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Status: Offline Registriert seit: 20.05.2008 Beiträge: 678 Nachricht senden | Erstellt am 06.01.2009 - 15:32 |  |
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Es ist Silvester. Ich sitze vor dem Fenster, ich kann die Knaller hören.
Das alte Jahr liegt im Sterben, und mit ihm stirbt auch ein Teil von mir. Ein Teil, der liebt.
Aber er liebt den Falschen, und ich werde das nicht vermissen. Wenn ich diesen Teil von mir loslassen kann, dann heute Abend.
Ich wende mich vom Fenster ab und gehe zum Spiegel. Ich sehe mein Gesicht: Die hohe Stirn, die grünbraunen Augen, die Grübchen, die herzförmigen Lippen und meine zahlreichen Sommersprossen. Ja, es ist mein Gesicht, und doch ist es mir fremd.
Ich stehe vor dem Kleiderschrank und frage mich, was ich anziehen soll.
Improvisiere, denke ich. Das kann ich. Ich bin eine Schauspielerin wie alle anderen auch.
Aber ich besitze etwas, was viele andere nicht haben: Ich besitze Ideen, Fantasie. Geschichten, die aus mir selbst kommen, und deren Ursprung ich doch nicht kenne.
Ich lege MakeUp auf und betrachte mein Gesicht erneut im Spiegel. Jetzt strahlen meine Augen, mein Gesicht hat mehr Kontur und meine Lippen sind unnatürlich hell, aber sexy. Ich lächle.
Ich greife nach meiner Tasche und stecke das Notizbuch ein, das Buch, in dem ich die Ideen festhalte. Sonst entgleiten sie mir, sind verschwunden, noch ehe ich sie richtig erfasst habe.
Während der Autofahrt sage ich kaum ein Wort, ich schaue gedankenverloren aus dem Fenster. Der Mond steht als schmale, weiße Sichel am Himmel. Der Himmel ist wolkenverhangen, ich weiß es, weil ich die Sterne nicht sehen kann. Nur der Morgenstern ist sichtbar, neben dem Mond.
Wir sind da. Wir steigen aus dem Auto. Wir gehen ins Haus.
Ich höre die Musik im Hintergrund. Meine Gedanken schweifen ab.
Ich stelle mir vor, wie die Dinge und Personen verschwimmen, zu einer einzigen dunklen Masse werden.
Ich sehe einen Tunnel und trete hinein.
Innen sehe ich Bilder…Bilder aus meinem Leben, und ich weiß, dass ich all das bereits erlebt habe und es vorbei ist. Jetzt werden die Bilder bunter, fröhlicher, und ich weiß: Das ist es, was noch vor mir liegt.
Schließlich bin ich in einem Garten. Es sind Menschen da, sie reichen mir Kuchen, den ich mit bloßen Händen esse, und schenken mir Wein ein, den ich in einem Zug austrinke.
Der Alkohol benebelt meine Sinne, der Garten verschwimmt, ich bin wieder in der halbdunklen Küche.
Ich bin zurück von meiner Reise. Es ist erstaunlich, was Fantasie alles kann.
Wenn ich nur wüsste, was Fantasie überhaupt ist.
Ich frage meinen Vater danach, frage ihn, wie er mir das Wort Fantasie erklären würde.
Vorstellungskraft, sagt er. Fantasie ist die menschliche Vorstellungskraft.
Das ist eine Möglichkeit, dieses Wort zu definieren, aber in meinen Augen genügt das nicht. Alle Menschen haben Vorstellungskraft, aber nicht alle haben Fantasie.
Ich stelle mir erneut die Frage: Was ist Fantasie?
Bevor ich richtig loslege, möchte ich die Leserin oder den Leser darauf hinweisen, dass sie oder er wahrscheinlich feststellen wird, dass ich mir in diesem Text häufig selbst widerspreche. Das ergibt sich so, wenn man über etwas philosophiert.
Vorstellungskraft nennt man es auch, wenn man sich etwas vorstellt, was einem erzählt wird. Jeder kann Bücher lesen, und sich vorstellen, er sähe die Bilder. Nur fällt das nicht jedem Menschen leicht – fantasievolle Menschen mischen ihre eigenen Ideen dazu, sie haben ein besseres Bild von dem, was sie hören oder lesen. Fantasielosen Menschen wird dabei schnell langweilig, sie wissen andere Dinge mit sich anzufangen – oder auch nicht.
