Lykanthrop  Administrator
      

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Geschichtenname: Schwarzer Engel, Teil I - Finsternis [Kapitel II]
Autorin: Verena Karcz
Kapitel 2
Amirón
Der Kopf des Jungen pochte schmerzhaft. Benommen spannte Alex seinen Körper an und stellte erleichtert fest, dass er nicht verletzt war. Vorsichtig öffnete er die Augen und blinzelte, um klarer sehen zu können. Der Nebel, der seinen Blick getrübt hatte, verblasste und die gewohnte Schärfe seiner Augen stellte sich wieder ein.
Tief durchatmend wand er den Kopf und blickte sich um. Über ihm erstreckten sich finstere Wolken, die drohend und tiefschwarz über das Land hinwegfegten und Schnee und Sturm zurückließen.
Alex wand den Kopf und erkannte, dass er auf einer Wiese lag. Auf freiem Feld. Und er war alleine.
Um ihn herum lag hoch der weiße, kalte Schnee. Eisig durchdrang er die dünnen Kleider des Jungen und ließ ihn frösteln.
Immer noch ziemlich benommen setzte er sich auf und taumelte ein paar Schritte über die Schneeebene, ehe er sein Gleichgewicht wieder fand. Vorsichtig lief er ein paar Schritte, bemerkte, dass er keine Angst mehr haben musste und betrachtete erneut seine Umgebung. In einiger Entfernung erstreckte sich ein düsterer, verschneiter Wald, dessen finstere Bäume schräg in den Himmel wuchsen. Beim bloßen Anblick der Finsternis, die im Inneren des Waldes herrschen musste, fröstelte es den Jungen. Er bibberte und blickte in die andere Richtung. Dort gab es einen schmalen Pfad, der zwischen zwei Bergen hindurchführte, doch auch er war hoch mit frisch gefallenem Schnee bedeckt. Nur flüchtig streiften Alex' Blicke den schwarzen Engel, der auf dem Gipfel des Hügels stand und durch das dichte Schneetreiben auf ihn hinabblickte. Hinter den Bergen lag...... Alex erstarrte. Erschrocken blickte er wieder auf die Gipfelspitze, aber der Engel war verschwunden.
Alex schüttelte den Kopf. Jetzt war er schon am Durchdrehen.
Besorgt über den Zustand seines Kopfes lief der Junge zwei Schritte weiter und erstarrte, als er den dunklen Schatten sah, der in erstaunlicher Höhe über ihn hinwegsauste. Er sah ihn nicht lange, nicht einmal eine Sekunde. Aber die Zeit genügte um zwei gewaltige Schwingen und den Körper eines Engels zu erkennen. Aber als er hochblickte war der Himmel klar und weit und breit war nichts außer den mächtigen Wolkengebilden zu erkennen. Eisig rauschte der Sturm durch seine dünne Jacke und ließ seine Haut vor Kälte brennen.
"Reiß dich zusammen, Alex", ermahnte er sich mit klappernden Zähnen. "Das bildest du dir alles nur ein."
Der Mut, den er aus seinen eigenen Worten gewann, gab ihm Kraft um weiterzugehen, bis er den schmalen Durchgang zwischen den Hügeln erreicht hatte. Ein schmaler Pfad schlängelte sich zwischen ihnen hindurch und endete auf einer freien Fläche, die im Sommer sicher wunderschön, grün und blühend gewesen war. Doch nun hatte der Winter das Land in ein Bild des Jammers verwandelt. Kälte regierte und ein ungutes Gefühl sagte dem Jungen, dass das Eis nicht nur über das Land gebot, sondern auch über die Herzen aller Wesen, die hier lebten.
Entsetzt trat er zwischen den Bergen hindurch und besah sich, die toten Bäume, deren schwere Äste tief hinab hingen. Es schien, als hätte er mit dem Durchschreiten des Bergfades eine andere Welt betreten. Eine Welt, die tot und kahl war. Ausgelöscht von der Natur selbst.
