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Minotaurus ...
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...   Erstellt am 01.10.2006 - 23:54Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Heimatdichter und andere Gestalten


Heute: Emerenz Meier / Eine etwas andere Sicht der Dinge


Wie wird man eigentlich ein Heimatdichter oder eine Heimatdichterin? Dieser Titel kann schließlich an keiner Akademie oder Universität erworben werden.
Heute möchte ich Ihnen diesen Werdegang an Hand einer bekannten Schriftstellerin von Weltruf erklären: Emerenz Meier. Lehnen Sie sich also bequem zurück und lassen Sie ihre Lebensgeschichte auf sich wirken.
Wie bitte? Sie kennen Emerenz Meier nicht? Wo sind Sie denn zur Schule gegangen? Oder besser gefragt: Sind Sie denn überhaupt zur Schule gegangen?
Falls Ihnen dieser Name wirklich absolut nichts sagt, so schämen Sie sich, ich werfe doch hier nicht meine Perlen vor die Säue! PISA läßt schön grüßen.

Aber nun zu ihrer Geschichte:
Emerenz Meier wurde am 3. Oktober 1874 geboren. Sie war die Tochter eines Wirtes und Viehhändlers und nicht gerade das, was man einen Shooting Star am Bayrischen Bauernhimmel nennen würde. Ein besserwisserisches Gör mit viel zu kleinen Titten, andere Mädels hatten eine viel drallere Figur oder einen noch reicheren Vater als sie.
Also nahm sie nach getaner Arbeit einen Stift und ein Blatt Papier, worauf sie ihre ersten Schüttelreime verfaßte. Viele junge Mädchen, die keinen Stecher abbekommen haben, machen das heute noch so.

Im Herbst 1898 verirrte sich der Schriftsteller und spätere Arzt Hans Carossa (1878-1956) in das kleine Bayerwalddorf, sein Fahrrad war gerade kaputt und er war zu Fuß. Vielleicht wollte er nur ein Suppenhuhn kaufen, vielleicht hatte er auch andere Gelüste. Daß er auch der Hausarzt der Familie Meier war, der die Emerenz gegen Grippe behandeln sollte, ist sehr unwahrscheinlich, da Hans Carossa zu besagtem Zeitpunkt gerade mal 20 Jahre alt war. Vielleicht hat er nur das Fieber gemessen, man weiß es aber nicht so ganz genau.
Aber egal, jedenfalls ist nichts Näheres darüber bekannt. Die 24jährige Emerenz jedoch hatte diese denkwürdige Begegnung - wie so viele andere - in ihrem Tagebuch vermerkt.
Unter Insidern geht das Gerücht, daß viele Jahre später eine noch viel berühmtere Dame aus Frankfurts Rotlichtmilieu Namens Rosemarie Nitribitt ebenfalls solche Tagebucheintragungen getätigt haben soll. Dieser Fall ging sogar in die Kriminalgeschichte ein.
Kriminalgeschichten hat die Emerenz jedoch nicht geschrieben, denn dafür war ihr Horizont in dem kleinen Bauerndorf doch etwas zu klein. Dafür schrieb sie herzzerreißende Lyrik wie z.B. diese:

„Der Juhschroa" (für norddeutsche Zungen: Der Juchhu-Schrei)
mit folgendem Text:
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
(Text von der Redaktion zensiert)

