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Megaera unregistriert
| Erstellt am 23.10.2007 - 17:18 |  |
Was? Kein Zetern, kein wohlmeinendes autoritäres Belehren, kein Sturm der Entrüstung, losgetreten von ihrem völlig unhöflichen, untragbaren, unangemessenen, unausstehlichen Verhalten?! Megaera war derart überrascht über das Ausbleiben einer dampfenden Predigt, dass sie in ihrer Absicht, die Ohren sinnbildlich zu verstopfen und geraden Schrittes weiter auf ihr Pflegekind zuzusteuern, glatt innehielt, als sich Asims ‚Mmmmmh’ für ihre ungeduldigen Verhältnisse zu lange zog. Mit großen Augen drehte sie sich langsam um, den ungläubigen Blick bald auf den Verwalter geheftet. Sie hätte schwören können, den panischen Angstschweiß noch wenige Momente zuvor auf seiner dunklen Stirn glitzernd gesichtet zu haben, und nun? Nun sollte das alles ein Missverständnis ihrerseits sein?! Der Kerl verarschte sie doch wohl! Bashkans unterschwellige Schärfe hatte sie sich doch nicht nur eingebildet! Mochten ihre Sinne für solche Anzeichen auch noch so empfindlich sein, auch Asim, dessen Hals von der Laune seines Herrn abhängig war, hatte ganz sicher das Riff gesehen, das sie nur haarscharf hatte umsegeln können. Na, vielleicht wollte er auch einfach nur Frieden stiften, weil er fürchtete, dass sie beim nächsten Zusammenstoß mit dem König sofort in eine zickige Defensivhaltung übergehen würde und es einen weniger glimpflich endenden Auftritt gäbe. Gut, das wollte sie eigentlich auch verhindern. Und vielleicht übertrieb sie es tatsächlich ein wenig.
Ein tiefer, stummer Seufzer kam ihr über die Lippen, während sie – nur ausnahmsweise und nicht zur Wiederholung gedacht – kurz über die Worte des Verwalters nachdachte. Waren Väter so? Hatte Bashkan das alles wirklich nur in seiner Sorge um einen seiner Kostbarkeiten gemeint? Megaera musste sich eingestehen, dass ihr diesbezüglich einige Informationen fehlten. Sie hatte sich und ihre Kompetenzen als Kindermädchen – die, zugegeben, eigentlich tatsächlich nicht vorhanden waren – von seinen ‚sollte’-Bemerkungen und dem strengeren Tonfall angegriffen gefühlt weil er damit etwas noch einmal befahlen, das eigentlich sowieso schon klar sein sollte. Und ihre Natur hasste genau solch eine Bevormundung. Augapfel… pfft. Wichtiger als Reichtümer… Doppel-Pfft!
Entschlossen trat sie wieder einen Schritt zurück und damit auf Asim zu. Sie brauchte diesbezüglich mehr Informationen, sonst würde sie zwangsläufig an irgendeiner dummen Stolperschwelle scheitern und Titus konnte sie ruhigen Gewissens im Meer verschwinden lassen. Und, zugegeben, sie wollte ihren eigenen Standpunkt noch einmal unterstreichen.
„Natürlich wollen die Väter in meinem Lande auch, dass ihre Kinder gut behandelt werden, aber sie drücken es anders aus.“
So glaubte sie wenigstens.
