KumoriTakano 

Status: Offline Registriert seit: 15.01.2007 Beiträge: 2250 Nachricht senden | Erstellt am 08.07.2008 - 16:47 |  |
So, da ja Amaya Interesse gezeigt hat gehts hier weiter, aber damit ich nicht 10 verschiedene Themen aufmachen muss poste ich hier die ersten beiden nochma rein und dann alles fortfolgende auch ^^ Rückmeldungen sind immer erwünscht =)
Engelsschwingen
Amor Egregius (Latein = Aussergewöhnliche Liebe)
An einem warmen Abend im Frühling spürte die junge Mutter, wie die Wehen einsetzten, das Kind drängte, das Licht der Welt zu erblicken. Sie wusste, die Strafe würde hoch sein, würde jemand erfahren, dass sie, eine Menschenfrau, sich in einen Engel verliebt hatte. Der Seitensprung, die Nacht mit ihm müsste vertuscht werden, die Spuren geschickt verwischt. Ansonsten würde sie mit ihrem Leben bezahlen. Nie hatte sie verstanden, warum man solch wundervolle anmutige Wesen verachtete, ihnen ihre zarten Flügel stutzen wollte. Doch wenigstens ihr Kind sollte jenseits von diesem Krieg aufwachsen, im Reich der Engel. Sie rannte und rannte unaufhaltsam in die Dunkelheit der Nacht, floh vor dem, was sie selbst war. Doch das kleine Dorf schien an jenem Abend wie ausgestorben, als würden alle betreten Schweigen, auf Grunde dessen, was noch kam und doch wusste noch niemand davon.
Ungestört liess sich die Frau nieder auf einer Lichtung, welche im Mondeslicht beinahe geisterhaft wirkte. Die langen Grashalme wogen sich in der Abendluft, der Mond flutete die Wiese im schönsten silbernen Licht, liess die geschlossenen Knospen der Margeriten aufleuchten. Dem ganzen Bild wurde etwas mystisches gegeben durch den Dunst, der so dicht über dem Boden lag, dass man die eigenen Füsse nicht erkennen konnte. Mitten auf der Lichtung stand er, sein zart definiertes Gesicht mit geschlossenen Augen dem Himmel entgegen gerichtet, seine schneeweissen Schwingen eng an den Körper angelegt.
‚Willkommen! Ich habe dich bereits erwartet.’ klang seine Stimme mit dem Wind. Er war gekommen um der Frau bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes beizustehen, doch auch bei ihm würde es nicht verweilen können. Zusammen hatten die beiden beschlossen, es in andere Hände zu geben. ‚Danke!’ hauchte die Frau mit schwacher Stimme und liess sich auf die Knie fallen. Es war so weit. Ihr weisses Stoffkleid klebte ihr am Körper, durch ihren Schweiss durchnässt. Doch, das war etwas, was sie momentan kaum störte. Unwichtig. Nebensache. Ein gewaltiger Schmerz durchfuhr ihren Körper und sie krümmte sich krampfhaft zusammen, begann zu pressen.
Nach einer Weile hatte sie das Kind geboren, ein Schrei war zu vernehmen und der gross gewachsene Engel durchtrennte die Nabelschnur. Behutsam hob er das kleine Mädchen auf den Arm und betrachtete es. Die Haut schimmerte porzellanfarben und die Haare waren silbern, so wie die des Vaters. Die Mutter lehnte sich erschöpft zurück und lächelte sanft, nahm die Hand des Neugeborenen und nickte dann ihrem Geliebten zu. Ihr Gesicht war sehnsüchtig verzogen. Sie wusste, sie würde ihre Tochter nie mehr sehen. Nur noch ein leises Rauschen war zu vernehmen und eine weisse Feder segelte zu Boden, dann war der Engel verschwunden, nicht mehr zu entdecken. Er hatte das kleine Mädchen fortgebracht, in eine Familie, in der es friedlich aufwachsen konnte. Auch er nahm nur kurz die Hand des Kindes, liess es dann schweren Herzens liegen und zog sich in seine Wohnung zurück. Das einzige, was bei dem Kind zurück blieb war eine warme Decke und ein kleiner Zettel, auf dem mit schwunghaften Buchstaben der Name ‚Enola’ notiert war.
