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MadameKaya  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 18.10.2005 - 22:28 |  |
Es geht nur um ein Buch, meine Lieben ...
In unserer Zeit wurde der erste " Welterfolg" der Literaturgeschichte geschrieben(bzw, etwas früher 1774),den die Jugend Europas geradezu verschlungen hat:
"Die Leiden des jungen Werther" von Goethe.
Es ist die unglaublich traurige Geschichte eines jungen Mannes der sich aus Liebe zu einer Frau das Leben nimmt.
Eigentlich leidet er nicht nur an Herzschmerz, sondern auch noch an einer ungesunden Portion Weltschmerz. Er verabscheut die Standesgesellschaft mit ihren Hofintrigen und oberflächlichen Geschwätz und sucht als Ausgleich für sein todlangweilige Tätigkeit als Legationsrat ( Beamter) Erfüllung in der Natur und pflegt ausgiebig seinen Weltschmerz...
Hier mal eine Leseprobe:
" Wie mich die Gestalt verfolgt! Wachend und träumend füllt sie meine ganze Seele!
Hier, wenn ich die Augen schließe, hier in meiner Stirne, wo die innere Sehkraft sich vereint, stehen ihre schwarzen Augen. Hier! Ich kann dir`s nicht ausdrücken. Mach ich meine Augen zu, so sind sie da ;wie ein Meer, wie ein Abgrund ruhen sie vor mir, in mir, füllen die Sinnen meiner Stirn.
Was ist der Mensch der gepriesene Halbgott? Ermangeln ihm nicht eben da die Kräfte wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt, oder im Leiden versinkt, wird er nicht in beiden ebenda aufehalten, eben da zu dem stumpfen Bewußtsein wieder zurückgebracht, da er sich in der Fülle des Unendlichen zu verlieren sucht?"
Dieser Roman löste begeisterte Zustimmung aus, die sich in einer Reihe von Selbstmorden niederschlug. Der modisch empfindsame Jüngling liebte es auch in der Werthermode, blauer Frack und gelbe Hosen zu erscheinen.
Später distanzierte sich Goethe von seinem Jugendwerk , wie man diesem Gedicht entnehmen kann:
Ein junger Mensch, ich weiß nicht wie Starb einst an der Hypochondrie Und ward denn auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei, Der hatte seinen Stuhlgang frei, Wie`s denn so Leute haben. Der setzt notdürftig sich aufs Grab, Beschaute freundlich seinen Dreck, Ging wohl eratmet wieder weg Und sprach zu sich bedächtlich:
" Der gute Mensch, wie hat er sich`s verdorben! Hätt er geschissen so wie ich, er wäre nicht gestorben!"

Ja , ja auch das kann Goethe sein...
Übrigens hat Napoleon in seiner Jugend diesen Roman verschlungen, ihn aber später verächtlich als "Kammerzofenlektüre" abgetan..
Was haltet ihr von dem Werk? Ausdruck des empfindsamen Zeitgeistes oder nur Massenhysterie?
Lohnt sich Selbstmord aus Liebeskummer? Erfahrungsberichte erwünscht!
eure Madame Kaya
[Dieser Beitrag wurde am 18.10.2005 - 22:41 von MadameKaya aktualisiert]
Signatur Es gibt kein echtes Leben im Falschen... |
Justine_de_Farinot  Administrator


Status: Offline Registriert seit: 11.10.2005 Beiträge: 678 Nachricht senden | Erstellt am 18.10.2005 - 22:56 |  |
Aber Madame! Ich vermutete hinter diesem Titel eine pikante Delikatesse Ihres bewegten Lebens zu lesen und nun dies 
 Nun, ich finde nicht wirklich, daß es sich lohnt, aus Liebeskummer freiwillig in den Tod zu gehen. Ich denke, es gibt pro Topf durchaus mehrere Deckelchen, die passen dürften  Ich habe selten trauern müssen, aber wenn, dann hab ich mich schnell getröstet, anstatt lang zu trauern. Unter Trauer leidet mein Appetit immens und das kann ich mir ja nicht erlauben  An den Freitod hätte ich aber nie auch nur einen Moment gedacht. Jedoch Tragödien, speziell, wenn es um Liebe geht, schienen sich schon immer und bis heute größter Beliebtheit zu erfreuen. Was macht Tragödien so populär? Gerade die Tragödie nennt man doch auch besonders romantisch...weshalb?
Signatur Der Charakter offenbart sich nicht an großen Taten; an Kleinigkeiten zeigt sich die Natur des Menschen.
(Rousseau) |
Nanny  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 656 Nachricht senden | Erstellt am 19.10.2005 - 00:16 |  |
...weil wir Frauen dabei so schön weinen können! Und das ist - ist wissenschaftlich erwiesen - gesund! Ansonsten muß ich zugeben, das ich den Werther nie gelesen habe.
[Dieser Beitrag wurde am 19.10.2005 - 00:16 von Nanny aktualisiert]
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Una  Ast


