mam Moderatorin a.D.
  

Status: Offline Registriert seit: 29.06.2006 Beiträge: 572 Nachricht senden | Erstellt am 28.10.2009 - 15:26 |  |
Vampire und Co.
Als ich mir vor etlichen Jahren das Vergnügen gegönnt hatte, eine im TV angekündigten „Gruselnacht“ rein zuziehen, geschah dieses unter folgenden Umständen. Es war an einem Halloween Abend. Töchterchen übernachtete bei einer Freundin und Ehemann leitete ein Wochenendseminar in Hamburg. Die Heizung in unserem Haus war ausgefallen und es war bitterkalt.
Erwähnenswert wäre noch die Tatsache, dass ich mir etliche Jahre zuvor auch einen Gruselfilm ansah und genau in dem Moment, als der Vampir eine Frau beißen wollte, fiel in unserem Haus der Strom aus. Alles war dunkel und zum Glück kam Lulu, unser treues Hundemonster sofort angerannt und beruhigte mich mit seinem kläglichen Winseln.
Dieser Schock, den ich damals erlebte, veranlasste mich zukünftig, vor jedem Gruselfilm Dutzende von Kerzen anzuzünden.
Also saß ich in dieser Gruselnacht in einer Wolldecke eingewickelt in meinem Schaukelstuhl. Leider fand ich nur fünf Kerzen im Haus und weil die mir zu wenig erschienen, stellte ich auch noch 10 Teelichter auf ein Holzbrettchen und zündete sie an. Auf dem Tisch neben mir stand eine gute alte Flasche Whiskey, denn es sollte mit einem englischen Spielfilm losgehen, auf den ich mit einem traditionsgemäßen Getränk anstoßen wollte.
Als der Vampirjäger ein gewaltiges Kruzifix aus seiner schäbigen Aktentasche zog, erinnerte ich mich daran, dass mir meine gestrenge Frau Mama vor Jahren ein goldenes Kreuz an einer Kette geschenkt hatte. Also warf ich die Wolldecke zur Seite und kramte im Schlafzimmer den Anhänger aus meiner Schmuckschatulle. Auf dem Rückweg zum Wohnzimmer kehrte ich schnell noch in die Küche ein, um ein paar Knoblauchknollen zu holen. Sicher ist sicher! Und ein Bier könnte auch nicht schaden, dann müsste ich den Whiskey wenigstens nicht so trocken herunter würgen.
Fast wäre ich über meine langen Kniestümpfe gestolpert, dessen Bundgummis schon ziemlich ausgeweitet waren. Was soll‘s, ich war ja alleine und weil es bitterkalt war, hatte ich mir alle möglichen wärmenden Klamotten angezogen. Schwarze Skiunterwäsche, dicke Kniestrümpfe, darüber Leggins und einen alten Wollpullover.
Der zweite Film in besagter Gruselnacht war schon härteren Kalibers. Aufgeregt schenkte ich mir das Glas mit dem edlen Whiskey wieder voll. So saß ich also da, die Kette mit dem Kruzifix in meiner rechten Faust umwickelt, die ebenfalls auch noch meine Zigarette halten musste und in meiner Linken hielt ich mich am Whiskeyglas fest und schlürfte eifrig daran. Vampire hassen Alkohol und sicher ist sicher!
Irgendwas ist ja immer, aber bei mir kommt das „irgendwas“ immer gewaltig.
Gerade in der spannendsten Filmszene nahm ich aus den Augenwinkeln heraus ein Aufflackern der Teelichter wahr. Diese Mistdinger standen zu dicht nebeneinander auf dem Frühstücksbrettchen und bildeten jetzt eine einzige gemeinsame lodernde Flammeneinheit.
OK, ich wusste, dass nichts Ernsthaftes passieren konnte, zumal sie auf dem Holzbrettchen standen. Aber ich durfte sie auch nicht weiterhin so flackern lassen, denn sonst hätte der Ruß die Decke schwarz gefärbt.