„Ganz einfach weil sie es sich nur wünschen, es aber nicht so befehlen können wie ein Schah. Immerhin geht es hier um zwei Personen, nicht nur um das Kindermädchen. Ich kann versuchen, auf den Kleinen einzugehen, aber ob mir das glückt, hängt ja nicht nur von mir ab. Und Karim ist sechs Jahre, er ist kein Säugling mehr. Ich kann ihm doch nicht alles nachsehen, zu allem nicken und ihm alles durchgehen lassen, nur weil ich weiß, dass sein Vater hinter mir auf meine Finger schaut. Soll er etwa alles in den…. Soll er immer seinen Willen bekommen, nur weil er der Sohn seines Vaters ist? Dann würde er doch nur zu einem verhätschelten und eingebildeten kleinen Abklatsch seines Vaters. Noch nicht einmal das, er bliebe ewig nur ‚der Sohn des Königs’. Soll er in zwei, drei Jahren seine Sklaven und Spielgefährten tyrannisieren, nur weil er der Sohn des Königs ist und ihm keiner was kann?“
Dieser ganze, abgekapselte, mit Spielzeug voll gestopfte kleine Komplex, der offenbar nur zur Unterhaltung da war brachte dem Kleinen ein völlig falsches Bild der Welt in seinen wachsenden Schädel. Später würde er dann mit seinen Untertanen herumspielen wie jetzt noch mit seiner Holzarmee. Kein Kind brauchte eine so ätzende Menge an Spielsachen und Sklaven! Meg juckte es in den Fingern, Karim zu packen, in der Mitte der Stadt auszusetzen und ihn eine Portion Realismus kosten zu lassen, fern von Mamas weichem Busen und Papas machtvollem Eingreifen. Wenn sie ein Kind sah, dass von seinen Eltern so verhätschelt wurde, bekam sie immer Lust ihm zu erklären, dass es im Leben auch so etwas wie ‚Qualen’ gab. Falls sie und Pylades jemals irgendetwas Kindähnliches bekämen, und sei es nur eine Katze, würde sie schon dafür sorgen, dass Pylades’ Reichtum das harte Leben der Straße nicht allzu lange würde verdecken können. Karim stellte natürlich den Gipfel der Verhätschlung dar. Und das, obwohl sie selbst nicht gerade armselig und in bitterer Armut aufgewachsen war.
„Ich bin einfach der Meinung, dass mehr in ihm steckt, als das, was man hier mit seinen immer griffbereiten Sklaven und inmitten dieser Spielzeughorden sieht. Er hat ja noch nicht mal echte Freunde, das sind doch alles nur Puppen, die auf Befehle horchen und tun, was immer er will. Gibt hier mal irgendjemand ein Widerwort von den anderen Kindern? Soll er denn so aufwachsen, in dem Bewusstsein, dass alle nach seinem Mund springen? Ich wette, er ist furchtbar launenhaft, quengelig, und oft genug ein richtiges, unausstehliches, eigensinniges, terrorisierendes Biest.“
Mit knapper Not unterdrückte die Diebin den Anhang ‚So wie ich früher’, und fügte stattdessen mit im Voraus triumphierend leuchtenden Augen hinzu:
„Wenn Ihr den ganzen Herrscherkram beiseite lasst: stimmt’s oder hab ich recht?“
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Bashkan König der Sassaniden

Status: Offline Registriert seit: 09.07.2006 Beiträge: 94 Nachricht senden | Erstellt am 23.10.2007 - 17:56 |  |
Asim

„Ich denke – nein, ich weiß, da ich den Schah von Kinderbeinen an kenne – dass es eine der Schattenseiten, die Macht mit sich bringt, ist, niemals von ihr ganz ab betrachtet werden zu können. Ein König trägt für viele Menschen immer eine Krone, auch, wenn man sie nicht immer wahrzunehmen vermag. Man sieht in ihm immer eine dominierende Macht. Einerseits ist das sicher gut, denn es hat auf die Feinde eine gewisse Wirkung. Hier aber geht es um die Familie.“ Asim strich sich das Haare zurück und blickte Selene eindringlich, wenn auch respektvoll, an. „Familie! Das ist in Persien ein sehr, sehr großes Wort! Und Vater ist und bleibt ein anderer Begriff als König.“ Asim versuchte keinesfalls die junge Frau zu belehren und sein Tonfall klang auch dementsprechend freundlich und milde. „Ein König befiehlt, ein Vater wünscht. Unglücklicherweise kann man ‚König’ nur schwer hinter ‚Vater’ stellen, da es in der Menschlichen Natur liegt, dass, was wir nicht kennen nach dem Merkmal einzuschätzen, dass uns als das Markanteste präsentiert wurde. Und was das verhätscheln angeht… Nur weil Karim hier ohne seine Lehrer und Erzieher ist, die allesamt in der Heimat geblieben sind, heißt dies noch lange nicht, dass er sich zum kleinen Schah höchstpersönlich ernennen kann. Und nun… hätten wir, oder hätte der Vater dieses Jungen, jemanden gewollt, der kein ‚Nein’ kennt, so hätte er sich kaum um eine einheimische Kinderfrau bemüht.