Forum für Kurzgeschichten, Gedichte, Philosophisches, Fotografien, Gemälde oder einfach zum quatschen.

Das Boot - Albertcamus

Herzlich willkommen im Boot!

RSS-Feed

Uebersicht    Mitglieder    Registrieren    Login


Neuer Thread ...


ErstellerThema » Beitrag als Abo bestellenThread schließen Thread verschieben Festpinnen Druckansicht Thread löschen

<Betonhof>
unregistriert

...   Erstellt am 04.04.2007 - 19:26Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Als Leipnitz an diesem Tag von der Arbeit kam, wusste er, dass es das letzte Mal war. Mehr als einundvierzig Jahre hatte er sich frühmorgens in den Betrieb begeben und war erst am Abend zurückgekehrt. Nun war das Ende gekommen. Von Stund an befand er sich im Ruhestand

Dieser Tatsache war sich Leipnitz bewusst, als er zu Hause im Flur seine Aktentasche abstellte, die Jacke auszog, seine Frau durch die offene Küchentür grüßte und sich ins Wohnzimmer begab, wo er sich auf die Couch setzte, die bereitliegende Tageszeitung zur Hand nahm, um auf sein Essen zu warten.

Obwohl der niedrige Glastisch für diesen Zweck denkbar ungeeignet war, da er ihn zwang den Oberkörper weit nach vorne über den Teller zu beugen, nahm er sein Essen hier ein.
In der Küche, wo er in den Anfangsjahren zu essen pflegte, hatte er das Chaos, das seine Frau beim Kochen anrichtete, nicht mehr ertragen können und war ins Wohnzimmer geflüchtet.
Zunächst an den Esstisch, doch als sich auch hier immer mehr Rechnungen, amtliche Papiere und Bankanweisungen ansammelten, von sonstigem Krimskrams ganz abgesehen, hatte er sich schließlich an den Platz zurückgezogen, an dem er immer saß, am Abend beim Fernsehen und überhaupt.

Da er stets um die gleiche Zeit nach Hause kam, dauerte es nicht lange, bis das Essen vor ihm stand.
Danach zog sich seine Frau in die Küche zurück; zu spät sei es ihr für das Mittagessen und zu früh für das Abendessen.
Leipnitz wünschte, sie wäre geblieben. Wenigstens heute, an seinem letzten Arbeitstag. Sie hätte fragen können, wie er gewesen sei.
Doch sie fragte nicht, wie sie in all den Jahren nicht gefragt hatte.
Freilich war ihm dadurch die Antwort erspart geblieben. Er hätte lügen müssen. Die Wahrheit hätte sie zu sehr beunruhigt. Das wollte er nicht. Sie und die Kinder sollten in Ruhe und Frieden leben. Die Arbeit war seine Sache.

So waren die Jahre vergegangen.


Sein Blick fiel auf den Blumenstrauß, den man ihm in der Firma zum Abschied geschenkt hatte. Er füllte Wasser in eine Vase und stellte sie vor sich auf den Tisch. Es war ein konventioneller Strauß, wie man ihn überall zu kaufen bekam. Nichts Besonderes.
Ob er etwas zu bedeuten habe, fragte seine Frau, als sie kam, um das Geschirr abzuräumen.

„Leipnitz sah sie an, schüttelte den Kopf, dann wandte er sich der Lektüre seiner Zeitung zu.




Daggi ...

.....................

...

Status: Offline
Registriert seit: 20.02.2007
Beiträge: 529
Nachricht senden
...   Erstellt am 06.04.2007 - 11:07Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Betonhof schrieb
    Mehr als einundvierzig Jahre hatte er sich frühmorgens in den Betrieb begeben und war erst am Abend zurückgekehrt. Nun war das Ende gekommen.


Ist es nicht traurig, dass es viele Menschen gibt, die das Ende nahen sehen, weil ihnen der Berufsalltag "genommen" wurde?

Betonhof schrieb
    Obwohl der niedrige Glastisch für diesen Zweck denkbar ungeeignet war, da er ihn zwang den Oberkörper weit nach vorne über den Teller zu beugen, nahm er sein Essen hier ein.