Immer weiter bahnte sich Alexander einen Weg durch die Einöde. Kein Leben war hier zu sehen. Nicht ein Vogel saß in den Ästen und Zweigen der Bäume; keine Schmetterlinge flatterten über die Wiesen, ließen sich auf Blumen nieder und verteilten ihre Pollen; nicht einmal Schlangen oder Maulwurfshügel waren hier zu finden. Alles hier schien tot und leblos zu sein. Als hätte diese Welt selbst damit begonnen das Land Stück für Stück zu vernichten. Es auszulöschen um seine Geheimnisse zu bewahren. Und über der Eiswüste standen zwei riesige Sonnen. Eine große Rote, die aussah wie die grellrote Scheibe, die Alex manchmal abends von seinem Fenster aus beobachtete. Die Andere war zwar kleiner, aber immer noch riesig und wesentlich bedrohlicher als die Erste. Sie war leicht bläulich.
Ein helles, violettes Licht ging von ihr aus und strahlte einige Meter von ihr weg, ehe sich ihr heller Schein im Himmel verlor.
Benommen von der seltsamen Erscheinung, die diese Welt bot, lief Alex weiter. Seine Füße schienen sich von alleine zu bewegen. Sie trugen ihn immer weiter fort von den Hügeln, hinter denen das Tor in seine Welt liegen musste. Immer tiefer hinein in diese Welt, die ihm so fremd war. Fremd? Genau das war es, was Alex so verwirrte. Obwohl er all das noch niemals gesehen, ja nicht einmal geträumt hatte, war ihm nichts fremd.
Nicht die Stille, die sich über diese Welt erstreckte, nicht die Sonnen, die sich sehr langsam, aber doch merkbar bewegten und sich umkreisten, nicht einmal sie Schatten, die hinter ihm her schlichen, ihre Klauen nach ihm ausstreckten und nach ihm griffen. Nichts von all dem kam ihm wirklich fremd vor. Eher, wie etwas, dass man kannte, was aber nur zu lange zurücklag, als dass man sich erinnern könnte.
Nach einer ganzen Weile, in der der Junge schweigend weiter gelaufen war, blickte er sich um und war nicht einmal besonders erschrocken, als er dicke, schwarze Rauchschwaden am Himmel sah - aus der Richtung, in der die Hügel lagen. Er musste kein Genie sein um zu erraten, dass dort gerade irgendetwas, von großer Wichtigkeit geschah.
Der Sturm zerrte an seiner Kleidung, während er stumm dem schwarzen Qualm zusah, der sich langsam in die Wolken hinauf schlängelte und eins mit ihnen wurde.
Trauer ergriff Besitz von seinem Körper. Ein Gefühl in ihm drängte zur Umkehr. Aber was konnte er schon tun? Nichts.
Benommen vom Schmerz einer Wahrheit, die zu schrecklich war, um sie erfassen zu können, taumelte der Junge durch die Schneemassen, die ihm bis an die Knie reichten und stetig höher wurden. Ihm war, als würden Bleigewichte an seinen Füßen hängen. Jetzt, wo er hier war und diese Welt mit eigenen Augen gesehen hatte.
Ein dumpfer Knall ließ ihn zusammenfahren. Langsam blickte er zurück. Die dunklen Rauchschwaden eines gewaltigen Feuers erhoben sich in den Himmel.
"Nein!", rief Alex aus und ohne, dass er es wirklich wollte, setzten sich seine Beine in Bewegung und trugen ihn zurück.
Sein Atem raste und sein Herz schlug in einem nie gekannten Rhythmus. Er wusste nicht, warum er loslief und was er sich davon erhoffte, aber er hastete los. Immer schneller, um den Ort des Geschehens zu erreichen, ehe ihn das drängende Gefühl in seiner Brust zerriss.
