Sturmkind  Registriertes Mitglied

Status: Offline Registriert seit: 17.02.2007 Beiträge: 9 Nachricht senden | Erstellt am 17.02.2007 - 16:48 |  |
Lächeln
von Weena, 2004
Die Welt dort draußen hatte sich verändert. Es waren zu viele Winter vergangen, in denen die Menschen nicht mehr an die Wirklichkeit glaubten. Fast alles war in Vergessenheit geraten und die Welt hatte sich mit jedem Tag mehr in eine Ödnis verwandelt, in der nur Neid und Missgunst regierte. Die Zeiten hatten sich gewandelt und mit ihnen das Leben. Schnee lag über den Wäldern, die noch vor wenigen Monaten grün und fruchtbar gewesen waren. Mit eisiger Gerechtigkeit hatte der Frost durchgegriffen und Tiere und Menschen in die Häuser getrieben. Die Straßen waren verschneit von braunem Schmutz und auch die Wiesen, der Park und die Häuser funkelten unter weißen Schneemassen.
Dieses Jahr war unheimlich früh der Herbst eingetreten. Bereits gegen Ende August waren die Blätter braun geworden uns im Laufe des Septembers zu Boden gefallen und von jenem Tage an hatte der Schnee eingesetzt und bis in den November angehalten.
Es schien, als habe die Sonne die Menschen für immer verlassen und würde erst zurückkehren, wenn alles Leben im ewigen Eis versunken war.
Alle Farbe schien aus der Welt gewichen zu sein und das Einzige, dass inmitten der ganzen Ödnis existierte, waren kalte, kahle Bäume, die alles Laub gelassen hatten, eingefrorene Seen und Tiere, die umherstromerten und nach Essen suchten.
Sonja blickte sich um, streckte die Hand aus und berührte die zerbröckelnde Rinde eines alten Baumes, der in der hinteren Helfte des riesigen Parks stand, der das Zentrum des Schneetreibens zu sein schien. In wellenähnlichen Bewegungen trieb der Sturm die riesigen Flocken zur Erde. Der braune Mantel, den das Mädchen trug, war bereits durchnässt und ließ sich kaum noch von der einheitlichen Farbe des Parkes unterscheiden. Ihre Beine zitterten und selbst ihre Finger, die in dicken Handschuhen steckten, waren bereits blaugefroren.
Langsam hob sie das Gesicht in den Himmel und blinzelte zu dem schmalen Streifen hinauf, der sich hinter der dicken Wolkenwand abzeichnete. Die Sonne war dort, irgendwo, aber sie war verborgen vor den Augen der Menschen. Das Mädchen blinzelte und wand sich um. Sie folgte dem langen Pfad durch den Park, bis sie an die bereits beleuchtete Straße kam. Mit grellen Lichtern rauschten Wagen an ihr vorüber, aber sie schien das Geräusch der Motoren nicht zu hören. Die lauten, störenden Töne drangen in ihren Kopf, aber sie erreichten Sonja nicht. Sie war noch immer viel zu verwirrt um begreifen zu können, was um sie herum geschah. Die Menschen die an ihr vorübergingen, schienen konturenlose Kreaturen zu sein, die nichts als einen Körper hatten. Von einer Seele oder einer inneren Flamme war nichts zu spüren.
Irgendetwas war geschehen, dass die Menschen kalt und hart werden ließ und selbst die Sonne ins ewige Eis verbannte.
Hilflos versuchte Sonja einem Ehepaar zuzulächeln, dass Arm in Arm an ihr vorüberlief. Die Frau winkte ihr freundlich im Vorübergehen, aber das Lachen, dass auf ihrem bleichen Gesicht lag, war gelogen. Es war nicht wirklich, sondern wirkte aufgesetzt und eingefroren. Bei dem bloßen Gedanken lief es Sonja eiskalt den Rücken hinunter. Sie strich sich die langen, blonden Haare hinter die Ohren und blickte in die Schaufenster der geschlossenen Läden. In den meisten Fenstern brannte Licht und Menschen arbeiteten hinter gläsernen Wänden, an denen kein Schnee haften blieb.
