Lykanthrop  Administrator
      

Status: Offline Registriert seit: 07.09.2006 Beiträge: 2035 Nachricht senden | Erstellt am 05.02.2007 - 20:25 |  |
Frühling
von Lykanthrop, 2007
Bleich und schön spiegeln sich die Umrisse einer Person, die ich durch den milchigen Dunst nicht erkennen, wohl aber wahrnehmen kann, im Fensterglas.
Ich weiß, dass ich tausendmal gesehen habe, wie sich die Hände dieser Gestalt um meinen Leib schlingen und mich sicher in Friedlichkeit betten. Und doch begreife ich mit jedem Blick in diese kalten Augen, dass ich alleine bin.
Schmerzlich muss ich erkennen, dass es Einsamkeit ist, die meine Rippen streichelt und Dampf, der das Kribbeln in meinen Gliedern verursacht, keine liebevollen Berührungen des Menschen, den ich einst liebte.
Ich wende mich ab von dem Spiegel, der mir Tag für Tag das selbe Bild zeigt; jenes Bild, dessen Nähe mich frieren lässt.
Durch ein kleines, leicht beschlagenes Fenster dringen die ersten Strahlen des neuen Morgens in das Zimmer. Auf den Grund jedoch gelangen sie nur spärlich. Die Sonne, welche nur langsam wieder an Intensität zunimmt, um den Winter verdrängen zu können, ist an diesem Morgen einfach noch zu schwach, um Wärme auf meine Haut zu bringen. Dennoch bleibe ich eine Weile reglos im Raum stehen.
Meine Pupillen ziehen sich zusammen, während die sanfte Ruhe des Morgens in Form weißen Lichtes in das Zimmer sickert und die Tränen des letzten abends aus meinen Augen wäscht. Ich kann fühlen, wie sie sich weiten, als wären sie ein Muskel, den ich nach Belieben anspannen kann.
Barfuß durchquere ich den Raum, kaum, dass ich mich von dem Schauspiel des Lichtes abewenden konnte.
Heute morgen fühle ich mich nicht wie der Mensch, der täglich wie eine Maschine aus den Kissen kriecht, sich wie eine Marionette an dürren Fäden ins Badezimmer führen lässt, um anschließend überdreht vom Kaffegenuss, zur Arbeit zu jagen und anstatt eines „Guten Morgens“ von meinem Chef nur ein barsches „Schon wieder zu spät!“, zu hören. Heute kümmert mich der Stress nicht, den ich sonst empfinde, wenn meine Blicke auf die Zeiger fallen, die sich schneller und schneller zu drehen scheinen. Ich habe mir einen Tag verdient, an dem ich ganz für mich sein darf, denke ich und zwinge ein gekünsteltes Lächeln auf mein Gesicht. An diesem morgen wirkt es jedoch natürlicher als zuvor.
Ich kann lächeln.
Was mich gestern noch zittern und beben ließ, lässt mich an diesem morgen kalt. Es ist nicht die Angst gewesen, die mich aus dem Bett getrieben hat und es war nicht die Qual, mit offenen Augen zur Decke hinauf zu starren und nicht schlafen zu können. Nein, heute verdankte ich mein schnelles Erwachen den Vögeln, die zum ersten Mal in diesem Jahr vor meinem Fenster saßen und aufgeregt zwitscherten.
Zufrieden hebe ich die Blicke, betrachte die Decke, deren Existenz mir jetzt zum ersten Mal wirklich klar geworden ist. Mit meinen Blicken zeichne ich ihre sanften Konturen nach und erkenne, dass sie mich schützt, wenn es regnet oder stürmt.
Später, denke ich und wende mich von der Decke ab, werde ich spazieren gehen, dem Zwitschern weiterer Vögel lauschen, die nach und nach in mein Leben zurückkehren werden und mir klar darüber werden, wie sich die Natur vor meinen Augen zu wandeln scheint.
Langsam trete ich in die Küche, entscheide mich jedoch um und blicke kurzerhand auf den Wandkalender, der bunt und fröhlich an der kahlen, weißen Wand hängt. Meine Blicke zeichnen das rote Kreuz nach, unter dem dick und unterstrichen jenes Wort steht, das mir den Tag gerettet und zum schönsten meines Lebens gemacht hat: Sonntag.
Wieder und wieder erscheint das Wort vor meinem inneren Auge und ich glaube sogar, es hören zu können, wie ein leises Flüstern hinter meiner Stirn. Sonntag.
Der wohl einzige Tag der Woche, an dem ich mich nicht dem Unverständnis meiner Mitmenschen ausliefern muss. Jener Tag, an dem es nur eine Person gibt, deren Gegenwart ich dulden kann.
Bereits morgen wird mein Leben sich wieder nach dem Aufstehen oder bereits davor, in den Alltag einer an Fäden hängenden Puppe verwandeln, die sich lautlos in den Schlaf weinen muss. Heute jedoch ist Sonntag, der Tag, an dem ich Zeit für all jene Dinge habe, die zu tun mir meist vergönnt sind.
Ein letzter Blick auf die Uhr, mit dem ich überprüfe, dass es noch immer früh ist und ich den Tag nicht bisher sinnlos verschwendet habe, dann schenke ich dem mächtigen Ziffernblatt ein leises Lächeln und öffne die Tür.
Die Sonne scheint mir kraftlos entgegen, aber mich kümmert es kaum, denn was ich sehe, ist der Frühling, der das Land liebkosend über die Erde zieht und mir und vielen anderen Menschen einen Tag Leben schenkt.
[Dieser Beitrag wurde am 05.02.2007 - 20:29 von Lykanthrop aktualisiert]
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Ist Realität nur die Folge der Notwendigkeit..? |
Berendis  Stifthalter

Status: Offline Registriert seit: 09.02.2007 Beiträge: 7 Nachricht senden | Erstellt am 11.02.2007 - 17:37 |  |
Was, noch keine Kommentare zu dieser schönen kleinen Geschichte? Was für eine Schande ^^ das ändern wir doch gleich.
Respekt, du hast es geschafft, in dieser Geschichte den Frühling in wenigen Worten zum Leben zu erwecken. Am Anfang fühlt man förmlich noch die letzte Kälte des Winters, doch dann kommen die ersten, zaghaften Sonnenstrahlen, die langsam aber sicher die Kälte verdrängen.
Dass das ganze an einem Sonntag spielt, der für dieses "Ich" in der Geschichte so etwas wie ein Zufluchtstag zu sein scheint, verleiht der Geschichte einen leicht melancholischen Unterton - und eine grosse Nähe zur Realität, denn wem geht es nicht ab und zu auch so?
Allerdings sind mir beim Lesen ein paar kleine Fehler aufgefallen:
Lykanthrop schrieb
Meine Pupillen... und die Tränen des letzten Abends aus meinen Augen wäscht.
Barfuß durchquere ich den Raum, kaum, dass ich mich von dem Schauspiel des Lichtes abwenden konnte.
Heute morgen ... An diesem Morgen wirkt es jedoch natürlicher als zuvor.
Was mich gestern noch zittern und beben ließ, lässt mich an diesem Morgen kalt. |
So, ich glaube, das war alles Jedenfalls haben meine müden Augen nicht mehr gesehen. Ich könnte auch mal wieder einen Frühlingssonnenstrahl brauchen... ^^
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