“ Asim ließ die Worte eine Weile wirken. Nun, eigentlich ordnete er seine eigenen, bevor er fortfuhr: „Und der Vater Karims bat nicht darum, nach der Pfeife des kleinen Prinzen zu tanzen, sondern ihm eine mütterliche Fürsorge zuteil werden zu lassen. Damit seid ihr also eine Respektsperson.“ unterstrich Asim mit einem sachten Nicken in ihre Richtung. „Und nun… Karim ist sechs Jahre alt. Noch zwei Jahre, dann ist er groß genug, um den sicheren Hort seiner Mutter und den Harem zu verlassen und in die Welt der Männer, in die Welt der Könige, Soldaten, Gesetzte und Staatsgeschäfte eingeführt zu werden. So ist es Tradition. Dem Schah ist es ebenso ergangen, als er ein Junge war, und seinem Sohn wird es mit allen Bemühungen, die aufzubringen sind, auch nicht schaden.“
So, damit schloss Asim seine Antwort. Obwohl… nein… Eine Sache wäre da noch. „Und Selene…“ Nun wurde die Stimme des Persers ernst, ohne jedoch einen bedrohlichen Klang anzunehmen. Als verstärkende Geste hob Asim leicht den Finger, als wolle er sich der Aufmerksamkeit der jungen Frau sicher werden. „Ich glaube doch sehr, dass er unangebracht von euch ist euer Urteil zu fällen, wo ihr von all dem hier nur einen Bruchteil gesehen habt, geschweige denn, dass ihr je in Persien gewesen seid – so nehme ich es nämlich an. Sonst würdet ihr nicht so reden. Das, oder ich muss an eurem Urteilsvermögen ernsthaften Zweifel äußern. Allerdings wage ich das zu bezweifeln.“ Danach wurde sein Tonfall wieder milder und er schloss schließlich mit: „Vielleicht werdet ihr hier, während ihr des Prinzen Kinderfrau seid, verstehen. Mehr.. verstehen.“ Er lächelte.
Asim war kein Mann, der sich nicht bemühte, zu verstehen. Auch war er nicht unmündig oder dumm. Und auch, wenn die ersten Jahre seines Lebens und ein großer Teil seiner Kindheit alles andere als schön gewesen waren, so war er doch nicht verbittert geworden. Von ersterem würde er der Mediterranerin nichts preisgeben, es ging sie auch nicht im Geringsten etwas an. Trotzdem wollte er sich der jungen Frau verständlich machen. Sicherlich war es ein feststehendes Faktum, dass er seinem König viel und wichtiges verdanke, dies ließ ihn jedoch nicht voreingenommen werden. Zwar muss man nicht erwähnen, dass Bashkan in seiner Gunst sehr hoch stand, jedoch genoss noch eine höhere Gunst das, wofür der Schah in einem gewissen Sinne stand. Persien. Und auch wenn dieses Land weitab war von Perfektion, kein anderes besaß einen so großartigen Sinn für die Familie und ihre Bedeutung. Zumindest war dies Asims Meinung.
[Dieser Beitrag wurde am 23.10.2007 - 18:03 von Bashkan aktualisiert]
Signatur "So schwer wie die Freiheit, so leicht ist der Zaun, der sie hält!"
(Alles, was in *...* steht, sagt er auf Persisch!) |
Megaera unregistriert
| Erstellt am 29.10.2007 - 11:00 |  |
Natürlich gab man ihr nicht recht und ebenso natürlich wusste Meg ganz genau, dass sie recht hatte. Aber SO wie sie es sagte, konnte man ihr selbstredend nicht zustimmen, es war zu ungeschönt, zu direkt; ihr fehlten Eindrücke und überhaupt war alles ganz anders. Asim wollte es nur nicht zugeben, das war das Problem. Deswegen beantwortete er nicht einmal direkt ihre Frage sondern fing an, ausschweifend die Ränder des eigentlichen Themas entlangzukratzen. Es war wahrscheinlich eine Zeitverschwendung, sich überhaupt weiter damit zu befassen. Auch wenn die Diebin ansonsten keiner hitzigen Debatte aus dem Weg ging und sich ihr letztes Wort eigentlich niemals rauben ließ wenn sie anderer Meinung war als ihr Gesprächspartner. Und es war beileibe nicht so, als fielen ihr keine Gegenargumente mehr ein. Aber dieser sture Perser würde sie mit Sicherheit lieber vor die Tür setzen, als nachzugeben. Megaera hasste diese Abhängigkeit und sobald man sie aus ihr entbunden hatte, würde sie sich für all diese kleinen Nettigkeiten bedanken.
