Winner99  Laura Holt
    

Status: Offline Registriert seit: 21.10.2005 Beiträge: 8535 Nachricht senden | Erstellt am 26.04.2006 - 15:54 |  |
Etwas Für Leseratten: Kann nur weiterempfehlen
Das schwarze Blut
von Grangé, Jean-Christophe
ISBN 3-431-03676-7, 544 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Lübbe
Leseprobe
Aus dem Französischen von Barbara Schaden
Kapitel 1
Der Bambus.
Auf Dschungelpfaden und zwischen raschelnden Blät-terwänden hatte er ihn bis hierher geführt. Wie immer hatten ihm die Bäume die Richtung gewiesen, der er folgen musste - und hatten ihm zugeraunt, was er zu tun hatte. So war es immer gewesen. In Kambodscha. In Thailand. Und jetzt hier, in Malaysia. Die Blätter streiften sein Gesicht, riefen ihn, gaben ihm das Signal ...
Doch auf einmal wandten die Bäume sich gegen ihn.
Auf einmal stellten sie ihm eine Falle. Er wusste nicht, wie ihm geschah - die Stämme des Bambuswalds waren zusammengerückt, standen in Reih und Glied, hatten sich in eine hermetisch verschlossene Zelle verwandelt. Mit den Fingern fuhr er die Tür entlang, versuchte sie unter die Kante zu schieben. Unmöglich. Er scharrte auf dem Fußboden in der Hoffnung, die Bretter auseinander zu schieben. Vergeblich. Er hob den Blick und sah über sich nichts als ein dichtes Dach aus Palmenblättern. Wie lange hatte er nicht geatmet? Eine Minute? Zwei Minuten?
Eine Bruthitze herrschte hier, wie in einem Backofen. Sein Gesicht troff von Schweiß. Er konzentrierte sich auf die Wand: Rattanhalme verstopften jede Ritze. Wenn es ihm gelang, eine dieser Fasern zu lösen, käme vielleicht ein wenig Luft herein. Mit zwei Fingern versuchte er es - aber es war nichts zu machen. Er krallte sich in die Wand und zerschrammte sich dabei nur die Nägel. Wütend hämmerte er mit der Faust dagegen und ließ sich auf die Knie fallen. Er würde krepieren. Er, der Meister des Freitauchens, er würde in dieser Hütte ersticken. Dann fiel ihm die eigentliche Gefahr wieder ein. Er warf einen Blick über die Schulter: Dunkle Schlieren kamen auf ihn zu; langsam, schwer, wie Ströme von Teer. Das Blut. Es würde ihn bald erreichen, überschwemmen, ertränken ...
Stöhnend presste er sich an die Wand. Je mehr er sich bewegte, desto mehr wuchs der Drang zu atmen - eine Gier nach Luft, die seine Lungen marterte und ihm wie eine giftige Blase in die Kehle stieg. Er kauerte sich nieder und folgte der unteren Kante der Wand in der Hoffnung, eine kleine Lücke zu entdecken. Während er sich auf allen vieren vorwärts bewegte, blickte er noch einmal zurück. Das Blut war nur noch wenige Zentimeter entfernt. Er schrie auf, rücklings an die Wand gedrückt, stemmte die Fersen in den Boden und versuchte zurückzuweichen.
Die Wand hinter ihm gab nach. Ein mächtiger Schwall weißes Licht drang in die Zelle, gemischt mit Stroh und Staub. Hände rissen ihn vom Boden hoch. Er hörte Schreie, Befehle auf Malaiisch. Von unten sah er die Palmen, den grauen Strand, das tief blaue Meer. Er japste nach Luft. Es roch nach Fisch. Zwei Namen schossen ihm durch den Kopf: Papan, Chinesisches Meer ... Die Hände schleppten ihn fort, während die Männer sich über die Schwelle der Strohhütte beugten. Fäuste schlugen auf ihn ein, Harpunen stachen ihn. Er nahm es gleichgültig hin. Er hatte nur einen Gedanken: Jetzt, da er frei war, wollte er sie sehen.
Die Quelle des Blutes.
Die Bewohnerin des Zwielichts.
Er blickte zu der herausgerissenen Tür hinüber. Im Hintergrund war eine nackte junge Frau an einen behelfsmäßigen Pranger gefesselt. Ihr Körper war übersät von Wunden - an den Schenkeln, den Armen, am Rumpf, im Gesicht. Jemand hatte sie ausbluten lassen. Hatte sie aufgeschlitzt und dafür gesorgt, dass sich ihr Blut in langsamen, unaufhaltsamen Rinnsalen auf den Boden ergoss. Im selben Moment überkam ihn die Erkenntnis: Diese Obszönität war sein Werk. Über die Schreie, die Schläge hinweg, die ihn ins Gesicht trafen, gestand er sich die entsetzliche Wahrheit ein.
Er war der Mörder.
Der Urheber des Gemetzels.
Er wandte den Blick ab. Die Horde der Fischer zerrte ihn wütend zum Strand hinunter. Durch den Tränenschleier sah er an einem Ast das Seil baumeln.