Da jedoch kein einheimischer Verlag ihre lyrischen Ergüsse drucken wollte, mußten neue Wege gefunden werden, um endlich zu überregionaler Bedeutung zu gelangen.
Ein kleiner Verlag in Königsberg, Ostpreußen brachte 1897 ihr erstes und auch einziges Büchlein heraus: Ein Gedichtsband mit dem profanen Titel: „Aus dem bayrischen Wald", der jedoch keinen großen Anklang fand und deshalb kaum verkauft wurde.
Selbstverständlich gibt es diese Druckerei nicht mehr, sie mußte kurz darauf ihre Pforten schließen.
Von all den Kunstbanausen im Bayerischen Wald damals interessierte sich nämlich kein Schwein für ihre lyrischen Ergüsse. Von bösen Zungen wird gemunkelt, daß dies heute - nach über hundert Jahren - noch nicht viel anders sei.
Kurz gesagt, auch sie konnte davon nicht leben. Um der drohenden Hungersnot zu entgehen, stellte sie deshalb sofort ihre schriftstellerische Tätigkeit ein, wanderte im Jahre 1906 nach Chicago aus, wo sie heiratete und am 28. Februar im Jahre 1928 verstarb.
Das mit der Passauer Künstlerkneipe hatte ja auch nicht geklappt, weil Künstler noch niemals Geld in der Tasche hatten. Das war damals nicht anders als heute.
Ihr Vater, der Viehhändler, mußte aus denselben Gründen (drohende Hungersnot) das Land verlassen und ging zwei Jahre vor ihr nach Amerika.
Bis zum heutigen Tage ist in Bayern kein anderer Wirt und Viehhändler bekannt, der nicht von seinem Gewerbe gut leben kann, er war der Einzige


----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Folgende Zeilen stammen aus der offiziellen Biographie von Emerenz Meier:

Im Jahr 1893 wurde in der Passauer Donau-Zeitung ihre erste Erzählung „Der Juhschroa" veröffentlicht, die sie heimlich eingesandt hatte. Im Herbst 1896 erschien im ostpreußischen Königsberg ihr erstes und einziges Buch „Aus dem bayrischen Wald." Der Schriftsteller Hans Carossa las es und besuchte im Herbst 1898 zu Fuß Emerenz Meier in Waldkirchen. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage wanderten Teile der Familie nach Nordamerika aus.
Im Jahr 1900 begibt sie sich für wenige Monate zu einem Studienaufenthalt nach Würzburg, versucht sich in Buchführung, Englisch und Französisch. Mit Hilfe des Brauereibesitzers Hellmannsberger übernimmt sie 1902 ein Wirtshaus in Passau und will eine Künstlerkneipe etablieren. Das Experiment scheitert, Emerenz Meier verlässt Passau, geht nach München, kehrt wieder zurück und übernimmt den Hof ihres Vaters in Simplon bei Fürsteneck. Private Pläne und Hoffnungen zerschlagen sich, das Schreiben bringt wenig Verdienst, der dauerhafte Zugang zur literarischen Welt bleibt ihr versagt. Die Familie verarmt und entschließt sich – wie so viele aus dem Bayerischen Wald – zur Auswanderung nach Amerika. Der Vater reist mit den Schwestern voraus, Emerenz folgt mit der Mutter im März 1906.
Im März 1906 folgte Emerenz Meier mit ihrer Mutter nach einem Intermezzo als Wirtin in Passau und Schriftstellerin in München dem ausgewanderten Vater und ihren Schwestern nach. Sie siedelte nach Chicago in das dortige deutsche Viertel über. Der erhoffte persönliche wirtschaftliche Aufschwung stellte sich jedoch nicht ein. Im Jahr 1907 heiratete Emerenz Meier ihren ersten Mann Josef Schmöller, der ein Landsmann aus dem Bayerischen Wald und ebenfalls Auswanderer war. Im Jahr 1908 wurde ein Sohn geboren. Ihr Mann starb 1910 an Schwindsucht. Anfangs hielt Emerenz Meier noch Vorträge in deutschen Vereinen und verfasste Kurzgeschichten und Gedichte für deutschsprachige Zeitschriften. Später hielt sie der Kampf um die Existenz in der Fremde gefangen. In zweiter Ehe heiratete sie 1910 den Schweden John Lindgren.
In der Zeit der Prohibition in den USA braute sie in Chicago Bier für ihre Landsleute und den eigenen Bedarf.
Emerenz Meier starb am 28. Februar 1928 in Chicago im Alter von 53 Jahren an den Folgen einer Nierenentzündung.

Quelle dieser Auszüge: Wikipedia.de und Emerenz-meier.de

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Das Bier war also ganz offensichtlich doch nicht ganz nach den Bayrischen Reinheitsgebot gebraut, aber danach fragt in Chicago eh niemand.
Der größte Liebhaber ihres selbstgepantschten Bieres war ihr erster Ehegatte Josef Schmöller aus Wotzmannsreuth, der bereits im Jahre 1910 in Chicago an Leberzirrhose starb. Im Totenschein wurde jedoch Schwindsucht vermerkt, das liest sich einfach besser.
Egal, jedenfalls hat sie nichts anbrennen lassen und noch im selben Jahr neu geheiratet. Diesen Lindgren eben.
Aus literarischer Sicht würde man sie - nach heutigen Maßstäben - eher als eine gescheiterte Existenz bezeichnen.