Man könnte sagen, Fantasie ist das Talent, sich selbst Dinge auszudenken und sie sich vorzustellen. Damit ist Fantasie eine Mischung aus Vorstellungs- und Schöpfungskraft. Fantasie ist die Fähigkeit, imaginäre Welten zu erschaffen – eine Fähigkeit, die die meisten Kinder besitzen und im Laufe des Erwachsenwerdens leider allzu häufig wieder verlieren.
Aber auch das reicht mir nicht. Denn, na schön, jetzt habe ich eine Definition des Wortes Fantasie (es wäre interessant, nachzuforschen, woher es kommt – vielleicht später). Aber Fantasie ist noch viel mehr.
Man kann Fantasie nicht begreifen, ehe man nicht herausfindet, woher sie überhaupt kommt. Das ist das eigentliche Problem.
Als ich vor kurzem im Zug saß und las, hatte ich auf einmal eine Vision von einem jungen Mädchen, das lesend den Bahnhof verpasst. Ich werde versuchen, diese Idee umzusetzen und einen Roman zu schreiben.
Eine Freundin hat mir mal erzählt, sie hätte eine Vision von einem Mädchen gehabt, das in einer Speisekammer von einem fremden Mann niedergerissen wird und sich in ihn verliebt – das ist jetzt stark vereinfacht.
Solche Visionen tauchen scheinbar aus dem Nichts auf. Manchmal beziehen sie sich auf Situationen, die man gerade erlebt oder schon erlebt hat. So wie meine Idee mit dem Bahnhof.
Leider kann man sich nicht an alles erinnern, was man bereits erlebt hat im Laufe der Jahre, daher kann man auch nicht sicher sagen, ob alle Ideen nur Spiegel des eigenen Lebens sind.
Manche Ideen kommen auch aus Träumen, die ja wirklich „Der Spiegel der Seele“ sind. Stephenie Meyer zum Beispiel, eine meiner Lieblingsautorinnen, soll ihren Weltbestseller „Twilight“ angeblich als Reaktion auf einen Traum geschrieben haben. Siehe da – das Buch wurde ein Riesenerfolg.
Aber ich möchte mich jetzt eher mit den Ideen beschäftigen, die einem im wachen Zustand kommen. Mit den Ideen, die auftauchen, wenn man sie gerade überhaupt nicht braucht – zum Beispiel mitten im Unterricht.
Unterricht kann sehr inspirierend wirken. Unser Physiklehrer hat einmal zwei Schulstunden lang mit uns über das Universum gesprochen. Dabei sind wir darauf zu sprechen gekommen, dass es keinen Stoff im ganzen Universum gibt, der kein Licht absorbiert.
Mir kam die Idee, einen Roman zu schreiben, in dem genau dieses Phänomen beobachtet wird.
Nun, was macht man, wenn einem zu unpassenden Zeitpunkten Ideen kommen? Ich legte mir ein kleines, silbernes Notizbuch zu. Ich nehme es überall hin mit, so kann es mir niemals passieren, dass ich eine Idee vergesse.
Es gibt Zeiten, in denen ich täglich drei bis fünf gute, wirklich gute Ideen habe. Im Moment arbeite ich daran, sie auch zu verwirklichen.
Wenn ich dann am nächsten Tag in mein Notizbuch schaue, bin ich erstaunt darüber, was ich da alles zusammengedichtet habe.
Genauso geht es mir mit Gedichten. Sie entstehen aus einem Gefühl heraus. Solche Gefühle muss man festhalten, solange sie stark sind. Danach ist es zu spät.
Vielleicht sollte ich jetzt endlich zu Sache kommen.
Unterteilen wir die Ideen in drei Gruppen:
1. Ideen, die einem im Traum kommen
2. Ideen, die einem in einer bestimmten Situation aufgrund dieser Situation kommen
3. Ideen, die einem aus keinem bestimmten Grund kommen.
Mit der ersten Gruppe kann sich von mir aus gern die Wissenschaft beschäftigen. Ich habe nicht genug Ahnung von Schlafforschung, um mich dazu äußern zu können. Manchmal träumen wir von Personen und Situationen, die wir einordnen können. Und manchmal kommen die Botschaften unseres Unterbewusstseins eben verschlüsselt. Punkt.
Warum das so ist, sei dahingestellt.
