<Gast> unregistriert
| Erstellt am 17.10.2006 - 20:07 |  |
Hallo zusammen.
Das Thema Füllwörter, oder im weitesten Sinn Fülltext, ist, wie Reinhard schon sagte, ein wirklich interessantes. Auch, dass man keinen alternativen Standpunkt dazu einnehmen kann, findet meine Zustimmung. Dennoch neige ich entschieden dazu, dass weniger mehr ist.
Was ich meine, versuchte ich einmal an einem Ausschnitt eines neuen Textes, der hier heute erschien und der mir, alles in allem, recht gut gefällt, exemplarisch darzulegen.
Beste Grüße, Gerhard
Die Sache mit der Verhütung.
Ich befinde mich in der Apotheke und frage mich, ob das wirklich eine gute Idee war. „Vermutlich ist das noch schlimmer als mit dem Auto gegen eine Mauer zu fahren, geht mir durch den Kopf.“
Zögernd betrachte ich die aushängenden Verhütungsmittel mit unzähligen Preisklassen und Arten.
Hätte ich doch den Mund gehalten, anstatt sie anzusprechen und ihr meine Hilfe anzubieten. Am Besten ich verschwand gleich wieder.
"Kann ich Ihnen helfen?"
Unvermittelt sehe ich mich einer freundlich grinsenden Apothekenhelferin gegenüber.
"Interessieren Sie sich für Verhütungsmittel?"
Nein, eigentlich wollte ich ein Eichhörnchen im Käfig erwerben, hätte ich am liebsten geantwortet. Für was sonst sollte ich mich interessieren, wenn ich mich demonstrativ über die Verhütungsmittel beuge?
Eine junge Frau wendet sich mir neugierig zu, in ihren Augen meine ich ein spöttisches Blitzen zu entdecken.
"Also", stammle ich, "Was können sie mir denn empfehlen?"
"Was möchten sie denn genau?", fragt die Verkäuferin und stürzt mich damit in tiefe Verlegenheit.
"Nun, es sollte verhütend wirken", erwidere ich stolz auf meine professionelle Erwiderung, "und möglichst wenig oder keine Nebenwirkungen haben."
"Suchen sie etwas für sich oder ihre Partnerin?", fragt mein Gegenüber lauter als es mir lieb ist.
"Also, mir ist es egal", erwidere ich trotzig und ernte dafür den milden Blick einer Krankenschwester.
"Ich wollte halt erstmal schauen, welche Möglichkeiten es gibt", wiederhole ich ächzend.
"Also......", tönt mein Gegenüber lächelnd, wenn sie eine leichte Beeinträchtigung nicht stört, reichen diese Kondome hier!" und fuchtelt dabei mit einem 20'iger Pack Kondome über ihrem Kopf herum, so dass auch der Letzte im Laden mitbekommt, worum es geht.
Eine alte Dame, die inzwischen hinter mir steht, zwinkert mir lüstern zu.
"Gibt es welche, die vielleicht ganz dünn sind?", frage ich errötend.
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Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 17.10.2006 - 22:48 |  |
Hallo Gerhard,
zunächst einmal freue ich mich, Dich hier wieder anzutreffen!
Grundsätzlich kann ich Deiner Aussage, daß weniger mehr sein kann, zustimmen. Allerdings würde ich das Thema etwas differenzierter sehen.
Zu wenig ist eben manchmal auch zu wenig und man muß sich dabei sehr in Acht nehmen, seinen Erzählstil nicht "verhungern" zu lassen und letztendlich bei einem freudlosen Telegrammstil zu landen.
Andererseits kann natürlich auch endloses Gelaber um NICHTS nervtötend sein. In dieser Hinsicht sind wir jedoch nicht immer einer Meinung, ich weiß!
Was mich etwas fragend hinterläßt, ist, was Du mit dem Zitat von Johns Text ausdrücken wolltest. Würdest Du bitte dieses etwas konkretisieren?
(Oder zumindest eine Gegenüberstellung anbieten)
Unschlüssige Grüße vom Mino 
Nachtrag:
Ich würde es zudem für Sinnvoll halten, einen Kommentar, bzw. eine Kritik direkt unter den zu kommentierenden Text zu setzen.
Das muß man zwar nicht, aber es würde eine bessere Zuordnung ermöglichen.
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[Dieser Beitrag wurde am 17.10.2006 - 22:59 von Minotaurus aktualisiert]
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Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |
<Gast> unregistriert
| Erstellt am 18.10.2006 - 08:50 |  |
Hallo zusammen
Ich wollte nicht den Text als solchen kommentieren, sondern auf die Problematik von überflüssigem "Füllmaterial" eingehen. Deshalb siedelte ich mein Statement hier an.
Nun, was ist überflüssiges Füllmaterial? M.E. alles, was dem Fortkommen und dem Gelingen der Geschichte nicht dient. Es geht um die Geschichte, und um nichts sonst. Dabei sind beide Kriterien von Bedeutung, ich kann also auch das Tempo verschleppen, wenn es für das Verständnis des Textes wichtig ist, oder ihn bereichert.
Nehmen wir vorliegenden Text, zu dem Reinhard meint, dass man die Einleitung weglassen könne. Ich wäre sofort dafür mit: „Kann ich ihnen helfen?“, mitten hineinzuspringen, wenn nicht der Autor wichtige Informationen über den Charakter seines Protagonisten darin transportierte.
Es handelt sich offenbar um einen jungen Mann, der jemandem behilflich sein will, der noch schüchterner und der Sache noch weniger gewachsen ist als er selbst. Denn dass hier kein Routinier zugange ist, der seine Pariser schon hundert Mal auf diese Weise erstanden hat, ist ja für den Witz der Geschichte essentiell.
Ich halte also an der Einleitung fest, versuche sie aber auf die wesentlichsten Informationen zu beschränken, die da wären: ich befinde mich in einer Apotheke, ich fühle mich nicht wohl - wofür die Metapher mit dem Auto das gegen eine Mauer fährt, eine passende Metapher ist - ich möchte jemandem einen Gefallen mit etwas tun, zu dem mich ansonsten keine zehn Pferde brächten und nun werde ich direkt mit dem eigentlichen Thema konfrontiert: kann ich ihnen behilflich sein?
Typisch für Füllmaterial ist in der Einleitung die Sequenz: „Hartnäckig meldet sich nun mein "hätte" zu Wort…“ mit den nachfolgenden Verstärkungen des Bedauerns, die viel besser im Fortgang der Geschichte selbst aufgehoben wären, um damit eine Steigerung der Intensität herbeizuführen.
Generell ist zu sagen, je mehr Füllmaterial ich in den Text stopfe, desto weniger kommen die thematisch resp. sprachlichen Bonmots und Apercus zur Geltung, die ja das Wesen gelungenen Humors ausmachen.
So, damit halte ich auch schon wieder meinen Schnabel. Gerhard.
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