Vorerst verschränkte sie langsam die Arme ineinander und versuchte, Asims geistigen Höhenflügen zu folgen, was sie jedoch recht bald einstellte und sich stattdessen auf Stichworte konzentrierte, wie sie es bei so hochgeistigen Reden mit eigentlich sehr dämlichem Inhalt immer gerne machte. Ihre Gabe des Zuhörens war ähnlich stark entwickelt wie ihr Sinn für Soziales. Selbstverständlich irrte sich dieser verfluchte Perser schon am Anfang, als es Meg sogar noch gelang, ihren kurzweilig veranlagten Verstand noch folgen lassen zu können. SIE hatte sicherlich kein Problem damit, Bashkan außerhalb seiner Macht zu sehen, die Schwierigkeit lag vielmehr bei dem lieben König, dem es nicht gelang, sich auch nur einen Augenblick lang normal zu gebärden und für den alles nur ein einziges Befehlen, Anordnen und Drohen war. Als normaler Mensch behandelt zu werden würde er keine zehn Herzschläge lang aushalten. Selbst wenn er es sich wünschte, wie sie selbst am Anfang geglaubt hatte. Dieser Eindruck hatte sich jedoch schnell als Missverständnis herausgestellt. Macht und Einfluss waren einfach zu praktisch, man gelangte mit ihnen deutlich schneller ans Ziel seiner Wünsche, um den schwierigeren Weg drum herum zu gehen.
Asims folgender, eindringlicher Blick ließ ihre Lider einen längeren Moment zufallen, damit er nicht sah, wie sie die Augen verdrehte. Das hier konnte man doch nicht mehr 'Familie' nennen, das war ein überbezahlter Circus voller unwirklicher Absonderheiten. Normale Familien bestanden aus Mann, ein oder zwei Frauen, vielleicht allerhöchstens acht überlebenden Kindern und vielleicht noch den Großeltern. Das hier war doch viel zu gewaltig, um es noch Familie zu nennen. Demzufolge war ganz Persien ein Produkt von Inzucht, weil jeder mit jedem irgendwie verwandt sein musste. Dieser riesenhafte Harem, die daraus resultierende, irre Zahl von Bälgern... das Bashkan sich überhaupt noch die ganzen Namen merken konnte! Wenn er es denn konnte, vielleicht beschäftigte er auch drei 'Erinnerer', die ihm aus dem Hintergrund zuflüsterten, wer ihm da gerade in den Finger gebissen hatte. So einen Mann konnte man doch nicht mal mehr wirklich Vater nennen, wenn er seine Kinder hauptsächlich Fremden überließ und nur hier und da mal vorbeikam, um Befehle loszuwerden. Niemand besaß derart viel Liebe, um sie in so viele kleine Portiönchen aufzuteilen und allen gerecht werden zu können. Karim konnte einem wirklich Leid tun. Dann lieber gar kein Vater als so jemanden, den er einmal alle paar Wochen sah und mit Hunderten anderer Kinder teilen musste. Kein Wunder, dass er sich so gefreut hatte, Bashkan zu sehen. Vielleicht dachte er da in einigen Jahren etwas anders drüber.
König, Vater... dieser weiße Vogel wusste vermutlich, was ein König war, aber was das Vatersein betraf, so war er der Letzte, der sie belehren durfte, trotz ihrer nicht vorhandenen Erfahrung.
"Ich muss nicht in Persien gewesen sein, und ich muss auch nicht verstehen. Käme es dem König darauf an, hätte er wohl nicht auf eine einheimische Kinderfrau aus Mediterranea bestanden, oder? Von persischen Verstehern gibt es hier denke ich schon genug."
Megaera hatte trotz einiger halbwegs vernünftiger Stimmen in ihrem Inneren die Hände angriffslustig in die Seiten gestemmt und erwiderte Asims Blick zwar lächelnd, aber mit einem leichten Funkeln in den braungrünen Augen. Diese Ermahnung am Schluss seiner kleinen Rede war nicht nur bei ihr angekommen, sie hatte auch wiederum ihren trotzigen Stolz auf den Plan gerufen. Und solange sie das alles in eine samtige Stimme und ein kleines Lächeln hüllte, konnte man ihr so direkt auch ihrer Meinung nach nichts anhaben.