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 201 Nachricht senden | Erstellt am 19.10.2005 - 06:53 |  |
Ich musste den Werther im Seminar lesen und habe mich sehr unbeliebt gemacht mit der Behauptung, dass sich Werther zusammen nehmen sollte. Er hätte auch sich selbst gemeuchelt, ohne Charlotten. Einen Grund hätte es immer für ihn gegeben. Zu empfindsam.
Man hat mich als kaltherzige Kuh bezeichnet (einige sehr empfindsame Damen fanden meine Meinung nicht konform mit der ihren).
Weltschmerz ist ja schön und gut, aber einfach alles hin zu nehmen, ohne vielleicht zu versuchen etwas zu ändern ... neee, neee, das ist nicht mein Ding. Und Freitod wegen unerfüllter Liebe ist so egozentrisch und auch egoistisch meiner Meinung nach. Was soll die Frau /der Mann denken, wegen denen dies gemacht wird? Man kann Gegenliebe nicht erzwingen, und mit einem Selbstmord beschwert man nur diese Menschen ... Mist kann es nicht richtig ausdrücken ... a suicide puts the pressure on those who remain, and putting the blame on someone who just didn't love back. Egoistisch bis zum geht nicht mehr IMHO.
Signatur We are not human beings on a spiritual journey. We are spiritual beings on a human journey.
- Stephen Covey |
GeneralEtienneRoda  Der Blätter zwey


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 29 Nachricht senden | Erstellt am 19.10.2005 - 19:25 |  |
"Lohnt sich Selbstmord aus Liebeskummer? Erfahrungsberichte erwünscht!"
Das war die Frage Ihr Lieben ! Also bitte entleibt Euch und schreibt dann 
Werther hat sich entleibt weil er beruflich und auch sonst versagt hat und sich nicht getraut hat die Liebes des ihn anhimmelnden halbwüchsigen Knaben zu erwidern, beiläufig gesagt der Einzige der richtig um ihn weint.. siehe Passage am Schluß. Ach, nichtmal richtig erschiessen konnte sich der Mann...
Ich werde in Zeilitzheim episodal eine Satire auf die Empfindsamkeit vortragen. Nur soviel vorab: An grotesk sterbenden Mimosen mangelt es darin nicht
Signatur "Gott ich danke Dir, daß Du mich nicht geschaffen hast wie jene..." |
britta Ast


