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Jetsetwilly ...



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...   Erstellt am 10.04.2007 - 14:04Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Es begann am gestrigen Morgen. Wegen einer Versicherungs-Angelegenheit, unser Auto betreffend, wollte ich versuchen, den Sachbearbeiter meiner KFZ-Versicherung zu sprechen.
Natürlich nicht, ohne mich vorher zu präparieren, denn man weiß, wie schwer beschäftigt diese Menschen sind.
So schmierte ich mir denn einen Haufen Stullen, machte mir zwei Thermospullen Pfefferminztee, schaffte Schlafsack, Kompass, Feuersteine, eine Taschenlampe und Kaugummi (für die Bären) an meinen PC und wählte tapfer die Frankfurter Nummer.
Es empfing mich die freundliche Stimme aus dem Inneren eines Sprachcomputers, die mir im fast flüssigen Deutsch mitteilte, daß mein Gesprächspartner im Moment in einer Besprechung sei.
„Leider nicht mit mir“ dachte ich und harrte aus. Zur Unterhaltung ihrer Kunden hatten sich die Betreiber des Kommunikations-Warteraums ein besonderes Bonbon ausgedacht. Mittels Tastendruck konnte man zwischen Radio FFH und einer Kafka-Lesung wählen. Ich entschied mich für den Literaten, da mir die „größten Hits der 80er und 90er“ inzwischen sattsam bekannt sind und mich Dauerwerbung und die platten Witz infantiler Moderatoren anöden.

Nach einer halben Stunde geduldigen Wartens drohte ich allerdings über Kafka in tiefe Depressionen zu verfallen. Kein Wunder, daß der Mann ewig vor dem Abgrund stand. Wahrscheinlich hatte er zuviel Korrektur gelesen.
Ich verging mich an dem Whisky, den ich mir für den Fall eines erneuten Wintereinbruchs in mein Biwak mitgebracht hatte.Ein wärmender Schluck könne nicht schaden und auf jeden Fall die Stimmung heben. Den Hörer aus der Hand zu legen, wagte ich nicht, schließlich war ich einer von mindestens 15.000 Wartenden, die Herrn Lichtenthaler wegen einer zu spät abgemeldeten KFZ-Versicherung sprechen wollten. Nie hätte ich mir verziehen, meine Chance verpasst zu haben.
"ielleicht sollte man es im Fernsehen übertragen", dachte ich bei meinem dritten Glas und zündete mir eine dieser 30cent Zigarren an. "Ähnlich dieser wir-suchen-eine-Automarke-mit-O Sendungen". "Wer ist dran? Guten Tag Toni, sag mir Deine Lösung".
Ich würde gebeten, den Fernseher leiser zu stellen und könnte meine Versicherungsnummer sagen. Dann würde Herr Lichtenthaler einen Zettel an der Wand abnehmen, meine Nummer käme zum Vorschein, und ich dürfte mir ein Geldpäckchen von einer barbusigen Schönheit aus der Schrankwand holen lassen.
Nach einer weiteren "Handelsgold" würde allerdings der Blick auf die Mattscheibe von wabernden Rauschwaden etwas getrübt sein. Inzwischen ging der Whisky zur Neige, ich überlegte, ob ich meine Tochter per Rauchzeichen aus ihrem Zimmer lotsen könnte, um für neuen Vorrat zu sorgen. Schließlich war auch nur noch eine Zigarre da.
Die Versuche waren allerdings zum Scheitern verurteilt, weil sie mit Ihrer Freundin am zweiten Apparat das soziologische Gefüge ihres Klassenverbandes widerkäute, während sie im Chat mit "Ken" erneute Anbahnungsversuche unternahm. Ich verfluchte, jemals ISDN angeschafft zu haben.
Inzwischen wurde mir auch schon etwas schwummrig, der Whisky zeigte erste Wirkung. Nachdem auch der letzte Tropfen Glenmorangie verköstigt war, vergriff ich mich in meiner Verzweiflung sogar am Tee. Das hätte ich nicht tun sollen, denn nach einer weiteren Stunde musste ich den Kampf gegen den Harndrang aufnehmen. Ich musste doch gleich dran sein, konnte doch jetzt nicht aufgeben. Der Schlag würde mich treffen, wenn endlich das ersehnte "Hals- und Beinbruch- Versicherungen, mein Name ist Klaus-Jürgen Lichtenthaler, was kann ich für Sie tun?" ertönte, und ich könnte nicht antworten.
Nein, niemals würde ich diesen Platz verlassen, ohne mit ihm gesprochen zu haben.
Nach einer weiteren Stunde half auch das Betrachten der Wanderdünen im großen Brockhaus nicht mehr. Aufgussgetränk und Whisky brachen sich Bahn und ich konnte Schlimmeres unter Einsatz meines blechernen Papierkobs verhindern.
Es war dunkel geworden, die Schreibtischlampe tauchte den Raum in ein Licht, das zur soeben gelesenen Suizidszene passen wollte.
Zwischendurch hatte meine Frau den Kopf zur Tür herein gesteckt, das Schreiben der Versicherung auf der Schreibunterlage gesehen, meine Verfassung und den Schlafsack richtig gedeutet und das Zimmer verlassen, bevor ich mit Nachdruck um Wachablösung bitten konnte. Sie hatte bestimmt auch einen schweren Tag gehabt.
Ich gab mich der Hoffnung hin, daß sie sicherlich gleich mit einer Pfanne Bratkartoffeln und einem steifen Grog zurück kommen würde.
Die Zeit verging, meine Vorräte gingen zu Ende. Inzwischen war das Ouvre Kafkas beim "Hungerkünstler" angekommen. Wie passend, dachte ich, wahrscheinlich wird auch mich die Auszehrung dahinraffen. Meine Kräfte schwanden, ich war kurz davor, vom Stuhl zu fallen, als eine Stimme am anderen Ende der Leitung Erlösung verhieß. "Hals- und Beinbruch- Versicherungen, mein Name ist Petra Schnuckenbremer, was kann ich für Sie tun?"
Mir klebte inzwischen die Zunge am Gaumen . Ich riss mich zusammen und brachte leicht lallend mein Ansinnnen vor. "Das tut mir leid" flötete sie trainiert unverbindlich, "ich bin nur für die Kaskoschadensmeldungen bei Kleintransportern bis 3,5 Tonnen mit Personenschäden zuständig, für Ihren Fall hingegen zeichnet Herr Lichtentahler verantwortlich. Er ist nicht mehr im Hause und wird ab morgen früh 10 Uhr gern wieder für sie da sein"
Das war zuviel für mich: den ganzen Tag hatte ich nun unter Vernichtung sämtlicher Whiskyvorräte am Telefon verbracht. Ich hatte mich nicht rasiert, nicht geschlafen, ein Dutzend Billigzigarren geraucht, mir die Depressiva von Franz K. angetan und in meinen Papierkorb gepinkelt. Das alles sollte nun umsonst gewesen sein?
Ich bat sie, kurz am Hörer zu bleiben. Dann raste ich mit letzter Kraft aus dem Haus, stieg in den Bulli und überfuhr unseren Nachbarn Hinrich, der gerade angesäuselt vom Singen nach Haus kam.
Nun würde Frau Schnuckenbremer mich anhören müssen, denn sie war zuständig.





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...   Erstellt am 11.04.2007 - 10:02Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Was dir so alles passiert. Ich biege mich vor Lachen.





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