Irgendetwas war hier. Etwas, auf das er sehr lange und sehnsüchtig gewartet hatte. Es war hier und ein ungutes Gefühl sagte dem Jungen, dass er es verlor, wenn er nicht rechtzeitig kam.
Nur die Angst, dass er zu spät kommen könnte, gab ihm die Kraft weiterzulaufen. Immer weiter, bis er die beiden Heere bereits kämpfen sehen konnte. Er hörte das Klirren von Stahl, von Klingen, die funkensprühend aufeinander schlugen. Die Schreie unzähliger Krieger in den Ohren lief er weiter. Immer weiter. Sein Herz pochte schmerzhaft, als er den Rand eines riesigen Schlachtfeldes erreicht hatte.
Der Schnee war von zahlreichen Schuhsohlen niedergetreten und plattgewalzt worden. Seltsame Spuren zogen sich durch die weißen Zeugnisse des Geschehens und weit oben, auf einem der mächtigen Hügel kämpften die Herren dieser Schlacht.
Alex erblickte sie nicht sofort. Sein Herz krampfte sich zusammen, als seine Blicke über zwei mächtige Heere wanderten, die halb aufrecht und halb liegend das Feld eingenommen hatten. Mit dem Zorn wilder Tiere wurden grausam und hinterhältig einer nach dem Anderen in die Knie gezwungen. Menschen starben. Menschen und die Dinger, die sich unter den Helmen und Rüstungen verbargen.
Sie waren keine Menschen. Der Körperbau war gleich denen der Menschen und war dennoch ungleich kräftiger und muskulöser. Die Kreaturen, die ihre Gesichter unter mächtigen Helmen und hinter schweren Schildern verborgen hatten, waren gewiss keine Menschen.
Es geschah zufällig, dass der Junge den Kopf hob und zu dem mächtigen Hügel hinaufblickte, auf dem sich zwei ungleiche Gegner gegenüber standen.
Eine von ihnen war ein großer, schlanker Mann mit rotblondem Haar und einer schillernden, goldenen Rüstung. Auf eine unerklärliche Art wirkte er schnell - zu schnell für das menschliche Auge. Jede Bewegung erfolgte so schnell, dass Alex sie erst wirklich registrierte, wenn sie längst geschehen war. Die andere der beiden Gestalten wirkte schwarz und drohend. Ein junger Mann mit langem, schwarzen Haar und mächtigen schwarzen Schwingen, die aus seinem Rücken sprossen.
Es dauerte lange, doch mit dem Bild des Grauens, das sich ihm bot wusste der Junge mit einem Mal, dass alles, was er in seiner Welt gesehen und gehört hatte, Wirklichkeit war. Selbst der Blick in den Spiegel, die Albträume, an die er sich erinnern konnte, sie alle waren Wirklichkeit. Und hier kamen sie her.
Zitternd vor Schreck und Kälte, war der Junge erstarrt. Seine Finger waren blau angelaufen und schmerzten, doch die Qual kümmerte ihn nicht. Ja, er war nicht einmal fähig, den Schmerz überhaupt zu spüren. Der Schrecken der Erkenntnis und das Wissen, dass er nie verrückt gewesen war, ließ ihn erstarren.
Nur sehr langsam wanderten seine Blicke über das Schlachtfeld wieder hinauf zu den beiden Kriegern, die mit erhobenen Schwertern aufeinander eindrangen.
Das ganze Geschehen schien vor den Augen des Jungen viel zu langsam abzulaufen. Die Schreie verhallten, ehe sie seine Gedanken wirklich erreichen konnten und auch die Bewegungen der beiden Krieger wirkten mit einem Mal viel zu langsam.
Ein Gefühl der Schwere durchtränkte Alex' Gedanken. Wissen durchströmte seinen Körper. Er wusste nicht, warum er es tat, was ihn dazu veranlasste, so zu handeln, doch während er erstarrt in seinen Erinnerungen und Visionen, die Hand in den Hemdkragen schob, fühlte er, wie der Schmerz langsam wich.