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 380 Nachricht senden | Erstellt am 19.10.2005 - 19:32 |  |
da kann ich una nur beipflichten...eher werfe ich mich hinter den zug oder von der bordsteinkante! Nein, ernsthaft, es kostet schon größe und selbstbewußtsein, den anderen nicht für ach und wehe komplett verantwortlich zu machen. Dubistschuld ist halt leichter, hingebungsvoller, theatralischer. Und auch feiger (s. Beitrag v. Generalissimus z. Thema "Versager"?)
Hmmm, wurde nicht gerne schiller in späteren gemälden mit dem mme kaya zitiertem blauen frack und gelben hosen festgehalten? immerhin war er nicht so feige wie werther, sondern draufgängerischer, an liebesgeschichten mangelte es ja nun auch nicht?
Hat niemand irgendwann einmal das gefühl von lebensmüdigkeit im alltiefsten melancholischen moment gehabt? Vielleicht erschrecke ich euch, aber kennen tue ich es schon, allerdings nicht in der wertherschen liebesform und nicht wirklich in erwägung gezogen - nur gedankenblitze, was wäre wenn.... Nur, selbstmitleid bringt niemanden weiter. Wer lebt, kann dinge ändern und man wächst an gescheitertem. Soviel zu der frage von svenja nach persönlichen erfahrungen und nach dem gewünschten outing des wertgeschätzten herren general,-) Ich freue mich schon auf die satirik in zeilitzheim....
Der zeitgeist der empfindsamkeit war meines erachtens zwar ansatzweise da, aber die serie von selbstmorden entwickelte sich denn zu einer massenhysterie...wie hat goethe denn darauf reagiert, hat er die verantwortung von sich gewiesen? (Medien-verantwortung als modernes problem parallel dazu?) Findet jemand die sog. Empfindsamkeit generell befremdlich oder weltfremd?
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Nanny  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 656 Nachricht senden | Erstellt am 19.10.2005 - 23:36 |  |
Die meisten Normalstrblichen konnten sich "Empfindamkeit" doch ga nicht leisten, so nehme ich jetzt mal an, das die Massen-Selbstmord-Histrie von den höheren Klassen gepflegt wurde, die Zeit zum lesen hatte? Das mutet mich an wie ein Ausleseverfahren!(Die schlechten ins Kröpfchen...) Abgesehen braucht es bei großem Kummer/Leid/tragischenUmständen mehr Mut weiterzuleben und sich aufzurappeln!
[Dieser Beitrag wurde am 19.10.2005 - 23:37 von Nanny aktualisiert]
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britta Ast


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 380 Nachricht senden | Erstellt am 20.10.2005 - 18:25 |  |
wohl gesprochen, liebe nanny
Zum Thema sich leisten können: wer hatte denn tatsächlich Zugriff auf Literatur? Ich sitze gerade an einem Ausstellungskatalog aus Göttingen zum Thema Kinder- und Erziehungsliteratur der ausgehenden Aufklärung. Hmmm, nicht uninteressant, somit wird einiges Verhalten der höheren Stände (!)während und nach der sog. Aufklärung klarer.... Auch die Rolle der Frau betreffend...bloß nicht viel lesen, schadet Gehorsam, Tugend und Weiblichkeit.
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Nanny  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 656 Nachricht senden | Erstellt am 20.10.2005 - 23:01 |  |
...kein Wunder das ich so "verdorben" bin! Nanny:
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MadameKaya  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 21.10.2005 - 22:01 |  |
[Zitat=GeneralEtienneRoda] "Lohnt sich Selbstmord aus Liebeskummer? Erfahrungsberichte erwünscht!"]
Das war die Frage Ihr Lieben ! Also bitte entleibt Euch und schreibt dann "
..da hat jemand die Pointe verstanden...
Also ich muß nun leider gestehen das ich in meiner Jugend, genauergesagt mit Eintreffen des ersten Liebeskummers, geradezu in Werthers Weltverdrossenheit geschwelgt habe und er für mich eine Identifikationsfigur war.
Nun da stellt sich die Frage warum lebe ich noch?
Auf wundersame Weise hat sich mein Herzschmerz( oder war es nur die verletzte Ehre der Sitzengelassenen?) nachdem ich das Bändchen durchgeweint, pardon gelesen habe verabschiedet.
Mehr als ein Jahrzehnt später, bin ich geläutert und weiß ganz sicher , das Goethe keine Identifikationsfigur , sondern ein abschreckendes Beispiel schaffen wollte!
Werther ist zum Opfer seines eigenen, ins maßlose gesteigerten Gefühls geworden, ein Gefühl, das ihn von der Gesellschaft und den realen Verhältnissen entfernte und ihm an Ende zerstörte.
Ist es nicht erstaunlich , das dieser Roman die stürmende und drängende Jugend in Teutschland um 1780 in den Selbstmord trieb, während in Frankreich etwas später von überwiegend jungen Menschen die Revolution angezettelt wurde?
[Dieser Beitrag wurde am 21.10.2005 - 22:19 von MadameKaya aktualisiert]
Signatur Es gibt kein echtes Leben im Falschen... |