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Angela ![]() Status: Offline Registriert seit: 01.01.2008 Beiträge: 547 Nachricht senden |
O Glocke! Du hängst am Turm und läutest. ![]() | |||
Angela ![]() Status: Offline Registriert seit: 01.01.2008 Beiträge: 547 Nachricht senden |
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Angela ![]() Status: Offline Registriert seit: 01.01.2008 Beiträge: 547 Nachricht senden |
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Romi ![]() Status: Offline Registriert seit: 31.07.2007 Beiträge: 2175 Nachricht senden |
Heute backe ich 'De lekkerste Lekker' - original | |||
Angela ![]() Status: Offline Registriert seit: 01.01.2008 Beiträge: 547 Nachricht senden |
![]() Beine und Arme sind voll von schlummernden Erinnerungen Diesmal nahm ich mit geschlossenen Augen einen tiefen Schluck von dem Trunk, denn ich begriff: Was ich suchte, war nicht in dem Cappuccino, sondern in mir selbst. Dieser weiß be-haubte Mokka war mein Führer in die Unterwelt und würde mir dabei helfen, den Anker freizurütteln, mit dem die flüchtigen Erinnerungen sich so hartnäckig in den Tiefen meines Bewusst-seins festklammerten. Jetzt redeten wir miteinander, abgeschieden von den anderen. Verborgen hinter den Chrysanthemen und deshalb gewiss, dass niemand sehen konnte, wie töricht ich wirken musste, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und beschloss, sie hier und jetzt um ihre Hand zu bitten, aber kaum öffnete ich den Mund, um zu sprechen, schob sie mir sanft ein Löffelchen voll der köstlichen Creme hinein, und ich schwieg still. Niemals mehr hatte ich mir auf solche Weise Essbares verabreichen lassen, seit meine Mutter mir vor dem Gute-Nacht-Kuss meine Medizin einflößte. Ein Bissen von der göttlichen Kreation, und ich meinte, von einer nie gekannten Beherztheit erfüllt zu werden; ich musste ihr begreiflich machen, was ich fühlte. »Ein Gefühl, wie ich es in diesem Moment verspüre, habe ich noch nie erlebt«, begann ich, aber bevor ich weitersprechen konnte, unterbrach sie mich: »Ich weiß, ich weiß, es geht allen so beim ersten Mal. Das Tiramisu unseres Kochs ist ganz einfach göttlich; Vater schwört, dass es uns vor so mancher internationalen Komplikation bewahrt hat und dass es ohne es niemals möglich gewesen wäre, den Frieden in Europa zu bewahren. Madame Verdurin hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um an das Rezept zu kommen, aber nicht einmal der Herzog von Mailand hat es Vater entlocken können.« So intensiv waren meine Gefühle für sie, dass mich ein Schwindel befiel und ich Gedanken und Gesprochenes durcheinander brachte, bis ich gar nicht mehr wusste, was ich laut gesagt und was ich nur gedacht hatte. Empfand sie etwas für mich? Suchte sie in ihrem eignen Herzen nach dem Pendant der Gefühle, die ich ihr entgegenbrachte. »Ich muss es wissen«, entfuhr es mir unwillkürlich. Ob sie mich nun wirklich missverstand oder es aus Koketterie vorzog, meinen Ausruf in einer Weise zu deuten, die es ihr gestattete, den quälenden Zweifel weiter am Leben zu erhalten, jedenfalls fuhr sie fort: »Und Sie sollen es wissen. Den Anfang macht der Koch stets mit dem Kaffee, frisch und stark soll er sein, aber eisgekühlt, um die Savoi-ardi nicht zu stark aufzuweichen, die kleinen Löffelbiskuits, die wir uns regelmäßig aus Italien schicken lassen. Er dreht und wendet sie in dem Kaffee, bevor er sie als das Fundament seiner Kreation auf den Boden der Schüssel legt. Das Geheimnis ist, dass er dem Kaffee einen Schuss Amaretto beifügt, den er während des ganzen Vorgangs griffbereit hält.« Die Knie wurden mir immer weicher. »Dann nimmt er die Eier und trennt das Eiweiß von den Dottern, die er mit Zucker zu einer weichen Creme verrührt. Das Eiweiß schlägt er zu einem schneeigen Gipfel auf.