Sirene  Mensch 

Status: Offline Registriert seit: 31.12.2007 Beiträge: 97 Nachricht senden | Erstellt am 14.01.2008 - 20:07 |  |
Lautlos glitt die Gondel durch das dunkle Wasser. Hier, in den schmalen Seitenkanälen, war das Wasser meist ruhig, doch nun schnitt der Bug der Gondel wie eine Messerklinge durch die Wasseroberfläche und versetzte sie so in sanfte Bewegung.
Aufmerksam beobachtete ich mein eigenes Spiegelbild im Wasser, das sich ständig zu verändern schien, eine ständige Verzerrung meines eigentlichen Gesichtes. Mal lang und hager, mal klein und aufgebläht oder seltsam verzerrt.
Eine sanfte Brise kam auf und schien mit eisigen Fingern über jeden Zentimeter freier Haut zu wandern, den sie erhaschen konnte. Schaudernd schlossen sich meine Finger fester um die Kette, mit der sie bis eben unablässig gespielt hatten. Der schlichte, kreuzförmige Anhänger lag warm und angenehm in meiner Hand und lenkte ein wenig von der Kälte um mich herum ab. Ein flüchtiges Lächeln huschte über meine Lippen, als ich an den Tag dachte, an dem ich die Kette als ein Geschenk erhalten hatte. Es war Bernardo gewesen, der sie mir geschenkt hatte. “Hier, ein Geschenk für dich....Ein Glücksbringer“ hatte er gesagt, ehe er mir das Schmuckstück einfach um den Hals gelegt hatte. Damals erschien es mir noch eisig kalt und wie ein Fremdkörper, doch das silberne Kreuz hatte erstaunlich schnell die Wärme meines Körpers aufgenommen, beinahe so, als hätte es die Wärme in sich aufgesogen und seit jenem Tag nicht mehr wieder hergegeben...
Ich erinnerte mich noch gut daran, mit was für einem eindringlichen Blick Bernardo mir eingeredet hatte, die Kette niemals abzunehmen. Ich versprach es ihm und bis zum heutigen Tag hatte ich mich an dieses Versprechen gehalten.
Das alles war damals gewesen...am Tag unserer Flucht.
Gedankenverloren wanderte mein Blick in Richtung des Mondes, der noch vor wenigen Nächten in seiner vollen Pracht erstrahlt war und nun nur eine schmale Sichel am dunklen Nachthimmel war.
Was es denn wirklich eine Flucht gewesen, was damals geschehen war? Eine Flucht, das war doch ein davonlaufen vor der Gefahr. Aber das, was damals geschehen war, war vielmehr ein feiges davonschleichen gewesen.
Nicht zum ersten mal beschlichen mich Zweifel, ob das, was ich damals getan hatte, richtig gewesen war und ebenso war es nicht das erste mal, dass mich diese Zweifel völlig unvorhergesehen und unbereitet befallen hatten.
Abrupt ließ ich von meiner Kette ab, als könnte ich so die Flut von Gedanken und Zweifeln, die auf meine Gedanken einströmte, stoppen.
“Etwa einen schlechten Tag gehabt?“ Die Stimme des Gondoliere drang beinahe schon aufdringlich durch den Wirrwarr meiner Gedanken und etwas überrascht richtete ich meinen Blick auf ihn.
“Vor langer Zeit einmal...ja“ gab ich leise zurück und strich eine der Haarsträhnen zurück, die der Wind mir immer wieder in die Augen wehte.
War meine Unruhe nach Außen hin wirklich so leicht zu bemerken? Noch einmal wanderte mein Blick prüfend zu meiner Spiegelung und augenblicklich musste ich über mich selbst lächeln. Mein Blick war wiedereinmal so durchsichtig wie Glas. Jeder, der auch nur etwas Ahnung von Menschen hatte musste erkennen, wie unruhig ich war.
“Ich dachte nur...vielleicht hat das Vögelchen sich heute ja versungen....“ kommentierte der Gondoliere schmunzelnd. Er hatte mich schon am frühen Abend zu der Gesellschaft gebracht, auf der ich singen sollte und nun brachte er mich wieder nach Hause.
Vollkommen bewusst ignorierte ich den spöttischen Unterton in seiner Stimme, als ich zu einer Antwort ansetzte “Es gehört schon mehr dazu, als eine schlecht gesungene Note um mir die Laune zu verderben, Monsieur“
Was so natürlich nicht ganz stimmte. Noch immer legte ich beim Singen Wert auf Perfektion, ein antrainierter Reflex aus einer Zeit, die ich eigentlich am liebsten vergessen wollte.
Erneut drohten Erinnerungen mich zu überwältigen und als der Gondoliere mich fragte, warum mein Blick denn etwas völlig anderes sagte, blickte ich mich hastig nach einer Anlegestelle um, die ich zu meiner Erleichterung auch fand.
“Bitte...legen Sie dort an“ überging ich seine Frage “Mir geht es nicht so gut...ich werde den Rest des Weges zu Fuß gehen“
“Halten Sie das für eine gute Idee? So weit ist es nun auch nicht mehr und die Straßen sind für eine junge Frau sehr gefäh-“
“Tun sie es einfach“ fiel ich ihm mit schneidender Stimme ins Wort.
Einen Augenblick ruhte sein Blick unentschlossen auf mir, dann nickte er knapp.
Kaum hatten wir das Ufer erreicht drückte ich ihm seine Bezahlung in die Hände und sprang dann schnell auf festen Boden.
Ich hörte noch, wie der Gondoliere halblaut murmelte “Wie auf der Flucht“, ehe ich mich auch schon in Bewegung setzte und die Dunkelheit der nächtlichen Gassen eintauchte.
In gewisser Weise war es wirklich eine Flucht, eine Flucht die schon vor Jahren begonnen hatte und wohl niemals Enden würde. Denn wer kann schon seinem Gewissen entkommen?
TBC Begegnung
[Dieser Beitrag wurde am 06.05.2008 - 14:01 von Sirene aktualisiert]
Signatur Lost in a catatonic dance
Know no future
Damn the past
Blind, warm, ecstatic
Safe at last...
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