Walter  Administrator

Status: Offline Registriert seit: 28.11.2008 Beiträge: 590 Nachricht senden | Erstellt am 23.09.2009 - 15:00 |  |
Nun denn...
Helsinki erreichten wir in den späten Abendstunden. Ladeklar wurde schon während des Einlaufens unter dem Scheinwerferlicht der Masten- und Brückenbeleuchtung gemacht. Somit konnten wir, nach dem Festmachen noch eine nahegelegene Bar besuchen. Unser Kollege Hannes, ein rechter Raufbold nach einem gewissen Alkoholgehalt, war fixiert auf einen ruhigen Gast. Zusammengesunken auf einer Eckbank, saß der stumm und und reglos da, sinnierend sein Bierglas betrachtend.
Warum, keiner wußte es, setzte Hannes sich an den gleichen Tisch, griff zu dem Glas und trank es in einem Zug aus. Scharfe Augen fixierten ihn... und ER stand auf! Meines Erachtens stand er eine sehr lange Zeit auf..., denn was dann stand, war ungefähr 2,20 groß mit ausladenden Schultern. Wo die eine Seite nach oben wuchs, ließ es die Andere äußerst klein erscheinen! Ein Griff am Hals... und unser Hannes stand auf dem Tisch! Nach dem unweigerlich folgendem Schlag, gottseidank nur vor die Brust, suchten wir unseren Kollegen unter den Tischen im Bereich der gegenüber liegenden Wand. Er atmete..., doch der Wirt war schon dabei, die Polizei über Telefon zu rufen.
Am nächsten Tag erfuhren wir, der Hüne war ein Fallensteller und Jäger..., Jack London ließ grüßen.
Nur noch fünf Mann an Bord, incl. dem Maschinisten, waren wir deutlich unterbesetzt. Hannes war in polizeilichem Gewahrsam und somit mußte ich meine Arbeit nun aufteilen zwischen Kombüse und Deck. Naja..., zwei Tage später ging es vollbeladen auf Heimreise.
In der Schleuse Kiel kam Ersatz, ein Koch, sowie ein Decksmann. Gab inzwischen einiges zu Spleißen, eine Arbeit, die für mich „aufgehoben“ wurde.... zur „Übung“. Mochte diese Arbeit sehr..., ungestört im oder vor dem Kabelgatt sitzend, reparierte ich Angefallenes, ungestört dabei meinen Gedanken nachhängend. Auch heute noch, wenn ich vor dem Kamin sitze, kann es vorkommen, einen Tampen zu den unmöglichsten Formen zu spleißen. Hat mir immer Spaß gemacht.
Einlaufend in Bremen erfuhr ich die ungefähre Position meines Bruders..., eine weitere Reise war noch Zeit.
Wurde zum Jungmann befördert..., was von meinem breiten Grinsen quittiert wurde und ein paar Kisten Bier zur Folge hatte..., das mußte gefeiert werden!
Unser jetziger Koch war ein ehemaliger Legionär um die vierzig. Schwer gebaut bei 1,80 m,
ließ er keinen in seine Kombüse. Meine anfänglich, eigentlich freundlichen, Hilfeleistungen wurden eher brüsk abgewiesen..., er kam zurecht! Außer Gdansk und Helsinki wurde der gleiche Kurs genommen, jedoch war der Zielhafen Luleá, wo wir Zellulose vollschiff laden sollten.
Auslaufend, passierten wir den Nord-Ostsee-Kanal, den auch ich, als Rudergänger, mit durchsteuern durfte. In Klaipeda lernte ich einen alten Hafenarbeiter näher kennen, der mir die weiteren zwei Abende in seinem Häuschen, gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn, ein freundlicher Gastgeber war. Sein schlesischer Dialekt rief altvertrautes in mir hervor. Empfindungen an meine Familie wurden wachgerufen, die als Spätaussiedler aus Kattowitz die Flucht antreten mußten. Vieles wurde erzählt und vieles erklärt..., verabschiedete mich, mit Tränen in den Augen von ihnen, indem wir gemeinsam, nach schlesischer Sitte, das Brot brachen.
Klaipeda an der Memel und Ventspils, sowie Leningrad folgten auf dem Törn. „Handelsware“ an Synthetics für Leningrad hatten wir genug, um Bewährtes zu wiederholen und somit alte Bekanntschaften aufzufrischen.