« Ach, mich von diesem schneebedeckten Gipfel in die Tiefe stürzen zu dürfen! »Darauf vereinigt er die beiden Mixturen«, o selige Vereinigung, »bevor er Löffel für Löffel den Mascarpone und noch einen letzten Schuss Amaretto hinzugibt. Mit diesem cremigen Gemisch übergießt er nun Schicht für Schicht die Löffelbiskuits, bevor er die letzte Cremeschicht durch ein Sieb mit dem Kakaopulver berieselt, so dass kein noch so kleines Fleckchen unbedeckt bleibt.« Bei diesen Worten taumelte ich rückwärts und verlor das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in meinem Bett in Combray, und meine Mutter stupste mich sacht gegen die Schulter. Bei der Berührung ihrer Hand schlug ich die Augen auf. »Verzeihen Sie, Monsieur, aber würde es Ihnen etwas ausmachen, sich an einen kleineren Tisch zu setzen?« Im Eingang stand eine Gruppe junger Mütter mit Kinderwägen, die erwartungsvoll zu mir herüberblickten. Meine Tasse auf dem Tisch war geleert, und ich erhob mich und trat hinaus auf den belebten Pariser Boulevard.Marcel Proust - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ![]() Marcel Proust, geboren 1871 in Auteuil, gilt neben Joyce und Kafka als Begründer der literarischen Moderne. Er führte (schon früh an Asthma leidend) nach Studium (Rechts- und Literaturwissenschaft) und kurzer Tätigkeit in der Bibliotheque Mazarine in Paris ein Salonleben, das nur von Reisen (Trouville, Evian, Venedig) unterbrochen wurde. Sein Leben und eine ganze Epoche resümiert der Roman "A la recherche du temps perdu" (7 Teile, erschienen 1913-27; deutsch "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"). Weder die frühen Prosaversuche noch seine Tätigkeit als Übersetzer und Literaturkritiker deuteten auf ein Werk vom Umfang und Gewicht der "Recherche" hin. Erst die Entdeckung des Romanfragments "Jean Santeuil" (entstanden 1896-1905, 3 Bände, herausgegeben 1952; deutsch) wies das Leben Prousts als kontinuierliche literarische Anstrengung aus. Der Rückzug aus dem sozialen Leben (1905, nach dem Tod der Mutter) in die Einsamkeit im schallisolierten (mit Kork ausgeschlagenen) Zimmer am Boulevard Haussmann machten (seit 1908) die Arbeit an dem Roman zum einzigen Inhalt dieser Existenz. Im März 1922 beendete er das Werk und betrachtete dies als Erfüllung seines Lebens. Marcel Proust starb im November 1922 in Paris. Marcel Proust und das Glück, zu Hause zu sein | |||
Angela ![]() Status: Offline Registriert seit: 01.01.2008 Beiträge: 547 Nachricht senden |
![]() . . . Wir hatten daheim eine alte Brechmühle. Da konnte das Mehl nur grob geschrotet werden, ganz fein ging es nicht mehr. Mutter hat manchmal geschimpft, wenn es zu grob war. Dieser Schrot wurde in Milch eingestreut und durchgedünstet. Oben kam dann Butter drauf, das war unser Frühstück. Aber was wirklich gut zum Essen war, waren am Boden so Krusterl, und um die rauften wir immer. Auch für Knödel, Brot und andere Sachen wurde dieser Schrot genommen, und Vater mußte einige Säcke in die Mühle fahren, dann konnte Mutter mit feinem Mehl mischen, halb-halb war Jausenbrot. Die Wurzerl für die Suppe nur aus Schrot blieben dann bis zum nächsten Tag im Backofen, die waren dann ganz hart. Das schönere Brot sperrte Mutter im Keller eine Weile ein. Ich höre sie noch: „Die essen mir immer alles z'sam." Die harten Laibe waren im Brottruherl. Da nahmen mein Bruder und ich oft, wenn wir neben dem Haus im Wald spielten, ein Wurzerl mit, gaben es auf einen Stock und schlugen mit Holz drauf. Dann ging es auseinander. Wir mußten die Brocken lange im Mund lassen, dann wurden sie weich zum Kauen, aber die waren wirklich g'schmackig. Dazu suchten wir am Waldrand sauren vierblättrigen Klee, wir nannten es damals Vogelspeis. Es heißt, glaub' ich, Sauerklee, und das schmeckte zum harten Brot ganz gut. Auch suchten wir im Sommer alle möglichen Beeren, was wir nur fanden, drückten sie auf ein