Soweit zu den Fakten und damit hätte man es eigentlich auf sich beruhen lassen können. Wenn, ja, wäre nicht Anfang der 70er Jahre ein kleiner Marktflecken im Bayerischen Wald unverhofft zur Stadt erhoben worden.
Die Kassen waren leer, man hatte ein neues Freibad gebaut und weit über seine Verhältnisse gewirtschaftet. Der Fremdenverkehr mußte irgendwie angekurbelt werden, das machten hier alle so.
Es wurden Ausschüsse und Komitees gebildet, um irgendetwas zu finden, womit man zahlungskräftige Touristen anlocken könne. Viele Ideen wurden entwickelt, vorgetragen, diskutiert und wieder verworfen.
Ein Kurort schien jedoch eine lukrative und gewinnversprechende Alternative zu sein, hatten doch kürzlich erst andere Städte im Bayrisch-Österreichischen Bäderdreieck dieselbe Masche für sich entdeckt.
Aber damit tauchten die nächsten Probleme auf: Die neue Stadt hatte weder eine gute Infrastruktur, Skigebiete, Thermalquellen, Seenlandschaften, noch kulturelle Highlights anzubieten, deshalb kam ein findiger Kopf auf die Idee, einfach die Luft als Kurmittel anzupreisen. Luft kostet nix und die paar Stinker aus der Landwirtschaft und der ansässigen Schwerindustrie könne man dabei getrost ignorieren. Berlin wurde schließlich weltberühmt mit ihrer Berliner Luft, die sogar in Liedern besungen wird. Warum zum Kuckuck sollte dies im Bayrischen Wald nicht ebenso gut funktionieren?
Gesagt - getan, die kleine Bayerwaldstadt wurde kurzerhand als Luftkurort angepriesen.
Ein genialer Streich!

Aber was war mit der Kultur?
Adalbert Stifter, Hans Carossa und Peter Rosegger hatten ja nicht im unmittelbaren Einzugsbereich der jungen Stadt gelebt. Von ihrem Image konnte also nicht glaubhaft gezehrt werden. Außerdem waren sie bereits von anderen Regionen als Zugpferde vermarktet worden: Österreich und Böhmen hatten der frischgebackenen Bayerwaldstadt bereits den Rang abgelaufen und aktuelle Künstler oder Autoren gab es nicht in der Region. Nur Bauernfünfer und sonstige Dösköppe.
Da kam ein findiger Kopf auf die Idee, daß in dem kleinen Waldbauerndorf Schiefweg, das im Zuge der Stadterhebung einfach eingemeindet wurde(1), vor fast hundert Jahren eine Magd gelebt hatte, die bereits lesen und schreiben könnte.
Heissa, ja! Das war endlich die lang ersehnte Lösung! Ein eigener Verein wurde gegründet, um die näheren Lebensumstände dieser - bislang unbekannten - Dichterin zu erforschen, eventuelle Stolperstellen in ihrer Biographie zu bereinigen und dem staunenden Publikum diese Koryphäe der Deutschen Dichtkunst als bekannte Heimatdichterin zu präsentieren.
Ein halb verfallenes Haus im Dorf wurde als Geburtsstätte von Emerenz Meier auserkoren und mit einer großen Gedenktafel versehen.
Natürlich wunderten sich die Einheimischen sehr über diesen unverhofften, literarischen Zugang in ihrer Mitte, hatte doch bisher niemand diesen Namen je gehört.

