mam Moderatorin a.D.
  

Status: Offline Registriert seit: 29.06.2006 Beiträge: 572 Nachricht senden | Erstellt am 10.09.2006 - 08:25 |  |
Journalistentreffen
Journalisten sind die einzigen gesellschaftlich anerkannten Lügner, die ihre „Eigeninterprätationen“ ungestraft in der Öffentlichkeit präsentieren dürfen.
Für Journalisten zu kochen, ist wie ein Ententanz auf einem Bindfaden, 1000 Meter über einem Abgrund. Natürlich ohne Sicherheitsnetz.
Journalisten wissen alles besser, können alles besser und haben für einen exzellenten Schokoladenpudding mit Vanillesoße nicht mehr übrig als ein lapidares Schulterzucken oder im günstigsten Fall ein Hochziehen ihrer linken Augenbraue.
Das Einzige, mit dem man einem eingeladenem Journalist imponieren kann, ist eine Menüzusammenstellung, von der er noch nie im Leben etwas gehört hat.
In diesem Falle empfiehlt es sich, bei der Angabe der Speisen genauso zu lügen wie er.
Da mutiert eine Erbsensuppe zu einer „vegetarische Perlensuppe“ oder das panierte Schnitzel zu einem „Porca in coperta“ also einem Schwein in einer Wolldecke.
Phantasie ist gefragt, was die Bezeichnung des Essens anbelangt und auch in der Präsentation des selben.
Der Begriff „grün“ wird durch verde ersetzt und sollte im Essen auch nur ein Hauch von Koriander enthalten sein, so darf man ungelogen behaupten, dass das Gericht arabische, asiatische oder chinesische Petersilie enthält.
Welche Tischdekoration wird einem Journalisten gerecht?
Nun, auf keinen Fall darf eine Menükarte fehlen. Diese sollte handgeschrieben sein, denn er könnte sich an den verschiedenen Schrifttypen, Schriftgrößen, sowie Schriftfarbe anstößig fühlen und seine Unmut darüber hinaus auch auf das zu erwartende Essen erweitern.
Alle weiteren Dekorationstücke müssen so ausgefallen wie möglich sein und zu jedem gehört natürlich eine hanebüchene Geschichte über Herkunft oder die Art und Weise, wie es in Ihre Hände gelang.
Das kann also alles zwischen einem alten, mit Blumen gefülltem Bügeleisen aus Gußeisen und einem noch älterem verknautschten und reichlich beschmutztem Teddybär sein.
Fundstücke vom Speicher uralter verfluchter Häuser oder Erbstücke von einer unbekannten Tante aus den USA kommen am besten an und sorgen nebenbei auch für reichlich Gesprächsstoff beim Essen.
Es gibt für diese Anlässe reichlich Flohmärkte und solange man keine Flöhe zusammen mit den Objekten erwirbt und Ihre Phantasie nicht nachlässt, kann es ein gelungener Abend werden.
[Dieser Beitrag wurde am 05.08.2009 - 13:12 von mam aktualisiert]
Signatur Praesis ut prosis, non ut imperes (Stehe an der Spitze um zu dienen, nicht um zu herrschen) |