"Zudem bin ich sehr wohl bereit, den Schah abseits seiner Abstammung zu sehen, obwohl mir dies wohl noch niemals schwerer gefallen ist, als hier. Ich bin mir nur nicht sicher, ob er das wirklich will. Wenn er glaubt, mit Anordnungen bei mir mehr zu erreichen als mit Vertrauen, dann bricht jedoch er dieses stille Abkommen. Besonders, wenn ich ihm keinen Grund dazu gegeben habe. Karim ist nicht mein erster adliger Schützling. Ich weiß, wie ich mit solchen Kindern umgehen muss und obwohl der Anfang gut gelaufen ist bedeutet das noch lange nicht, dass wir nicht aneinander geraten. Das werden wir, früher oder später. Ich werde ihm nämlich nicht mit mütterlicher Fürsorge begegnen, denn dies setzt uneingeschränkte Liebe, sowie Geduld und Verständnis voraus. Abgesehen davon bin ich keine Mutter, wie also soll ich dieses Gefühl angemessen vermitteln können wenn ich nicht weiß, wie es sich anfühlt? Zudem besitzt Karim bereits eine Mutter, was also soll er mit einer weiteren so denkenden, fühlenden und handelnden Person? Wenn unsere Beziehung von Respekt erfüllt sein soll, dann müssen wir uns den beide verdienen. Ich möchte nicht dass er glaubt, von jedem mit Respekt überschüttet zu werden, weil er und sein Vater reich und von Adel sind. In Persien mag es so sein, in Persien mag man den Traditionen folgen und sie mögen keinen Schaden hervorrufen, aber nur weil sie nicht schaden bedeutet das nicht, dass man sie unverändert weiterhin durchführen kann. Menschen sind nun einmal verschieden und für einige mag das Alter von acht Jahren angemessen sein, um sie fort zu bringen, aber für andere ist es vielleicht ein Jahr zu früh, für wieder andere ein Jahr zu spät. Wer beurteilt das? Die Tradition? Traditionen mögen auf den ersten Blick sicher und gut wirken, aber sie schränken ein. Sie verhärten. Es ist dann kein Schutz mehr, es ist ein Gefängnis, ein hart vorgeformter Gang mit Steinwänden, der geradeaus führt, auch wenn man das Gefühl hat, gerne abbiegen zu wollen. Und gerade bei einer so großen Familie ist es doch nun wirklich nicht nötig, alle Kinder denselben Weg gehen lassen zu müssen. Bei so vielen Söhnen werden bestimmt genug für die Staatsaffären zu begeistern sein, aber was ist, wenn einer darauf keine Lust hat? Wenn seine Stärken woanders liegen? Gab es nie jemanden, der aus dem Königshaus ausgebrochen ist?"
Nun wirklich neugierig geworden hob Megaera die Augenbrauen und blickte Asim erwartungsvoll an. Das wäre eine spannende Geschichte, ein eigensinniger Rebell, der sich dem Zwang der Erziehung nicht unterwerfen wollte und sich auf die Suche nach seiner Freiheit und seinem eigenen Leben machte. Vielleicht wurde er ein Abenteurer, der seine Unabhängigkeit und seinen Willen über alles andere stellte und durch die Welt auf der Suche nach seinem wahren Glück zog. DAS wäre eine Erzählung wert....
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Bashkan König der Sassaniden

Status: Offline Registriert seit: 09.07.2006 Beiträge: 94 Nachricht senden | Erstellt am 01.11.2007 - 18:18 |  |
Asim

Langsam und gemächlich, während Asim der Mediterranerin zuhörte, verschränkte der Perser die Arme vor der Brust. Noch immer sah seine Miene ruhig und einigermaßen gelassen aus; er machte keine Anstalten die junge Frau zu unterbrechen und ihrer Rede Einhalt zu gebieten. Auch, wenn er ab und zu die Kiefer aufeinander presste, um eine Erwiderung zu unterdrücken und sich zwischen seinen Augenbrauen nach und nach eine kleine, steile Falte bildete, so ließ er Selene ausreden. Soviel zu der Annahme, er habe hier eine vollkommen wohlerzogene, ruhige und gelassene, wie auch mütterlich veranlagte Frau vor sich, die sich entsprechend zu benehmen hatte – was nicht bedeutete, dass Asim von Selene erwarten hätte, sie würde bei jedem seiner Worte kuschen. Wenn die Perser etwas hoch schätzen, dann war es die Gastfreundschaft und die damit einhergehende Höflichkeit. Doch jenes ‚sanftmütige Wesen’, das er da vor sich hatte und das eine wahre Salve von Rechfertigungen auf ihn niedergehen ließ, schien zum einen ein stilles, aber tiefes Wasser zu sein und zum zweiten eine größere Klappe zu besitzen, als er bisher geglaubt hatte. In diesem Moment war Asim recht froh, dass der Schah bereits gegangen war.
