Difi1 

Status: Offline Registriert seit: 10.12.2008 Beiträge: 128 Nachricht senden | Erstellt am 07.05.2009 - 22:28 |  |
Hola Mick....
Difi: AUSWANDERN die ERSTE
Als wir in Deutschland unseren Mitmenschen mitteilten, dass wir vorhatten nach Andalusien auszuwandern, waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. Eigentlich freute sich nur meine beste Freundin so richtig. „Spannend!“ kommentierte sie. Dabei sprühten ihre großen Augen kleine Blitze der Zustimmung. Ansonsten war von Irritation bis zur totalen Ablehnung alles vorhanden. Es überraschte uns, wie negativ die Äußerungen waren. Unsere Kinder nahmen es noch relativ gelassen auf, obwohl ihr krampfartiges Lächeln die Lippen unnatürlich verzogen. Es stand in ihren Gesichtern, dass sich andere Menschen in unserem Alter im Altersheim anmelden und nicht ins Ungewisse ziehen. Vielleicht sahen sie auch nur das Erbe ins Ungewisse ziehen.
Die ältere Familiengeneration war fassungslos. Sahen sie doch ihre private Altersversorgung entschwinden. Trotz unseres Hinweises, dass man auch mit 90 in Andalusien leben könnte, stießen wir auf völlige Verständnislosigkeit, denn schließlich kam Montag die Fußpflege, Dienstag war Waschtag, Mittwoch Frau Zipppelich, Donnerstag zum Arzt, Freitag die Massage und am Wochenende musste man den Kindern ein schlechtes Gewissen einreden.
Das nennt man ausgefülltes Leben.
Als wir dann vorsichtig das bessere Klima für ältere Knochen ansprachen, wurden wir gleich unterbrochen: “Um Gottes Willen! Ich vertrage diese Hitze nicht!“ Ich habe oft im andalusischen Winter in die kalte Luft parodiert: “Ich vertrage diese Hitze nicht“! Die Kiefer taten mir schon weh von ganzem Zähnegeklapper. Man stelle sich vor, 8° und ein unbeheiztes Bad. Da wird das Duschen zur Mutprobe. Höhepunkt ist, wenn einen die Gasflasche im Stich lässt, genau in dem Moment, wo man sich gerade die Haare eingeseift hat. Da fällt einem nur eines ein, ein Tarzanschrei: “Ich vertrage diese Hitze nicht!“
Bei dem ersten Besuch in Almería sahen wir viele Menschen in den Bergdörfern, die draußen saßen und miteinander quatschten und lachten. Wenn auch manch Oma nicht mehr so flott über die Straße hüpfen konnte, entdeckten wir bei den Frauen keine einzige Gehhilfe. Die hielten sich eher an einem Glas Wein fest. Bei den vollbesetzten Männerbänken sahen wir einige Stöcke, die teilweise zur Untermalung von Worten in der Luft herumschwirrten. Aber auch die Männer hielten sich lieber am Rotwein fest.
Wenn ich meine Mutter besuchte, stolperte man schon im Hausflur über diese „Gehwägelchen“. Sie waren mit Namensschildern versehen und durch Fahrradketten gesichert. Früher standen da Kinderwagen und Dreiräder. Überhaupt bestanden die Themen der Besitzer von rollenden Stützen fast nur aus Krankheiten und Ärztetourneen. Seltsamerweise musste es sich um ein Frauenleiden handeln, denn Männer sah ich sehr selten mit so einem Klammerbeutelporsche. Die weiblichen stolzen Besitzer tauschten vertraulich Geheimtipps von Wunderdoktoren aus. Das erste Wunder stellte sich sofort ein: das Namensgedächtnis funktionierte kurzfristig wieder.
Wenn der Luxus-Einkaufs-Wagen meiner Mutter den der Nachbarin traf, wurden erst einmal die Neuigkeiten ausgetratscht. Dabei habe ich oft beobachtet, dass alle Arme den Tratsch unterstrichen, ähnlich wie bei den spanischen Bauern nur hätten die dabei den Wein verschüttet. Flink wie alte Eichhörnchen traten sie von einem Bein aufs andere und schnatterten mit den Unterkiefern. Die Rollkrücken wurden nicht mehr beachtet. Mir fiel auf, dass ein unbedingtes Muss zur Ausrüstung von einem „Gehstatussymbol“ ein zusammenklappbares Sitzkissen war. Ich habe zwar nie die Frauen auf einer Bank sitzen sehen, aber alle hatten solch ein kariertes Klapppolster dabei. Als ich nachfragte, kam die entrüstete Antwort: „Zum hinsetzen sei es viel zu kalt, man wolle sich ja nicht die Blase erkälten!“ Da stand ich wieder wie ein getadeltes Kind und sehnte mich weit weg.
Unser Bedauern über die Inkenntnissetzung kam zu spät. Wir wurden mit negativem Müll zugeschüttet.
