clara

Status: Offline Registriert seit: 10.01.2004 Beiträge: 58 Nachricht senden | Erstellt am 08.04.2004 - 17:40 | |
Hallo Leute,
Ich beschäftige mich gerade - auch prüfungsbedingt (*würg*) - intensiver mit dem Thema Menschenbilder/Menschen mit Behinderungen und den daraus folgenden ethischen Konsequenzen. Wie ihr bestimmt alle wisst, kristallisieren sich krass ausgedrückt hauptsächlich 2 gegensätzliche Standpunkte zum Umgang mit Menschen mit Behinderungen - sie werden als "unproduktiv" für die Gesellschaft dargestellt, als leidgeplagte Wesen, für die es besser wäre, gar nicht erst geborenworden zu sein
- und im Gegensatz dazu die (christliche?) Argumentation, dass ausnahmslos JEDES Leben schützenswert und lebenswert ist - allein aus dem Grund, dass es existiert ... weil es Gottes Geschenk ist.
So, nun meine Frage an euch: Wie positioniert ihr euch, interessiert euch so ein Thema überhaupt? Viele sind ja selbst Eltern und haben sich vielleicht schon mal mit der Problematik auseinander gesetzt.
Ich bin jedenfalls gespannt auf eure Antworten.
clara, die sich nun wieder hinter die Bücher klemmt
Signatur Wenn das Pferd tot ist, muss man absteigen. (Indianische Weisheit) |
Lilli Moderatorin
     

Status: Offline Registriert seit: 29.10.2003 Beiträge: 415 Nachricht senden | Erstellt am 08.04.2004 - 18:13 | |
Hallo Clara
"lebensunwürdig" würde ich nicht per Funktionalität für die Gesellschaft definieren, sondern aus dem Blickwinkel des Betroffenen Menschen, den ICH aus meiner Position natürlich nur subjektiv beurteilen kann. Die Frage kann nicht sein, was der Mensch für die Gesellschaft sein kann, sondern was er für SICH sein kann.
"Lebensunwürdig" ist für mich z.B. das krampfhafte Bemühen, ein winziges Frühchen per Intensivmedizin am Leben zu erhalten, im Wissen, dass es schon massive Hirnblutungen hatte, wohl kaum jemals eine gute Lungenfunktion haben wird und WENN es überlebt für den Rest seines Lebens ein intensivmedizinischer Pflegefall bleiben wird. Da scheint mir das wissenschaftliche Interesse (wie kleine Frühchen kann man noch am Leben halten?) über dem Kindswohl zu stehen.
Aber Deine Frage zielt wohl eher in Richtung Praenataldiagnosik. Ist es ethisch vertretbar, eine Schwangerschaft abzubrechen, weil das Kind eine Trisomie 21 hat? Im Wissen, dass viele Kinder mit Trisomie 21 sehr glückliche Menschen werden? DAS ist für mich die wirklich schwere Frage und ich kann sie nicht beantworten. Ist es ethisch vertretbar, eine Frau/Familie zu zwingen, diese Verantwortung anzunehmen?
LG
Lilli
[Dieser Beitrag wurde am 08.04.2004 - 18:13 von Lilli aktualisiert]
Signatur "Wahrhaftige Worte sind oft nicht angenehm. Angenehme Worte sind oft nicht wahrhaftig" (Laotse) |
Kassandra Moderatorin
     

Status: Offline Registriert seit: 07.01.2004 Beiträge: 469 Nachricht senden | Erstellt am 09.04.2004 - 11:09 | |
Hallo Clara,
bist ja doch schon wieder da. 
Das ist ein sehr schwieriges Thema, was du dir da ausgepickt hast. Ich habe, als meine Kinder noch im Krabbelalter waren, mit beiden eine integrative Spielgruppe besucht, weil ich die Leiterin persönlich kannte und die das wirklich toll machte. Sie selbst hatte ein schwerstbehindertes Kind (geistig und körperlich), damals 9 oder 10 Jahre alt, 1 oder 2 Kleinkinder in der Gruppe waren ebenfalls schwerbehindert, 2 weitere Kinder \"nur\" gehörlos, die Mütter ebenfalls. Wenn man diese Kinder sieht wird einem um einiges bewusster, was für ein Glück es ist, gesunde Kinder zu haben. Aber alle Kinder, die ich dort kennenlernen durfte, waren auf ihre Art liebenswert. Das Leben mit einem behinderten Kind ist schwerer, viel anstrengender, nicht gerade nervenfreundlich, da diese Kinder eine ganz andere, viel intensivere und zeitaufwändigere Versorgung und Betreuung benötigen. Aber trotzdem freut man sich über jeden klitzekleinen Fortschritt, den ein solches Kind trotz der Behinderung macht, und sei es denn, dass ein kleines Lächeln kommt. Man bekommt auch etwas zurück, es ist nicht nur ein Geben, Geben, Geben. Was mich persönlich immer ziemlich fertig gemacht hat, war die Vorstellung, dass diese Mütter soviel Kraft, Nerven und Liebe an ihre Kinder gaben, und manche dieser Kinder eine Lebenserwartung von nicht einmal 20 Jahren hatten. Da fragt man sich natürlich schon manchmal, wofür so ein Leben taugt, in dem dieses Menschlein niemals ohne Hilfe, niemals selbständig leben können wird. Immer auf die Betreuung von anderen angewiesen ist und evtl. in einem Alter wieder abtreten muss, in dem andere erst richtig anfangen zu leben.
Wir haben uns damals in der Gruppe öfter über Reaktionen von Menschen unterhalten, die diese Kinder kennenlernten, Nachbarn, Menschen auf der Straße, Behindertentransportdienste, wo manchmal Sprüche geklopft wurden, bei denen einem wirklich schlecht werden kann. Da war von \"damals bei Hitler...\" bis \"die sollte man in einer Anstalt halten, das sind doch keine Menschen\" alles bei. Es ist unfassbar! Wir denken, wir leben in einer liberalen und aufgeklärten Welt, aber in den Köpfen von manchen Menschen herrscht trotzdem noch tiefes Mittelalter.
Trotzallem schlage ich drei Kreuze, dass meine Kinder gesund sind. Es ist manchmal auch so schon nervenaufreibend genug.
Lieben Gruß, Kassandra
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Karoline

Status: Offline Registriert seit: 11.01.2004 Beiträge: 24 Nachricht senden | Erstellt am 09.04.2004 - 14:12 | |
"JEDES Leben schützenswert" so sehje ich das- aber auch genauso schützenswert ist das Leben der Mutter, des Vaters, da muß man eben abwägen, was sie tragen wollen/ können und was nicht.
Jede Frau muß selbst entscheiden können, ob sie eine Schwangerschaft austrägt oder nicht.
Genau das hängt bei uns im Ort riesengroß in der Evangelischen Schwangerschaftsberatungsstelle im Wartezimmer, und genau dabei wollen die Beraterinnen den Frauen helfen: entscheiden zu KÖNNEN.
Finde ich eine klasse Einstellung Karo
Signatur "Wirklichkeiten sind Schnuller" (Maturana) |
Füchsin Moderatorin
     

Status: Offline Registriert seit: 29.10.2003 Beiträge: 452 Nachricht senden | Erstellt am 10.04.2004 - 23:54 | |
Hi,
ich denke für uns "unbehinderte" ist es mehr als anmaßend, darüber urteilen zu wollen, ob ein Leben lebenswert ist, oder nicht...
Wir haben hier in der Stadt eine Behindertenwerkstatt und oft ist eine Gruppe mongoloider Kinder in der Fußgängerzone unterwegs.
Die Reaktionen auf dies Gruppe reichen von mitleidigem Wegschauen bis offenkundigem Ekel - dabei finde ich, sie sind die Sonnenscheine in unserer Stadt... Ihnen offen in das Gesicht zusehen lockt immer Lachen hervor ) Wer will sagen, ob das Leben für sie lebenswert ist oder nicht, wenn nicht sie selber?
Oder mein verstorbener Mann - er hatte einen Schlaganfall und fiel in das Locked-In-Syndrom, was bedeutet, dass er komplett gelähmt war und nur noch die Augen öffnen schließen und bewegen konnte... Ich höre heute oft: es war gut für ihn, dass er gestorben ist und SO nicht weiterleben musste... Aber wer außer ihm könnte das beurteilen? Ich habe von einem jungen Mann gelesen, der trotz LIS sein Abitur gemacht hat - die Technik erlaubt heute viele Formen der Kommunikation...
Ich bin auch für den Schutz des Lebens - aber wie lebenswert es für jemanden ist, das kann ICH nicht beurteilen...
Ich denke gerade werdenden Eltern, denen eine niederschmetternde Diagnose präsentiert wird, werden ihre Entscheidung dafür oder dagegen gut überlegt haben und beides, ja oder nein, nötigt mir Respekt ab!
Gruß Fux
Signatur ...und selbst das Vergessen hat noch Gestalt in dem bleibendem Reich der Verwandlung. (Rilke) |
Petra

Status: Offline Registriert seit: 25.02.2004 Beiträge: 8 Nachricht senden | Erstellt am 11.04.2004 - 20:37 | |
Hallo Clara,
Jedes Leben, aber auch wirklich jedes ist lebenswert. Wer will denn beurteilen wie ein Kranker oder Behinderter Mensch sich fühlt oder was er überhaupt wahrnimmt. Selbst wenn ein Mensch sehr krank ist z.b. im Koma liegt kann kein Aussenstehender beurteilen was er fühlt. Ich bin allerdings auch der Meinung das Lebenserhaltung auf Biegen und Brechen ( nur weil es Technisch möglich ist) ein Verbrechen am Menschen sein kann. Damit wird Leiden produziert statt geholfen. Wie weit ist der Mensch berechtigt einzugreifen? Auch das Recht zur Abtreibung stelle ich in Frage ! Sicherlich gibt es das Recht auf Den eigenen Körper,aber darf ich damit Sorglos umgehen??? Darf ich zb. einfach so Abtreiben weil ein Kind nicht zu meinen Plänen passst. Keiner hat das Recht eine Norm aufzustellen unter der das Leben lebenswert ist. Manchmal weiß auch die Natur ganz genau was sie tut! Man sollte sie nur manchmal auch machen lassen!! Sicher ist es gut und Richtig Leiden zu lindern,aber ist es richtig ein Leiden zu verlängern???
Liebe nachdenkliche Grüße Petra
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