„Wenn ihr in der Lage wärt ‚König’ und ‚Vater’ gekonnt zu unterscheiden, dann würdet ihr euch nicht so über das aufregen, was der Schah zu euch sagte.“ Im Grunde verspürte Asim nicht den geringsten Drag noch weiter auf dieses Thema einzugehen. Wenn Selene eine Weile hier im Sarây lebte, so würde sie entweder verstehen oder sie würde es niemals verstehen. In ihrem Interesse hoffe der Perser, dass sie verstehen würde, mehr Einsicht in das bekommen würde, was sie leichthin abtat. Selene stand sich selbst im Weg. Man sagte, die Menschen auf Mediterranea seien tolerant, denn nirgendwo anders in der bekannten Welt gab es einen Ort, an dem so viele Kulturen nicht nur aufeinander trafen, sondern auch miteinander lebten. Asim beanspruchte dies nicht für sein Volk, auf keinen Fall. Allerdings war er ein wenig enttäuscht von Selene. Man sagt, man kann den Leuten nur ‚vor den Kopf gucken’ und Asim hatte sich wohl in seiner Wahl dahingehend geirrt, als dass er gehofft hatte einen jener weltoffenen Menschen gefunden zu haben, für die Mediterranea berühmt war.
„Ich will euch nicht belehren, aber als stolzer Perser kann ich sagen, dass ihr nichts wisst, was uns betrifft. Ihr kennt nur das, was man über mein Land und mein Volk sagt. Überspitzte Gerüchte mit übertriebenem Inhalt, Geschichten von Zwang, wilden Horden und Reichtum. Es ist erstaunlich, aber das sind die Dinge, die jedem Fremdländer sofort in den Sinn kommen, wenn er an meine Heimat denkt. Ihr solltet euren Hitzkopf mit Empfänglichkeit kühlen und aus einer Mücke einen Elefanten machen, auch, wenn eure Rückschlüsse, die ihr zieht, wirklich abenteuerlich und sicher in mancherlei Kreisen zum Amüsement beitragen würden. Und natürlich gab es Freigeister und den ein oder anderen Rebellen. Doch wenn sich jemand nicht berufen fühlt, König zu sein, so bitte, soll er ablehnen und man wird ihn ziehen lassen. So etwas lässt sich der Natur des Menschen wegen nicht vermeiden. Ich rate euch, uns nicht für verbissen und dumm zu halten und des Weiteren rate ich euch, das Bild in seinen Facetten und nicht nur den Rahmen zu betrachten.“ Seine Stimme hatte an Schärfe gewonnen. Er war an dem Punkt angelangt, an dem er sich von einer jungen Frau mit Klein-Mädchen-Attitüden nicht mehr zu Tode reden lassen wollte.
Es gab wichtigere Dinge, mit denen er sich auseinanderzusetzen hatte. Sollte die spitzzüngige Selene zu weit gehen und dem kleinen Prinzen unvertretbare Flausen in den Kopf setzen, so würde sie es erfahren. Die dezente Gefolgschaft Karims waren seine Augen und Ohren und wenn jene ihm wirklich etwas Ernstes zu berichten haben würden, so musste er Konsequenzen ziehen. Noch aber sah er keinen Grund darin Selene ihrer Worte wegen zu ermahnen, denn in seinen Ohren waren ihre Reden die eines kleinen Mädchens, dass aus irgendeinem Grund zuerst zubiss und dann zuhörte. Asim bemitleidete sie schon fast. Aber sein Problem waren die verkorksten Sozialkompetenzen dieser schier Fremden nun wirklich nicht.
„Ich lasse euch allein. Wenn ihr etwas braucht, so fragt einen der Diener oder lasst nach mir schicken, wenn es euer Begehr ist.“ Mit diesen Worten tat er einen andeutenden Schritt zur Tür hin und machte Anstalten das Gemach zu verlassen.
[TBC folgt irgendwann]
Signatur "So schwer wie die Freiheit, so leicht ist der Zaun, der sie hält!"