Ups... warum mein Gatte wohl am Glastisch im Wohnzimmer speist??? Liegt wohl an dem Chaos in meiner Küche. ABER unser Tisch dort und auch der Tisch im Esszimmer ist doch absolut benutzbar??? Na ja... darüber muss ich wohl noch nachdenken!

Irgendwie traurig deine Geschichte... Wenn dein Protagonist aber nie über seinen Alltag gesprochen hat, er zufrieden war, dass er keine dummen Fragen beantworten musste, kann er wohl auch kein Interesse mehr erwarten, selbst wenn er es eigentlich ganz dringend braucht.

Ist das jetzt irgendwie logisch? Ich hab jedenfalls auch keine Lust, dauernd alles zu hinterfragen und bloß ein abweisendes Murmeln zu ernten...

Liebe Grüße
Daggi





Signatur
Sei nicht traurig, wenn etwas vorbei ist - sei froh, dass es gewesen ist...

<Betonhof>
unregistriert

...   Erstellt am 06.04.2007 - 20:47Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Wenn dein Protagonist aber nie über seinen Alltag gesprochen hat, er zufrieden war, dass er keine dummen Fragen beantworten musste, kann er wohl auch kein Interesse mehr erwarten, selbst wenn er es eigentlich ganz dringend braucht.

Liebe Daggi, offenbar hat Leipnitz eine andere Logik als du.




Daggi ...

.....................

...

Status: Offline
Registriert seit: 20.02.2007
Beiträge: 529
Nachricht senden
...   Erstellt am 10.04.2007 - 10:11Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Betonhof schrieb
    Liebe Daggi, offenbar hat Leipnitz eine andere Logik als du.


Woher wusste ich, dass du DAS schreiben würdest?

Nun ja... hast Recht

Leipnitz = Mann
Daggi = Frau

Natürlich versteht da einer den anderen nicht! Aber es wäre auch verdammt langweilig...

Liebe Grüße
Daggi





Signatur
Sei nicht traurig, wenn etwas vorbei ist - sei froh, dass es gewesen ist...

Gudrun 

..................

...

Status: Offline
Registriert seit: 01.03.2007
Beiträge: 432
Nachricht senden
...   Erstellt am 11.04.2007 - 18:44Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Wirbelwind schrieb
    Leipnitz = Mann
    Daggi = Frau

    Natürlich versteht da einer den anderen nicht!


Na ich weiß nicht ...



Wirbelwind schrieb
    Aber es wäre auch verdammt langweilig...


Ja schon, Daggi, aber das ist es doch auch mit Frauen, die genau gleich denken, wie man selbst, oder? Also, so auf die Dauer, meine ich. Da könnt man sich ja gleich vor den Spiegel stellen und mit sich selbst konversieren (hähä, gibt's das Wort???)...




Daggi ...

.....................

...

Status: Offline
Registriert seit: 20.02.2007
Beiträge: 529
Nachricht senden
...   Erstellt am 11.04.2007 - 21:44Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Na klar ist das genauso langweilig! Obwohl es natürlich immer sehr befriedigend ist, wenn Mann wie Frau meiner Meinung sind! *kicher* Aber das hat irgendwie Seltenheitswert... *schmoll*

Aus diesem Grund stehe ich wohl des Öfteren vor dem Spiegel und "konversiere" mit mir selbst. Oder kommuniziere ich mit mir selbst? Egal... wir beide sind einer Meinung und wissen, was wir meinen, wa?

Knuddl

Daggi





Signatur
Sei nicht traurig, wenn etwas vorbei ist - sei froh, dass es gewesen ist...


Ähnliche Themen:
Thema Erstellt von Antworten Forumname
Leipnitz geht es gut. 3 albertcamus
Leipnitz und die Frauen 3 albertcamus
Leipnitz erwacht 8 albertcamus
Leipnitz langweilt sich 8 albertcamus
Leipnitz hat eine Begegnung 3 albertcamus
Neuer Thread ...



Kalenderblatt


Impressum

Dieses Forum ist ein kostenloser Service von razyboard.com powered by:
Geizkragen Preisvergleich. Top-Produkt im Preisvergleich: Samsung PS-42C7H
Wollen Sie auch ein kostenloses Forum in weniger als 2 Minuten? Dann klicken Sie hier!



blank