mam Moderatorin a.D.
  

Status: Offline Registriert seit: 29.06.2006 Beiträge: 572 Nachricht senden | Erstellt am 04.10.2009 - 09:57 |  |
Es war Freitagnacht, oder besser gesagt Samstagmorgen. Um zwei Uhr klingelte das Telefon. Schlaftrunken meldete ich mich mit „Wer stört?“
Erst Stille, dann ein leises Stöhnen. Mit der rechten Hand suchte ich schon nach der Trillerpfeife in der Schublade; es konnte sich ja nur um einen obszönen Anruf handeln.
Dann leise: „ ... Marina? ... ich bin’s ... Gitta ... mein Mann hat mich verlassen ... das Schwein!“
In Gedanken stöhnte ich laut auf: Oh nein! Nicht Gitta! Nicht um diese Uhrzeit!
„Komm vorbei.“
„Ich bin schon an deiner Haustür ...“
Zehn Sekunden später stand eine kleine, zittrige, leicht angetrunkene und vor allem sehr verstörte Gitta hilflos im Wohnzimmer. Als ich in der Küche Kaffee aufsetzte, erschien meine Tochter schlaftrunken in der Tür: „Oh nein, nicht Tante Gitta, nicht um diese Uhrzeit“ flüsterte sie mir zu.
„Ihr Mann hat sie verlassen. Sie will sich nur ausheulen.“ Meine süße und vor allem sehr mitfühlende Tochter verschwand wieder in ihr Bett, nicht ohne noch ein hämisches „Der Glückliche hat’s endlich geschnallt“ los zu werden.
Mit frischem Kaffee kam ich ins Wohnzimmer zurück, gerade noch rechtzeitig, um Gitta das Whiskeyglas aus der Hand zu nehmen. Ich setzte sie auf die Couch und wickelte sie in eine Wolldecke ein.
„Was ist denn passiert?“
„Ich habe ihn rausgeworfen.“
Sie hatte was?
„Kann ich ein paar Tage bei euch bleiben?“
Wozu? Sie besaß eine große Villa, die jetzt mutterseelenallein war.
„Ja, natürlich. Und es besteht nicht die Möglichkeit, dass er zurückkommt?“
„Er hat das Foto seiner Mutter mitgenommen.“
Das war in der Tat sehr aussagekräftig. Gitta und Peter waren zwölf Jahre lang verheiratet. Ihre Ehe blieb kinderlos; ein Arrangement, das beide begrüßten. Gitta war sehr hübsch, sehr ausgeflippt, sehr innovativ. Peter war sehr reich, sehr gebildet, aber auch sehr einfältig und gutmütig. Also das perfekte Paar.
„Am Montag gehe ich zum Rechtsanwalt.“
Ich hätte ihr eher einen Besuch beim Psychiater vorgeschlagen, aber ich blieb ruhig.
„Vielleicht sollten wir beide zusammen nach Frankreich fahren. Nur du und ich. Ich könnte ein paar Tage Urlaub gebrauchen.“ Mit diesen Worten räkelte sie sich lasziv auf dem Sofa. Ja klar, ich könnte meine Tochter für ein paar Tage im Waisenhaus abliefern und meinen Gatten in die Arme unserer 60jährigen Haushälterin treiben.
„Vielleicht solltest du eine Bekanntschaftsanzeige aufgeben.“ Das war natürlich nur ironisch gemeint, aber Gitta war von dieser Idee sehr begeistert. Was hatte ich nur wieder angerichtet. Als mein Mann brummend im Wohnzimmer erschien, zogen wir uns in den Partyraum im Keller zurück. Gitta inspizierte dort sofort die Hausbar und ich suchte Bleistift und Papier.
„Hoch intelligente, sehr gut aussehende, liebenswürdige Dame der besseren Gesellschaft, nicht unvermögend ...“ begann sie zu diktieren. Wie wäre es mit der Wahrheit, dachte ich. „Verwöhnte Zicke sucht gutmütigen Trottel.“
Das war vor vier Wochen. Peter ließ nichts mehr von sich hören und inzwischen lernte Gitta mehrere „Herren“ kennen.
Ein sogenannter „1,90 Meter groß, Adonisfigur und im besten Alter“ entpuppte sich als glatzköpfiger Gartenzwerg mit einer winzigen Stupsnase. Nun ja, wir Frauen wissen, was eine kleine Nase bedeutet.