Das nächste Mal schreiben wir eine Ansichtskarte wenn wir angekommen sind.
Kaum zu glauben das des Deutschen liebstes Kind der Urlaub ist. Verbunden mit ausgiebigen Reisen. Meine Großmutter sagte immer: “Reisen bildet.“ Da gab`s wohl noch keinen Ballermann. Enge Verwandte fragten uns, ob man von den augenblicklichen Bränden betroffen sei. Vielleicht würden diese Menschen auch einen Münchner fragen ob er von dem starken Wellengang der Nordsee betroffen wäre. Zumindest versetzt es einen kleinen Stich, dass man sich nicht mal die Mühe gemacht hat, in einen Atlas zu schauen. Wo man doch sich so viel Mühe gemacht hat, all unsere Pläne in Frage zu stellen.
Nachdem uns nichts aufhalten konnte, bekamen wir noch zum Schluss mehrfach den guten Rat, nicht den Neid der armen Bevölkerung zu wecken. Es wäre sinnvoll nicht zu zeigen was man hat, das könnte böse Folgen haben. Dabei machten sie teilweise Gesichter in Richtung „das große Grauen“ und Gesten wie „Rübe ab“.
Im Süden Spaniens angekommen, waren wir mit dem Aufbau unserer neuen Heimat beschäftigt. Die guten Ratschläge verblassten allmählich. Wir hatten mittlerweile sogar ein paar Entschuldigungen für die Familienmitglieder gefunden. Wir fühlten uns dynamisch und versuchten uns im neuen Leben einzurichten.
Eines Tages fragte ich eine Spanierin nach der wunderschönen Stuckarbeit am Eingang ihres Hauses. Und schon befand ich mich auf einer Schlossbesichtigung. Freudig zeigte sie mir alle Errungenschaften im Haus. Sie war sehr stolz auf ihren Besitz. Spanier zeigen sehr gerne was sie haben.
Wie war das mit dem Ratschlag in Puncto Neid?
Schon nach wenigen Wochen teilte uns ein spanischer Freund mit, dass man sich Sorgen um uns mache. In Andalusien leben die Spanier nicht auf dem Land. Dort wird gearbeitet oder am Wochenende gefeiert. Das alltägliche Leben spielt sich im Dorf ab. Zumindest da, wo der Tourismus nicht alles zerstört hat.
Ein Deutscher würde unsere Finca vielleicht als erstrebenswert bezeichnen und einige würden vor Neid platzen. Der Spanier sieht nur unsere Einsamkeit, die fehlende Kommunikation, keinen sozialen Verbund, keine Kinder, nicht mal ein Pferd.
In ihren Gesichtern liegt oft ein Bedauern. Sie kennen deutsche Wertigkeiten nicht, warum auch!?
Es hat uns mutig gemacht. Wir werden jederzeit wieder von vorne anfangen. Das Ziel ist der Weg dahin.
Dann heißt es:
AUSWANDERN die ZWEITE
Difi AUSWANDERN die ZWEITE
Irgendwie besaß meine Lernfähigkeit eine Trägheit. Zumindest bildete ich mir mal ein, beim zweiten Mal alles schlauer zu machen. Ich unterschätzte den Faktor „DUMMHEIT, WELTWEIT!“
Irgendwann saß ich mit meinem Mann umringt von unseren Haustieren gemütlich am Kamin im winterlichen Andalusien und hatten die Erkenntnis, dass wir nicht wirklich ausgewandert waren. Spanien war uns durch die vielen Aufenthalte sehr vertraut. Mein Mann machte schon in den 70igern seinen Segelschein auf Mallorca. Wann immer es Schnäppchenangebote gab, rutschte man mal rüber ins Land der Sonne.
Nun saßen wir im Ruhesessel vor loderndem Feuer auf einer landesweiten Baustelle. Der nächste Golfplatz fraß sich in die Berge und hinterließ rötliche Narben. Kein „Pieps“ von Wasserknappheit, Vergeudung des kostbarsten Elements. Nichts gegen Golf. Ein schöner Sport. Nur wenn man von Málaga aus nach Osten oder Westen fährt, reihen sich die ewig durstigen Sportplätze zu einer langen Kette aneinander. Umsäumt von Appartementhäusern mit dem unwiderstehlichen Kick, beim Frühstück in der freien Natur, vom Golfball getroffen zu werden. Das kostet dann wieder Wasser. Allerdings in Form von Eis, zum Kühlen.
