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<Susanne Fischer>
unregistriert

...   Erstellt am 06.01.2008 - 14:06Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Als unsere Tochter sieben Jahre war, sprach sie immer noch nicht fließend. Ich ging mit ihr regelmäßig zur Logopädin. Mein Mann hielt sie für zurückgeblieben und mied sie, weil diese Blödheit nicht aus seiner Familie stammte.

Bei der Schuluntersuchung fragte ich die Ärztin, welcher Schulweg für unsere Tochter am Besten sei.

Sie antwortete: Das ist egal, aus ihr wird sowieso nichts!. Sie sei geeignet für eine Schule der geistig Behinderten. Dieser Empfehlung der Amtsärztin musste ich mich beugen, obwohl ich genau wusste, meine Tochter ist nicht geistig behindert. Ich entschloss mich, sie so gut wie möglich, selbst zu unterrichten und zu fördern.

Ich hatte die Biografien von Albert Einstein und Thomas Edison gelesen.

Beiden wird nachgesagt, sie seien Legastheniker gewesen. Kann sein, kann auch nicht sein. Aber sie waren hochbegabt, das ist sicher. Und Hochbegabung bei gleichzeitigen Lernstörungen, das gibt es sogar sehr häufig.

Man wird aber sehr viele Begabte unter den Menschen finden, die das gutachterliche Etikett teilleistungsgestört tragen.

Offiziell heißt es, dass sie Störungen in der Wahrnehmungsverarbeitung haben, was auch immer das bedeutet.

Tatsache ist, dass diese Menschen durch das Raster unserer gängigsten Wertmaßstäbe fallen. Wer anders ist, fällt aus der Norm, das ist eben so. Aber jeder Mensch hat seine eigene Wirklichkeit und nimmt die Welt auf seine Weise wahr. Es gibt nicht
die Wirklichkeit, und es gibt auch nicht die Wahrnehmung. Und das ist gut so.

Ich bin mit unserer Tochter von einem Therapeuten zum anderen, bis endlich erkannt wurde, das sie Legasthenikerin ist.
Habe mich auf die Suche nach Eltern gemacht, die in der gleichen Situation waren und nach vielen Gesprächen haben wir unsere Kinder in der Schule geoutet.

Wir saßen in einem Boot. Alle gemeinsam, manchmal auch einzeln, lernten wir, es zu steuern. Wir hatten keine Wahl, denn wir befanden uns auf offener See: im deutschen Schulsystem.

Wir wollten das Ufer erreichen, gemeinsam war es leichter. Wir konnten nicht warten, dass etwas in unserer Gesellschaft geschieht, wir mussten handeln: die Kinder auf ihrem Weg mitten ins Leben bringen und wir Mütter wussten, dass sie noch eine Strecke begleiten würden.
Nicht nur unsere Kinder waren auf Rückendeckung angewiesen, auch wir brauchten sie, denn auch wir passten nicht mehr in das gängige System.
Mütter die sich auflehnten, die sich um ihrer Kinder willen, nicht anpassen wollten, die bekamen den Stempel Querrolantinnen. Wenn wir in Ämtern vorsprachen, Briefe an Politiker richteten, in Fußgängerzonen auf das Problem aufmerksam machten,
bekamen wir oft ein Verachtendes :"Ach, die schon wieder. Die wollen aus ihren verblödeten Blagen einen Einstein machen und wir ihnen mit unseren Unterschriften, Steuergeldern, Spenden oder Vereinseintritten auch noch dabei unterstützen."


Um als Eltern

- in meinem Fall als alleinerziehende Mutter, mein Mann wollte mit einem blödem Kind nichts zu tun haben, er hat sich scheiden lassen -

den richtigen Weg für die Kinder zu finden und für das Kind zu entscheiden, braucht man sehr viel Mut und eine übermenschliche Energie.

Es bedarf Ausdauer, um mit Rückschlägen umzugehen und dem Druck der Schule standzuhalten.

Vor allem musste ich Geduld und Zuversicht entwickeln und ein spürbares Vertrauen meine Tochter setzen.