(Alles, was in *...* steht, sagt er auf Persisch!) |
Megaera unregistriert
| Erstellt am 08.11.2007 - 15:53 |  |
Manche Wesen sollte man vermutlich tatsächlich nicht zu nahe kennen lernen, wollte man sich nicht durch einen zweiten oder gar dritten Blick enttäuschen lassen. Megaera als brauchbare Vertreterin Mediterraneas anzusehen stellte wohl den größten taktischen Fehler dar, den ein Mensch begehen konnte. Selbstredend war sie irgendwie schon durch und durch mit dieser Insel verwachsen, von ‚Weltoffenheit’ oder auch nur ‚Gastfreundlichkeit’ konnte bei ihr jedoch keine Rede sein. Zwar dämmerten ihr die sicherlich guten Absichten, die hinter dem Vorhaben steckten, eine Eingeborene zum Kindermädchen zu ernennen, allerdings hatte sie, trotz Lokis innigen Aufforderungen, nicht vor, alle Macken und Ecken der Perser unter den Teppich der ‚lustigen, volkspezifischen Eigenheiten’ zu kehren. Wenn sie hier waren (freiwillig!), dann mussten sie sich ihrer Meinung nach auch Kritik gefallen lassen, denn das hier war eben nicht Persien. Die Angewohnheit, Gästen Honig ums Maul zu schmieren, hatte Meg noch nie verstanden. Im Grunde sollte es genau umgekehrt sein; die Gäste hatten sich den Gepflogenheiten anzupassen und die Klappe zu halten, wenn es ihnen hier nicht gefiel, bitte, da lag der Hafen. Es zwang sie niemand, zu bleiben und hier dicke Paläste mit ihrem Pomp hinzusetzen oder den Hafen mit stinkenden Schiffen zu belagern, wie sich Zecken an einen Hundeschwanz klammerten.
Insofern hielt sich Megaeras Reue und Einsicht – wie eigentlich stets – nicht bloß in Grenzen, sie kamen erst gar nicht dazu, überhaupt zu existieren. Lediglich eine leicht Enttäuschung darüber machte sich in ihr breit, dass nun keine abenteuerliche Rebellengeschichte gefolgt war, sondern ihre gesamte, durchaus berechtigte, provozierende Rede in einem Sumpf aus umständlichen Worten, dummen Ermahnungen und sinnentleertem Geschwätz unterging. Na, was konnte man von diesem Kerl auch erwarten? Wahrscheinlich musste er erst die Erlaubnis seines Herrn einholen, um pinkeln zu gehen. Meg schauderte leicht zusammen angesichts dieser blinden Ergebenheit und blickte Asim mit dem gewohnt sturen, unnachgiebigen Blitzen in den Augen nach. Es kam ihr gar nicht darauf an, irgendetwas über die Perser zu wissen, doch sie wusste sehr wohl, dass ihre geäußerte Meinung über dieses nette Völkchen noch handzahm war verglichen mit der, die andere Menschen dieser Erde wohl dazu verleiten würde, nach Speer und Schwert zu greifen. Viele störte dieser protzige Bau mitten in der Stadt, der zu sagen schien, wie gewaltig der persische Reichtum auf anderer Leute Kosten war, sogar hier, auf dieser angeblich so neutralen Insel. Manche waren gerade auch vor den Persern hierhin geflohen und keiner von ihnen würde aufgrund der ‚offenen’ Einstellung schluchzen und jammern, wenn ein Brand oder dergleichen all den schönen Reichtum wegfressen würde. Also, was erwartete Asim nun? Freude und Glück und strahlende Gesichter, die seinem Herrn zujubelten für die Gnade, die seine Anwesenheit der Insel bescherte? Für so einen Anblick würde er zurück nach Hause reisen und gründlich seine persischen Untertanen anpeitschen müssen.
