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Mehiel
unregistriert

...   Erstellt am 25.06.2007 - 12:48Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Von Kindesbeinen habe ich dem Tod viele Male ins Auge gesehen. Bevor ich lesen und schreiben lernte, lernte ich, Tote zu bestatten. Alles, was unsere Welt verlässt, sagten meine Eltern , hat Anspruch auf ein anständiges Begräbnis.

Ich war als Kind sehr tierlieb, hielt Schnecken, Ameisen, Marienkäfer. Leider war meine Liebe größer als meine Kenntnis der jeweiligen Haltungsbedingungen.
Also übten viele meiner Schützlinge Daseinsverzicht. Ich grub ein faustgroßes Loch, legte es mit Kleeblättern aus, bettete darauf den jeweiligen Kadaver, bedeckte ihn mit einem Blatt. Dann schüttete ich Erde drauf und legte ein Kreuz aus Stöckchen auf das Grab. In einer Ecke unseres Gartens entstand ein Friedhof der Krabbeltiere. Ich stellte mir vor, dass Angehörige der Insekten vorbeifüßelten, innehielten und ihre sechs Beinchen zum schweigenden Gebet falteten. In ferner Zukunft würden Archäologen auf Reste von Stöckchenkreuzen stoßen und konstatieren: Kleintier-Gräberfeld, ausgehendes 20. Jahrhundert. Leider pflügte mein Vater die heilige Stätte eines Tages unter und pflanzte dort Rosen.

Ich aber wahre die Tradition: Neulich fand meine Enkeltochter eine tote Amsel. Wir gruben ein Loch, legten es mit Kleeblättern aus, betteten darauf den Vogelkörper, bedeckten ihn mit einem Blatt, schütteten Erdreich drauf. Ich legte ein Kreuz aus Stöckchen auf das Grab, meine Enkelin krönte es mit einem Gänseblümchen. Dann fragte sie, wann wir den Vogel wieder ausbuddeln , damit er wieder fliegen kann.




Minka
unregistriert

...   Erstellt am 25.06.2007 - 14:12Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


oh, Mehiel, wie herzenssüß!
Danke!

Ingeborg




Lavida ...



...

Status: Offline
Registriert seit: 14.12.2006
Beiträge: 4694
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...   Erstellt am 25.06.2007 - 19:47Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Mehiel, jetzt hast Du mir aber einen Schrecken versetzt. Als ich Deinen ersten Satz las, dachte ich, bitte, bitte nicht auch Mehiel.
Es gab in den letzten Jahren zuviele Menschen, die ich lieb gewonnen hatte und bestatten musste.

Deine Geschichte erinnert mich an meine Schwester Lena. Lena liebte Maikäfer über alles. Jede Gelegenheit, die sich ihr bot, sammelte sie einen auf. Sie gab ihm einen Namen und ein neues Zuhause in einer Streichholzschachtel.

Wenn sie die Schachtel öffnete und Maikäfer auf und davon flog, war Lena unendlich traurig.
Ihr süsses Käthe Kruse Puppengesicht zeigte Staatstrauer. Tränen kullerten.

All dieser Abschiedsschmerz hielt Lena nicht davon ab, einem anderen Maikäfer ein Zuhause in ihrer Streichholzschacht zu geben.

Ihr Lieblings Maikäfer hiess Ella.
Für Ella musste mein Vater die Streichholzschachtel mit einer Blume bemalen, damit Ella es gemütlich hat.
Ella starb, weil Lena dachte, wenn ich die Schachtel öffne fliegt sie davon, also bleibt sie so lange zu bis Ella nicht mehr fort möchte.

Ella wurde mit allen Ehren beerdigt, die ganze Familie war anwesend und trauerte mit Lena.

Von diesem Tag an sammelte Lena keine Maikäfer mehr.





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www.greenfairplanet.net


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