Stückerl Brot, das war unsere Jause. Flora Gappmeier: "Als ich Kind war" Flora Gappmeier wurde am 27. Juli 1924 auf dem Krennhof in Traning bei Tamsweg (Salzburg) geboren. Sie besuchte sechs Jahre die zweiklassige Volksschule, heiratete 1947 und bekam innerhalb von 17 Jahren zwölf Kinder. Wie ihre Mutter war Flora Gappmeier ihr Leben lang in der Landwirtschaft auf dem eigenen Bergbauernhof tätig. Was ihre Familie an Lebensmitteln benötigte, wurde selbst hergestellt. Kochen mußte sie täglich für 16 Personen, zwölf Kinder und vier Erwachsene. Nachdem Flora Gappmeier 1986 einen Teil ihrer Kindheitserinnerungen in der österreichischen Zeitschrift „Frauenblatt" veröffentlicht hatte, die damals einen Schreibaufruf unter dem Motto „Als ich ein Kind war" veranstaltete, schrieb sie auf Bitte einer Mitarbeiterin der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen in Wien ihre Lebenserinnerungen nieder. http://www.wirgratulieren.at/index.php?kid=8&zzid=47 Brotrezepte und mehr | |||
Angela ![]() Status: Offline Registriert seit: 01.01.2008 Beiträge: 547 Nachricht senden |
![]() ![]() Mysterien auf Ceylon Michelle de Kretser: "Der Fall Hamilton", Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2006, 349 S. Zur Autorin: Michelle de Kretser wurde in Colombo, Sri Lanka geboren. Ihre Familie emigrierte nach Australien, als sie vierzehn war. Sie studierte in Paris und arbeitete für mehrere Jahre als Lektorin. Zur Zeit lebt sie in Melbourne, Australien. In ihrem zweiten Roman "Der Fall Hamilton" erzählt Michelle de Kretser eine Geschichte, die im kolonialen Ceylon beginnt und im unabhängig, wenn auch nicht frei gewordenen, Sri Lanka der 70er Jahre eine scheinbare Auflösung erfährt. Der Romanheld ist ein Möchtegern-Dazugehörer, der am Ende einsehen muss, dass er ein Spielball mächtiger Interessen ist. Von Romanen, über die es heißt, ihre Handlung sei in einer Rezension nur schwer nachzuerzählen, schwebt normalerweise ein nicht ganz unbegründeter Verdacht: Entweder ist die Geschichte derart handlungsarm oder im Gegenteil nur so zugeklatscht mit marionettenhaft auf- und abtretendem (Familien-)Personal. In dieser Hinsicht jedoch können die Leser von Michelle de Kretsers Roman "Der Fall Hamilton" beruhigt sein: Die in Colombo geborene und in Melbourne lebende Schriftstellerin, welche auf dem Autorenfoto des Verlages mit ihren zwei Zöpfen einer srilankischen Ausgabe von Pippi Langstrumpf ähnelt, hat für ihr Buch nicht nur den renommierten "Commonwealth Writers Prize", sondern auch den renommierten "Encore Award" erhalten, eine Auszeichnung, die einem gelungenen Zweit-Roman gilt. Michelle de Kretser kennt folglich das literarische Handwerk genug, um zu wissen, dass ein "wirklich passiertes" Geschehnis und ein exotisches Ambiente allein noch kein Qualitätsmerkmal darstellen müssen. hier geht es weiter »Dieser Roman kann ohne Übertreibung als echte Entdeckung bezeichnet werden. ...« (Wiener Zeitung, 2.12.2006) »... Der Roman ist eine fabelhaft erzählt Familiengeschichte von politischer Dimension und zugleich des Psychogramm eines Mannes, der glaubt, durch völlige Anpassung der Unterdrückung entgehen zu können.« (Aachener Zeitung, 07.10.2006) Bezugsquelle | |||
Angela ![]() Status: Offline Registriert seit: 01.01.2008 Beiträge: 547 Nachricht senden |