Die Schwere ergriff Besitz von seinem Körper, noch ehe sich seine Finger um den Rubin an seiner Kette schlossen und die Stimme des Windes leise zu flüstern begann. Es waren keine Worte, die der Junge jemals gehört hatte, es war nicht einmal eine Sprache und doch verspürte Alex in jenem Augenblick den Ruf einer fremden, fernen Macht.
Viel zu langsam wanderten seine Blicke hinauf zu dem schwarzen Gefieder des Engels, das mit einem Mal erschlaffte. Das Rad der Zeit gab die Bilder viel zu langsam weiter, als das Schwert aus den Händen des Engels fiel und beim Aufprall frisch gefallenen Schnee aufwühlte.
'Alex', wisperte der Wind, in jenem Moment, in dem der Engel den Kopf drehte und ihn direkt ansah.
Obwohl er weit weg war, konnte Alex den stechenden Blick seiner Augen fühlen, das Brennen in seiner Brust.
Die Zeit stand still. Möglicherweise nur den Bruchteil einer Sekunde, doch es genügte.
Der Engel machte einen Schritt zurück und die Zeit lief weiter. Die Schwere, die auf jedem und allem gelegen hatte, verschwand und die flüssigen Bewegungen der Krieger kehrten zurück.
Mit dem Schritt zurück hatte der Engel sein Leben gerettet, denn die Klinge seines Gegners verfehlte nur um Haaresbreite seine Kehle.
Es war ein unglaubliches Schauspiel. Flackernd entfaltete das heilige Wese seine eleganten Schwingen, trat zurück und ließ sich fallen. Obwohl der Wind nach unten brauste, trug er den Engel in die Höhe und dennoch war es, als ob er fiel.
Die wunderschönen, flüssigen Bewegungen des Geschöpfes waren einer lähmenden Reihenfolge von abgehackten Bewegungen gewichen, mit denen der Engel im Sturm verschwand.
Der Kampf erstarb und sehr langsam, als wäre mit einem Mal alles Nebensache geworden, lösten sich die beiden Heere auf und verschwanden dahin, woher sie gekommen waren.
"Du musst hier verschwinden."
Erschrocken fuhr Alex herum. Seine Blicke richteten sich auf einen jungen Mann mit einem langen, rabenschwarzen Pferdeschwanz und feurigen, braunen Augen. Schneeflocken lagen in seinem schwarzen Haar. Er trug einen schwarzen Mantel und einen Ledergürtel, an dem ein breites, glänzendes Schwert hing.
"Schnell!", wiederholte er und ließ seine Blicke ungeduldig über die Ebene schweifen. "Ehe Xes dich findet und-"
Es war zu spät. Wie aus dem Nichts schoss eine weiße, dünne Hand hervor, die sich um den Arm des Schwarzhaarigen schlang und ihn frösteln ließ.
"So", wisperte eine leise, helle Stimme aus dem Schneesturm. Ein Mann trat ins Licht. Das kurze, rotblonde Haar und die grellen braunen Augen, machten Alex sofort klar, wer er war. "Ich habe gesehen, was du getan hast und du musst wissen, dass es mich sehr interessiert, wie du es getan hast."
Alex zitterte. Von dem seltsamen Fremden ging eine Kälte aus, die heißer als der Schnee auf seiner Haut brannte.
Es war ohne Zweifel der junge Mann, mit dem der Engel noch vor wenigen Augenblicken auf dem Gipfel des Hügels gekämpft hatte. Alex sparte sich die Überlegungen, wie der Fremde so schnell hierher gekommen war und entschied sich dafür, ihn gleich nicht zu mögen. Etwas, was den Fremden umgab, wirkte bedrohlich und schlecht.
"Wer..", setzte er an, erstarrte jedoch und setzte nach wenigen Augenblicken erneut an. "Wer seit Ihr?"
