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<Betonhof>
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...   Erstellt am 17.04.2007 - 16:37Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


"Was ist es?", fragt sich Leipnitz vor dem Cafe Graupner sitzend, "dass die Menschen so am Leben hängen lässt? Warum begehen die meisten von ihnen, oder wenigstens eine große Zahl, spätestens dann, wenn sie in der Lage sind, den ganzen Betrug zu durchschauen, nicht Selbstmord?
Warum hängen sie immer noch an diesem Dasein, selbst wenn sie alt und siech sind und das Leben längst kein Leben mehr für sie ist?"

Leipnitz schaut gedankenverloren auf das turbulente Treiben der Stadt, das sich vor seinen Augen entfaltet. Er fühlt sich wie Gulliver bei den Liliputanern, der verständnislos von oben herab, auf den Ameisenhaufen der Menschheit guckt. Alles quirlt, hastet, rennt, strömt, läuft, eilt, marschiert in jede Himmelsrichtung, nicht einer bleibt nur einen Augenblick stehen, um zu verweilen - Leipnitz sieht nicht einen einzigen.

Sie wollen es einfach nicht wahrhaben, denkt er, sie tun, als wüssten sie es nicht. Dass es nämlich jeden Augenblick zu Ende sein kann mit ihnen, dass sie sich im Angesicht des Todes befinden, und dass daher alles lächerlich ist, was sie tun. Ja, lächerlich!

Der erste, der stehen bliebe, die Wärme der Sonne auf seiner Haut verspürte, die Frühlingsluft einatmete, die Schattenspiele des Lichts mit den Häusergiebeln bemerkte, die jungen, klebrigen Blätter der Birke befühlte, wie Dostojewski sagt, kurz, der sich bewusst würde, dass er wirklich und wahrhaftig lebt, brächte sich augenblicklich um.
Unvorbereitet, mit der überwältigenden Schönheit der Welt konfrontiert, könnte er den Gedanken an ein Ende unmöglich ertragen.

Leipnitz zündet sich bedächtig eine Zigarette an, einen sogenannten Sargnagel. Er genießt jeden Zug. Man muss sich dem Gedanken an den Tod stellen, man muss das Sterben lernen, sonst hält man das Leben nicht aus. Erst die bewusste Anwesenheit des Todes, macht das Leben möglich.

„Aber was sollen wir denn tun? Es geht ums Überleben. So ist nun mal die Zeit. Wir haben keine Zeit, um an den Tod zu denken - und damit an das Leben“, sagen sie, wenn er sie danach fragt, sie, die da rennen, hasten, strömen, laufen, eilen, marschieren…
„Wozu seid ihr dann noch da, wozu tut ihr euch ab, wenn ihr doch eh schon tot seid, weil ihr keine Zeit habt, euch des Lebens bewusst zu werden?“, ruft ihnen Leipnitz zu, während sie rennen, hasten, strömen, laufen, eilen, marschieren…

„Gibt es überhaupt die Zeit?“, fragte einst Romy Schneider in einem ihrer französischen Filme, die Leipnitz so liebt, weil sie da alle zu leben verstehen. Zusammen sitzen, essen, in ihren ländlichen Gärten, Wein trinken, lachen, rauchen und reden und reden, über den Tod und das Leben, sich lieben und hassen in all dieser Zeit, die sie sich nehmen, weil die Notwendigkeiten des Lebens keine Rolle spielen - in diesen Filmen, in denen Romy mit wissendem Lächeln antwortet:
„Oh ja, die Zeit, die uns alt werden lässt, die gibt es schon."

Sie ist nicht alt geworden. Zu ihrem Glück, denkt Leipnitz, während er sich erhebt, um ein wenig spazieren zu gehen – mitten in dem Gewimmel, und Gerenne der toten Menschen um ihn herum.

[Dieser Beitrag wurde am 17.04.2007 - 18:08 von Gudrun aktualisiert]




Gudrun 

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...   Erstellt am 17.04.2007 - 18:14Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Betonhof schrieb
    „Gibt es überhaupt die Zeit?“, fragte einst Romy Schneider in einem ihrer französischen Filme, die Leipnitz so liebt, weil sie da alle zu leben verstehen. Zusammen sitzen, essen, in ihren ländlichen Gärten, Wein trinken, lachen, rauchen und reden und reden, über den Tod und das Leben, sich lieben und hassen in all dieser Zeit, die sie sich nehmen, weil die Notwendigkeiten des Lebens keine Rolle spielen - in diesen Filmen, in denen Romy mit wissendem Lächeln antwortet:
    „Oh ja, die Zeit, die uns alt werden lässt, die gibt es schon."


Versteh ich ned. Erst fragt sich die Romy das, und dann gibt sie selbst wissend die Antwort?

Ich bin sowieso dagegen, dass die Notwendigkeiten des Lebens NUR im FILM keine Rolle spielen.
Drum renn ich ja durch die Gegend und lass eine passende Musik dazu laufen.




<Betonhof>
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...   Erstellt am 17.04.2007 - 21:00Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Versteh ich ned. Erst fragt sich die Romy das, und dann gibt sie selbst wissend die Antwort?

