vero  Federzählerin 4 Tintenfässer 8 Federn 4 Fransen
       

Status: Offline Registriert seit: 07.04.2007 Beiträge: 628 Nachricht senden | Erstellt am 29.11.2007 - 17:05 |  |
2. Gedichtübung
Nun steht also die zweite Gedichtübung an. Erst einmal muss ich mich entschuldigen, ich habe den Termin dazu verpasst. Aber nun ist es ja da.
Ich habe überlegt, was ich in dieser Übung machen soll – ICH habe überlegt. Was ist das ICH eigentlich? Wie können wir es definieren? Gar nicht? Vielleicht. Aber wir können zumindest einen Anfang machen. Das alles klingt ein wenig philosophisch, aber man kann das alles auch anders angehen. Denn wir suchen heute nach Metaphern – für das ICH.
Ich habe einige Sachen für mich gefunden: Klavier, Zuhörer, Erzähler, Füllfeder, Äffchen, Schildkröte, Enkelin, Kastanie, Uhr, Ball, Denker, Gang, Lehrerkind, Herdentier, Schublade. Einige Dinge davon (wie das Lehrerkind ) sind Insider von mir, die nicht jeder versteht. Aber es gibt auch Sachen, die jeder nehmen könnte – wie komme ich gerade auf eine Schublade? Diese Idee ist schon länger her und ich habe mir damals Folgendes überlegt:
Das ICH ist eine Schublade:
Am Anfang wird die Schublade noch geordnet, doch dann wird alles nur noch reingestopft. Irgendwann geht sie nicht mehr zu. Also wird sie mit aller Kraft wieder zugedrückt und wenn sie das nächste Mal aufgemacht wird, quillt alles nur so hervor. Dann ist es am besten, wenn ein paar Sachen einmal weggeworfen werden und die ganze Schublade neu geordnet wird.
Das gilt nur als Anregung, denn ich finde, dass die besten Metaphern die „einfachen“ Dinge sind, also Etwas wie eine Badewanne, wenn es euch gefällt.
Wir wollen ja nun aber auf ein Gedicht kommen und keinen Text schreiben. Von hier aus gibt es viele Möglichkeiten zum Gedicht, ich selbst habe mir einmal zwei Beispiele überlegt.
1.) Die Vergleich-Version. Dazu gibt es einmal eine Ausgangsposition: Das Ich ist… Und nun sind unsere Ideen oder Vergleiche oder Metaphern dran, die aber nicht nur da stehen sollen, sondern auch ein wenig erklärt werden.
Das Ich ist eine Schublade, voll gestopft mit Akten.
Das Ich ist ein Gang, der nie endet.
Das Ich ist eine Kastanie, die stachelig wartet, geöffnet zu werden.
Das Ich ist eine Uhr, die danach strebt, nicht stehen zu bleiben.
Das Ich ist Schokolade, die süßlich auf der Zunge schmilzt.
Um das alles zu verschönern und in eine klarere Form zu bringen, kann man einige Dinge weglassen – erinnert euch an die erste Übung. Hier ist beispielsweise Das Ich ist eher störend. Und dann brauchen wir den unbestimmten Artikel gleich danach auch nicht mehr. Auch hier ist es möglich, das ICH einfach anzureden.
Mein Ich
Du Schublade, mit Akten voll gestopft,
Bist ein Gang, der niemals endet.
Wie eine Kastanie wartest du,
Geöffnet zu werden,
Liegst stachelig am Boden.
Strebst als Uhr danach,
Nie stehen zu bleiben.
Du schmilzt, als ein kleines Stück
Von Schokolade,
Süß auf meiner Zunge.
2.) Man könnte auch die Tragweite des Gedichtes ausweiten, ein wenig langatmig wäre es schon, wenn alle Gedichte immer im Stehen ablaufen würden, und sich nicht bewegten. Also – was ist mit Handlung? Das gibt es nicht nur beim Text! Mein Gedicht ist hier auf Lebewesen aufgebaut, so kann man sich einschränken, um mit den Armen nicht zu weit zu fassen. Und das ICH wandelt sich – ich selber wandle mich. Vorhin sprach ich von Handlung, dazu eine kleine weitere Erklärung: Damit ist hier nicht unbedingt gemeint, dass sich Dinge bewegen (also die Lebewesen), sondern, dass es einen Hintergrund für alles gibt, warum etwas passiert.
¬Ich bin
Ich bin.
Bin ein Adler,
Stürze vom Himmel,
Die Schwingen weit ausgebreitet.
Ich bin.
Bin ein Fisch,
Ringe nach Atem,
Im kühlen Nass.
Ich bin.
Bin ein Maulwurf,
Lebendig begraben,
In aufgewühlter Erde.
Ich bin.
Bin ein Mensch,
Vergesse zu denken,
Im dunklen Traum.
Viel Spaß bei dieser Aufgabe!
Allerliebste Grüße!
Vero
[Dieser Beitrag wurde am 29.11.2007 - 17:07 von vero aktualisiert]
Signatur Mögen sie auch nur Atem sein
die Worte – meine Zunge wird sie
unsterblich machen.
Sappho |