Ein eisiges Grinsen huschte über das Gesicht des Rotblonden. "Mein Name ist Xes und mein ungehorsamer Krieger", wisperte er und wand die Blicke zu dem jungen Mann mit dem schwarzen Zopf, "ist Endor. Und wer bist du?"
"Mein Name ist Alex."
Die Stimme des Jungen zitterte. Etwas Fremdes lag darin. Etwas, dass er vorher nicht gekannt hatte und was ihn sehr an Angst erinnerte.
Xes lächelte matt. "Folge mir."
Anmutig schritt er über die Wiesen davon. Nur Endor blieb stehen und musterte Alex misstrauisch.
Schließlich kam er langsam auf den Jungen zu, legte ihm eine Hand auf die Schulter und bedeutete ihm zu warten, bis Xes außer Reichweite war.
Erst dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
Der Krieger wurde Alex langsam sympathisch. Nichts an ihm war so kalt, düster oder bedrohlich wie an Xes oder an Reyna. Er wirkte freundlich und aufgeschlossen. Nicht einmal wirklich wie ein Krieger sondern eher wie jemand, der Gewalt verabscheute.
"Du gehörst nicht in diese Welt", sagte Endor sanft. "Du hättest nie herkommen dürfen."
Endor schüttelte den Kopf. "Sie ist nicht mehr das, was sie einmal war. Krieg und Tod sind hier häufiger anzutreffen, als Freude und Frieden. Diese Welt zerbricht und wir alle mit ihr." Sein Gesichtsausdruck wurde schlagartig ernst. "Ich habe gesehen, was du mit dem Engel gemacht hast. Es war nicht gut. All das kann dich in große Gefahr bringen."
"Warum?", fragte der Junge und spürte, wie seine Angst und Scheu langsam wich.
"Xes kennt Flug und sie hassen sich bis aufs Blut."
Alex blinzelte. Nun, da der Schock langsam wich, spürte er langsam den Schmerz in seinen Händen. "Flug?"
Endor nickte und lief weiter. "Der schwarze Engel."
"Verstehe. Warum hassen sie sich so sehr?"
Eine Weile verstrich, in der der Sturm still über sie hinwegfegte, ehe Endor antwortete. "Flug hat etwas, was Xes gerne hätte. Er ist der Hüter unserer Welt. Mit dem Begriff kannst du nicht viel anfangen, vermute ich."
Zögernd schüttelte Alex den Kopf und begann seine Hände aneinander zu reiben.
"Der Hüter ist der Wächter. Flugs Aufgabe ist es, Amirón zu beschützen. Und seit ich denken kann, war er Xes ein Dorn im Auge. Sie hassen sich, weil sie unterschiedliche Ziele haben und weil Flug allen Lebenswillen an Xes verloren hat. Es gab Zeiten, in denen sie Freunde waren und Flugs Wille schwand unter Xes' Händen, bis sie erbitterte Feinde waren."
"Das klingt grauenvoll", murmelte Alex, die Hände in den Taschen. "Wieso soll ich deswegen in Gefahr geraten?"
Zögernd verlangsamte Endor seine Schritte. "Weil du auf dem Schlachtfeld gezeigt hast, dass du Flug besiegen kannst. Xes wird dich bitten, zu ihm zu gehen und ihn auszulöschen. Das darf nie geschehen."
Alex erstarrte. Ruckartig blieb der Junge stehen, zitternd vor Kälte und Wind und blickte bibbernd zu dem Krieger auf.
"Aber ich könnte nie -" Er stockte. "Ich weiß ja nicht einmal, was vorhin mit mir los war."
"Aber das weiß Xes nicht. Und er darf es nicht erfahren." Endor zögerte. "Ich weiß, du kennst mich nicht, Alexander, aber ich bitte dich bei allem, was ich mir geschworen habe, ihn nicht anzurühren. Xes wird dich möglicherweise zwingen, aber bitte gib ihm nicht nach."
Es war etwas in seinen Worten, was Alex aufhorchen ließ. Ein seltsamer Klang, fern aller menschlichen Gefühle, durchdrang seine Worte und ließ sie weich und sanft erklingen.
