Tinúviel 


Status: Offline Registriert seit: 13.06.2004 Beiträge: 5187 Nachricht senden | Erstellt am 11.06.2005 - 14:10 |  |
Boah, ich habe gerade eine saugute Kritik zu dem Film gelesen auf kino.de
Wir waren irgendwo in der Gegend von Barstowe am Rande der Wüste, als die Drogen zu wirken begannen.
So beginnt dieses als 'Roadmovie' nur höchst unzureichend charakterisierte Filmerlebnis. Das ist zugleich so in etwa der letzte gerade Satz, bevor Terry Gilliams Umsetzung der Romanvorlage von Hunter S. Thompson gänzlich die Bodenhaftung verliert. Aber kurz zur Story: Der Reporter Raoul Duke (Johnny Depp) fährt in Begleitung seines Anwalts Dr. Gonzo (Benicio Del Toro) nach Las Vegas, um über ein 400 Meilen Wüstenrennen für Motorräder und Strandbuggys zu berichten. Im Gepäck haben die beiden eine Auswahl nahezu jeder der Menschheit seit 1544 bekannten Droge (außer Heroin). Da scheint es sinnig, wenn auf dem Weg nach Vegas ein Schild warnt "Don't Gamble With Marijuana!" und gleich noch informiert, daß in Nevada auf 20 Jahre auf den Besitz und Lebenslang auf den Handel mit eben dieser Droge stehen. Die folgenden Tage entwickeln sich zu einem undurchdringlichen drogengeschwängerten Alptraum, in dem die Umgebung und der eigentliche Grund der Reise zu verschwimmen beginnen. Zwei verwüstete Hotelzimmer, zwei geschrottete Leihwagen, ein Dutzend verschiedener Drogen und geprellte Hotelrechnungen in unbestimmter Höhe später macht man sich auf getrennten Wegen auf die Rückreise.
So in etwa ließe sich der eigentliche Handlungsstrang in Kurzform beschreiben. Normalerweise würde ich jetzt kritisieren, daß sei wohl etwas wenig Stoff für 128 Minuten Film. Dem ist aber nicht so. Die eigentliche Geschichte spielt sich hier im Subtext ab. Zudem ist der eigentliche Star neben den beiden herausragend agierenden Hauptakteuren die Inszenierung von Terry Gilliam. Wenn man sich so anschaut, was einem da so alles geboten wird, kann man leicht verstehen, wieso die Buchvorlage von Hunter S. Thompson lange als unverfilmbar galt. Daß der Fußboden beginnt, sich zu bewegen und sich eine ganze Hotellobby in ein Gehege für Großreptilien verwandelt, gehört da eher noch zu den harmloseren Episoden.
Nein, um die Entstehung einer Sports-Illustrated Reportage geht es hier wirklich nicht. Vielmehr sind die beiden Hauptprotagonisten auf der Suche nach dem Amerikanischen Traum, den sie in der explosiven Glitzerwelt von Las Vegas und einem auf multiplen Drogeneinsatz basierenden Rausch suchen, wobei (außer Heroin) offenbar alle Mittel recht sind. In diesem Kontext paßt es nur allzu gut, daß die Gier nach einem tiefen Ätherrausch ausgerechnet ausgerechnet mit Hilfe einer Amerikanischen Flagge befriedigt wird. ("Das Einzige, was mir wirklich Sorgen machte, war der Äther. Nichts ist so hilflos und erbärmlich, wie ein Mann in den Tiefen eines Ätherrausches. - Und ich wußte, daß wir uns bald an dem verdammten Zeug vergreifen würden." ) Darüber, wie die beiden Hauptfiguren es jeweils schaffen, daß immer nur einer von ihnen nahe dran ist, dem Wahnsinn gänzlich anheim zu fallen, kann man sich nur wundern. In jedem Falle gelingt es ihnen durch diese Art der Rollenverteilung stets, noch aufeinander aufzupassen, was bitter nötig ist, werden doch im Einzelfall kurzzeitige im Drogenrausch ausgelöste suizide Tendenzen gleich wieder durch offene gegen den anderen Part gerichtete Agressionen abgelöst. Im Zweifelsfalle kann jedoch gerade noch das Schlimmste abgewendet werden, wenn auch das Ganze nicht ohne Gefahr beispielsweise für den Etagenkellner oder das Zimmermädchen oder die beiden selbst ist. Mit ihrer Suche nach dem Amerikanischen Traum sind die beiden allerdings nicht allein. Nur was ihnen die Drogen sind, ist den zahlreichen anderen unglücklichen Seelen die verzweifelte Hoffnung auf den großen Gewinn - Sonntags früh um halb fünf in einem heruntergekommenen Las Vegas Casino, benebelt vom Linoleumgeruch der Plastikpalmen.
In einer Rückblende schildert Duke seine erste LSD-Erfahrung, welche er im Jahr 1965 auf der Herrentoilette des Matrix-Clubs machte, und wie sehr diese Tat vom damaligen Zeitgeist von Love und Peace motiviert war. ("Ich war offensichtlich ein Opfer der Love-Generation." ) Nun in der harten Realität von 1971 muß er feststellen, daß die Zeiten sich geändert haben und er inzwischen ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten ist. Das Tempo und die Motivation der 60er sind vergangen. Niemand nimmt mehr Drogen aufgrund der hehren Ideale der Bewußtseinserweiterung. Duke kommt allmählich zu der Erkenntnis, einem Trugschluß aufgesessen zu sein: Der Illusion, sich für 3 Dollar den Kick, Frieden und Verständnis kaufen zu können. Niemand habe in den 60ern bedacht, wie die harte Realität mit den in der verzweifelten Illusion, es kümmere sich schon irgendwer oder Irgendetwas um "das Licht am Ende des Tunnels" lebenden Jüngern der Acid-Bewegung umspringen würde. Zu den Klängen der Stones mit "Jumpin' Jack Flash" macht er sich daraufhin am Ende seines drei Tage dauernden Trips auf den Rückweg nach L.A., um als "ein weiterer Freak im Freak-Königreich" in der Sicherheit der hektischen Großstadt unterzutauchen.