Ein „nicht unvermögender Herr mit eigenem Grundstück“ fuhr in einem geliehenen Porsche vor und lud sie zum Picknick auf seinen Acker ein.
Die „katholischen Nichtraucher“ entpuppten sich allesamt als intolerante Choleriker. Ein „aufgeschlossener, französischer Diplomat“ wollte Sexfotos von ihr, zusammen mit seinem Au-pair-Mädchen. Ein „blonder Gitarrenspieler, 1,87groß“ war ein übriggebliebenes Relikt aus der Flower Power Bewegung. Er tat den ganzen Tag nichts anderes, als billigen Wein zu trinken und den Nachbarn mit seinem Gejohle auf die Nerven zu gehen.
Die Drittfrau eines Heiratsschwindlers ruft heute noch jeden Tag bei Gitta an, um sie zu beschimpfen.
Zum Glück war Gitta sehr wählerisch und servierte sie allesamt nach spätestens 10 Minuten Kennenlernen wieder ab.
„Stell dir mal vor, er hatte braune Augen. Was für eine Zumutung! Jeder weiß doch, dass braune Augen ein Zeichen für psychische Instabilität sind.“ „Er raucht Zigarren, pfui!“ „Er trinkt Kakao mit Schlagsahne, igitt!“
Mittlerweile hasste ich Gittas Anrufe, bei denen sie sich über die neuen Männerbekanntschaften beschwerte. An allem und jedem hatte sie etwas auszusetzen und ich verspürte immer mehr Bewunderung für Peters Geduld, die er in den letzten zwölf Jahren für seine Frau aufgebracht hatte. Jetzt war er wieder bei seiner Mutter eingezogen und man weiß nicht, was für ihn schlimmer war, eine erneute Bevormundung der Frau Mama oder der Verlust seines Hauses.
Dann kam Gittas Geburtstag. Wir waren alle zu ihrer Riesenparty eingeladen, jedoch ließ sich meine Tochter rechtzeitig genug eine Ausrede einfallen, nicht mitgehen zu müssen.
Zu unserer Verwunderung sahen wir Peters Wagen in der Auffahrt stehen. Sollte er sich wirklich in die Höhle der Löwin zurück getraut haben? Was war geschehen? Als Gitta uns die Tür öffnete, strahlte sie über das ganze Gesicht.
„Er ist ja so lieb! Schaut, was er mir mitgebracht hat und bitte erzählt ja nichts über die Bekanntschaftsannoncen.“
Ein mit reichlich Diamanten besetztes Kollier schillerte in allen Farben um ihren Hals und eine Nerzstola schmückte ihre schmalen Schultern. Ein um Jahre gealterter und um wahrscheinlich eine halbe Million ärmerer Peter begrüßte uns und reichte uns mit zittriger Hand ein Glas Champagner. Später zog er uns in die Bibliothek und weihte uns in das Geheimnis ein, worum es damals bei dem Streit ging.
„Ich werde nie mehr wieder erwähnen, dass meine Mutter besser kochen kann als Gitta. Lieber stelle ich eine zusätzliche Köchin ein, denn die wird im Leben nicht so viel kosten, wie das Diamantenkollier.“
Die Nerzstola hatte er übrigens auf dem Speicher seiner Mutter gefunden, aber das müsse um Gottes Willen unter uns bleiben. Wir schworen einen heiligen Eid und ich war heilfroh, dass es zu keiner endgültigen Trennung zwischen den Beiden kam. Immerhin gibt es weder einen Ersatz für sie, noch für ihn.
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Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 08.10.2009 - 22:15 |  |
@ hotte,
jetzt hab ich mit meinem Kommentar extra einen Tag lang gewartet, um das eingeschlafene Schwein aus der Gosse nicht zu wecken.
In der Hoffnung, daß Du inzwischen wieder wach bist, möchte ich Dir für Deinen aussagekräftigen Beitrag sehr herzlich danken! Auch wenn Du - wie bereits völlig richtig erkannt - absolut nix davon verstehst.
Ob vielleicht ein Schulbesuch da helfen würde? 
Ich vermute, eher nicht! 
Besten Gruß vom Mino an alle Schweine in der Komune und in der Gosse! 
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Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |