Strickwolf Buchbinder
  

Status: Offline Registriert seit: 01.07.2007 Beiträge: 136 Nachricht senden | Erstellt am 16.08.2007 - 14:55 |  |
Gestern
„Können sie mir eine Zigarette geben?“, frage ich und meine Stimme hört sich so unvertraut an. Der junge Mann in den seltsamen Klamotten schüttelt mit dem Kopf, auf dem er eine ebenso seltsame Mütze trägt.
Ich gehe weiter und merke, dass mir das gehen schwer fällt. Ich fühle mich heute nicht besonders gut und ich glaube in den letzten Tagen ging es mir nicht besser, aber ganz sicher bin ich mir nicht, weil alles so verworren ist und grau, so merkwürdig grau.
Natürlich ist die grüne Wiese immernoch grün und die Blüten die ihre Ränder säumen sind immer noch bunt. Es sind gelbe Tulpen, blaue Stiefmütterchen und rote Rosen, aber trotzdem sind sie auch grau.
Ich kann fühlen wie mich der junge Mann anstarrt und wenn ich mich nicht so krank fühlen würde, würde ich ihm den Marsch blasen, aber so gehe ich einfach nur weg und suche weiter nach einer Zigarette.
Zigaretten sind eine der wenigen Dinge an die ich mich noch erinnern kann, die nicht verworren sind und die mir schmecken. Rauchen ist alles was man in diesen grauen Zeiten tun kann.
Mein Rücken tut weh. Ich muss mir eine Bank suchen und mich setzen. Bei der grünen Wiese werde ich fündig, dort steht eine Bank und ich setze mich und dabei fühle ich jeden einzelnen Knochen im Leib.
Ich fühle mich nicht so jung wie ich bin, dass muss am Krieg liegen.
Der Krieg ist ja an allem schuld.
Ich erinnere mich noch daran, dass ich gestern im Feldeinsatz war und vorgestern habe ich meiner Liebsten den Abschiedskuss gegeben und wo bin ich heute?
Aber wenn ich darüber nachdenke, weiß ich nicht mehr so genau wann ich meine Liebste das letzte Mal gesehen habe. Ich kann ihre Lippen noch immer auf den meinen spüren und mir wird ganz warm ums Herz. Ich glaube in solchen Momenten, dass mein Herz genau weiß wie lange es her ist.
Ich merke, dass ich laut darüber spreche was gestern im Einsatz passiert ist und die junge Frau vor mir- Ich weiß nicht wo sie plötzlich hergekommen ist- nickt nur:“Ist gut, ist gut. Ich kenn die Geschichte schon, die hast du mir gestern schon erzählt.“, sagt sie und ich weiß das sie mich anlügt, denn gestern war ich ja im Einsatz und konnte doch noch gar nichts erzählt haben. Das will ich ihr sagen, doch sie winkt ab.
„Ist doch ein schönes Wetter heute.“, sagt sie und ich frage mich was sie denn daran schön findet, dass alles grau ist.
Es ist ein wenig so, als hätte alles irgendwann seine Farbe verloren oder einen Teil seiner Farbe.
Das Gras, die Blumen, die Fassaden der Häuser erscheinen grau und trostlos. Trostloser als gestern im Einsatz, im Krieg.
Plötzlich erinnere ich mich daran, dass ich angeschossen worden bin und schreie. „Autsch!“
Die junge Frau in ihren grauweißen Klamotten erschrickt sich und sagt mir bestimmt, dass ich nicht einen solchen Lärm machen soll.
Aber was weiß sie schon über eine Kugel in der Schulter, denke ich bei mir und taste meine Schulter ab. Es ist komisch, aber ich kann die Verletzung nicht fühlen, da ist nur noch eine Narbe.
So fähig waren die Sanitäter, dass es schnell verheilt ist. Dabei wurde ich doch gerade gestern angeschossen.
Dann steht da plötzlich noch eine Frau und unterhält sich mit der ersten. Ich kann sie nicht leiden.
Sie ist so alt und hässlich und behauptet immer meine Tochter zu sein, dabei müsste meine Tochter doch noch klein, jung und hübsch sein und ich frage mich warum sie das nicht weiß.
Sie will mir irgendetwas sagen, aber ich höre nicht hin. Vielleicht, wenn sie eine Zigarette dabei hätte, aber sie sagt immer, das würde mir schaden. Was denkt sie sich nur?
Ich denke also wieder an gestern, weil ich mich nicht mehr an vorgestern erinnern kann und mir fällt ein, dass gestern viele meiner Kameraden gefallen sind, dann werde ich traurig und klage und die Frau in weiß mahnt mich darum, mich doch lieber am schönen Wetter zu freuen. Ich frage mich, ob sie einfach nicht weiß, was es heißt seine Freunde zu verlieren?
Ich habe gar nicht gemerkt das es kühl geworden ist und die Sonne kaum noch scheint. Meine Verletzung hat mich wohl so sehr geschwächt, dass die junge Frau in weißgrau mich stützen muss, damit ich wieder ins Haus komme.
Komisch, gestern war ich im Einsatz. Gestern hörte ich die hämmernde Artillerie in der ferne und Kugeln peitschten und pfiffen im stürmischen Regen. Meine Kameraden sangen ein Lied vom Tot.
Heute ist es still.
Still und grau.
Ich habe mal versucht aus einer neuen Sicht zu schreiben. Ich würde gern wissen ob sich aus dem Text erschließen lässt, wer der Erzähler sein könnte.
Da ich mit der Ichperspektive + Gegenwartsform alles andere als geübt bin hoffe ich mal es ist trotzdem lesbar 
[Dieser Beitrag wurde am 16.08.2007 - 14:55 von Strickwolf aktualisiert]
Signatur »Bücher haben Ehrgefühl. Wenn man sie verleiht, kommen sie nicht mehr zurück.« .
Magiersprichwort
»Mit leerem Kopf nickt es sich leichter.« .Ein Narr am königlichem Hofe
»Das Schwierige am Diskutieren ist nicht, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, sondern ihn
zu kennen.«
»Keiner ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen!«
"Irgendetwas auf dem weg an das du dich erinnerst?" "Ohja da ist ja mein Lieblingsgrashalm,
wie konnte ich den nur vergessen."
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