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Nadine ...
Suntimes-Team
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...   Erstellt am 23.02.2006 - 13:58Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Heimatlos und doch nicht vertrieben


Meine Mutter ist schwanger. Das vierte Kind ist unterwegs, viereinhalb Jahre nach meinem Bruder, sechseinhalb Jahre nach meiner Schwester...

...und fast zweiundzwanzig Jahre nach mir. Gleicher Vater und gleiche Mutter, ein Wunschkind, so die technischen Daten. Es ist vielleicht ein bisschen ungewöhnlich in heutiger Zeit, aber eigentlich ist alles in Ordnung.
Eigentlich. Wenn da nicht eine Kleinigkeit wäre: ich. Nein, ich werde nicht aus dem Rabennest geworfen, weil die nächste Generation großgezogen wird. Nein, ich werde nicht vernachlässigt, weil die Kleinen mehr Aufmerksamkeit brauchen und auch bekommen. Ganz im Gegenteil, meine Eltern finanzieren mir frohen Mutes mein Studium und sind für mich da, wenn ich sie brauche.

Als meine Mutter mir mitteilte, dass sie wieder schwanger ist – mal eben zwischen Tür und Angel – war ich nicht schlecht erstaunt, um nicht zu sagen geschockt.
Sie: „Ich bin schwanger.“
Ich: „Aha?!“
Sie: „Ich hoffe, es ist jetzt das Letzte.“
Ich (völlig baff): „ Ja aber dagegen kann man doch was machen.“ Kondome oder dergleichen.
Sie: „Ich mein vom Kopf her.“ Und weg war sie, die Kleinen in den Kindergarten radeln.
Da stand ich nun, total verdattert und unfähig, die Information aufzunehmen. Und mit dem seltsamen und naiven Gedanken, das nächste Kind in meiner Familie in den nächsten zehn Jahren wäre meines gewesen.
Ich bin immer noch verwirrt. Ich kann mich nicht freuen, beim besten Willen nicht. Ich kann nicht mal so tun als ob. Ich habe keine Kraft dazu, ich müsste die Lüge vielleicht über Jahre aufrecht erhalten. Außerdem gibt es ja noch die Hoffnung, dass ich mich irgendwann wirklich freue. Für meine Eltern.
Es ist nicht so, dass ich es ihnen nicht gönne. Ich sehe nur, dass meine Mutter jetzt schon im Dauerstress lebt. Hausfrau ist ein Fulltimejob, unbezahlt und ohne Urlaub. Die Kinder versorgen und tatkräftig fördern, die Hausarbeit, ihre Beziehung – sie ist ja schließlich nicht nur Mutter, sondern auch Ehefrau. Sie hat es sich so ausgesucht. Sie ist glücklich damit. Aber es scheint mir bei Zeiten, dass sie doch nicht so recht auf all ihre Kosten kommt. Mein Vater ist kein großer Redner oder gar teilnahmsvoller Zuhörer, deshalb werde ich auch immer gnadenlos vollgetextet, wenn ich „Zuhause“ bin und sie Zeit hat. Wir sind uns ziemlich ähnlich, sind beide sensible Typen der gleichen Art, sind auf einer Wellenlänge. Aber wenn ich als Gast die Szenen beobachte, die sich „Zuhause“ abspielen, kann ich sie wiederum nicht einmal ansatzweise verstehen.