Die Physiker behaupten, dass es die Zeit gar nicht gibt. Deshalb die Frage. Romy gibt darauf nur die Antwort, die wir alle kennen.




Gudrun 

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...   Erstellt am 18.04.2007 - 12:31Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Betonhof schrieb
    Die Physiker behaupten, dass es die Zeit gar nicht gibt.


Ja. Vielleicht gibt's auch den Ort nicht. Vielleicht gibt's uns auch nicht?
Was aber nichts an dem ändert, was wir wahrnehmen, oder?

WELCHE Zeit gibt's also nicht?




<Betonhof>
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...   Erstellt am 18.04.2007 - 14:24Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ja. Vielleicht gibt's auch den Ort nicht. Vielleicht gibt's uns auch nicht?
Was aber nichts an dem ändert, was wir wahrnehmen, oder?


Ich bin kein Naturwissenschaftler. Aber was wir wahrnehmen, ist nicht die Zeit, sondern die Veränderung innerhalb der Zeit.
Die Zeit selbst verändert sich nicht. Wenn wir also vom Vergehen der Zeit sprechen, drücken wir uns falsch aus.

"Die Zeit, die uns alt werden lässt, von der Romy spricht, ist also eine Metapher.




Gudrun 

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...   Erstellt am 19.04.2007 - 11:25Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Betonhof schrieb
    Wenn wir also vom Vergehen der Zeit sprechen, drücken wir uns falsch aus.


Wir drücken uns sowieso andauernd falsch aus. Meistens aber, glaub ich, unabsichtlich. Es ist nämlich nicht so einfach, etwas richtig zu sagen. Und noch nicht einfacher wird's, sobald sich zwei oder drei etwas sagen. Das ist mir schon bei der Sache mit dem Glück-glücklich aufgefallen, wo ich mir dachte:"Uijegerl, um das ordentlich zu diskutieren, bräuchte es erstmal die genaue Definition der beiden Wörter bzw. wie man sie gebrauchen will...." Aber selbst bei diesem Gedanken kamen mir Zweifel, weil ich nicht wusste, mein ich Uijägerl oder Uijegerl ...
"Ausdrücken" ist auch so eine lustige Bezeichnung. Wir tun das (umgangssprachlich) immer mit Zitronen und Orangen oder nasser Wäsche. Habe ich mich verständlich ausgewrungen bzw. ausgepresst? Ich hab nämlich keine Zeit, was aber nix macht, weil ja keiner eine hat, wenn es sie nicht gibt.




Stefan ...
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...   Erstellt am 01.05.2007 - 19:57Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Betonhof schrieb
    Aber was sollen wir denn tun? Es geht ums Überleben. So ist nun mal die Zeit. Wir haben keine Zeit, um an den Tod zu denken - und damit an das Leben“, sagen sie, wenn er sie danach fragt, sie, die da rennen, hasten, strömen, laufen, eilen, marschieren…
    „Wozu seid ihr dann noch da, wozu tut ihr euch ab, wenn ihr doch eh schon tot seid, weil ihr keine Zeit habt, euch des Lebens bewusst zu werden?“, ruft ihnen Leipnitz zu, während sie rennen, hasten, strömen, laufen, eilen, marschieren…


Zumindest sterben sie gesund. Weil... Montags müssen sie in`s Fitnessstudio, Dienstags zum Tennis, Mittwoch zum VHS-Kurs gesünder kochen, Donnerstag ist joggen angesagt, Freitag.. da fällt mir jetzt nix ein, und am Wochenende fahren oder fliegen sie in`s Wellness Wochenende.

Du siehst, lieber Leipnitz, sie sterben gesund in Zeitnot.





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Macuser sind nicht eingebildet. Sie sehen einfach besser aus....

Chrissi ...

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...   Erstellt am 07.05.2007 - 19:44Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Betonhof,

ich weiß nich ob Sie es schon wußten.... Nee, das war jetzt ein geklauter Satz von Rüdiger Hoffmann.
Also ich wollte Dir nur mal sagen..... Bis jetzt habe ich diese ganzen Leipnitze gelesen. Da ich ja nun schon einige Zeit ausfällig bin (oder so ähnlich) gab es noch keine Kommentare.
Diese Geschichten gefallen mir aber sehr gut. Das Kerlchen lässt mich immer auf die nächste Folge warten. Da Du ja z.Zt. wohl auch sowas wie Auszeit nimmst, wage ich mal anzufragen.... Wann kommt denn die nächste Folge?
Sicher warte nicht nur ich gespannt darauf.

Liebe Grüße
Chrissi

P.S. Ich lese übrigens gerade "Sofies Welt". Klasse!
Bis jetzt jedenfalls.





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<Betonhof>
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...   Erstellt am 12.05.2007 - 08:10Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Chrissi

Wann kommt denn die nächste Folge?

Ich werde wohl wieder aufhören Kurzgeschichten zu schreiben. Mit "Leipnitz" und zwei, drei anderen wollte ich hier nur beim Start helfen - abgesehen von dem alten Zeug aus e-Stories Zeiten.
Der Grund liegt vorallem im Mangel an Ideen. Und da es euch offenbar nicht anders geht, ist es ja nicht weiter schlimm.

Weiterhin viel Spaß mit der Philosophie, Betonhof





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