Bei der zweiten Flasche Rotwein am Kamin stand uns die ganze Welt zur Verfügung. Eine aufregende Erkenntnis. Wochenlang blätterten wir im Atlas rum und erstellten Listen. Dabei sprangen wir mit den Fingern quer über den ganzen Globus. Auf der einen Liste erstellten wir unsere Wünsche: Meer, Klima wie in Andalusien, Lebensform wie in Andalusien vor 15 Jahren, weißer Strand mit Palmen wie nicht in Andalusien, Segel-und Angelmöglichkeiten, grünes Land, Wasserreichtum. Die Liste war schnell gefüllt mit Träumen. Mein Mann setzte noch geheimnisvoll was hinzu. Nichts da SCHÖNE WEIBER, sondern WENIGE DEUTSCHE! Wir lachten herzlich und schrieben den nächsten Punkt auf: gute Weingegend, frischer Fisch, Chemiefreies Fleisch, ungespritztes Obst….ok, zurück zur Realität.
Die zweite Liste enthielten die Länder, die aus politischen, kulturellen, klimatischen und sonstigen Gründen nicht in Frage kamen. Auch diese Liste wuchs sehr schnell. Die dritte und wichtigste Liste bestand aus den Favoriten der. Länder, die wir genauer betrachten wollten.
Mit Hilfe von Internet und Foren bekamen wir einen sehr guten Einblick. Informierten uns über Thailand, Singapur und Karibik. Besuchten mit dem PC die ABC-Inseln, machten einen Stopp in der Dominikanischen Republik und landeten in Venezuela auf der Isla Margarita.
Unmerklich wurde die Liste mit den Weltmöglichkeiten immer kürzer.
Irgendwann stieß ich auf Uruguay. Ein Posting von einem Uruguayaner, namens Miguel, „Natürlich ist mein Land sicher. Natürlich kann meine Frau alleine nachts aus dem Haus gehen…..380 km weißer Strand, gemäßigtes Klima…“ machte mich neugierig. Mein Mann blieb kritisch, da man eigentlich wenig über Uruguay wusste. Da war man über Paraguay besser informiert. Aber die Atlantikküste und die zahlreichen Flüsse veranlassten uns sich mit Uruguay zu beschäftigten. Es dauerte nicht lange und wir entschlossen uns zur einer Schnuppertour.
In meiner Aufregung erzählte ich es allen Bekannten in Spanien. Waren das doch Gleichgesinnte, die ihre Heimat verlassen hatten um bessere Lebensqualität zu finden. Für unsere Mitmenschen in Deutschland war die Ansichtskarte aus Montevideo geplant.
Und dann passierte das Unfassbare. Es wiederholte sich die gleiche Geschichte wie in Deutschland.
Diesmal handelte es sich um lockere Bekannte, die uns die Pläne unbedingt ausreden wollten. Menschen mit negativen Erfahrungen wurden gesammelt. Bei der ersten Person stellte sich heraus, dass sie mit der Dominikanischen Republik nur Schwierigkeiten hatte. Zwar über 6OOOkm von Uruguay entfernt und selbst nie gesehen, aber Südamerika wäre Südamerika.
Ah..ja!
Den zweiten Augenzeugen verpassten wir, da er schon wieder nach Deutschland geflüchtet war. Aus dem Grauen der Gettos, Sicherheit nur mit Waffengewalt, subtropisches Klima, einzige Kultur nur durch Deutsche, hauptsächlich Nazideutsche, kriminelle Eingeborene, die nie eine Schule gesehen haben. Als ich einen Witz machen wollte, ob vielleicht Kuwait (ausgesprochen Kuway)oder Paraguay gemeint sei, war man ernsthaft entrüstet, weil das so wieso alles das gleiche sei. Aha! Liegt ja auch alles dicht beieinander.
Für einen Moment war ich sprachlos. Mein Gehirn hatte die Tröpfelblokade. Menschen die nicht wissen, wie Uruguay geschrieben wird, geschweige wo es liegt, haben den totalen Durchblick möglicher Katastrophen.
Wir versuchten mit unseren Freunden PePe (Peter und Petra) die Beweggründe zu diskutieren. Sie hatten es hautnah mitbekommen und grübelten genau so wie wir.
Der eine ist glücklich mit einem unverbaubaren Blick auf eine lärmende Schnellstrasse, in totaler selbst gewählter Abhängigkeit und der andere sucht Urlaub forever.
Warum kann der Mensch nicht einfach tolerieren. Glauben die Schwarzmaler, dass sie ihre Ängste auf andere übertragen können?
Es ist nur ein Umzug. Ob der Hausrat drei Stunden, drei Tage oder drei Wochen unterwegs ist, hat keinen Einfluss auf die Tatsache, dass die Sachen von Punkt A nach Punkt B transportiert werden. Deutschland macht nicht hinter uns die Tür zu. Aber wir freuen uns auf die nächsten Jahre. Neuland!
Ich wünsche allen, dass sie ihr Glück finden. Mein Mann träumt von einer Weltreise mit dem Schiff, ich vom weißen Strand und Zeit für meine Kreativität. Vielleicht finden wir alles. Aber wer nicht danach sucht, bleibt in den Träumen stecken und wacht eines Tages auf und nichts ist mehr da.
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