All dies wusste Shuen nicht, wie auch? Er war zwar ein Engel, kam jedoch aus einer ganz anderen Familie. Und das einzige, was er momentan Tag für Tag tat, war hinter der Schulbank hocken und den monotonen Alltag zu erleben. Er hatte eine seltsame Gabe, um die ihn einige seiner Artgenossen beneideten, andere bewunderten ihn. Egal, was er während der Schulstunden machte, ob er schlief, ob er zeichnete oder einfach desinteressiert aus dem Fenster schaute. Immer schrieb er gute Noten und immer hatte er die richtigen Antworten auf die Fragen der Lehrer. Als ob das nicht genug wäre, war Shuen ausserdem sehr gut aussehend, etwas besonderes unter den Engeln. Seine Flügel waren nachtschwarz, genau so wie seine Haare, etwas das sehr unnatürlich war für einen Engel. Seine Haare trug er etwas länger, jedoch nur gerade so, dass er mit den Händen hindurch fahren konnte und sie geordnet waren. Das einzige typisch engelhafte an dem Jungen war die porzellanfarbene Haut, die stechend blauen Augen, und die Tatsache, dass auf seinem Rücken Flügel sprossen. Wen interessierte es, ob er weisse Flügel besass oder nicht. Seine Familie liebte ihn über alles, er hatte viele gute Freunde und neben der Schule war sein Leben eigentlich recht interessant. Das war alles was für ihn zählte, schliesslich war er erst sechzehn Jahre alt. Er hatte noch sein ganzes Leben vor sich und eine so grosse Auswahl was er machen wollte, so dachte er. So dachten alle in seinem Alter. Doch ihnen allen war es vorbestimmt, was sie tun sollten. Sie waren die Generation, die bestimmt war, den Menschen zur Seite zu stehen. Sie waren die ‚auserwählte’ Generation. Schutzengel. Sie waren die einzigen Hoffnungsträger der geflügelten Wesen. Sie allein vermochten es, Frieden in den Umgang der Menschen und Engel zu bringen. Keiner wusste, dass sie schon bei ihrer Geburt dafür verpflichtet wurden. Und so sassen sie alle da, den Kopf nach vorne gerichtet, die Augen am Lehrer haftend. Alle versuchten sie einigermassen interessiert in die Welt zu blicken - was nicht allen gelang – doch mit Gedanken waren sie alle irgendwo anders. Ob auf dem Fussballplatz, in den hohen Lüften oder bei der neuen Schülerin, die heute ankommen sollte. Ausnahmslos jeder nahm nicht am Unterricht teil. Mittlerweilen schien auch der Lehrer ziemlich gelangweilt, da es ihm nicht entging, für wen er eigentlich erzählte und referierte. Ein Klopfen an der Türe riss die Klasse wieder auf den Boden der Realität und als hätten sie es jahrelang einstudiert drehten sich alle Köpfe synchron in die Richtung der Tür. ‚Da hat jemand angeklopft.’ Die Bemerkung kam aus der Klasse, als hätte es der Lehrer nicht bemerkt, doch schnell wie er war, stand er bereits bei der Tür und stiess diese auf. Seine Stimme wurde leise, so dass sie nicht mehr zu hören war für die Klasse, doch heute schien niemand in Laune für ein Gespräch. Alle blieben still sitzen, interessierten sich nur für die neue Schülerin. Nur einige Mädchen steckten ihre Köpfe zusammen, besprachen kurz, dass die Neue vielleicht jemand wäre für in ihre Clique. Die Jungen mussten nichts sagen, ihre Blicke sagten schon alles. Sie wünschten sich mal wieder eine neue Schönheit in die Klasse, ein spannendes Mädchen, das sie noch nicht kannten. Doch als jene zur Tür hineintrat blieb einigen Schülern der Mund offen stehen. Sicher waren alle Engelsmädchen hübsch, doch so etwas hatten sie noch nie gesehen. Die Flügel des Mädchens schienen weisser, als all die anderen in dem Raum und ihr silbern schimmerndes Haar glitzerte und funkelte, umschloss ihre schlanken Schultern. Ihre schöne Erscheinung schien alle beinahe zu blenden, doch das Mädchen reagierte so, als würde sie diese Reaktion bereits kennen. Ein Lächeln ihrerseits entblösste ihre perfekt angeordneten Zähne und sie kam zu Wort. ‚Guten Tag. Ich bin Enola.’ stellte sich die Schönheit vor. ‚Ich bin mit meiner Familie umgezogen und war daher gezwungen die Schule zu wechseln. Falls ihr irgendetwas über mich in Erfahrung bringen wollt, zögert nicht. Fragt ruhig.’ Doch keiner brachte beim Anblick eines solch perfekten Wesens eine Frage über die Lippe. Es wäre beinahe unhöflich gewesen, jemanden wie sie etwas zu fragen. Mit ihren Augen suchte Enola die Klasse ab und blieb hängen an einem ungewöhnlichen Bild. Shuen. Ein Engel mit schwarzen Flügeln und schwarzen Haaren. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Fasziniert liess sie den Blick auf dem schlanken Jungen ruhen, ehe sie ebenfalls von seinen stechenden Augen erfasst wurde. Ihre Blicke trafen sich nur für kurze Zeit, dann blickte Enola beschämt zu Boden. Nicht weil sie das Gefühl hatte, noch nie einen hübscheren Engel gesehen zu haben, sondern wegen dieser Anziehungskraft. Sie hatte das Gefühl, mit diesem Jungen durch ein Band verbunden zu sein, welches sie immer wieder zusammen führen würde. Dies musste der Eine sein. Shuen, der Schwarzhaarige, empfand seltsamerweise dasselbe für das hübsche Mädchen. Sein Blick ruhte noch immer auf dem Körper von Enola und musterte sie unschiniert. Dann wandte er den Kopf wieder ab, blickte zum Lehrer. Er zeigte nicht so deutlich wie Enola, was er empfand. Doch sein Herz zog es zu ihrem hin, er wusste, dass sie die Richtige war. Und als wären die beiden tatsächlich durch ein Band verbunden wussten sie voneinander wie sie fühlten. Da jedoch der Lehrer mit dem Unterricht fortfahren wollte, blieb kein Platz mehr für Gefühle, denn er schlug ein neues Thema an, was bedeutete, dass es bald eine Prüfung geben würde.