"Warum ist dir das so wichtig?"
Endor seufzte. "Flug ist mein Freund. Vielleicht", er zögerte, "mehr als das. Aber in erster Linie ist er mein Freund. Damals, als Flug zum Hüter wurde, hätte ich an seiner Stelle sein sollen, doch er nahm die Aufgabe an und wurde an meiner Stelle der Krieger Gottes. Ein Verdammter, seines Lebenswillen beraubt und schwach. Jeder Hüter vor ihm starb, doch Flug fand die Kraft, sich aufzurichten und sein Leben fortzusetzen. Doch nachdem er Hüter wurde, hat er sich sehr verändert. Sein Lebenswillen ist mehr und mehr gesungen und seine Gefühle sind eisig. Manchmal glaube ich, dass nur noch sein Körper lebt." Ein tiefes Seufzen kam über seine Lippen und verlor sich im Sturm. "Ich verdanke ihm mein Leben."
Langsam schweiften die Blicke des Kriegers in den Sturm. Sie kannten sich erst wenige Minuten und dennoch wusste Alex, dass er Endor trauen konnte. Der Krieger hatte ein gutes Herz und war anders als Xes. In seinem Herzen war er ein guter Mensch und vielleicht sogar etwas ganz Besonderes.
Schwer stapften sie durch die Schneewehen. "Und Xes denkt, dass ich eine Bedrohung für den schwarzen Engel bin?"
Endor nickte. "So ist es. Er hat gesehen, was geschehen ist. Flug war für einen Augenblick dein Opfer. Er konnte sich nicht rühren und ich habe gesehen, dass Flug dich angesehen und erkannt hat. Bitte frag mich nicht, was das alles zu bedeuten hat, aber du trägst Flugs Rubin. Ich habe dieses Stück ewig nicht gesehen, aber ich würde es unter tausenden wieder erkennen. Woher hast du das?"
Alex schwieg. Sein Magen krampfte sich zusammen.
"Damals.. als ich noch sehr klein war, hatte ich einen Traum, in dem ein Mann an meinem Bett saß. Er verschwand für immer, aber dieser Stein war da, als ich am nächsten Morgen erwachte."
"Dann höre auf meinen Rat und verstecke ihn. Wenn Xes erfährt, dass du ihn trägst, wird er dich in große Schwierigkeiten bringen. Ohne Flug ist diese Welt allem Bösen schutzlos ausgeliefert und das darf nicht geschehen. Wir müssen ihn beschützen, denn er ist der Letzte. Nicht der letzte der Engel, sondern der Letzte, der ist wie er." Endor blieb stehen und grub seine Blicke fest in die des Jungen. "Flug ist der Letzte, der den Mächten des Bösen gewachsen ist. Wir müssen ihn beschützen, damit er kämpfen kann."
"Bravo. Das war fantastisch gesprochen."
Endor fuhr herum und blickte erschrocken in Xes' Gesicht, während der Vampyr langsam aus dem Schneesturm trat und ihm eisig entgegenblickte.
"Du musst Endor verzeihen, Alex", murmelte er mit einem hässlichen Blick zu seinem Krieger. "Er ist sensibel, wenn es um Flug geht. Der schwarze Engel hat seine Sinne vernebelt und ihn zu seinem Sklaven gemacht. Aber hab keine Angst, Endor." Liebevoll streckte er die Hand aus und strich Endor das Haar zurück. "Ich befreie dich von ihm."
Ein unsicherer Ausdruck trat in Endors Gesicht und etwas in der Art, wie sich seine Mine verzog sagte dem Jungen, dass Endor eine schlimme Vorahnung hatte.
