "His Last Bow / Seine Abschiedsvorstellung" (1917).
http://www.sherlockian.net/canon/stories/last.html
Holmes übernimmt das letzte Mal einen Fall und erweist Grobritannien einen Dienst. Allerdings ist es ein gefährliches Fall in internationalen Gewässern, da es um den drohenden Krieg geht. Sogar Watson ist am Ende dabei. Viel mehr läßt sich zum Inhalt der Geschichte eigentlich gar nicht sagen (jedenfalls nicht, ohne zu viel zu verraten).
Am besten gefällt mir die Illustration von A Gilbert namens "'Curse you...'"
Das Mauskript der Geschichte befindet sich in der Hand eines privaten Sammlers.
Als die Geschichte zuerst veröffentlicht wurde, trug sie den Zusatz zum Titel "The War Service of Sherlock Holmes". Möglicherweise liegt dieser Geschichte eine Art von Prolog zugrunde: Arthur Conan Doyle hatte 1916 die britischen Frontlinien im ersten Weltkrieg besucht. Dort fragte ihn jemand, was denn Sherlock Holmes für sein Land tun würde. Conan Dyole Antwort war recht kurz und eindeutig: "He's too old to serve." ("Er ist zu alt, um im Militär zu dienen.").
Wie sich herausstellte, war Holmes doch noch nicht zu alt - zum Glück! -, sein Dienst sah nur einfach ein wenig anders aus, war aber nicht minder gefährlich.
Diese ist der erste von mehreren Fällen, der nicht Watsons (Schreib-) Perspektive widerspiegelt, sondern in der dritten Person verfaßt ist. Warum das so ist, hat schon viele Geister beschäftigt. Vielleicht deswegen, weil Watson im Großteil der Geschichte nicht anwesend ist (anders als bisher)? D. Dakin macht allerdings den Vorschlag, dass es doch Watson gewesen sein könnte, da er in "Thor Bridge" schreibt, dass Holmes bereits Fäll löste, bevor er ihn kennenlernte, bei anderen Fällen war seine Beteiligung nur sehr gering. Es wäre immerhin nachvollziehbar, würde er bei solchen Fällen die dritte Person wählen, um größere Distanz auszudrücken.
Was dann wiederum die Frage aufwirft: Wer ist der Autor der Geschichte, wenn es nicht Watson ist? Die Vorschläge reichen von möglich bis zu mehr als unwahrscheinlich. Mycroft besaß genug Kontakte und Verbindungen zur Regierung, um in die wirklichen Vorgänge eingeweiht zu sein. Ob er die Geschichte geschrieben hat?
Andere Vorschlage beinhalten Watsons zweite Frau, Holmes selbst oder sogar den nur selten erwähnten Pagen Billy (!).
Auch nach über 30 Jahren Freundschaft reden unsere beiden Helden sich nur mit dem Nachnamen an! Es scheint, dass sich alte Gewohnheiten nicht so schnell ablegen lassen.
Gerne wird angenommen, dass es sich bei der Haushälterin Martha eigentlich um Mrs. Hudson handelt. Allerdings halte ich das für zweifelhaft. Ihr Vorname wird nie im gesamten Kanon erwähnt, und die Geschichte selbst bieten nicht den kleinsten Hinweis, dass sie es auch nur sein könnte.
Ein wenig Ironie wurde gestrichen. Als es heiißt, dass der Botschafter weggefahren ist, antwortet Holmes mit "I know. His car passed ours." ("Ich weiß. Sein Wagen hat unseren gekreuzt."). Im Manuskript heißt es weiter. [I]"But for your excellent driving, Watson, we should have been the very type of Europe under the Prussian Juggenaut." (etwa "Durch Ihre exellente Fahrweise, Watson, wären wir fast unter die Räder gekommen, wie Europa unter den Preußischen Moloch." - sorry, gibt das Ganze nicht wirklich gut wieder). Also hat es wohl beinahe einen Unfall gegeben. Wie man sieht, hat Holmes auch im neuen Jahrhundert seinen Sarkasmus nicht verloren. Watson ist allerdings auch noch genauso friedfertig und geht anscheinend über die Spitze hinweg. Wie sagt man so schön? Business as usual!
Die beiden haben sich lange nicht gesehen. Eigemtlich kann (und will) ich mir das gar nicht richtig vorstellen. Es klingt fast ein wenig, als hätten sie sich aus den Augen verloren.
Holmes' Schauspielkünste haben auch nicht gelitten, wie es aussieht. Nicht nur gibt er sich als (anglo-irischer) Amerikaner der USA aus, er er redet jedenfalls ganz so wie ein Yankee. Das wird im Original noch deutlicher als in der Übersetzung. Letztere trägt dem jedenfalls auch gekonnt Rechnung, indem der gute Altamon z. B. von "[eine] Nummer abziehen" oder von "Piepen" spricht. Ein Brite, der etwas auf sich hält, würde so etwas nie sagen!
Hat Mycroft seinen Bruder der Regierung (erneut) empfohlen? Immerhin erzählt Holmes Watson ja, dass sogar der Premierminister bei ihm vorstellig wurde.