Die Bewohner des Bayerischen Waldes sind jedoch ein ganz gewiefter Menschenschlag. Werden sie von einem Touristen daraufhin angesprochen, so erhält man stets als Antwort: „Jaaa, die Emerenz, diie kennt hier natürlich jeder!" Gerade so, als wäre man persönlich mit ihr verwandt und man hätte gestern erst bei ihr eine Buttermilch getrunken.
Ihr vermeintliches Geburtshaus hatte man - mit großzügigen Fördergeldern aus dem Kultusministerium - aufwendig restauriert und zu einer Touristenkneipe umfunktioniert, in der gelegentlich Dichter- und Autorenlesungen stattfanden, um den kulturellen Flair der kleinen Bayerwaldstadt damit zu unterstreichen.
Die gesamte Aktion war also ein voller Erfolg, heute kann man auf jeder Internetseite den spektakulären Erfolg von Emerenz Meier nachlesen, auch wenn niemand ihre Werke kennt.

Müßte man heute ein abschließendes Resümee ziehen, so könnte man sagen, daß es ihr größter Verdienst an der Literatur war, nach Amerika auszuwandern und dort zu sterben.
Ach, - würden doch viel mehr deutschsprachige Heimatdichter und Schriftsteller diese edle Gesinnung aufweisen!

Falls Sie also die Absicht haben, eine erfolgreiche Heimatdichterin oder ein Heimatdichter zu werden, beherzigen Sie bitte folgenden Ratschlag: Wandern Sie umgehend nach Amerika aus und kehren Sie bitte niemals wieder zurück.
Am Besten wird es sein, Sie sterben dort, Ihre Heimat wird es Ihnen ewig danken



(1) Nur durch die rigorose Eingemeindung aller umliegenden Dörfer und Gemeinden konnte die nötige Einwohnerzahl erreicht werden, die zur formellen Stadterhebung erforderlich ist.
(Anm. D. Red.)


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[Dieser Beitrag wurde am 02.10.2006 - 00:15 von Minotaurus aktualisiert]





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...   Erstellt am 02.10.2006 - 15:42Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen




Danke für die Aufklärung betreff Heimatdichtung. Die kannte ich ja noch gar nicht, die gute Emerenz (Oh, allein der Name!)
Und wie jede gute Dichterin trägt auch diese zu meinem Leben bei und erklärt mir wenigstens, warum ich nie, nie, nie eine ganz Große werden kann:


"Stoßseufzer (von Emerenz Meier)

Hätte Goethe Suppen schmalzen,
Klöße salzen,
Schiller Pfannen waschen müssen,
Heine nähn, was er verrissen,
Stuben scheuern, Wanzen morden,
Ach die Herren,
Alle wären
Keine großen Dichter worden."

Folgendes fand ich auch ganz witzig:

"Väterliche Ermahnung (Emerenz Meier)

Mein Sohn, und wenn ich sterbe,
Dann erbst du Geld und Haus
Und suchest dir zum Weibe
Das schönste Mädchen aus.

Mein Sohn, und wenn ich liege
Vermodert längst im Grab,
Dann jagst durch deine Gurgel
Du Geld und Haus hinab.

Mein Sohn, und das ist bitter.
Für was hätt' ich gespart
Und meinen alten Magen
Mit Wasser nur genarrt?

Mein Sohn, und laß dir sagen,
Ein Glück, daß ich noch bin
Und selbst mein Teil kann tragen
Zur Hirschenwirtin hin!"

So, das wars auch schon wieder für heute, ich muss noch Wanzen morden!





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Die Deutschen sind ein gemeingefährliches Volk: Sie ziehen unerwartet ein Gedicht aus der Tasche und beginnen ein Gespräch über Philosophie.
Heinrich Heine

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...   Erstellt am 10.10.2006 - 16:00Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Gudrun schrieb
    Danke für die Aufklärung betreff Heimatdichtung. Die erklärt mir wenigstens, warum ich nie, nie, nie eine ganz Große werden kann:
    So, das wars auch schon wieder für heute, ich muss noch Wanzen morden!

Liebe Gudrun,
in der Hoffnung, daß Du inzwischen alle Wanzen gemordet hast, habe ich soeben - extra für Dich - eine neue Geschichte über Thomas Bernhard eingestellt.
Sie zeigt, daß - gerade bei euch in Österreich - doch noch nicht alles verloren ist.
Du kannst also in diesem herrlichen Land immer noch eine "ganz Große" werden.

Aufmunternde Grüße vom Minotaurus





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