Die junge Diebin hielt sich im letzten Augenblick zurück, kein vielleicht in diesen Kreisen unbekanntes, aber in ihrem Milieu äußerst obszönes Handzeichen hinter Asims Rücken zu machen, als dieser sich umwandte und davonstolzierte. Ohja, Freunde für’s Leben. Diese drei Tage würden richtig toll werden. Ebenso verbiss sie sich diverse, bitterböse Kommentare, die sie wohl im besten Fall nur vor die Tür befördert hätten und wandte sich mit einem Ruck Karim und seinen Spielkameraden zu. Kurz flatterte ihr noch der Gedanke durch den Sinn, ob sie den Diener auch schicken könnte, wenn sie diesen knuddeligen Jade-Elefanten bräuchte, aber vermutlich hatte der Herr Verwalter dies nun doch nicht so gemeint. Aber nein, heute würde sie sich erst einmal orientieren und den Sarây ein wenig besser kennenlernen, so weit dies in Karims zugegeben sehr engem Radius und Wirkungsbereich eben möglich war. Aber übermäßiges Sorgenmachen hatte nie zu ihren Angewohnheiten gezählt, also ging sie die nächsten Stunden fast vollkommen auf das Spielen mit dem Jungen ein, bei der sie jedoch mehr die geistig gleichaltrige Spielkameradin denn die auf einen Lernfaktor bemühte, alles überwachende Aushilfsmama darstellte. Zumal sie sich noch an einige ‚lustige’ Spiele mit ihrem eigenen kleinen Gecko von damals erinnerte, die die neue Generation allerdings nicht lieber zu mögen schien, als der Vorfahr. Abgesehen davon hatte ihr stellenweise noch recht kindliches Gemüt natürlich auch einen Narren an dieser unglaublichen Menge von Spielzeug gefressen, so dass sie mit Ideen vom Aufbau verschiedenster Phantasiewelten geradezu überlief, inspiriert manches Mal nur durch ein Stichwort oder den Anblick einer Kleinigkeit. Natürlich mussten ihre Geschichten möglichst reißerisch spannend sein, mit wilden Verfolgungsjagden quer durchs Zimmer und nicht gerade dafür ausgelegt, dabei ruhig und still in einer Ecke zu sitzen und die Figürchen gerade nur so weit zu bewegen, wie der Arm lang war. Auf diese Art konnte man doch niemals ‚Mero, das unsichtbare fliegende Dromedar’ spielen, das damals, als sie sieben oder acht Jahre alt gewesen war, in regelmäßigen Abständen im Hera-Tempel zu Besuch gewesen war, und mit dem sie sich wunderbar über die Wüste, die ‚Broddulinen’ und die Abenteuer von ‚Schelezatte’ unterhalten hatte, dem Besitzer von ‚Mero’.
Megs Phantasie jedenfalls schien unerschöpflich und hätte sie nur halb soviel Energie auf das Lernen der Namen von Karims Spielkameraden verwendet, hätte sie sie sicherlich inzwischen im Schlaf herunterbeten können – so jedoch beschränkte sie sich meist nur auf die erste Silbe oder piekste den Angesprochenen demonstrativ den Zeigefinger in die Seite.
Irgendwann jedoch erreichte sie die Mitteilung, dass ihr Schützling Mittagsruhe halten müsste, und – zu ihrer stummen Verwunderung – dieser Aufforderung anscheinend auch nachzugehen gedachte. Natürlich war sie es inzwischen auch gewohnt, am helllichten Tag zu schlafen, aber damals in Karims Alter hatte sie sich nie ins Bett bringen lassen wollen, ganz gleich zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Mochte sie vorher auch noch im Sitzen fast eingeschlummert sein, so bald man sie hochnahm und in ihr Zimmer bringen wollte, ging das Theater los, das sich spielend bis zu drei oder vier Stunden ziehen konnte, wenn Meg richtig gut drauf war. Bashkans kleiner Sohn jedoch hatte sich offenbar an dieses doch eigentlich sehr nervige Ritual gewöhnt. Andererseits bedeutete dies für Megaera eine kleine Erholungspause, sowie einen kurzen Spaziergang außerhalb der hohen Palastmauern. Zwar hätte sie sich auch im Sarây verköstigen lassen können, doch sie lehnte – diesmal geradezu überhöflich – ab mit der Begründung, kurz ihren Bruder besuchen zu wollen. Eine solche Gelegenheit würde sie sich nicht entgehen lassen, diesem Bau für ein paar Momente entkommen zu können.
Leider wurden ihre schönen, schnell geschmiedeten Pläne – die sogar einen kurzen Besuch beim Präfekten der Stadtwache beinhalteten – ein wenig zerstört als man sie darum bat, eine frisch eingetroffene Sklavin (gab’s da einen Lieferdienst?) etwas in der Stadt herum- und den ansässigen, guten Händlern vorbeizuführen, kurz gesagt ging es wohl um das ‚Sieh und lerne!’ - Prinzip. Gut, man hing ihr einen kleinen Klotz ans Bein, doch Megaeras fröhlicher Grundstimmung machte diese Entwicklung noch keinen Abbruch. Vermutlich sah sie Sklaven einfach für gewöhnlich als zu unscheinbar und uninteressant an um zu erkennen, dass man ihr da wirklich etwas wie einen anderen Menschen aufs Auge gedrückt hatte. Also stimmte sie zu und begab sich schon einmal – nach neuer Freiheit schnuppernd – vor das Eingangstor des Sarâys.
tbc: Unterkünfte und Paläste » Bashkans Sarây » Vor den Toren des Sarâys
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