Von Land hatte ich eine Stange „Machorka“ mitgebracht, aber so richtig echte, eine sehr derbe Zigarretten-Version (halb Pappfilter und halb (grober) Bauerntabak)). Mit einer Glimmenden davon lehnte ich am Türrahmen der Kombüse und unterhielt mich dem Koch. Er, Andreas, bat mich nebenbei mit knappen Worten, die Zigarrette auszumachen. Das Zeug stank wirklich furchtbar! Da ich in meinen Ausführungen nicht innehielt, auch die Machorka nicht ausmachte, war seine Reaktion so, wie der Tabakrauch..., heftig! Der Junge schnappte sich sein Fleischerbeil und guckte mir aus 10 cm Entfernung hart in die Augen....!!! Naja..., bot ihm an, aus meiner Kabine eine Flasche Whisky zum sofortigen Verzehr zu holen! Hat sich gelohnt... (er legte das Beil wieder weg) und tranken davon einige Gläser an Deck, wo ich auch eine weitere Machorka rauchte! Half ihm hinterher in der Kombüse, die verlorene Zeit wieder aufzuholen (hatte Freiwache) und wurden hinterher eigentlich gute Freunde. Verloren uns jedoch irgendwann aus den Augen.
Und nordwärts ging es hoch nach Luleá
Mittlerweile Anfang November, erreichten wir diesen Hafen bei klirrender Kälte. Wir machten ladeklar und dabei kam es, daß ich beim Stapeln der Lukendeckel vergaß, meine Hand wegzuziehen..., alle Fingerkuppen platzten auf und das Blut spritze.
Nur noch einseitig belastbar, wurden die weiteren Arbeiten ausgeführt, so gut es ging.
Hinderte mich auch nicht daran, das schneeweisse Schweden näher kennen zu lernen. Auf dem Weg in die nahegelegene Ortschaft kreuzte ein Elch unseren Weg..., habe vorher nie gewußt, wie gewaltig diese Tiere in Freiheit und zehn Meter Entfernung aussehen...!
Stumm und still ließen wir uns beäugen..., wagten kaum zu atmen! Heftig weiße Dampfwolken ausstoßend, trabte das Ungetüm dann weiter.
Luleá war ein kleines Kaff und der mitgebrachte zollfreie Alkohol sowie die Stangen Zigarretten ermöglichten uns einen sorglosen Abend.
Nach zwei Tagen war unser Schiff schwer beladen mit den tonnenschweren Zellulose-Walzen. Der Bottnische Meerbusen fror langsam dicht und wir durchpflügten das dicker werdende Eis südwärts. Ein aufziehender Sturm versetzte die Eisdecke in eine lange Dünung und blies den pulverigen Schnee fast waagerecht vor sich her..., von der Brücke aus ein unwirkliches Bild. Im Schein der Bordbeleuchtung reisten wir wie über Wolken. Irgendwann brach der stärker werdende Seegang das Eis und der „Stauer“ schob sich, mit halber Kraft, lärmend-quietschen und polternd, langsam gegenan. Bei den Schären ließ der Sturm etwas nach, sowie auch der Eisgang. Trotzdem fuhren wir zwischen den Schären hindurch und gelangten somit, in dem ruhigen Fahrwasser zwischen den Inseln und dem Land, wieder zu einer ordentlichen Mahlzeit.
Passierten den Fehmarn-Belt, anschließend den Nord-Ostsee-Kanal und waren bald darauf in Bremen. Nach einer Verabschiedung an Bord mittels „MariaCron“ und reichlich Bier begab ich mich per Taxi in das Seemannsheim. Die Begrüßung dort hatte schon familiären Charakter und die Heimleiterin brachte meinen angetrunkenen Zustand mit einigen Tassen schwarzen Tee wieder halbwegs ins Lot.
Aus dem „Weser-Kurier“ ersah ich unter „Schiffspositionen und Meldungen“, daß die „Seefalke“ zwei Tage später Portsmouth erreichen würde. Danach mußte sie nach Calais in Frankreich wieder Wartestellung beziehen. Das hieß, mein Bruder würde in 4 – 5 Tagen in Bremen eintreffen.
Während meines Aufenthaltes lernte ich im Bremer „Schnoorviertel“ das Schriftsteller-Ehepaar Edith und Hein Bruns kennen, zu denen mich in den weiteren Jahren eine tiefe Freundschaft verband. Sie schrieb Lyrik und er, als 1. Ingeneur zur See, befaßte sich mit Seefahrts-Romanen. Eines seiner Bücher, „Ein Schmierer namens Valentin“, bereichert noch heute meine kleine Bibliothek.
Mein „großer“ Bruder Gerhard traf ein..., schulterklopfend umarmten wir uns, seitdem inzwischen ein ereignisreiches Jahr vergangen war. Unser Wiedersehen begossen wir im „Felsenkeller“, einer gern besuchten Seemannskneipe in der Nähe des Hafens. Viel gab es zu erzählen, von den Erlebnissen und den „Liebschaften“..., wir genossen unsere Gegenwart. Auf die „Seefalke“ wollte er nicht mehr zurück. Die Schaukelei während der Schleppfahrt über den Atlantik, wobei auch noch stürmisches Wetter „abzureiten“ war (was mir sein wiegender Gang bewies), bewog ihn, nach der Matrosenprüfung wieder auf einem größeren Frachter anzuheuern.
