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| Erstellt am 04.02.2009 - 15:58 |  |
Es gibt Geschichten, die sind einfach nicht lustig, für die gibt es auch kein „happy end".
Die Geschichte von Christian - eine wahre Geschichte -ist so eine.
Was läßt sich schon Lustiges über Kinder in Heimen berichten. Es mag sein, dass sich die Erzieherinnen und Erzieher alle Mühe geben, damit sich die Kinder in Heimen wohlfühlen.
Kinder in Heimen, das sind meist Kinder, um die sich sonst niemand kümmert, Kinder, die völlig alleingelassen sind.
Zu diesen Kindern gehörte auch Christian, ein Klassenkamerad meines Sohnes.
Sonntags war es immer am schlimmsten. Sonntags konnte man ihn nicht aus den Augen lassen.
Meistens ging es bei ihm nach dem Mittagessen los,wenn die anderen Kinder sich fein machten, wenn sie am Fenster standen und die Autos ankommen sahen, die mit den Eltern, Tanten, Onkeln oder irgendwelchen Freunden und Bekannten.
Christian stand auch am Fenster - und wartete. Doch für ihn fuhr nie ein Auto vor. Er wartete ein Jahr, er wartete zwei Jahre, er wartete drei Jahre.
Und wenn die Autos alle angekommen waren, dann rannte Christian los, über den Hof, über den Spielplatz, die Straße hinunter, immer weiter, immer weiter geradeaus.
Er rannte dem Auto entgegen, das niemals ankam. Christian kam auch niemals an. Er rannte und rannte, bis ihn die Polizei aufgabelte.
Am nächsten Tag erzählte Christian in der Schule von dem wunderschönen Sonntagnachmittag.
Seine Mutter hätte ihm Eis spendiert und der Vater sei mit ihm um die Wette gelaufen. Und er war traurig, weil die Eltern so schrecklich geweint hätten, weil sie Christian abends wieder zurück ins Heim bringen mussten. Doch es gäbe keine andere Möglichkeit. Beide müssten viel arbeiten, seien immer unterwegs, aber sie hätten versprochen, am nächsten Sonntag wiederzukommen, und dann müsse Christian ihnen wieder entgegenlaufen.
Als er zwölf Jahre alt wurde, haben sie ihm gesagt, er könne aufhören zu warten. Seine Eltern würden niemals kommen. Sie haben Christian mit vier Jahren in das Heim gegeben und sich seitdem nicht mehr gemeldet. Der Vater ist unbekannt verzogen, die Mutter hat kein Geld, trinkt manchmal zuviel Alkohol und befindet sich ab und zu in schlechter Gesellschaft. Außerdem seien da noch drei andere Geschwister von Christian, die in Heimen leben.
An Christian prallen diese Worte ab. Er stellte sich taub und zertrümmerte anschließend das Mobiliar in seinem Zimmer.
Sonntags drauf war er wieder verschwunden, rannte den endlosen Weg seinen Eltern entgegen - die niemals kamen.
Mit vierzehn hatte Christian schon eine dicke Akte auf dem Jugendamt.
Sie nannten ihn einen „Streuner", einen „labilen Charakter", der keinen festen Boden unter den Füßen habe.
Mit 17, das war so üblich, mußte Christian das Heim verlassen. Er hatte die Schule beendet und bei einem Schreiner gelernt. erhalten hatte.
Das Weglaufen, das Irgendwohin-Laufen war Christians Macke. Die behielt er auch in seiner Lehrzeit. Der Schreinermeister mußte ihn feuern, weil er montags immer noch unterwegs war.
Christian wurde arbeitslos.
„Typisch", so tuschelte man in unserem Ort, Heimkinder werden meistens kriminell.
Geklaut hatte Christian schon im Heim; hier und da mal eine Mark, dafür kaufte er sich Süßigkeiten.
Er hatte keine Zeit für eine Freundin, weil er erst einmal seine Eltern suchen wollte. Er glaubte auch mit achtzehn Jahren noch fest daran, dass sie irgendwo in der Klemme sitzen, und er sie retten müßte. Deshalb knackte er dann auch Automaten, einen oder mehrere, er kann sich nicht mehr erinnern. Auf jeden Fall sammelte er Geld, weil er eine weite Reise vor sich hatte.
Für Christian gab es wegen der geknackten Automaten und anderer krummer Touren eine Strafe ohne Bewährung.
Was wird er nur im Gefängnis machen, wenn es Sonntag ist?
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