"Endor ist in Flugs Bann geraten, Alex", sagte Xes sanft. Er legte eine Hand auf Alex' Schulter. "Der schwarze Engel hat Macht über ihn erlangt. Endor kann sich nicht befreien. Es gibt nur einen Weg, den du gehen kannst. Und das ist der Tod des Engels." Er lächelte kalt und streckte die Hand in Alex' Richtung. "Haben wir einen Deal?"
Langsam öffnete Alex die Augen und ließ seinen Blick über Xes' Hand, über das Gesicht des Kriegers wandern und weiterschweifen, hinauf zu den beiden Sonnen, die langsam ihre Kreise zogen. Und mit einem Mal war ihm, als würde der Wind flüstern. Nur leise und so, dass er nichts verstand, aber dennoch hörte er eine leise Stimme.
Er atmete tief durch und streckte seine zitternde Hand langsam aus.
Augenblicklich fuhr Endor, der etwa zehn Metern vor ihnen stand, herum.
"Nein!", rief er erschrocken aus und wollte auf Alex und Xes zutreten, doch Reyna war schneller, packte ihn und hielt ihn eisern fest.
Endor wand sich verzweifelt in seinem Blick, doch es war sinnlos. Erstens war Reyna größer und stärker als er und zweitens war Endor noch ziemlich schwach von Xes Zauber.
Reyna hatte Endor mühelos im Griff.
"Nein, Alex", flehte Endor. "Bitte nicht! Er lügt, Alex! Er lügt!"
Verwirrt blickte Alex von Endor zu Xes. Beides waren Krieger des Bösen. Wem sollte er glauben?
"Was ist nun?", fragte Xes ruhig. "Ja oder nein? Und zum Zeichen, dass ich nicht lüge, Alex, lege ich drauf. Wenn Flug tot ist, ist Endor frei. Für immer."
"Lass dich nicht darauf ein, Alex!", rief Endor verzweifelt. "Er lügt doch wenn er nur den Mund aufmacht!"
Alex schluckte und suchte Endors Blick. "Es tut mir leid, Endor", sagte er leise und ergriff Xes' Hand.
"Nein!", flüsterte Endor entsetzt. "Nein. Nein, Alex!"
Die letzten Worte schrie er über das ganze Feld.
Beruhigend legte Reyna ihm eine Hand auf die Schulter.
"Beruhige dich, Endor. Hast du nicht begriffen? Das bedeutet deine Freiheit."
"Nein, es bedeutet meinen Tod und den dieser Welt!"
"Abgemacht, Alex", sagte Xes zufrieden und löste sich von dem Jungen. "Morgen beginnt deine Reise."
Mit diesen Worten ließ Reyna Endor los und Xes wand sich von Alex ab. Plötzlich schien er alles Interesse an Alex verloren zu haben. Nun, da er ihn in der Hand hatte, war er nicht mehr als eine seiner Spielfiguren auf dem Spielbrett der Macht.
"Was hast du getan?", fragte Endor erschüttert. "Verdammt, was hast du getan???"
"Das geht dich nichts mehr an. Hast du nicht gehört, Endor? Du bist frei."
"Du kennst die Regeln nicht, Junge", meinte Endor düster.
Alex blinzelte verwirrt. "Wie meinst du das?"
"Xes gibt niemanden frei. Was du gerade getan hast, ist mir eine Chance gegeben. Ich habe eine Stunde Vorsprung. Glaubst du Xes lässt jemanden gehen, nach dem er sich jahrelang verzehrt hat? Niemals! Außerdem darfst du Flug nicht töten. Hast du mir denn nicht zugehört? Dann wird Xes der Hüter! Das kann ich nicht zulassen, Alex."
"Und wie willst du mich aufhalten?"
"Ich lasse Flug nicht im Stich. Wenn du ihn beseitigen willst, wirst du es zuerst mit mir aufnehmen müssen. Und diesen Kampf kannst du nicht gewinnen. Flug ist zwar weitaus gefährlicher als ich, aber er würde dich nie verletzen."
"Und du?", fragte der Junge leise. "Würdest du es tun?"
