Ciriel Vize-Administrator
            

Status: Offline Registriert seit: 25.02.2008 Beiträge: 918 Nachricht senden | Erstellt am 26.02.2008 - 13:09 |  |
Wieder eine Woche herum! Zeit für eine neue Leserunde. Diese Woche beschäftigen wir uns mit alleinstehenden Damen, seltsame Reisegefährten und einem ungwöhnlichem Sarg... anders gesagt mit "The Disappearence of Lady Frances Carfax / Das Verschwinden von Lady Frences Carfax" (1911).
http://www.sherlockian.net/canon/stories/lady.html
Lady Frances Carfax scheint seit einiger Zeit verschwunden zu sein und ihre Familie macht sich Sorgen, wo sie geblieben ist. Da sie alleinstehend ist, könnte ihr alles mögliche zugestoßen sein. Holmes schickt Watson auf den Kontinent, um Nachforschungen anzustellen. Dabei stellt sich nicht nur heraus, dass die Lady von einem seltsamen und offensichtlich auch gewaltätigen Mann verfolgt wird. Sie flieht vor ihm und schließt sich den Shlessingers an, die zurück nach London reisen. Dort scheint sie jedoch wie vom Erdboden verschluckt...
Am besten gefallen haben mir die Bilder "We have him! ..." und "Holmes half drew..." von Alec Ball sowie F. D. Steele's "Quick, man, quick! ...."
Das Manuskript der Geschichte befindet sich in den Händen eines privaten Sammlers.. Dort hieß Lady Frances noch "Lady Mary".
Die Einleitung der Geschichte ist wieder einmal recht typisch: Holmes verblüfft Watson mit einer Deduktion (warum er ins türkische Bad gegangen sei statt ins englische), die er ihm anschließend erklärt. Wobei ich mich frage: Natürlich ist es schon unwahrscheinlich, daß Watson beim Schuster war, wenn die Schuhe nagelneu sind. Aber er könnte sich doch einfach auch noch ein paar Schuhe gekauft haben. Aber naja, wollen wir mal nicht kleinlich sein.
Watson bemerkt, daß er sich rheumatisch und alt gefühlt habe (""Because for the last few days I have been feeling rheumatic and old."). Glaubt man der zeittafel, war er um die Zeit, als der Fall stattfand, etwa 50 Jahre alt und hatte laut der durchschnittlichen Lebenserwartung noch etwa 20 Jahre zu leben (heute sind es etwa noch 33). Es kann also gut sein, dass er sich das nicht nur eingebildet hat.
Im englischen Original heißt der Ort, wohin die Lady flieht, tatsächlich Baden. Das wurde in der Haffmanns-Ausgabe als "Baden-Baden" übersetzt. Tatsächlich spricht einiges dafür, daß tatsächlich diese Stadt gemeint ist. Allerdings gibt es auch in der Schweiz ein Baden.
Holmes scheint irgendwie schlechter Laune zu sein. Sein ”... and if my humble counsel can ever be valued at so extravagant a rate as two pence a word, it waits your disposal night and day at the end of the Continental wire." ("... und wenn Ihnen mein bescheidener Ratschlag je den horrenden Preis von zwei Pence pro Wort wert sein sollte, so steht er Ihnen am anderen Ende des Kontinentalkabels Tag und Nacht zur Verfügung.") klingt unnötigerweise ironisch. Man kann sagen, was man will, aber in ""The Dying Detective / Der Detektiv auf dem Sterbebett" hatte Holmes immerhin einen Grund, Watson zu kränken - hier erscheint das völlig sinnlos.
Auch später reagiert er mit einem spöttischen Unterton, der fast genervt klingt. Watson schreibt von half-humorous commendation ("ironisch gefärbte Lobesworte"), und das nur,m weil Watson ihm getreulich alles berichtet, was er herausgefunden hat. Dafür hätte er meiner Meinung nach ein ehrliches Lob verdient! Bewundernswert, daß er darüber einfach hinweggeht. Das, obwohl er gute Arbeit geleistet hat: Er hat die Lady aufgespürt, ist ihr gefolgt und konnte ihren Begleiter identifizieren - wieviel mehr hätte er noch tun sollen? Machnmal scheint Holmes zu viel zu erwarten.
Darum gleich die Frage anbei? Warum ist Holmes nach Montpellier gereist? Er wußte zu der Zeit bereits, daß er eher in London nach der Lady suchen sollte. Warum also die weite Reise? Er wollte doch hoffentlich nicht nur Watson überraschen?
Was die legale Hausdurchsuchung angeht, sieht man einmal, dass Holmes durchaus brutal werden kann, wenn er etwas will und man ihn nicht läßt. Er macht sich aber nach dem Ziehen der Waffe über den aufgebrachten Hausherren auch noch lustig und antwortet "vergnügt" ("cheerfully"), daß die Waffe reichen müsse, bis ein besser Durchsuchungsvefehl komme ("This [die Waffe] will have to serve till a better one comes.". Auch Watson beweist wieder einmal Nerven. Glück für die beiden, dass die herbeigerufene Polizei sie kennt und sie sich nicht verantworten - sondern nur gehen - müssen.
Das mit dem "doppelten" Sarg ist an sich gar keine dumme Idee. Allerdings wurde die rechnung ohne den Meisterdetektiv gemacht, dem unbewusst schon beim ersten Ansehen die ungewöhnlichen Maße auffielen. Allerdings: Wo kommen so schnell die Schraubenzieher her? Holmes muss sie sich ja noch eilig in die Tasche gesteckt haben...
Nächste Woche scheint der Teufel ein Auge auf eine kleine Gemeinde in Cornwall geworfen zu haben. Jedenfalls passieren mehrere, unerklärliche Morde. Dann sprechen wir über "The Devil's Foot / Der Teufelsfuß" (1910)!
So, das soll es für diese Woche auch schon gewesen sein. Legt Euch lieber zur Sicherheit einen Schraubenzieher zurecht - den kann man immer gut gebrauchen, wie es scheint. 
[Dieser Beitrag wurde am 26.02.2008 - 13:10 von Ciriel aktualisiert]
Signatur "Nanna nenn' ich Nökkvis Tochter..." |
Wiggins Administrator
              