Das eigentlich Bemerkenswerte an Fear and Loathing in Las Vegas ist jedoch nicht die Story, welche ja schließlich auf einer bekannten Romanvorlage basiert, und somit keine originäre Leistung von Drehbuchautor und Regisseur Gilliam ist, sondern deren Umsetzung. Gilliam schafft eine wilde Collage greller Bilder. Setdesign und Ausstattung sind auf einem derart surrealen und abgefahrenem Level, daß es sich hier nur schwer in Worte fassen kann und glänzen dabei stets durch eine besondere Liebe fürs Detail. Ein des öfteren zur Anwendung kommender Kunstgriff ist hierbei, daß Gilliam uns jeweils nur die leicht bis mittel schweren Auswüchse des Drogenkonsums der beiden Protagonisten vorführt. Die schlimmsten Exzesse werden jedoch ausgelassen. Es wird vielmehr nur das Endresultat einer wilden Nacht präsentiert, wobei der Zuschauer sich nur fragen kann, wie es dazu kommen konnte. Dabei findet er sich in der Lage von Duke und Dr. Gonzo wieder, denen im Zweifelsfall ebenfalls die Erinnerung an den letzten Rausch fehlt. Lediglich ein stets mitgeführtes Tonbandgerät gibt einen gewissen Aufschluß über die Geschehnisse der vergangenen Stunden. "Man muß nur die 'Play'-Taste drücken" und schon kommt die Erinnerung zurück. Man kann sich dann also nur eine vage Vorstellung davon machen, wie die Beiden es geschafft haben könnten, ihre Suite unter Wasser zu setzen, das Mobiliar zu zertrümmern, die Wände mit Ketchup und Senf zu beschmieren und den Zimmerservice in einem Zeitraum von 48 Stunden permanent zu beanspruchen. Ein ewig ungeklärtes Mysterium wird mir aber sein, wie Duke plötzlich in die Anglerhose und an den künstlichen Echsenschwanz gekommen ist.
In diesem Stil schickt Gilliam seine beiden ohne jede Hemmung arbeitenden Hauptdarsteller von einer grotesken Szene in die Nächste. Hervorzuheben wären da nur zum Beispiel das Wüstenrennen während dessen sich Duke plötzlich in einem Gefecht wähnt oder die Teilnahme an der Konferenz der Bezirksstaatsanwälte. Hier muß Raoul Duke dann auch schmerzlich erfahren, wie der Rest der Gesellschaft über seinen Menschenschlag denkt. Immer zu bedenken gilt es dabei, daß all diese Vorkommnisse sich vor einer Kulisse abspielen, die selbst schon einem Rauschzustand gleichkommt. Neben den beiden wie entfesselt aufspielenden Hauptdarstellern (Klasse, wie die beiden sich vor der Kamera bewegen und auch Kleinigkeiten stets in rechte Licht rücken: So hat der Gute Raoule Duke des öfteren Probleme auseinanderzuhalten, ob er gerade denkt oder redet.) agiert auch eine Reihe sehenswerter Nebendarsteller. Man erinnere sich nur an Christina Ricci, die in der Rolle des Barbara Streisand-Fans Lucy Johnny Depp ins Bein beißt.
Fear And Loathing In Las Vegas ist meiner Ansicht nach ein wirklich hervoragendes und erfrischend abwechslungsreichesKinoerlebnis, daß sich in seiner kompromißlosen visuellen Umsetzung gar nicht erst damit aufhält, Regeln zu befolgen. Ein Film, den man gesehen haben sollte. Ob einem das Gesehene gefällt, muß man dann freilich mit sich selbst ausmachen. Bei einem derart kompromißlosen Werk ist Polarisation wohl nicht ungewöhnlich und sicherlich auch nicht ungewollt. Ich für meinen Teil hatte schon wiederholt großen Spaß bei diesem Filmerlebnis der ungewöhnlichen Art.
Bleibt abschließend noch die häufig gestellte Frage der Drogenverherrlichung zu klären. Das ist sicherlich ein Thema, über das sich nur allzu vortrefflich diskutieren ließe. Ich persönlich denke, daß man sich die beiden Hauptfiguren und was aus ihnen geworden ist nur anzuschauen braucht, um festzustellen, daß wir es hier allenfalls mit ein paar Antihelden und nicht mit den großen Vorbildern einer Generation zu tun haben. Schließlich erkennt auch Duke selbst die Illusionen und Trugschlüsse der Acid-Geminde, welchen er sich hingegeben hatte. Es sei abschließend noch einmal daran erinnert, wie Raoul Duke seinen Anwalt Dr. Gonzo am Ende charakterisiert, nämlich als "einen von Gottes ganz eigenen Prototypen", der so nie für die Massenproduktion vorgesehen gewesen sei "Zu spleenig zum Leben und zu selten zum Sterben." geschrieben von fasteddie
die wollt ich euch nicht vorenthalten ^^
[Dieser Beitrag wurde am 11.06.2005 - 14:12 von Tinúviel aktualisiert]
Signatur ... the tawdry lamps were going out one by one; and the dark curtain was almost ready to descend. |