Ihre Schritte wurden immer langsamer, je näher sie ihrem unsichtbaren Ziel kam. Wohin sie lief, wusste sie nicht, aber sie spürte, dass es wichtig war und dass sie es einfach tun musste. Nach einem Sinn zu fragen brachte sie nicht weiter und ebenso war es gleichgültig, was sich in der Dunkelheit hinter ihr verbarg. Solange sie sich nicht umdrehte konnte kein Schatten sie berühren und nichts Böses in sie eindringen.
In Gedanken versunken blieb sie stehen und blickte in eine gläserne Scheibe. Ihre Augen weiteten sich, als sie etwas Formloses darin zu sehen glaubte. Ein Schatten, der ihrem Traum entwichen zu sein schien. Sie wand sich ab von der schattenhaften Illusion und blickte zu einem Auto hinüber, an dem zwei Kinder standen und mit Schneebällen auf die Straße warfen. Ihr unbeschwertes Treiben stellte für wenige Augenblicke wieder den Seelenfrieden her, den das Mädchen vermisste.
Sie lächelte und versuchte sich an die Tage zu erinnern, in denen sie mit Freunden im Schnee gespielt hatte. In der Stadt, in der sie früher gewohnt hatte, war sie für ihre künstlerischen Fähigkeiten im Umgang mit Schnee bekannt gewesen und hier kannte sie niemand. Aus dem Dorf in eine Großstadt zu ziehen, bedeutete über Nacht zu einem Niemand zu werden. In der kleinen Gemeinde, in der sie früher gelebt hatte, war sie bekannt gewesen und hier nur irgendeine von hundert Neuen, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte.
"Achtung!"
Etwas traf sie hart in den Rücken. Verblüfft entfuhr dem Mädchen ein heiserer Schrei. Sie drehte den Kopf und blickte in das Gesicht eines Mädchens, dass einen kleinen Jungen an der Hand hielt.
"Entschuldige!", rief sie ihr zu. "Ich .. hab dich nicht gesehen."
Sonja lächelte. Das Lächeln der Fremden war so ansteckend, dass sie nicht anders konnte. Die Fremde hatte langes, schwarzbraunes Haar, dass zu zwei Zöpfen geflochten war und eine sonnengebräunte Haut. Ihre Augen waren braun und erinnerten Sonja im ersten Moment an die eines Rehs. Auch der kleine Junge an ihrer Hand, lächelte. Er hatte ein rundes Gesicht und das selbe Haar wie das Mädchen.
"Schon okay", antwortete Sonja lächelnd.
"Hallo", antwortete das Mädchen, kam näher und streckte Sonja die Hand entgegen.
Das Mädchen ergriff sie schüchtern und blickte das Mädchen fest an.
"Ich bin Dunja. Und das ist Dennis, mein Bruder."
"Mein Name ist Sonja."
"Hey, bist du neu hier?"
Sonja nickte. Ein zufriedenes Gefühl breitete sich in ihr aus, als ihr klar wurde, dass sie in der Menge nicht untergegangen war. Scheinbar hatte Dunja einen guten Überblick und wusste, wer hierher gehörte und wer nicht.
"Muss los", antwortete Dunja. "Ich kommmorgen wieder. Hey, wäre cool, wenn du auch kommen könntest. Manchmal kann's echt öde sein, wenn man nur mit Kleinen spielt."
"Okay", sagte Sonja. "Vielleicht komme ich."
Grinsend verschwand Dunja zwischen den Zweigen.
Sonja blickte ihnen noch lange nach, bis sie vollkommen verschwunden waren, dann wand sie sich um und lief nach Hause. Vielleicht, würde sie wirklich hingehen um Dunja wiederzusehen und vielleicht konnten sie Freunde werden.
Ein Mann lief an ihr vorüber und Sonja lächelte ihm entgegen und sagte fröhlich: "Guten Tag."
Die eisige Miene des Fremden öffnete sich für ein Lächeln. "Guten Tag."
