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| Erstellt am 29.04.2008 - 12:53 |  |
FRÜHLING 1946
- für Cordelia –
Holde Anemone,
Bist du wieder da
Und erscheinst mit heller Krone
Mir Geschundenem zum Lohne
Wie Nausikaa?
Windbewegtes Bücken,
Woge, Schaum und Licht!
Ach, welch sphärisches Entzücken
Nahm dem staubgebeugten Rücken
Endlich sein Gewicht?
Aus dem Reich der Kröte
Steige ich empor,
Unterm Lid noch Plutons Röte
Und des Totenführers Flöte
Gräßlich noch im Ohr.
Sah in Gorgos Auge
Eisenharten Glanz,
Ausgesprühte Lügenlauge
Hört ich flüstern, daß sie tauge,
Mich zu töten ganz.
Anemone! Küssen
Laß mich dein Gesicht:
Ungespiegelt von den Flüssen
Styx und Lethe, ohne Wissen
Um das Nein und Nicht.
Ohne zu verfuhren,
Lebst und bist du da,
Still mein Herz zu rühren,
Ohne es zu schüren —
Kind Nausikaa!
Elisabeth Langgässer
Nachschrift von Gunter Groll: Das Gedicht »Frühling
1946« ist der jungen Tochter der Verfasserin gewidmet, die
aus »rassischen Gründen« der Mutter fortgenommen und
in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wurde.
Das Kind war dort nach dem Kriege vermißt, wurde
jedoch im Frühjahr 1946 aufgefunden und der Mutter
wiedergegeben.
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