<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 05.04.2007 - 12:48 |  |
Er solle sich endlich eine neue Hose kaufen, hatte seine Frau zu Leipnitz gesagt. Nicht, dass dieser Gedanke neu gewesen wäre, er hatte schon öfter damit gespielt, ihn am Ende aber doch immer wieder verworfen. Erst wollte er abnehmen, dann konnte man über eine neue Hose reden. Alles andere wäre nur rausgeschmissenes Geld.
Jahre gingen ins Land, Leipnitz hatte noch immer seine alte Hose. Der Grund war derselbe. Nach anfänglichen Erfolgen stagnierte der angestrebte Prozess, verkehrte sich in sein Gegenteil, so dass sich Leipnitz gezwungen sah, den Wunsch seiner Frau zu verschieben
„Ausgeschlossen, dass du so an Ostern herumläufst“, hatte sie nun heute gesagt.
Daraufhin zwängte sich Leipnitz in seine Hose und begab sich in die Stadt. In der Fußgängerzone traf er Morgenstern, der ihn fragte, wie es ihm gehe.
Leipnitz antwortete, dass es ihm schlecht gehe, woraufhin Morgenstern strahlte und behauptete, es ginge ihm blendend.
Leipnitz wusste, dass es Morgenstern nur deshalb blendend ging, weil es ihm, Leipnitz, angeblich schlecht ging. Deshalb hatte er ja zu Morgenstern gesagt, dass es ihm schlecht gehe, obwohl es ihm gut ging, besonders, da er wusste, dass es Morgenstern schlecht ging.
„Warum geht es dir schlecht?“, fragte Morgenstern in der Hoffnung, dass es ihm noch besser gehe.
„Ich weiß es nicht.“, antwortete Leipnitz und machte ein ratloses Gesicht.
„Es ist so ein allgemeines Gefühl. Aber unter Umständen kommen wir der Sache näher, wenn du mir sagst, warum es dir gut geht."
Die Miene von Leipnitz war ein einziges Fragezeichen.
Morgenstern schaute Leipnitz misstrauisch an.
„Was soll die Frage? Du weißt doch wie gut es mir geht. Mein Job, mein Haus, mein Auto, mein Pool…“
„Ja, jeder hat sein Päcken zu tragen.“, seufzte Leipnitz nachdenklich.
„Was willst du damit sagen?“, fragte Morgenstern irritiert.
„Na ja, du trägst Job, Haus, Auto, Pool - und ich meine Hose.", antwortete Leipnitz geduldig.
„Aber das kann man doch nicht vergleichen!“, begehrte Morgenstern auf.
„Warum nicht? Meine Hose kann mir genau so viel bedeuten wie dir dein Job, dein Haus, dein Auto usw…“ behauptete Leipnitz.
„Das ist doch lächerlich!“, sagte Morgenstern wütend.
„Und wenn ich mir ein lila BMW-Cabrio mit 180 PS kaufen würde, was dann?“, erkundigte sich Leipnitz.
„Das wäre noch lächerlicher.“, höhnte Morgenstern.
„Siehst du!“, triumphierte Leipnitz. „Deshalb bleibe ich bei meiner Hose.“
Morgenstern begriff, dass er hereingelegt worden war.
„Du hast recht, mir geht es schlecht.“, gestand er resignierend.
„Warum geht es dir schlecht?“, fragte Leipnitz.
„Ich weiß es nicht.“, antwortete Morgenstern und machte ein ratloses Gesicht.
„Es ist ein allgemeines Gefühl.“
Auf dem Weg nach Hause, horchte Leipnitz in sich hinein.
„Dir geht es gut.“, vernahm er.
Ein Glück, dass er bei seiner alten Hose geblieben war, dachte er. Erst würde er abnehmen, dann konnte man über eine neue Hose reden. Alles andere wäre nur rausgeschmissenes Geld.
[Dieser Beitrag wurde am 05.04.2007 - 19:24 von Gudrun aktualisiert]
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