Wir verbrachten Weihnachten und Neujahr 63/64 stimmungsvoll im Seemannsheim...,
lernten uns eigentlich jetzt erst richtig kennen. Das Ergebnis bewog uns, eine gemeinsame Wohnung zu mieten, in der wir uns zwischen den Reisen aufhalten, bzw. treffen konnten.
Wir fanden eine Passende in Woltmershausen und richteten sie ein.
Gerhard hatte sich nach der Matrosenprüfung inzwischen für die Hansa-Reederei entschieden, um bei dieser auf der „Bärenfels“ Ostasien zu bereisen. Mich hielt es weiter auf der „kleinen Fahrt“ bei Bruno Bischoff und noch vor der Matrosenprüfung meines Bruders musterte ich in Lübeck auf dem „Bremer Norden“ an.
Und wieder ging es hoch zu den grandiosen Fjorden Westnorwegens. Im sportlichen Schmuggeln mittlerweile geübt, ließen wir uns vom Schiffshändler gut bedienen. Mit den Abnehmern der angefahrenen Häfen bildete die Bordbesatzung ein eingespieltes Team. In Bergen (Südwest-Norwegen) kam schon vor dem Anlegen ein kleines Motorboot längseits und Kistenweise wechselten innerhalb weniger Minuten Zigarretten und Alkohol das Schiff. In Stavanger schien mir einmal das Glück nicht so hold!
Hatte eine Kiste Whisky schon vor dem Einlaufen griffbereit vor der Brücke an Deck stehen. Kaum war die Gangway an Land, kam die „Schwarze Gang“ (so sie hieß wegen ihrer schwarzen Bekleidung ) vorgefahren und verteilten sich in windeseile über Deck. Hatte gerade noch Zeit, meine Ware unter eine Persenning zu schieben und setzte mich, eine Zigarrette rauchend, darauf. Überall an Deck wuselte der Zoll...und unser braver 1. Offizier, über die Brückennock hinunter guckend, erkannte mein Dilemma. Er bat die meisten Zollbeamten auf einen Drink in die Messe, was es mir ermöglichte, meinen Whisky blitzschnell über Bord zu versenken.
In Trondheim besuchte ich meine Merle wieder, mußte jedoch feststellen, daß keiner unersetzlich ist. Hatten dann, im trauten Familienkreis, trotzdem einen netten gemeinsamen Abend verbracht.
In einigen Häfen löschten und beluden wir unser Schiff selbst mit den bordeigenen Kränen. Ob in Säcken verpacktes Fischmehl, gefrorene Grundhaie, Stockfisch, Erzbarren oder Stückgutkisten, unsere Heuer erfuhr durch diesen zusätzlichen Verdienst eine enorme Aufwertung.
Im September musterte ich in Bremen ab und wohnte einen Monat im Schnoor bei der Familie Bruns über dem Katzencafé. Lernte dort so etwas wie ein „normales“ Familienleben kennen, obwohl..., auf eine nette und einfühlsame Art waren die beiden schon ein wenig „verrückt“ in ihrer Lebensauffassung. Diese aufgeschlossene Lebensweise in deren Künstlerkreisen hat mir jedoch vermittelt, daß „normal“ nicht nur „normal“ bedeutet, sondern genügend Spielraum für Toleranzen erforderlich lassen muß. Es war eine neue Erfahrung, die mein weiteres Leben prägend beeinflußte.
Zwischenzeitlich suchte ich , während dieses Aufenthaltes, unsere Wohnung auf. Mein Bruder Gerhard war zu seiner 2. Reise unterwegs nach Rangun in Indien, wie es mir seine hinterlassene Nachricht sagte. Recht getan, dachte ich mir, denn in Deutschland wurde es langsam empfindlich kalt...und ein bisschen Sonne könnte ich auch vertragen. Brachte die Wohnung auf Vordermann und bewarb mich anschließend ebenfalls bei der DDG „Hansa“. Die „Uhenfels“ sollte eine Woche später von Hamburg auslaufen nach Massawa in Äthiopien. Noch Jungmann, würde ich gegen Ende der viermonatigen Fahrt als Leichtmatrose zurückkommen. Verbrachte noch drei interessante Tage bei meinen Gastgebern Bruns, sagte Adiós im Seemannsheim, schulterte dann meinen Seesack und fuhr nach Hamburg.
Die „Uhenfels“ war ein Schwergut-Frachter mit mächtigen Masten und starken Ladebäumen.. Bei ca. 45 Mann Besatzung herrschte für meine bisherigen Verhältnisse an Bord Hochbetrieb.
Doch war ich zwei Tage später zum Reisebeginn gut eingearbeitet und los ging es Richtung Süden...., der Sonne entgegen.
Signatur Mein Zuhause ist dort, wo mir der Rücken gekrault wird |