Status: Offline Registriert seit: 25.02.2008 Beiträge: 1445 Nachricht senden | Erstellt am 26.02.2008 - 17:40 |  |
Ciriel schrieb
Man kann sagen, was man will, aber in "The Dying Detective / Der Detektiv auf dem Sterbebett" hatte Holmes immerhin einen Grund, Watson zu kränken - hier erscheint das völlig sinnlos. |
Ich finde das gehört zu Holmes seinem exzentrischen Gehabe. Ohne dies würde irgendetwas fehlen.
Ich bin auch sicher das er weiß wie weit er bei Watson gehen kann. Überspannt er den Bogen, entschuldigt er sich ja auch.
Ciriel schrieb
Das, obwohl er gute Arbeit geleistet hat: Er hat die Lady aufgespürt, ist ihr gefolgt und konnte ihren Begleiter identifizieren - wieviel mehr hätte er noch tun sollen? |
Natürlich den Fall lösen! Immer tut er so als ob er keine Ahnung hätte - dabei wissen wir seit Genie und Schnauze doch, wer das wahre Genie ist - und läßt den armen und völlig überarbeiteten Holmes die Hauptarbeit erledigen, während er selbst bequem im Sessel den Fall romantisiert. Und wenn Holmes sich nach anstrengender arbeit dann mal mit ein bißchen Kokain entspannen will, meckert der Doktor schon wieder rum.
Aber jetzt wieder etwas ernsthafter:
Ciriel schrieb
Machnmal scheint Holmes zu viel zu erwarten. |
Manchmal habe ich den eindruck er erwartet von anderen ebensoviel wie von sich selbst, übersieht dabei aber das nicht jeder eine solche Geistesgröße sein kann.
Ciriel schrieb
Was die legale Hausdurchsuchung angeht, sieht man einmal, dass Holmes durchaus brutal werden kann, wenn er etwas will und man ihn nicht läßt. Er macht sich aber nach dem Ziehen der Waffe über den aufgebrachten Hausherren auch noch lustig und antwortet "vergnügt" ("cheerfully"), daß die Waffe reichen müsse, bis ein besser Durchsuchungsvefehl komme |
Wie ich schon einmal bemerkte: Holmes ist gar nicht so gut wie er angesehen wird, sondern bedient sich auch krimineller Methoden - und zieht Watson mit hinein. Und meinte er nicht selbst in einer Geschichte das London erzittern würde, wenn er auf der anderen Seite stünde?
Ciriel schrieb
Wo kommen so schnell die Schraubenzieher her? Holmes muss sie sich ja noch eilig in die Tasche gesteckt haben... |
Wer ein Meisterverbrecher in spe ist hat soetwas doch dabei ...
Dieser Fall ist übrigens eingebettet in das Pastiche Der Fluch von Baskerville von Michael Hardwick. Wer wissen will in welcher Form dies geschieht, der sollte sich das Buch zulegen, das ohnehin sehr empfehlenswert ist.
|
Wiggins Administrator
              

Status: Offline Registriert seit: 25.02.2008 Beiträge: 1445 Nachricht senden | Erstellt am 24.04.2009 - 12:45 |  |
Holmes scheint nicht so ganz auf der Höhe zu sein.
Erst schickt er Watson auf den Kontinent, wobei nicht viel mehr herauskommt, als Informationen die Holmes auch per Telegramm hätte erhalten können. Dann legt er mehr Wert auf Gewalt um sich Zugang zu der Wohnung zu verschaffen, obwohl zu dem Zeitpunkt noch gar keine dermaßene Dringlichkeit besteht. Anstatt selbst zum Yard zu gehen (oder Watson zu schicken) was Lestdrade sicher mehr überzeugt hätte schnell zu handeln, schickt er den unbekannten Mr. Green. Kein Wunder das der Yard sich mit dem Hausdurchsuchungsbefehl so viel Zeit läßt.
Und dann sieht Holmes zwar den viel zu hohen Sarg, braucht aber bis zum nächsten Morgen um zu erkennen das darin zwei Leichen Platz haben.
Gelungen empfand ich den Anfang, als Watson ermittelt. In den meisten Geschichten gehört das eher zu den Teilen die der Klient erzählt, um Holmes den Fall und die bisherigen Ereignisse darzulegen.
|