Gudrun
     

Status: Offline Registriert seit: 01.03.2007 Beiträge: 432 Nachricht senden | Erstellt am 01.12.2007 - 15:19 |  |
Ich hab jetzt nicht viel Zeit.
Hermann ist krank! Sehr krank! Ich muss sofort Hilfe holen. Bei Freunden, Verwandten. Bei euch! Hermann leidet fürchterlich. Anders kann ich’s mir nicht erklären.
„Du bist eine nur auf den eigenen Vorteil bedachte Drecksau!“ schrie er mir noch nach.
Wir schütteln alle den Kopf über ihn. Dabei begann es so harmlos.
„Ich will lieber arbeiten gehen. Da hat man wenigstens hin und wieder Urlaub. Und frei am Abend. Und, und, und…“
„Okay, ab morgen zwanzig Euro mehr pro Monat.“, wehrte ich großzügig seine übertriebenen Klagen ab.
„Darum geht’s nicht!“
„Worum sonst?“
Ich erspare euch die langweilige Antwort. Die Kinder waren wieder alle auf einmal lästig, Hermann hatte schon länger keinen Schlaf gekriegt und ich hatte es bis dato, ehrlich gesagt, verschlummert, sein Problemchen. Nun ja, nun gut. Nicht umsonst nennt man mich Frau Alleskönner. Ich fragte ein bisschen rum in der Firma und bums, pardauz…
„Computerzeugs. Damit kennst du dich doch aus?“
„Sicher.“
Tut er wirklich. Ging zwar auf meine Kosten, wann hat er’s denn gelernt, all die Abende, die ich schweigsam vor dem Fernseher saß, ohne dass er mir dabei zusah…Egal!
Tatsächlich ist er schon zwei, dreimal eingesprungen, wenn’s im Büro ein mathematisches oder programmiertechnisches Scharmützel gab, aber was kann ich dafür, dass die Natur ihn als Kinderbetreuung und so. Und außerdem ist er ein verdammter Sozialschmarotzer!
„Hermann, du betrügst die Gesellschaft um deinen Genius!“
Wir diskutierten stundenlang über seine missliche Lage. Dass er einerseits zuhause sein musste, andrerseits diese Verschwendung seiner geistigen Ressourcen…sogar ich sah das!
„Unsinn!“, röchelte Herrmann.
„Sinn!“, behauptete ich.
„Starrsinn!“ konterte er.
„Kontern kannst beim Fußball!“
Da zog er immer den Kopf ein.
Ich hatte oft Mühe, ihn von seinem wahren Wert zu überzeugen.
„Schwierig! Sehr schwierig! Aber bedenke, es ist nicht meine Schuld. Wie oft soll ich es noch sagen? Also, hör mal gut zu! Also, die Natur hat dich für die Kinder auserkoren. Mit der Begabung, da hat sie dir einfach einen Streich gespielt. Was soll’s? Finde dich ab! Und übrigens, du weißt doch, die Gesellschaft verlangt ein Übriges. Die Gesellschaft - hörst du überhaupt zu? - also die Gesellschaft, das sind die anderen…Nicht ich! Verstehst du?“
Hermann konnte sich einfach nicht abfinden mit seinem Schicksal. Tja! Gut, dass ich so gut war!
Hermann programmierte also so vor sich hin, der Haushalt lag darnieder, die Kinder wuchsen ganz alleine weiter, auf dem Herd brannte sogar der Tee an, Hermann bemerkte es nicht mal, „Lass mir noch drei Stunden Zeit, dann funktioniert’s, das weiß ich…“
Hach! Die halbe Nacht wälzte er Bücher!
Zu den Projektbesprechungen in der Firma begleitete ich ihn lieber, meinen Hermannschatten.
Selbst hätte er sich kaum durchgesetzt.
„Das könnt ihr nicht von ihm verlangen. Er hat drei Kinder!“ Wenn ich musste, konnte ich durchaus grob werden. Sollte ich etwa zu sehen, wie sie mir diesen kostbaren Hermann total verschlissen?
Dabei war er mir nicht mal dankbar dafür.
„So was sollst du nicht sagen! Davon abgesehen, sind es nicht auch deine Kinder? Könntest du nicht …“ Blablablabla! Da sah man mal wieder, wie fertig ihn das Arbeitsleben machte. Nach einem knappen Jahr schon schmiss er’s hin.
Schade eigentlich. Aber, was will man machen? Ist halt seine Natur!
Und jetzt kränkelt er dahin.
Ich gab mein Bestes, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Lud die gesamte Familie auf einen Spaziergang ein. Durch die Innenstadt. Zwang mich, vor den Schaufenstern stehen zu bleiben. Sogar vor den gefährlichen!
Wollt ihr Lebkuchen? Gutmütig lächelnd erlaubte ich, was Herrmann vorschlug.
„Vielleicht ein Herz mit ‚Papatöchterchen’ drauf?“ schlug ich spontan vor.
„Wie böse.“ murmelte Hermann unmotiviert. Das Töchterchen schwieg betreten, wie immer in solchen Situationen.
Wir betraten das Geschäft und Hermann verschwendete das mühsam erarbeitete Haushaltsgeld. Okay, diesmal hatte er’s selbst verdient … nur, was konnte ich dafür?
Zuhause warf mir der Kranke vor, ich projizierte eigene Vater -Tochter Probleme auf die Kinder.
Alles klar! Nur weil mein Papa gut kocht! Da frisst ihn wohl der Neid! Oder? Hat Herdmännchen etwa heimlich studiert, weil er gar so geschwollen daherredet? Nein! Eben! Halts Maul, Faschist! Das dachte ich nur. Sicher merkte niemand davon.
Meinen Schmerz ob grober Unverstandenheit schrie ich mir dann doch von der Seele:
„Papa glaubt mir wenigstens! Papa nimmt mich ernst, egal was ich erzähle. Papa bedauert mich. Papa weiß als einziger mein Engagement zu schätzen! Papa liebt mich! Und übrigens: Papa meint auch, du sollst daheim bleiben! Alle guten Papas tun das! Weil sie gute Papas sein wollen!“
Okay, okay, ein bisschen durcheinander war ich schon. Ich musste ja quasi mein übliches Niveau senken, um größtmöglichstes Verständnis bemüht, wie ich nun mal war.
Hermann hörte betroffen zu. Dann ging er wuseln, wie jeden Abend. Kinderzimmer, Bad, Klo, Kinderzimmer, Küche – Glas Wasser, Bad – Zahnbürste spülen, Küche-Banane, Kiderzimmer-Vorlesen, unendlich lange hin und Her Rufe: Gute Nacht, schlaf gut, du auch, träum schön, du besonders, … ein Dussel! Trotz seiner eiligen Schrittchen brauchte er lange. In der Zeit kippte ich vier Bier … egal!
Dann schlief sie endlich, die lästige Brut.
Ich legte mich zu Herrmann. Aaah, herrlich warm, mein Schöner! Er reagierte sofort. Nur mit mir stimmte plötzlich was nicht.
Shit mit Himbeeren! Ich konnte tun und lassen, was ich wollte, meine blöden Beine …tja … irgendwie wollten die nicht, also ja, … ihr wisst Bescheid …
Verdammt, verdammt, verdammt, Herrmann wird zu alt!
Recht habt ihr! Es wäre wirklich zu einfach, nur Herrmann die Schuld zu zu schanzen.
Es ist diese Scheiß Herrmannzipation! Nicht und nicht aus zu rotten!
So ist das Leben! Einmal, wenn’s gut läuft! Aber, man kann sich halt seine Krankheiten nicht aussuchen. Der arme Verseuchte!
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