huey 

Status: Offline Registriert seit: 12.01.2006 Beiträge: 7 Nachricht senden | Erstellt am 23.01.2006 - 23:51 |  |
Hallo Gemeinde heute die storie von den "Wolgaschiffern", viel spaß Die Wolgaschiffer
Nebelschwaden zogen tief und träge über die Wolga, als das erste Grau des Tages die triste Schwärze der Nacht ablöste. Es versprach kein schöner Tag zu werden heute, an dem die schwerbeladene Schute langsam flussabwärts zog, tief im schmutzigbraunen Schmelzwasser liegend. Sergeij Alexeijwitsch saß auf seinem Schemel vor dem Steuermannshaus, trotz der Kälte draußen, und starrte auf die vorbeiziehenden Eisschollen. Er nahm noch einen Schluck aus der klaren Flasche und freute sich, dass der Frühling sich endlich bemerkbar machte. Wurde ja auch Zeit Mitte Juni. Früher war das anders, aber früher war vieles besser, vor allem der Wodka. Sergeij trank mit einem langen Zug die Flasche leer und warf sie mit einem eleganten Schwung, den man seiner grobschlächtigen Gestalt nicht zugetraut hätte, über Bord. Sie klatschte mit dem vertrauten Geräusch ihrer Vorgängerinnen zwischen den Eisschollen ins trübe Wasser. Wladimir Jlijwitsch, sein langjähriger Gefährte auf den Wasserwegen, war vor kurzem blind geworden. Sergeij griff mit der Linken hinter sich und fischte eine neue Flasche aus dem modrigen Karton, öffnete den Verschluss mit den Zähnen und nahm einen tiefen Zug. Krustin war Ende Februar eines Morgens nicht mehr zur Arbeit an Bord erschienen, und auch er hatte diesen Wodka gerne getrunken, wie sollte man auch sonst überleben bei dieser Hundekälte, noch dazu auf dem Wasser draußen. Sergeij grübelte darüber, schüttelte jedoch schnell den Kopf und verjagte die dumpfen Gedanken mit einem kräftigen Schluck, um den Bauch aufzuwärmen. Keiner wusste, was aus Krustin geworden war. Nastrovije, verflucht, in der Hölle soll er schmoren, mich mit dem sabbernden Blinden hier allein zu lassen! Platsch, die geleerte Flasche folgte ihren vier Vorgängerinnen nach der gleichen anmutigen Handbewegung, die man nie an Sergeij vermutet hätte, und klatschte wohlvertraut zwischen den Eisschollen auf. Früher, ja früher, sinnierte Sergeij, als er die letzte Flasche aus dem zerfleddertem Karton hinter seinem Schemel fischte, da war einfach alles besser. Seine Kindheitserinnerungen an den unglaublichen Duft im Häuschen von Großväterchen wurden wach, wenn dieser aus den besten Kartoffeln Russlands, die Großmütterchen mühevoll anbaute und im kurzen Sommer erntete, einen unvergleichlichen Wodka brannte, ein edles Wässerchen, dem Zaren würdig! Sergeij hielt inne in der Erinnerung, trank einen guten Schluck aus der runden Flasche und horchte in seinen Gaumen und Hals hinein. Er spürte aber nur eine laue Wärme in seinem Bauch aufsteigen. Ihm wurde klar, dass dieses Zeug ihn nicht glücklich machen konnte, die sechste Flasche und noch immer fror er. Großväterchen dagegen, der seine Kartöffelchen liebevoll „borratschkis“ nannte, Glücksknöllchen, war stets nach einer Flasche selig gewesen. In Sergeij dämmerte an diesem grauen Junimorgen die Erkenntnis hoch, dass der Niedergang des großen Russland mit dem Sinken der Wodkaqualität in Einklang stand.
Signatur - lasst euch nicht verarschen - hueyhanoi |