![]() ![]() Albert Camus, geboren am 7. November 1913 als Sohn einer Spanierin und eines Elsässers in Algerien, studierte von 1933 bis 1936 an der Universität Algier Philosophie. 1934 trat er der Kommunistischen Partei Algeriens bei, brach jedoch drei Jahre später mit der KP. 1940 zog er nach Paris, 1957 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er starb 1960 bei einem Autounfall. Leseprobe Eines Tages tauchen die Ratten auf in Oran, einer beliebigen, nichtssagenden Stadt an der algerischen Küste. Erst wird dieses Phänomen nicht ernst genommen. Doch täglich kommen mehr dieser großen Nager an die Oberfläche - einzig, um hier zu sterben. Die Stadt kommt kaum noch nach, sie alle wegzuschaffen, zu verbrennen. Doch dies ist nur das erste Anzeichen; plötzlich erkranken Menschen an hohem Fieber, begleitet von schmerzhaften Beulen - und sterben innerhalb kurzer Zeit. Die Pest, tot geglaubt, hat in Oran Einzug gehalten. Als feststeht, dass es sich tatsächlich um diese höchst ansteckende Seuche handelt, wird die Stadt von der Außenwelt abgeriegelt, Wachposten sorgen dafür, dass niemand die Krankheit in die restliche Welt trägt. Der Arzt Rieux, dessen Frau kurz zuvor zur Auskurierung ihrer Lungenkrankheit weggefahren war, kümmert sich aufopfernd um die Kranken. Als einer der ersten hatte er den Ernst der Lage erkannt und für die Ausrufung des Notstands plädiert. Andere hingegen stellen all ihr Streben nur danach, aus der Stadt hinauszugelangen. Rambert, der eigentlich nur zufällig zu diesem Zeitpunkt in Oran war, empfindet sich als nicht zugehörig; zumindest ihm, so ist er der Meinung, sollte die Ausnahmegenehmigung erteilt werden, nach Paris zurückzukehren. Grand, der kleine Beamte, der ewig benachteiligte, leistet treu und redlich auch hier seine Dienste, führt die Statistiken - und flüchtet danach zurück zu seiner eigentlichen Berufung, dem Buch das er schreiben will, das jedoch über den ersten Satz nicht hinausgewachsen ist. Auch er erkrankt eines Tages - doch an ihm ist die Wende bemerkbar, sein Fall ist der Erste, der einen Sieg über die Pest bedeutet. Originaltitel: La Peste Eine Zusammenfassung oder gar Beurteilung zu einem Werk der Weltliteratur ins Netz zu stellen, ist natürlich kritisch; zu viele Schüler könnten eine Interpretation erwarten, die hier nicht erfolgen wird. Dazu gibt es gelehrtere Köpfe, die lange darüber nachgedacht haben. Deshalb hier nur meine ganz persönlichen Eindrücke: Mein Wunsch, dieses Buch nochmals zu lesen, kam nach Saramagos "Die Stadt der Blinden" auf. Und auch beim wiederholten Mal konnte ich feststellen: Dieses Buch ist sehr beeindruckend. Die Schilderung des Lebens in der Stadt, als allmählich klar wird, dass keiner vor der Krankheit gefeit ist, dass sie auf das Leben aller Einfluss hat, hinterlässt einen sehr bedrückenden Nachgeschmack. Ein paar Einzelschicksale wurden herausgegriffen, anhand derer die persönliche Entwicklung, die in Krisenzeiten möglich ist, dargestellt wird. Am stärksten ist das Bild, das der kleine Beamte Grand bei mir hinterlassen hat; egal, was auch passiert, er bleibt an seinem Platz, versieht seinen Dienst - und entdeckt erst spät die Werte der Freundschaft. Ein Buch, das man immer wieder lesen kann! http://www.die-leselust.de/buch/camus001.htm Biografie Bezugsquelle | |||
Angela ![]() Status: Offline Registriert seit: 01.01.2008 Beiträge: 547 Nachricht senden |
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Angela ![]() Status: Offline Registriert seit: 01.01.2008 Beiträge: 547 Nachricht senden |
![]() Gabriel García Márquez * 1928 ![]() Der Bürgermeister war nur halb angezogen; die Hosenträger spannten sich über die nackten Schultern. Seine Frau grüßte den Priester nicht, sondern schenkte den beiden Männern nur stumm Kaffee ein, aus schwarz geränderten Augen vor sich hinstarrend. »Gott sei Dank«, sagte der Bürgermeister. »Noch zwei Stunden Zeit, bis die Schwitzerei wieder losgeht.« »Die Hinrichtung muss aufgeschoben werden«, sagte der Priester, ohne den Blick von seinem Kaffee zu heben. »Ausgeschlossen. Die Soldaten sind schon auf dem Marsch. Sie treffen morgen ein.« »Er hat sich Hahn in Weinsoße bestellt, und der muss zwei Tage ziehen, bis er fertig ist.« »Dann ist es also wahr, dass der Syrer El Jaguarcito geschlachtet hat?« »El Jaguarcito liegt in einem meiner Kochtöpfe.« Der Bürgermeister bekreuzigte sich. »Und wenn man ihn heute schon kocht?