Chrissi 
     

Status: Offline Registriert seit: 12.02.2007 Beiträge: 441 Nachricht senden | Erstellt am 19.04.2008 - 18:45 |  |
Kinderneid ?
Ob Kinder wohl von Haus aus neidisch sind?
Ich weiß nicht recht. Meine Eltern, glaube ich, waren überhaupt nicht neidisch. Na ja, vielleicht konnten sie es nur besser verstecken.
Ich erinnere mich leider nur zu gut an meinen achten Geburtstag.
Es war schon toll, dass ich überhaupt feiern durfte. Feiern hieß, ich durfte meine Freundin einladen. Natürlich nur eine, aber das war doch schon was!
Meine Mutter backte, was sie super konnte, eine Buttercremetorte. Dazu
gab´s den üblichen „Lindes“, das war der mit den Blauen Punkten. Blümchenkaffee nannte man ihn auch. Der schmeckte nur gut, wenn er sehr kalt war und wenn es nicht gerade der Rest aus der Kanne war. Dann hatte man nämlich den ganzen Mund voller „Flöhe“.
Tage vorher war ich schon fisselig, was ich wohl geschenkt kriegen würde. Mein Gott, hatte ich Wünsche.... Rollschuhe, Fahrrad, Ballonroller, Puppenwagen, Schlittschuhe usw. Damals träumten wir natürlich nicht vom Fernseher, Video, Computer und so ´nem Zeug.
Was mir Jutta, so hieß meine Freundin, schenken würde war für mich unheimlich wichtig. Sie hatte nämlich all diese Dinge von denen ich nur träumte. Somit waren sie für mich, reich!
Jutta kam in einem neuen, giftgrünen Kleid. Über dem Kleid trug sie eine schneeweiße Schürze mit Stickerei. Dieses Kleid stach bei mir alles aus. Was sie mir geschenkt hat, habe ich vergessen. Ich wollte nur noch eins, dieses Kleid, einmal auch so etwas farbenfrohes besitzen! Sie sollte es ausziehen und zwar gleich! Meine Mutter sollte es ihr abkaufen. Jetzt sofort.
Da dies alles nicht ging, sollte sie gehen. Nicht meine Mutter, Jutta. Das tat sie dann auch und ich setzte mich den ganzen Nachmittag mit Herrn NEID zusammen in meinen Schmollwinkel.
Jutta durfte alles, was mir verboten war. Sie durfte sogar ein Brötchen aushöhlen (also das weiße raus pulen) und Marmelade einfüllen. Bei uns
gab´s nichtmal Brötchen!
Auch durfte sie ihr Abendbrot draußen auf der Straße essen und was das Tollste war, eine ganze Tomate konnte sie einfach nur so dazu essen. Bei uns waren derartige Verschwendungen natürlich nicht drin. Es gab Tomatenbrot (hauchdünne Scheiben) und damit basta.
Es waren irre viele Dinge um die ich Jutta beneidete. Am meisten jedoch um ihre zwei Schwestern.
Die größere, Ursula, hatte schon einen Freund. Sie fiel für uns meistens flach, da sie sich mit ihm beschäftigte. Die mittlere aber, die Christa, war eigentlich immer für uns da. Sie drehte uns die Haare auf, (ich hatte nichtmal Lockenwickler) lieh uns ihre Schallplatten, ich durfte wenn es möglich war mit ihrem Fahrrad fahren. Sie war einfach toll. Sauer war ich, Jutta hatte sie immer. Ich nur leihweise.
Meinen Eltern hielt ich diesen Umstand sehr oft vor. Warum machten oder besorgten sie mir keine Schwester? Wollten sie es nicht? Durften sie es nicht? Oder wussten sie vielleicht nicht wie man sowas macht?! Das konnte doch aber nicht sein. Schließlich hatten sie mich doch auch hin gekriegt. Sie werden es doch nicht vergessen haben? Mein Vater beschloss daraufhin mir einen Hamster zu kaufen. Das war für den Anfang schon ganz in Ordnung.
Die Sache mit der Schwester musste er wohl erst auf die Reihe kriegen.
© M-C. Hä., 2008
PS.: Woran es lag, weiß ich bis heute nicht. Ich blieb Einzelkind.
Signatur Ein Tag ohne Lachen, ist ein verlorener Tag! |
Bilderelse 
  

Status: Offline Registriert seit: 17.02.2008 Beiträge: 173 Nachricht senden | Erstellt am 19.04.2008 - 19:30 |  |
Liebe Chrissi,
wenn ich lese, was Du zu sagen hast, dann finde ich viele Bezugspunkte.
Was Du in Deiner neuen Geschichte aus Deinem Leben berichtest, kommt mir auch sehr vertraut vor.
Meine Eltern waren ebenfalls nicht reich und wir machten uns auch manchmal nur eine Zuckerstulle oder eine mit nur Mostrich drauf. Es waren andere Zeiten. Und einen Petticoat hätte ich auch immer so gerne gehabt, meine Freundin hatte einen und ein Perlonkleid...ich nicht!
Ich glaube schon, dass man als Kind (aber auch als Erwachsener) reichlich futterneidisch sein kann. Ich halte das für durchaus normal und menschlich. Solange daraus keine bösen Handlungen entstehen, wird dieser Neid nichts anrichten. Er gehört halt zum Menschlichsein, denke ich.
Deine Geschichte hat mich wirklich amüsiert und an vieles erinnert. Du hast es gut dargestellt und man kann sich vorstellen, wie es in uns ausschaut, wenn wir den heutigen Wahn damit vergleichen. Ich frage mich so oft, sind die Kinder mit all dem Luxus heute glücklicher als wir damals? Ich tendiere zu einem "Nein". Dennoch gönne ich den Kindern all das von Herzen. Nur gebe ich immer zu bedenken, dass die Einstellung zu den Werten irgendwie gänzlich unterentwickelt bleibt. Das kann sehr gefährlich sein. Meine Enkelin (10 Jahre alt) wird auch nach Strich und Faden verwöhnt. Die Eltern sagen: das wäre normal und Verwöhnen wäre das nicht. Nun, ich halte mich raus und denke mir meinen Teil. Das liebe Enkelkind wünscht nicht, es fordert und kriegt alles.
Ich bin aber weit und habe zum Glück keinen Erziehungsauftrag mehr, wie man heut so schön sagt.
Jetzt bin ich abgeschweift.
Danke Chrissi für Deinen Streifzug in Deine Kinderzeit.
Viele Grüße
Helga
Signatur Erkennen wollen
ist der erste Schritt des Verstehens.
Zunächst im Selbstversuch! |