"Ich.......", Endor seufzte. "Nein, ich.....bitte, Alex. Ich kann nicht mehr als dich bitten Flug zu verschonen."
"Und genau das kann ich nicht. Nicht nachdem, was du mir erzählt hast. Ich kann es schmerzlos für ihn beenden, sagst du? Dann tue ich das. Für ihn, Endor." Er senkte den Blick. "Du solltest dich beeilen, wenn du nur eine Stunde Vorsprung hast. Ansonsten werden sie dich kriegen."
"Tot bin ich so oder so, denn wenn Xes Flug hat bin ich nichts mehr wert. Dann wird er ihn töten und damit verliere ich alles. Es ist gleich. Sollen sie mich doch bekommen.."
"Lauf, Endor", sagte Alex leise. "Lauf fort und komme nicht wieder, dann wird dir nichts geschehen. Versteck dich."
Ohne weiter auf Endor zu achten, setzte sich Alex in Bewegung und lief hinter Xes und Reyna her. Bald hatte er sie eingeholt.
"Endor ist fort", sagte Alex außer Atem.
"Gut." Xes blieb stehen und sah Reyna lange an. Dann hob er die Hand und sagte ruhig: "Hol ihn dir."
Reyna nickte und eilte davon.
"Warte!", rief Alex aus. Er wand sich an Xes. "Ich dachte, dass er wenigstens eine Stunde hat!"
"Wie Endor sagte: Du kennst die Regeln nicht. Aber er."
"Trotzdem, das macht keinen Unterschied!"
"Vertrau mir", meinte Xes leise und lief langsam weiter.
Alex folgte ihm. Mehrmals blickte er zurück, als hoffte er dort irgendwo Endor zu finden. In Sicherheit. Jedoch vergebens. Nicht einmal einen Schatten konnte er in der Ferne erkennen.
"Hast du Angst?", fragte der Krieger.
"Ein wenig", gestand Alex. "Viel weniger vor dem schwarzen Engel selbst, als vor der Tatsache, dass ich ihn umbringen soll. Auf diesem Weg ist es für ihn eine Erlösung. Hast du daran schon einmal gedacht? Es erspart ihm das Höllenfeuer."
"Und trotzdem ist es Mord! Mord an einem Geschöpf, das nichts getan hat." Alex blickte Xes angestrengt an. "Du selbst hast gesagt, dass er nicht für seine Taten verantwortlich gemacht werden kann. Er hat keine Gefühle wie wir. Er folgt seinen Instinkten."
Nach einem winzigen Augenblick schüttelte Xes den Kopf. "Du hast nicht verstanden. Wenn du redest hört es sich an, als wäre Flug, der schwarze Engel, nicht mehr als eine uralte Bestie ohne Gefühle. Das ist nicht wahr. Er ist keine Bestie und er hat Gefühle. Er fühlt Leid, Liebe, Schmerz und Angst genauso wie wir. Jeder Hüter sehnt sich nach dem Tod, Alex. Er ist das Vollkommene, die Erlösung für sie. Deshalb kann Flug nicht begreifen, dass er für andere Wesen Schmerz bedeutet.
Wie soll er es auch verstehen können, wenn er sich vor der Welt versteckt, sich zurückzieht in seine Finsternis und sich von ihr nährt? Begreifst du jetzt, weshalb wir ihn vernichten müssen?"
"Mit wir meinst du wohl mich, nicht wahr?", stellte Alex mürrisch fest.
"Ja. Aber du musst nicht. Nur wenn du dich entschließt es zu tun, dann musst du es durchziehen."
"Ich tu's", sagte der Junge. "Wenn du mir schwörst Endor freizugeben. Und damit meine ich nicht ihn zwei Minuten Vorsprung zu geben, sondern ihn freilassen. Für immer."
Xes schnaufte. "Also gut."
"Dann werde ich darüber nachdenken."
[Dieser Beitrag wurde am 03.04.2007 - 08:28 von Lykanthrop aktualisiert]
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