Ich bin ziemlich sicher, dass all meine Geschwister auf ihre Initiative gezeugt wurden. Mein Vater muss wohl einverstanden gewesen sein – da sie mit Kondomen verhüten und er auch ganz stolz auf seine kleine Herde ist, kann man wohl ausschließen, dass es sich um Unfälle handelt. Er äußert sich eben nicht viel dazu und zeigt auch sonst wenig Emotionen und Anteilnahme. Er sagt: „Deine Mutter/meine Frau ist schwanger“, aber niemals: „Wir bekommen noch ein Kind“. Und auch sonst habe ich den deutlichen Eindruck, dass er meistens lieber seine Ruhe hätte, als mit den Kleinen zu spielen und sich um ihre manchmal unsauberen Belange zu kümmern. Er tut es natürlich, aber er wirkt dabei immer etwas hilflos, verplant und ungeschickt, auch wenn er die Fassade des erfahrenen und strengen Vaters aufsetzt. Es ist eben seine Art und die sorgt oft für Streit wegen und mit den Kleinen.
Ich halte mich da raus. Ich weiß, dass ich meine Eltern nicht ändern kann, meine Mutter hat es über zwei Jahrezehnte vergeblich versucht. Nur manchmal mache ich den Mund auf, weil ich mich an meine eigene Kindheit erinnert fühle, wenn mein Vater wieder seine sinnlosen und leeren Drohungen ausspricht, aus Hilflosigkeit. Aber meistens sage ich doch nichts. Was soll ich mich auch einmischen, es sind ja nicht meine Kinder und es geht ihnen gut. Außerdem kann ich schlecht von mir und meinen Empfindungen und Erinnerungen auf meine Geschwister schließen, denn wir sind doch recht verschieden und die Verhältnisse haben sich verändert.

Ich war alleine, sie sind bisher zu zweit. Ich war viel bei meinen Großeltern, weil meine Eltern erst ihre Existenz aufbauen mussten. Mein Vater hat studiert und meine Mutter hat diverse Ausbildungen gemacht und gearbeitet. Sie waren jung und unerfahren, hatten wenig vom Leben gesehen, als ich auf die Welt kam. Heute haben sie ein Haus mit Garten in einer Stadt, die weit weg ist, von da, wo ich groß geworden bin. Ich war fast dreizehn Jahre lang das einzige Kind in der Familie und hatte alle nahen Verwadten in der nächsten Umgebung. Meine Geschwister haben nur ihre Eltern in der Nähe und hatten von Anfang an sieben Cousins und Cousinen und mich als Konkurrenz oder gelegentliche Spielgefährten. Ich komme aus Bayern, meine bereits geborenen Geschwister haben daran nur den Namen ihres Geburtsortes als Erinnerung und wachsen an der Ostsee auf.
Es ist schon verrückt, wenn ich mir das überlege. Und ich frage mich, wo meine Position in diesem Familiengefüge ist. Meine jüngste Tante ist vierzehn Jahre älter als ich, meine (bisher älteste) Schwester ist fünfzehn Jahre jünger als ich. Ich fühle mich auch eher als Tante, nicht als große Schwester. Uns verbindet nichts außer unserer Abstammung und gelegentliche Treffen bei Familienfeiern, bei denen die Aufmerksamkeit der anderen Erwachsenen und Kinder wichtiger und interessanter ist als eine „Schwester“, die nie da ist. Wir haben keine gemeinsame Vergangenheit oder Kindheitserfahrungen.
Es sind die gleichen Personen wie immer: es sind meine Eltern, aber es ist nicht mehr „meine Familie“. Ich bin immer willkommen, aber was ich im Haus meiner Eltern finde ist nicht mein Zuhause, kein Urlaub, keine Erholung von Studium, kein Refugium von der großen weiten Welt.

Ich bin schon als Babysitter für den Geburtstermin eingeplant. Der Gedanke will so gar nicht in meinen Kopf rein. Meine Mutter hat Halbzeit und ich habe bis jetzt überhaupt noch nicht daran gedacht, sofort nach Semesterende eiligst in den Norden zu fahren, um den Neuzugang in dieser kaputten und staubigen Welt Willkommen zu heißen, frei nach dem Motto: „Hallo, ich bin deine leibliche Schwester, aber du wirst mich fühestens zu Weihnachten wiedersehen und bis dahin nicht mehr kennen. Guten Start noch und bis zum nächten mal.“

Conny

(Quelle: Neon.de)










Signatur
erst wenn der letzte baum gerodet, der letzte fluss vergiftet, der letzte fisch gefangen ist, werdet ihr fest stéllen, dass man geld nicht essen kann
(indianische weisheit)


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