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HollyvanMekeren 



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...   Erstellt am 12.06.2009 - 10:43Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ist es Veranlagung, ist es Erziehung? Ich will nicht mehr dagegen ankämpfen. Jetzt, da alle zu ihren Perversionen stehen, will ich es auch nicht länger verbergen: Ich bin ein Misanthrop.

Das Geständnis fällt nicht leicht. Denn die Misanthropie ist eine verfemte Lebenshaltung.
Sie ist mit vielen negativen Vorurteilen belegt, die sich mit ein paar kümmerlichen Worten nicht schnell aus dem Weg räumen lassen.

Später im Alter werde ich vielleicht ein kleines Buch schreiben über die Misanthropie, um dieser verunglimpften Weltanschauung wieder zu Ansehen zu verhelfen.
Denn immer wird sie schlechtgemacht und verwechselt, nie wird sie verstanden.

Von den Linken wird der Misanthrop als faschistisch beschimpft, von den Rechten als systemzersetzend, von den Frommen als teuflisch.

Und wie immer ist heute der Zeitpunkt ganz besonders ungünstig, die Misanthropie zu verteidigen, denn wie immer ist ganz besonders heute tatkräftigste Zuversicht gefragt.

Wiki und Brockhaus äußern sich knapp und streng: der Misanthrop, auf deutsch Menschenfeind, sei voll von Verachtung, Abscheu und Haß, daher im höchsten Maße ungesellig, ein scheußlicher Sonderling, ein Nörgler, mürrisch und verdrossen.

Solchermaßen diskriminiert, bleibt dem Misanthropen nichts anderes übrig, als sich zu tarnen.

Wer will schon zu einer so gräßlichen Minderheit gehören. Außerdem möchte der Misanthrop nirgendwo hingehören, zur Mehrheit sowieso nicht, aber auch nicht zu einer Minderheit. Er ist nicht einmal ein Individualist, denn das sind ja die Schlimmsten.

Das sind die, die sich in irgendwelchen Clubs gefunden haben und nun zu Tausenden in Mittelmeerbuchten Individual-Urlaub machen.

Ein mehrbändiges Philosophisches Lexikon belehrt mich, dass man aus Enttäuschung zum Menschenfeind werde.

Weil man sich mehr von den Menschen erwartet hätte, und auch, weil man sich von ihnen nicht geliebt fühle, schlage die enttäuschte Erwartung in Menschenverachtung um, wie auch in der Fabel der Fuchs die Trauben, die er nicht erreichen könne, einfachheitshalber als sauer bezeichnet.

Das sind natürlich Kurzschlusserklärungen von Leuten, die immer von ihrer eigenen verklemmten Seele ausgehen. Alles daran ist falsch.

Nichts wäre dem Misanthropen ekliger als die Zuneigung von den Menschen, die er so abscheulich findet. Misanthropie ist keine Folge von Enttäuschung -sie schützt vor Enttäuschungen.

Denn so furchtbar ist die Meinung des Misanthropen über seine Mitmenschen, dass er sie bei näherem Kennenlernen nur besser finden kann. Man sieht, hier funkelt bereits der Keim des Guten aus der Menschenfeindschaft.

Das Gegenteil von Menschenhaß wäre die Nächstenliebe, ein ehrwürdiger Begriff aber reine Theorie.
Die vergangenen zwei tausend Jahre des christlichen Abendlandes haben gezeigt, dass im Zeichen der Nächstenliebe Verbrechen geschehen können, zu denen echte Misanthropen niemals fähig wären.

Die Nächstenliebe ist eine weltfremde Forderung, die nur böse Blut machen kann; wie soll ich meine Fein de lieben. Das ist zuviel verlangt. Wenn ich sie aber verachte, kann ich nur angenehm überrascht werden.

Verachtung ist gefährlich und will gut gelernt sein. Denn eine halbe Misanthropie ist furchtbar; ist nur jenes bayerische Grantein und Berliner Meckern, jene muffefige, besserwisserischen Forenschreiber.

Die wichtigste Voraussetzung der gehobenen Misanthropie ist es, nie einseitig zu verachten.

Die einseitige und inkonsequente Verachtung hat die Misanthropie in Verruf gebracht.

Wer Menschen verachtet, die bei Aldi, Lidl, Schlecker, Tschibo oder Made in China kaufen, der ist nichts anderes als ein dummer, arroganter Zyniker.

Wer aber umgekehrt nur die Käufer von Käfer, Dallmeyer, Schubeck, Bogner, Cartier, Armani nicht ausstehen kann, die dem demütigen Personal mit scharfer, herablassender Stimme arrogante Anweisungen der ist nicht misanthropisch genug.

Was immer einen abstößt, man sollte nicht glauben, das Gegenteil sei besser. Dies ist eine wichtige Regel der gehobenen Misanthropie.

Der Schnösel, der mit dem Ferrari über die Kö oder einer anderen Prachtstraße prescht, und damit seiner törichten Beifahrerin gefällt, ist wahrhaftig eine lächerliche Erscheinung,
aber das heitere Tandempaar, das frischluftfanatisch durch die Felder radelt, entbehrt auch nicht der Komik.

Der Walker mit seinen Stöcken ist ebenso ein Graus wie der Bierbauch, der sich in einer reaktionären Kneipe bewegungslos vollaufen lässt.

Die Vegetarier gehen einem eben so auf die Nerven wie die Verzehrer von Schweinshaxen,
die Amerikaner wie die Russen,
die Singles wie die Paare,
die Sammler wie die, die alles wegwerfen.
Die Optimisten wie die Pessimisten, die Alleswisser wie die Ignoranten,
die Dynamischen wie die Trägen
- sie alle sind grauenvoll - und am schlimmsten sind die, die Kompromisse machen, die werden nur noch von den Kompromisslosen übertroffen.

Es hat keinen Sinn, all diese Menschen lieb
und nett zu finden. Das macht nur aggressiv.
Es schadet nicht, sie erst einmal alle herzlich zu verachten.

Ausnahmen ergeben sich zwangsläufig wie von selbst: der Walker im Park, den man eben noch hätte erschlagen können, hält plötzlich an und fragt, ob einem der Autoschlüssel gehört -
und tatsächlich, man hatte ihn verloren.

Und die Beifahrerin des Ferrarifahrers,
die man für eine dumme Tussi hielt, springt bei der Ampel wütend aus dem Wagen, nennt den Fahrer mit einer überraschend schönen, dunklen Stimme lauthals eine gesengte Sau, empfiehlt ihm, sich eine andere zu suchen und läßt sich vom misanthropischen Beobachter der kleinen Szene willig zu einem Glas Wein einladen.

Misanthropie und Liebe passen gut zusammen. Verliebte und Misanthropen sind in gewisser Weise verwandt, was nur scheinbar paradox ist.
Denn beide werden von den gesellschaftlichen Konventionen ins Abseits gedrängt, wo man sie halb mißtrauisch, halb neidisch gewähren läßt; bei
de haben die Welt gegen sich.

Die Position ist nicht so übel. Denn die Welt ist vulgär.
Darum hüte man sich vor der Vulgärmisanthropie, die sich ständig über Kantinen essen und Beamte beschwert.

Misanthropie bedeutet Opposition.
Und als Misanthrop mit Niveau verachtet man am
meisten die Verächter.

Hierüber Näheres in meinem Buch in 45 Jahren





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