Es war nicht immer leicht souverän und gelassen zu sein, und mit Verletzungen umgehen musste ich erst lernen genauso wie die Nerven behalten und sensibel bleiben.

Und eines Tages war es soweit, dass ich meinen Humor wiedergefunden habe.

Es war gut, dass ich von Anfang an Mütter gesucht habe, die das gleiche Problem hatten wie ich. Gemeinsam haben wir uns gestärkt, und wir haben einen Weg gefunden, weil wir einen Anfang gewagt haben.


http://www.legasthenie-info.at/ET_index.htm

Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.

Marie von Ebner-Eschenbach


Ich danke Ihnen, dass ich in diesem Forum zu Wort kommen durfte. Es ist wichtig, dass Frauen sich austauschen mit ihren Erfahrungen, um anderen zu helfen.

Ihre
Susanne Fischer




Lavida ...



...

Status: Offline
Registriert seit: 14.12.2006
Beiträge: 3914
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...   Erstellt am 06.01.2008 - 15:00Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Liebe Frau Fischer,

eine bewegende Geschichte haben Sie uns erzählt,
die zeigt, dass einem sehr viel Kraft abverlangt wird, wenn man sich gegen das allgemein Gültige auflehnt.

Wir alle, die kämpfen, haben aber auch das Recht auf Verschnaufpausen.

Denn wir werden nicht verschont von Desorientierung und Verunsicherung, von Panik, Zweifel und Überforderung.

Durchhalten ist überlebenswichtig, aber auch das Loslassen und Innehalten.

Was ist aus Ihrer Tochter geworden?

mein Lächeln für Sie
Lavida




Tagtraeumerin
unregistriert

...   Erstellt am 08.02.2008 - 11:51Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Zehn bis fünfzehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben große Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben.

Zwanzig Prozent aller 15jährigen können - laut Pisa - nicht mal einfachste Texte bewältigen.
Das ist ungefähr jeder fünfte Jugendliche.

Jeder vierte Schulabgänger gehöret zu den Risikoschülern, was die Lese- und Rechtschreibkompetenz anbelangt.

Ob es an den Genen liegt, an der Erziehung oder am Schulunterricht: Wer nicht lesen und schreiben kann, hat viele Probleme.

Es gibt verschiedene Antworten auf die Frage, wodurch die Sprachwahrnehmung gestört wird:

Naheliegend ist es, dass daran eine von Vater oder Mutter geerbte Veranlagung Schuld ist.

Möglicherweise beeinflusst aber schon das Verhalten des Elternteils, der selber mit Schrift und Sprache Probleme hat. Und so entstehen die fehlerhaften Verknüpfungen der Nervenzellen.

Doch in einem Punkt sind sich die Wissenschaftler einig: Eltern und Kinder aus Risikofamilien sollten möglichst frühzeitig gefördert werden, um die Probleme erst gar nicht entstehen zu lassen.




Delfin
unregistriert

...   Erstellt am 14.02.2008 - 01:09Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


schrieb
    Eltern und Kinder aus Risikofamilien sollten möglichst frühzeitig gefördert werden, um die Probleme erst gar nicht entstehen zu lassen.


Das ist natürlich sehr richtig und enorm wichtig.

Leider ist die Geschichte von Frau Fischer kein Einzelfall.

Oft werden einem Steine in den Weg gelegt,
man wird als "Übermutter" (meist kämpfen eben die Mütter) betitelt
und belächelt oder man wird kurzerhand abgeschoben.

Gut finde ich, dass jetzt schon im Kindergarten
regelmäßig prophylaktisch die Sprachentwicklung
der einzelnen Kinder beobachtet wird
und gegebenenfalls mit den Eltern über
frühzeitige Förderung geredet wird.

Manche Eltern schämen sich gar für ihre 'dummen' Kinder
und versuchen das 'Problem' selbst zu lösen,
was für alle Beteiligten fast eine Quälerei ist,
mit nicht zufriedenstellenden Ergebnissen.

[Dieser Beitrag wurde am 14.02.2008 - 01:10 von Delfin aktualisiert]





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