« »Damit würden wir uns versündigen, sagt Tobaga. Wir können Fidel Agosto Santiago kein halbgares Henkersmahl vorsetzen.« Der Bürgermeister wollte weder Pater Antonio noch den Verurteilten enttäuschen, der einmal der größte Koch weit und breit gewesen war. Er schlürfte einen Schluck Kaffee und trat auf den Söller hinaus. »Wenn ich einwillige, dann als Ausdruck meiner Wertschätzung für den Kleinen Jaguar, nicht für Fidel Santiago.« Pater Antonio wusste, dass er gewonnen hatte. Ein Trupial zwitscherte, als der Priester zum Gefängnis kam. Fidel Santiago saß mit seinen Bewachern beim Würfeln. Einer der Soldaten hatte schon sein Pferd an den Gefangenen verloren. Die Luft war dick von Tabakqualm, und der Priester musste husten. Als Pater Antonio Fidel die Nachricht mitteilte, seufzte der Verurteilte auf. »Dass sie mir den Salbei nicht vergisst, Hochwürden. Nur ein paar Blättchen.« Die Männer griffen wieder zum Würfelbecher, und der Priester ging hinaus in die zunehmende Hitze. Am Vorabend der Hinrichtung nahm Pater Antonio seinen Platz am Küchentisch ein, das Kirchenbuch vor sich aufgeschlagen. Tobaga bekreuzigte sich, bevor sie die Stücke des Kleinen Jaguar aus der Marinade nahm und abtropfen ließ. Sie erhitzte etwas Olivenöl in einer Pfanne und gab die Schalotten dazu, ungeschnitten. Dann hackte sie das Rauchfleisch in kleine Stücke und warfauch das in die Pfanne. Nachdem so seine letzte Arena bereitet war, legte sie mit großer Behutsamkeit den Kleinen Jaguar in den Sud, Stück für Stück. Noch einmal fauchten die Teile seines Körpers ihren Zorn heraus, als sie auf das heiße Öl trafen. Sobald die Haut sich goldbraun färbte, bedeckte Tobaga das Schlachtfeld mit der blutroten Marinade, und El Jaguarcito schwieg für immer still. Als sie die Karotten auf dem Hackbrett schnitt, hüpften bei jedem Messerstreich ihre Brüste. Die Knoblauchzehen ließ sie en chemise in ihren papiertrockenen Häuten,Schmetterlingslarven, die nie würden schlüpfen dürfen. Sie warf sie in das Gemenge, bevor sie den Sellerie, den Lauch und die Gewürze dazugab. Dann deckte sie die Pfanne zu; neugierig leckten die Flammen an deren Boden, während Tobaga sie bei mittlerer Hitze für etwa eine Stunde auf dem Feuer ließ. Pater Antonio, der sein Kirchenbuch nicht angerührt hatte, schloss die Augen und entschlummerte sanft, während Tobaga Wache hielt und den Pfannenboden vor dem Trockenwerden bewahrte, indem sie regelmäßig etwas von der Marinade nachschüttete. Als die Zeit gekommen war, hob Tobaga die Überreste des Kleinen Jaguar aus ihrer Soße heraus. Dabei schreckte Pater Antonio aus seiner Siesta hoch. »Schlaft ruhig weiter, Hochwürden, ich wecke euch, wenn es so weit ist«, sagte Tobaga. Gabriel García Márquez Rezensionsnotiz zu Erinnerung an meine traurigen Huren Frankfurter Rundschau, 04.12.2004 "Einigen", schreibt Karin Ceballos Betancur, "gelingt es, die Welt in ein schmales Kuvert zu passen und dabei Kunstwerke zu schaffen". Und Gabriel Garcia Marquez, findet sie, ist einer dieser Wenigen, auch wenn er "dieses Mal keinen Brief, sondern eine Postkarte geschrieben" habe. Aber immerhin: besser als nichts. Es geht um das Altern und um die Liebe: Ein neunzigjähriger, der nach einem Leben voller bezahlter Kopulationen über den Schlaf einer minderjährigen Prostituierten wacht, erfüllt von "tatenloser Zärtlichkeit", voller Verwunderung über sich selbst. Die Rezensentin weist auf Yasunari Kawabatas Roman "Die schlafenden Schönen" hin, dessen Thema der "kolumbianische Großmeister" variiert. Er evoziere dabei "eine Bordellromantik, die vergangen in die Gegenwart leuchtet wie die Kerzen an den Weihnachtsbäumen alter Fotografien". Er hat größere Werke verfasst, so das Fazit, doch seine Kunst zeigt sich auch im Kleinen. | |||
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