Ich glaube, die zweite Gruppe ist recht einfach zu erklären. Ich stelle folgende Theorie auf: Wir erleben eine interessante Situation bzw. lernen etwas Interessantes. Wir beschließen, darüber zu schreiben. Und Punkt.
Es geht auch komplizierter: Wir erleben eine interessante Situation bzw. lernen etwas Interessantes. Unser Gehirn stellt eine Verbindung zu einer anderen interessanten Situation, Erfahrung, Information, was auch immer, her. Daraus entsteht die Idee.
Die dritte Gruppe ist die, die mich schon lange beschäftigt, da man sie weder wirklich definieren noch erklären kann.
Man könnte natürlich sagen, dass diese Ideen entweder aus der ersten oder aus der zweiten Gruppe entstehen. Nur, dass man sich nicht an das Erlebnis oder den Traum erinnern kann, aus dem sie entstanden sind.
Vielleicht hat es sich damit schon erledigt. Man könnte also behaupten, Fantasie wäre nicht mehr als eine abgewandelte, zerstückelte und neu zusammengesetzte Kopie unserer Wirklichkeit. Vielleicht ist das so. Vielleicht ist der Mensch gar nicht imstande, neue Ideen aus sich selbst zu schaffen.
Viele Autoren erfinden Figuren. Aber auch die setzen sich aus Eigenschaften zusammen, die die Autorin oder der Autor bereits an anderen Menschen erlebt hat. So gesehen sind Geschichte und Charaktere „gestohlen“.
Das alles klingt wohl sehr rational und nicht im Geringsten fantasievoll. Aber schließlich geht es hier um Fantasie und nicht um rationales Denken. Oder es geht vielmehr darum, Fantasie, oder zumindest einen kleinen Teil davon, rational zu begreifen.
Dafür muss man sich in einen fantasievollen Menschen hineinversetzen und wie einer denken.
Bei den meisten Bildern, die auf einmal vor meinem geistigen Auge auftauchen, erkenne ich zumindest einen Teil wieder (→Zugszene), ein anderer Teil aber, der, den meine Fantasie ergänzt hat, hat einen unbekannten Ursprung. Diesen Ursprung möchte ich finden, auch, wenn mir das vermutlich nicht gelingen wird.
Wenn mich jemand spontan fragen würde, woher dieser Teil der Idee kommt, würde ich vermutlich sagen, ich weiß es nicht. Sie kommt vermutlich aus irgendeinem hinteren Winkel meines Unbewussten.
Oder: Sie setzt sich aus meiner derzeitigen Situation, sowie aus den Ängsten in dieser Situation und der Situation einer unbekannten anderen Person zusammen, von der ich irgendwann gehört habe. Diese Erklärung erscheint mir akzeptabel.
Aber ist es nicht einfallslos, fantasielos, Fantasie als so etwas abzustempeln? Nimmt es einem nicht die ganze Freude an der Sache?
Das finde ich nicht, denn obwohl wir inzwischen wissen, dass Träume aus unserem Unterbewusstsein kommen und wir dabei Erlebtes verarbeiten, kann es immer noch sehr spannend sein, zu träumen.
Ich bin tatsächlich geneigt, mich mit dieser Erklärung zufrieden zu geben, auch, wenn sie ziemlich trocken ist, denn sie scheint alles abzudecken. Wir kopieren die Wirklichkeit, zerstückeln sie und setzen sie nach Belieben neu zusammen, vergleichbar mit einem Legohaus.
Aber die Fantasie – du meine Güte, jetzt hätte ich beinahe „Vorstellungskraft“ geschrieben – geht noch darüber hinaus. Sie kommt ja nicht immer einfach so, aus dem Nichts. Manchmal denkt man sich bewusst eine Geschichte aus, zum Beispiel, um sich abzulenken. Ich zum Beispiel versinke manchmal in Tagträumen, in denen ich mir ausmale, was wäre, wenn…
Das geht so weit, dass ich manchmal tatsächlich glaube, es wäre so. Ich denke dann, es wird wirklich, ganz bestimmt, passieren. Damit mein Glück dann auch wirklich perfekt ist, versuche ich, die Sache möglichst realistisch und glaubwürdig zu gestalten. Ich erschaffe mit meiner Fantasie etwas, was ich gerne hätte, um mir zu, Beispiel die Vorfreude auf etwas zu versüßen.