Man gestatte mir zu dieser Geschichte einen nachdenklichen Epilog:
Obwohl nicht schlecht, finde ich diese Geschichte doch immer wieder deprimierend. Sie ist geprägt von Abschieden und einer gedrückt-traurigen Stimmung. Sicher ist das passend, immerhin befinden wir uns am Vorabend des ersten Weltkrieges. Aber glücklich macht es mich nicht. Holmes abschließender Kommentar über den aufkommenden Ostwind läßt mich doch jedes Mal schlucken. Immerhin ist klar, was passiert ist, da die Geschichte erst 1917 aufgeschrieben wurde. Das waren drei sehr bittere Jahre! Selbst, wenn wir wissen, daß wohl beide Herren den Krieg überlebt haben.
Abgesehen vom setting der Geschichte stimmt mich auch sehr nachdenklich, daß wir es hier mit Holmes' letzten (kanonischen) Auftritt zu tun haben. *sniff* Eine Ära geht zu Ende, und das in mehreren Aspekten!
Ob die beiden sich noch mal wiedergesehen haben?
Ich möchte es hoffen! Denn was Holmes und Watson angeht, möchte ich es doch lieber mit dem (dichterischen) Grundsatz von Herrn V. Starret halten: "Im Herzen ist immer 1895!"
Mehr möchte ich dazu im Augenblick gar nicht sagen. Und wer nun nicht weiss, was ich meine:
[I]"Here dwell together still two men of note
Who never lived and so can never die:
How very near they seem, yet how remote
That age before the world went all awry.
But still the game's afoot for those with ears
Attuned to catch the distant view-halloo:
England is England yet, for all our fears-
Only those things the heart believes are true.
A yellow fog swirls past the window-pane
As night descends upon this fabled street:
A lonely hansom splashes through the rain,
The ghostly gas lamps fail at twenty feet.
Here, though the world explode, these two survive,
And it is always eighteen ninety-five.[/I]
Nächste Woche geht es um "The Illustrious Client / Der berühmte Klient" (1924).
Signatur "Nanna nenn' ich Nökkvis Tochter..." |
Wiggins Administrator
              

Status: Offline Registriert seit: 25.02.2008 Beiträge: 1445 Nachricht senden | Erstellt am 02.05.2009 - 19:16 |  |
Ciriel schrieb
Gerne wird angenommen, dass es sich bei der Haushälterin Martha eigentlich um Mrs. Hudson handelt. Allerdings halte ich das für zweifelhaft. Ihr Vorname wird nie im gesamten Kanon erwähnt, und die Geschichte selbst bieten nicht den kleinsten Hinweis, dass sie es auch nur sein könnte. |
Das sehe ich ganz anders. Holmes hat Martha bei von Bork als Haushälterin eingeschleust bzw. ihm empfohlen. Weil es um die Sicherheit des Empires geht, wird er dazu nicht jede x-beliebige Person genommen haben, sondern jemanden dem sein absolutes Vetrauen gilt und die nicht die Nerven verliert, wenn sie mit Verbrechern zu tun bekommt. Dieses absolute Vertrauen muß schon 1912 vorhanden gewesen sein, denn er war seit dieser Zeit in Amerika als Mr. Altamont unterwegs. Zwischen seinem Rückzug in die South Downs bis zu seinem Agenteneinsatz liegen 9 Jahre. Eine lange Zeit während der Holmes durchaus eine alte Dame kennen gelernt haben könnte, der sein absolutes Vetrrauen gehört. Doch wie wahrscheinlich ist das, gerade wenn man bedenkt wie zurückgezogen Holmes lebt? Auf eine solche Person gibt es nicht den geringsten Hinweis, auch nicht in Die Löwenmähne (1909). Mrs. Hudson hingegen genießt ein solches Vertrauen und hält große Stücke auf ihren ehemaligen Untermieter. Auch mit dem Alter könnte es durchaus hinkommen. Mrs. Hudson wurde immer als "älter" beschrieben, aber niemals als "alt". Wäre sie 20 Jahre älter als Holmes, eine Zeitspanne die durchaus den Begriff "älter" rechtfertigt, wäre sie zum Zeitpunkt von Seine Abschiedsvorstellung ca. 80 Jahre alt. Dies verträgt sich mit der spärlichen Beschreibung von Martha.
Es muß zwar so nicht sein, aber ich finde es deutet doch recht viel darauf hin das es Mrs. Martha Hudson ist. 
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Moritza  Stanley Hopkins
    

Status: Offline Registriert seit: 25.02.2008 Beiträge: 661 Nachricht senden | Erstellt am 02.05.2009 - 22:32 |  |
Es wäre auch nicht das erste Mal, dass Holmes sich Mrs. Hudsons bedient und sie einer gewissen Gefahr aussetzt. Genau wie sie in EMPT zwanzigminütig die Wachsbüste zu bewegen hatte.
Allerdings kann ich in der Geschichte selber ebenfalls keinerlei Hinweise erkennen, dass es sich tatsächlich um Mrs. Hudson handelt.
Es ist alleine schon sehr befremdlich, wenn Holmes sie Martha nennt, auch wenn sie eine langjährige Konstante in seinem Leben darstellt. Gerade auch, wenn sie die Haushälterin in den South Downs war.
Sollte sich so eine Vertraulichkeit zwischen ihnen eingestellt haben, dann müsste sie ihn zumindest auch Sherlock nennen dürfen - immerhin ist sie die ältere von den beiden.
Man könnte dies natürlich mit der Unwissenheit des Autors begründen. 
Nein, irgendetwas stimmt nicht, er spricht sie mit Vornamen an, sie knickst vor ihm und würde er tatsächlich so weit gehen eine 80-jährige in die Höhle des Löwen zu schicken. Ich kann es mir nicht vorstellen.
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