Kapitel 2
[Exklusivbericht]
Ein Massenmörder in den Tropen?
7. Februar 2003. Elf Uhr Ortszeit. In Papan, einem kleinen Dorf im Sultanat Johor an der Südostküste der Malaiischen Halbinsel, ist es ein Tag wie jeder andere. Touristen, Händler, Seeleute begegnen einander auf der Straße entlang dem endlosen Strand aus grauem Sand. Auf einmal erhebt sich Geschrei. Ein Aufruhr von Fischern unter den Palmen. Etliche sind bewaffnet: Stöcke, Harpunen, Messer ...
Sie biegen in den Pfad am Ende des Strands ein, der zum Wald hinaufführt. In ihren Augen glimmt der Hass, in ihren Mienen steht Mordlust geschrieben. Bald erreichen sie den nächsten Hügel, wo der eigentliche Dschungel einem Bambuswald weicht. Jetzt zwingen sie sich zur Ruhe, sie marschieren stumm weiter. Sie haben entdeckt, was sie suchten: das getarnte Dach einer Hütte. Sie nähern sich. Die Tür ist verschlossen. Ohne zu zögern rammen sie ihre Harpunen hinein und reißen sie heraus. Was sie sehen, ist ein Anblick aus der Hölle. Ein Mann, ein mat salleh (ein Weißer), kauert mit nacktem Oberkörper halb besinnungslos vor der Türschwelle. Im hinteren Teil der Hütte ist eine Frau an einen Sitz gefesselt, ihr Körper ist eine einzige blutende Wunde. Zu ihren Füßen liegt die Tatwaffe: ein Tauchermesser.
Die Fischer packen den Täter und schleifen ihn zum Strand hinunter, wo schon ein Galgen auf ihn wartet. In dem Moment aber kommt es zu einer überraschenden Wende: Die Polizisten aus Mersing, einer zehn Kilometer nördlich von Papan gelegenen Stadt, treten auf den Plan. Von Augenzeugen herbeigerufen, treffen sie gerade rechtzeitig ein, um den Lynchmord zu verhindern. Der Mann wird gerettet und im zentralen Polizeirevier von Mersing inhaftiert.
Das ist die verblüffende Szene, die sich vor drei Tagen unweit der Grenze zu Singapur abgespielt hat. In Wahrheit ist sie weniger erstaunlich, als es den Anschein hat. Standrechtliche Hinrichtungen sind in Südostasien noch recht verbreitet. Ungewöhnlich ist diesmal aber der mutmaßliche Täter: Jacques Reverdi, ein Franzose, der kein Unbekannter ist. Als Freitaucher von internationalem Rang hat er zwischen 1977 und 1984 in den Kategorien „No Limits" und „Konstantes Gewicht" mehrfach den Weltrekord gebrochen.
Nach seinem Ausstieg aus dem aktiven Tauchsport Mitte der Achtziger lebt der heute 49-Jährige seit mehr als fünfzehn Jahren als Tauchlehrer in Südostasien, abwechselnd in den Ländern Malaysia, Thailand und Kambodscha. Nach den Aus-sagen der ersten Zeugen war er ein freundlicher, umgänglicher Mensch, aber auch ein Einzelgänger, der es vorzog, in den abgeschiedenen kleinen Buchten der Küstenregion ein Robinson-Dasein zu führen. Was ist am 7. Februar 2003 geschehen? Wie ist die Leiche einer jungen Frau in die Hütte gelangt, die er seit mehreren Monaten bewohnte? Und warum wollten die malaiischen Fischer sofort Selbstjustiz üben? Jacques Reverdi war bereits 1997 in Kambodscha wegen Mordes an Linda Kreutz, einer jungen deutschen Touristin, festgenommen, aber aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen worden. In Südostasien jedoch hatte die Sache weite Kreise gezogen. Als er sich in Papan niederließ, erkannten alle ihn wieder - und behielten ihn im Auge. Als bekannt wurde, dass eine Dänin, eine gewisse Pernille Mosensen, zu ihm in seine Hütte gezogen war, wuchs der Argwohn. Dann war die junge Europäerin mehrere Tage nicht im Dorf gesehen worden - mehr brauchte es nicht, um den schwelenden Verdacht auflodern zu lassen und die Gemüter zu erhitzen ...
Ersten Verlautbarungen zufolge stellten die Ärzte im Allgemeinen Krankenhaus von Johor Baharu an den Gliedmaßen, im Gesicht, an der Kehle, am Rumpf sowie in der Genitalregion der Leiche siebenundzwanzig Wunden fest, „zugefügt mit einer Hieb-, Stich- und Stoßwaffe". Ein „pathologisches Gemetzel", kommentierten die Experten auf der am 9. Februar abgehaltenen Pressekonferenz. In Malaysia reden die Zeitungen bereits von amok, jenem wütenden Zerstörungs- und Tötungswahn, der sich gelegentlich der malaiischen Eingeborenen bemächtigt.