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Sturmkind  Registriertes Mitglied

Status: Offline Registriert seit: 17.02.2007 Beiträge: 9 Nachricht senden | Erstellt am 17.02.2007 - 20:45 |  |
Huhu!
Danke für deine Hilfe. Den Satz werde ich ändern, denke ich. 
Und wegen dem Pfaden.. Nunja. Bist du schon einmal in eine fremde Stadt gekommen, die dir groß und kalt erschien und hast die Leute angelächelt, aber kein Lächeln zurück bekommen.
Was die versteckte Aussage dieser Geschichte betrifft, so wollte ich damit ausdrücken, es sehr stark eine Sache der Auslegung ist, wie man die Dinge betrachtet.
Wenn man verbittert durch das Leben geht und nur Schlechtes sehen will, übersieht man sehr leicht, dass vielleicht doch ein Mensch gelächelt hat, dem man begegnet ist.
Ich werde aber oft darauf angesprochen, wie diese Geschichte zu verstehen ist und kann dazu eigentlich nur eins sagen: Wenn man das Gute sehen will, dann sieht man es auch. 
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johnnyrebel  Moderator a.D.
 

Status: Offline Registriert seit: 12.09.2006 Beiträge: 242 Nachricht senden | Erstellt am 18.02.2007 - 09:52 |  |
Sturmkind schrieb
Alle Farbe schien aus der Welt gewichen zu sein und das Einzige, dass /das/ inmitten der ganzen Ödnis existierte... |
Sturmkind schrieb
...der in der hinteren Helfte /Hälfte/des riesigen Parks stand....
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Sturmkind schrieb
Das Mädchen blinzelte und wand /wendete/ sich um.
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Sturmkind schrieb
Hilflos versuchte Sonja einem Ehepaar zuzulächeln, dass /das/ Arm in Arm an ihr vorüberlief.
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Sturmkind schrieb
Die Frau winkte ihr freundlich im Vorübergehen /zu/, aber das Lachen....
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Sturmkind schrieb
dass /das/ auf ihrem bleichen Gesicht lag....
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Sturmkind schrieb
Solange sie sich nicht umdrehte konnte /,/ kein Schatten sie berühren...
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Sturmkind schrieb
Sie wand /wendete/ sich ab von der schattenhaften Illusion....
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Sturmkind schrieb
Aus dem Dorf in eine Großstadt zu ziehen, bedeutete /,/ über Nacht zu einem Niemand zu werden.
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Sturmkind schrieb
in das Gesicht eines Mädchens, dass /das/ einen kleinen Jungen an der Hand hielt.
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Sturmkind schrieb
schwarzbraunes Haar, dass /das/ zu zwei Zöpfen geflochten war....
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Sturmkind schrieb
"Ich kommmorgen /komme morgen/wieder.
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Sturmkind schrieb
Grinsend verschwand Dunja zwischen den Zweigen.
Sonja blickte ihnen noch lange nach, bis sie vollkommen verschwunden waren, dann wand /wendete/ sie sich um und lief nach Hause.
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Soooooo,
das waren die Fehler, die ich entdeckt habe *lach*.... Booaaahh... War ich heute wieder eklig fleissig .
Doch zur Geschichte selber: Ich zumindest habe keinen roten Faden vermisst, da sich die Geschichte flüssig liest und ich in ihr eigentlich einen Anflug von Melancholie herauslese. Eine wirkliche Aussage ist zwar nicht vorhanden, aber mir gefällt die Geschichte eben darum sehr gut. Vielleicht ist es ja auch nur ein Auszug aus einer Geschichte. Doch wie auch immer. Wenn eine Geschichte zum Nachdenken anregt oder, wie hier meine Interpretation, den Wunsch nach Nähe dem Leser aufzeigt, so halte ich sie für gelungen. Für mich eine schöne und lesbare Geschichte 
das Johnny
Signatur Glaubt nicht, ihr hättet Millionen Feinde. Euer einziger Feind seid: ihr selbst... |