Manchmal benutze ich Fantasie auch, um Langeweile zu verscheuchen, oder mich aus einer unangenehmen bzw. langweiligen Situation wegzuträumen. Fantasie kann sehr nützlich sein. Ich bin froh, dass ich sie habe.
Entstehen nicht alle Künste aus der Fantasie? Kompositionen, Bilder, literarische Werke…
Was wäre der Mensch ohne Fantasie?
Ich finde es wichtig, dass es Fantasie gibt. Aber noch immer weiß ich nicht, was genau das wirklich ist.
Ich weiß nicht, woher Fantasie kommt, wie man Fantasie bekommt und warum manche Menschen sie haben und andere nicht. Sind allein die Eltern dafür verantwortlich, oder steckt vielleicht mehr dahinter? Hängt es von der Erziehung ab, oder eher von den Genen?
Das ist eine grundsätzliche Frage, die man sich wahrscheinlich stellt, wenn man herausfinden will, was den menschlichen Charakter genau ausmacht.
Ich kann sie nicht beantworten. Ich glaube, beides spielt eine wichtige Rolle.
Aber wie könnte denn etwas so wenig Greifbares wie Fantasie von den Genen abhängen?
Ich habe nicht die leiseste Ahnung.
Ich habe vorhin gesagt, Kinder hätten meistens Fantasie und Erwachsene wesentlich seltener. Aber langsam beginne ich, das in Frage zu stellen.
Es war vielleicht einfach nur ein Trugschluss, weil ich selbst früher mehr in einer Fantasiewelt gelebt habe als jetzt. Aber andererseits habe ich gelernt, Fantasie und Wirklichkeit zu trennen, und seither sind meine Ideen viel komplexer geworden.
Ja, beinahe glaube ich, sagen zu können, dass fantasievolle Erwachsene eine komplexere Fantasie haben als Kinder. Das bedeutet aber nicht, dass meine Aussage oben nicht stimmt. Ich glaube immer noch, dass die meisten Kinder Fantasie haben und viele sie verlieren. Aber das liegt vielleicht daran, dass sie sie von der Wirklichkeit trennen lernen und dann verdrängen, sie als sinnlos abstempeln.
Doch Fantasie ist nicht sinnlos! Sie ist ein Geschenk!
Diejenigen, die ihre Fantasie behalten, lernen entweder, sie auszubilden, wie die meisten Talente, oder sie leben einfach damit, Fantasie zu haben, wie jemand, der eine schöne Singstimme hat, aber keine Stimmbildung nimmt.
Doch damit sage ich wieder, dass nicht alle Menschen grundsätzlich Fantasie haben. Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Schließlich habe ich vorher festgestellt, dass (fast) alle Kinder Fantasie besitzen. Alle Menschen haben Träume, Hoffnungen – ansonsten wäre das Leben ja sinnlos. Kann man all das nicht auch als Fantasie bezeichnen?
An dieser Stelle möchte ich es gerne enden lassen. Es ist ein abruptes Ende, das ist mir bewusst – ich bin nicht wirklich zu einem Ergebnis gekommen. Aber ich glaube auch nicht, dass das möglich ist.
Signatur meine Homepage
Warum sollte man Angst vor dem Tod haben? Solange wir sind, ist der Tod nicht da, und sobald er da ist, sind wir nicht mehr. (Epikur)
Wenn das menschliche Gehirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, wären wir so dumm, dass wir es trotzdem nicht verstehen würden. (Zitat aus "Sofies Welt")
Alle Menschen sind Ausländer. (Caritas Tirol)
Anderen Menschen aus reiner Naivität blind zu vertrauen, ist keine Kunst.
Ihre wahre Niederträchtigkeit zu kennen und ihnen zu misstrauen, ist auch keine Kunst.
Die Kunst ist, über das wahre, niederträchtige Wesen der Menschen Bescheid zu wissen und ihnen trotzdem zu vertrauen.
Vermutlich gibt es uns nur, weil das Nichts schon immer das Bedürfnis hatte, zu etwas zu werden.
Dummheit ist kein Mangel an Intelligenz, sondern ein Mangel an Fantasie und an der Fähigkeit, über die eigene Existenz hinauszudenken und größere Zusammenhänge zu erkennen. Intelligenz ist die Fähigkeit, vorauszudenken, zu kombinieren und mehr als nur einen einzigen Aspekt einer Sache zu sehen.


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