Nach einer Nacht in Mersing wurde Reverdi in das psychiatrische Krankenhaus von Ipoh verlegt, die bekannteste Fachklinik von Malaysia. Seit seiner Festnahme hat er kein Wort gesprochen, anscheinend steht er unter Schock. Nach Meinung der Ärzte ist dieser posttraumatische Zustand vorübergehender Natur. Wird er, sobald er wieder bei Sinnen ist, ein Geständnis ablegen? Oder wird er seine Unschuld beteuern? Wir, die Redaktion des Limier, sind fest entschlossen, Licht in den Fall zu bringen. Schon am Tag nach der Festnahme ist unser Team auf den Spuren von Jacques Reverdi nach Kuala Lumpur aufgebrochen. Wir wollen seine Route nachzeichnen und überprüfen, ob noch weitere Leichen seinen Weg pflastern ...
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besitzen wir exklusive In-formationsquellen, die darauf hindeuten, dass es sich lediglich um die Spitze des Eisbergs handelt. In unserer nächsten Ausgabe erfahren Sie sehr mehr über das geheime Gesicht dieses unheilbringenden „Fürsten der Meere". Mark Dupeyrat,
Sonderberichterstatter des Limier,
aus Kuala Lumpur
Kapitel 3
Mark Dupeyrat lächelte, als er die letzten Zeilen seines Artikels überflog.
Das erwähnte „Team" bestand aus ihm selbst, und seine Reise hatte ihn nicht über das 9. Pariser Arrodissement hinausgeführt. Was seine „exklusiven Informationsquellen" betraf, so beschränkten sie sich auf ein paar Kontakte mit dem Büro der AFP in Kuala Lumpur und die malaiischen Tageszeitungen. Wirklich nicht beeindruckend. Er öffnete seine Mailbox, tippte ein paar Zeilen an Verghens, seinen Chefredakteur, und hängte den Artikel an. Dann schloss er sein Notebook an die erstbeste Telefonbuchse an und schickte die Nachricht ab.
Während er das Symbol beobachtete, das ihm die Übertragung der Daten anzeigte, hing er seinen Gedanken nach. Dass er die Wahrheit hin und wieder frisieren musste, war reine Routine. Le Limier pflegte sich nicht mit Skrupeln herumzuschlagen: Nicht umsonst nannte er sich „Der Spürhund". Trotzdem würde sich Verghens damit noch nicht zufrieden geben: Sein Magazin, das sich auf spektakuläre Verbrechen und Sensationsmeldungen aller Art spezialisiert hatte, war es sich schuldig, der Konkurrenz immer um eine Nasenlänge voraus zu sein. In diesem Fall hinkte Mark eher Tausende Kilometer hinterher ... Er reckte sich und ließ den Blick durch das braungoldene Halbdunkel ringsum, über Ledersessel und blankpoliertes Kupfer, wandern. Vor Jahren schon hatte Mark sein Hauptquartier in dieser luxuriösen Hotelbar nahe der Place Saint-Georges aufgeschlagen, weil sie nur ein paar hundert Meter von seinem Atelier entfernt war: Er schwor auf diese altenglische Pubatmosphäre, in der sich die Kaffeedüfte mit Zigarrenrauch mischten und Stars in aller Diskretion Interviews gaben.
Im stillen Kämmerchen konnte er nicht schreiben. Als Student, ja schon zu Schulzeiten hatte er seine Hausarbeiten in überfüllten Cafés erledigt, eingebettet in Stimmengewirr und das Fauchen der Espressomaschinen. Die menschliche Gegenwart half ihm, die Schreibblockade zu überwinden. Und die Angst vor sich selbst: Mark fürchtete sich vor der Einsamkeit. Vor einer leeren Wohnung, in die sich ein Fremder einschleichen konnte, um ihn umzubringen. Jähe Kälte überkam ihn wie ein Luftzug, der durch seinen Körper fuhr. Mit vierundvierzig war er noch immer nicht über seine kindlichen Albträume hinaus. „Darf ich Ihnen noch etwas bringen?"
Der Kellner im weißen Jackett musterte zuerst ihn, dann die Unterlagen, die sich über zwei Tische breiteten: „Dies ist eine Bar, mein Herr, keine Bibliothek."
Mark kramte in der Hosentasche und fand darin ein paar Münzen.
In spöttischem Ton fügte der Kellner hinzu:
„Einen Kaffee vielleicht? Mit einem Glas Wasser?"
„Mit einem Glas Wasser. Unbedingt."
Der Kellner entfernte sich. Mark betrachtete die im Lampenlicht schimmernden Euromünzen in seiner Hand, die seine finanzielle Situation treffend ausdrückten. In Gedanken ging er seine privaten Reserven durch und fand nichts, weder auf der Bank noch anderswo. Wie hatte er sich so herunterwirtschaften können? Er, der noch vor zehn Jahren einer der bestbezahlten Reporter von Paris gewesen war? Er stellte eine Münze hochkant auf den Tisch und brachte sie mit zwei Fingern zum Kreiseln. Der Anblick erinnerte ihn an eine Laterna magica, die sein Leben wie einen Film vor ihm ablaufen ließ. Welchen Titel müsste er ihm geben? Er überlegte kurz und entschied sich für „Porträt eines Besessenen".
Besessen vom Verbrechen.
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