Paula 

Status: Offline Registriert seit: 23.04.2008 Beiträge: 1330 Nachricht senden | Erstellt am 24.08.2009 - 15:31 |  |
Verlacht, verspottet und angefeindet wurden Frauen, als sie im vorigen Jahrhundert begannen Sport zu treiben.
Eine Provokation - und so war es manchmal auch gedacht.
Sie veranstalteten eigene Wettkämpfe und inszenierten 1921 mit großem Erfolg eine „Frauenolympiade".
Zum Missvergnügen der offiziellen Olympia-Funktionäre - die Männergesellschaft hatte noch immer nicht begriffen, dass der Kampf der Frauen um Zehntelsekunden und Zentimeter zugleich ein Kampf um ihre Emanzipation war.
Die Geschichte des Frauensports ist auch Sozialgeschichte.
Am eindrucksvollsten und schnellsten setzten ihr die Radlerinnen Zeichen.
Mit düster entschlossenen Mienen brausen Frauen wie Rachegöttinnen auf unbequemen Rädern mit fliegenden Schals und skandalös wehenden Röcken einher.
Männliches Publikum klatscht begeistert zu diesen ungeahnten Einblicken in weibliche Sporthaltung und kapiert vermutlich nicht, dass hier in Richtung Frauen-Freiheit gestrampelt wird.
„Der sportliche Wettkampf' schreibt über fünfzig Jahre später eine selbstbewusste Sportstudentin, „schafft den Frauentyp, dem die Arbeit im Haus nicht mehr genügt, der sich frei macht von der Bevormundung durch den Mann."
1888 schon bestreiten Frauen in Pittsburgh das erste Sechstagerennen, teilen dann auch in Deutschland ihre Röcke zu Rockhosen und treten darauf in gewaltigen Pluderhosen zu Radrennen an.
Die Radfahrvereine der Männer nehmen Frauen überhaupt nicht oder nur als geduldete Gäste auf. Daher wird 1890 in Dresden der „Damen-Radfahr-Verein Velocia“ gegründet, 1894 folgt in Berlin der „Damen-Radfahr-Klub“. Ende des 19. Jahrhunderts gibt es einen regelrechten Radfahrboom unter den bürgerlichen Frauen, allerdings mißtrauisch beäugt und vielfach verteufelt von Presse, Kirche und Obrigkeit.
Um die Jahrhundertwende entdecken auch die Arbeiterinnen das Rad.
Der sozialistische „Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität“ nimmt Genossinnen auf, aber mit der Gleichberechtigung ist es auch hier nicht weit her. Leitende Positionen können die Frauen nur im Ersten Weltkrieg besetzen; danach übernehmen die Männer wieder das Ruder. Außerdem können sich viele Arbeiter-Familien nur ein Rad leisten, und das wird vom „Familienoberhaupt“ gefahren.
1897 treffen sich Radfahrerinnen zu einem Kongress in Oxford, bei dem ein Diner den Gipfel einer Hosen-Demonstration zu liefern hatte:
„War es doch in der Geschichte des Kampfes gegen die Röcke das erste und einzige Mal, dass eine nach Hunderten zählende Vereinigung von Damen sich zu den Freuden der Tafel in Kniehosen niedersetzen sollte."
Die Frauen, die in Fabriken, Comptoirs, Geschäften ihren Mann zu stehen haben, die sich den Zugang zu den Universitäten erzwingen, sind kaum zu bremsen wenn es um Selbstbestätigung durch Körperleistung geht.
Sie klettern auf den Montblanc, probieren Fallschirmspringen aus dem Ballon, sie laufen Eis, schwimmen, spielen Tennis und Hockey, kicken und rudern im besten Stil den erstaunten männlichen Sportkollegen etwas vor.
Sie wollen mehr als in den Turnvereinen nur die Fahnen sticken.
Sie bringen, wie es scheint, noch vor der Jahrhundertwende eine neue weibliche Körperkultur ins Gespräch.
Doch bläst ihnen jahrzehntelang scharfer Wind dabei ins Gesicht, obwohl ein offizielles Credo der Körperertüchtigung auch für Frauen das Muskeltraining als Dienst am Vaterland definiert.
„Starke werden nur von Starken geboren" heißt die Devise. Tüchtig und stabil, anmutig und gesund soll die deutsche Frau sein, die den Nachwuchshelden großzieht.
Ungezügeltem Sportsgeist und gar Wettkampfehrgeiz wird auch noch anders, im wahren Sinn, der Atem abgeschnürt.
Denn im langen Rock oder mit Hosen und Tunika darüber als Sportkluft ließ sich nur ein höchst moderater Einsatz wagen.
Schon Mädchenturnen in der Schule wird nur im Schulkleid praktiziert.
Turnlehrerinnen legen noch in den zwanziger Jahren ihre Prüfung hochhackig und mit normal geschnür-
die Bewegung bleiben, die sie dahinbringt.
Mit dieser Zauberformel werden, bis weit ins 20. Jahrhundert, Ausbruchsversuche aus altem Rollenschema kaltgestellt.
Was weiblich ist, dienlich für Gesundheit und Grazie, bestimmen die, die auf Grazie Anspruch haben wollen. Leichtathletik gehört dabei nicht zu den Disziplinen, die der Anmut dienen: „Die körperliche Anstrengung bis zur völligen Erschöpfung verträgt sich durchaus nicht mit dem Begriffe der weiblichen Anmut; sie ist also aus dem Gebiete des Damensports unerbarmungslos auszuweisen", heißt es noch 1909.

[Dieser Beitrag wurde am 24.08.2009 - 17:50 von Paula aktualisiert]
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