Tagtraeumerin 

Status: Offline Registriert seit: 24.03.2007 Beiträge: 323 Nachricht senden | Erstellt am 23.08.2007 - 10:39 |  |
Wer seinen Schatz im Garten vergraben hat, wird von Zeit zu Zeit unruhig, macht sich auf, in der Nacht, wenn alles schläft, um Schatzprüfung vorzunehmen ob er noch da sei. Welch eine Mühe!
Mit Erinnerungen hat man diese Mühe nicht. Der Blick aus dem Fenster - dort liegt der Schatz verborgen.
Hat ihn nicht vielleicht jeder zum Abruf bereit?
Ein Blick in das Grün hoher Baumwipfel, dahinter der Himmel. Morgens das Winken der Zweige hinter den Fensterscheiben.
Sonntags fiel es mir immer schwer, aus dem Bett herauszufinden. Ich knautschte mir das Kopfkissen dicker zurecht und sah vom Bett aus durch das Fenster nach draußen.
Wenn ich meine meine Augenlider halb über meine Augen fallen liess, so hatte ich das Gefühl, die Perspektive sei aufgehoben.
Ich stellte mir vor, die Astspitzen der Bäume trieben ein übermütiges Spiel mit den Wolken, schoben die eine beiseite, winkten eine andere Wolke herbei, immer mehr Wolkenschiffe kamen gezogen und fuhren - wohin ich wollte.
Öffnete ich zwischendurch die Augenlider, fiel die kleine Traumwelt sofort auseinander.
Ja, die Tannenzweige vor dem Fenster meines Kinderzimmers; sie waren talentiert.
Sie winkten mir die Träume herbei. Tagträume. Und so wurde ich zur Tagträumerin.
Zuerst holte ich mir stets den fliegenden Koffer durch das Fenster in mein Zimmer.
Sicher kennt ihr auch, diesen Märchenkoffer, der sobald man das Schloss drückte, fliegen konnte.
Als Tagträumerin hatte ich keine andere Wahl, ich musste mit dem Koffer mit und husch flog der Koffer mit mir durch das Fenster hoch hinauf über die Wolken, weiter und immer weiter fort.
Ach, wie schön waren diese Kinderträume.
Und heute, heute haben wir vergessen zu träumen. Wir sind ernste Erwachsene, die sich Traumgeschichten nicht leisten können. Sie stehlen uns Zeit und Zeit ist Geld.
Auch Urlaubstage sind hin und wieder Tage der Träume.
Aber anders als sonst. An manchen Urlaubsorten liegen Erinnerungen auf der Lauer.
Als ich im Urlaub das Haus von Andersen besuche, betrete ich es suchend. Hier hat er gelebt, der mir Tagträume schenkte und es fällt mir eines ein, nur das Märchen vom fliegenden Koffer.
Ich lächle in mich hinein, während ich im Museum umhergehe und suche nach dem Koffer. Verwerfe den Gedanken und sage mir: der Koffer kann hier nicht sein, nein, der Koffer nicht. Jener Koffer, der fliegen konnte.
Es ist als ob Christian Andersen zu mir spricht -
Du hast verlernt zu träumen. Du suchst hier vergebens.
Der Koffer steht noch immer unter dem Fenster, du musst ja nur die Augen schließen und wieder zur Tagträumerin werden und es werden hinter den Fensterscheiben die Wolken hoch am Himmel ziehen, angeschubst von grünen Zweigen, und die Spitzen der Baumwipfel locken. Träumen heißt reisen und reisen heißt, leben.
Signatur Wer nicht
an sich selbst arbeitet,
kann sich weder entwickeln,
noch entfalten. |
Paula 

Status: Offline Registriert seit: 23.04.2008 Beiträge: 271 Nachricht senden | Erstellt am 27.04.2008 - 23:17 |  |
Wunderschön, liebe Marlene.
Ich bin erst heute zum Lesen dieser Geschichte gekommen und war gleich verzaubert. Hab ich Dir ja schon mal gesagt, wie sehr ich Deine Geschichten mag.
Verlerne das Träumen nicht, denn was wäre eine Tagträumerin ohne ihre Träume?
herzlichst
Paula
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