Das Feuer auszublasen wäre ein fataler Fehler, denn damit würde ich den flüssigen Wachs auf den Tisch oder gar auf den Teppich pusten. Also beugte ich mich über die brennenden Teelichter und spuckte kräftig in das Feuer, als es genau in diesem Moment an der Tür klingelte. Eine Feuersäule schnellte hoch und versengte mir innerhalb einer Sekunde meinen Pony, meine Augenbrauen und auch meine Wimpern. Glauben Sie mir, wer einmal das dunkel knisternde Geräusch von verbrennenden Haaren hört, wird nie wieder in ein Feuer spucken!
Ein Großteil meiner schwarzen Lockenpracht war vernichtet und ich musste wirklich sehr schrecklich ausgesehen haben, als ich die Tür öffnete.
Draußen standen um Süßigkeiten bettelnde Kinder aus der Nachbarschaft, die bei meinem Anblick schreiend davon liefen. Ich hielt immer noch das Brettchen mit den hell auflodernden Flammen in der einen Hand und mit der anderen die Wolldecke vor meinem Körper zusammen. Aus meinen Haaren quollen Rauchschwaden empor, mein Gesicht war schwarz gefärbt, die Wolldecke wies mehrere große, noch dampfende Brandlöcher auf und ich muss gestunken haben, wie eine frisch kremierte Wildsau.
Lulu, unser feiger Hund, hatte sich beim ersten Auflodern der Teelichtleich in die hinterste Ecke des Wohnzimmers verkrochen. Ich warf die hell brennenden Teelichter in den Garten und stolperte anschließend in den Keller. Dort holte ich einen Putzeimer, den ich, zurück in die Küche gestolpert, mit Wasser füllte, um das Feuer vor der Haustür zu löschen.
Dazu kam ich allerdings nicht mehr, denn in der Küche trat ich aus Versehen mit meinem linken Fuß auf meine rechte Socke, die sich mittlerweile halb von meinem Fuß gelöst hatte, stolperte mitsamt dem vollem Eimer eiskaltem Wasser und knallte mit meinem angetrunkenem Kopf voll auf den harten Boden auf.
Meine überaus liebenswerte und großmütterliche Nachbarin weckte mich aus meiner Zwangsnarkose auf, indem sie mir mein Gesicht mit einem nassen Waschlappen abwusch. Sie hatte das Geschrei der Kinder gehört und kam dienstbeflissen zu unserem Haus gelaufen.
„Frau Braun! Was haben Sie denn jetzt schon wieder angestellt?“
Auch Lulu, das Weichei, winselte ganz aufgeregt.
Es ist ein Wunder erster Güte, dass bis auf den heutigen Tag weder mein Mann, noch meine Kleine jemals etwas von diesem Vorfall erfahren haben. Nicht umsonst muss ich bis zu meinem Lebensende für meine Nachbarin jedes Jahr das Backen ihrer Weihnachtsplätzchen übernehmen.
Sie werden sich fragen, wie ich meiner Familie das Fehlen meiner sämtlichen Gesichtsbehaarung, sowie ein Großteil meiner Kopfhaare erklärt habe?
Ganz einfach. Sie kennen meine Tollpatschigkeit und gaben sich heimlich schmunzelnd mit der Ausrede zufrieden, mir aus Versehen die Haare mit einer Enthaarungscreme gewaschen zu haben.
Natürlich werde ich mir weiterhin jedes Jahr zu Halloween alle Gruselfilme reinziehen, mir dabei auch den einen oder anderen Whiskey zu Gemüte führen, jedoch niemals und unter gar keinen Umständen auch nur eine einzige Kerze dabei anzünden.
Mein Whiskeydealer hat mir Dutzende von Leuchtstäben verkauft, die man aktiviert, indem man sie zuerst schüttelt und dann umknickt. Diese Leuchtstäbe warten schon in der hintersten Ecke meines Kleiderschrankes darauf, an Halloween ihre Dienste anzutreten und neben der üblichen Festbeleuchtung im Wohnzimmer darauf zu hoffen, dass der Strom wieder ausfällt.
Übrigens ist Lulu immer noch ein Feigling vor dem Herrn, aber ich hab ihn trotzdem lieb.
Copyright by Marina Braun. Nachdruck und Vervielfältigungen, sowie auch weitere Veröffentlichungen einzelner Auszüge meines Textes bedürfen meiner schriftlichen Genehmigung.
Signatur Praesis ut prosis, non ut imperes (Stehe an der Spitze um zu dienen, nicht um zu herrschen) |