Erst nach einer weiteren Schullektion waren die Schüler von ihrer Qual befreit und packten die Bücher in ihre Mappe. Kaum waren alle aufgestanden scharte sich auch schon alles um das neue Gesicht. Enola. Erst jetzt getraute man sich, Fragen zu stellen. ‚Wo kommst du her?’ ‚Darf ich mal deine Haare berühren?’ ‚Warum seid ihr umgezogen?’ All diese Fragen schienen so sinnlos und gingen an dem Mädchen vorbei, so wie ein Fluss an einem Stein vorbei floss, denn einer hatte sich nicht wie alle andern zu ihr gesellt. Shuen war aufgestanden und hatte das Zimmer ohne einen letzten Blick auf Enola verlassen. Er war verwirrt. Verwirrt über dies starke Gefühl, welches er der Fremden gegenüber empfunden hatte. Die Tür des Schulgebäudes liess er hinter sich zufallen und ging einfach ziellos gerade aus. Er kannte sich gut aus in dieser Umgebung, schliesslich zog er hier oft umher.
Als er den Waldrand erreicht hatte setzte er sich auf die Wurzeln einer alten Eiche und blickte zu seinen Füssen, wo einige Blumen blühten. Er streckte seine Finger aus und zupfte eine weisse Blüte aus, nahm sie zu sich hin und betrachtete sie von allen Seiten, währenddem er nachdachte. Viel hatte er gehört über die grosse Liebe. ‚Du weißt einfach, wenn sie da ist.’ hörte er die Stimme seines Vaters im Hinterkopf. War diese Fremde tatsächlich seine grosse Liebe? Konnte dieses Gefühl so intensiv sein? So viele Fragen und doch keine Antworten. Er schloss die Augen, lehnte sich an den dicken Stamm und versuchte erst mal seine Gedanken zu ordnen, was jedoch nicht ganz einfach war. Doch mitten im Moment der Harmonie, der absoluten Ruhe, riss er die Augen auf. ‚Enola…’ Seine Stimme war leise und doch bestimmt, er hatte das Band wieder intensiver spüren können, was nur ihre Anwesenheit bedeuten konnte. Und tatsächlich war sie schon bald zu sehen, wie sie auf ihn zu ging. ‚Du kennst dich hier aus?’ Wieder eine sinnlose Frage, schliesslich wusste er die Antwort schon, wollte es aber nicht wahrhaben. Sie schüttelte nur den Kopf, so dass ihre silbernen Haare wild durch die Luft flogen. ‚Ich habe dich gefühlt.’ Ihre warme sanfte Stimme schien die Sinne des Engeljungen zu berühren, was man auch erkennen konnte, obwohl er es zu verbergen versuchte. Enola setzte sich nur lächelnd neben Shuen und blickte ebenfalls auf die Wiese. ‚Es ist schön hier.’ kommentierte sie seinen Platz. Er wusste, dass sie genau so verwirrt war wie er und so beschloss er, das Thema nicht weiter zu umgehen. ‚Seltsam. Du stehst da in der Türe, eine Fremde, die Neue. Und doch muss ich dich nur ein einziges Mal ansehen und habe das Gefühl, dich schon seit Ewigkeiten an meiner Seite zu wissen. Illusion? Warum spüre ich dann, dass du das selbe fühlst?’ Seine direkte Art ermöglichte ihm, all das, was er dachte auszusprechen, doch bei ihr hätte er wohl alles ausgeplaudert, egal ob es seine Art war oder nicht. Da war einfach ein seltsamen Gefühl der Wärme und der Geborgenheit, nur weil sie da war. ‚Ich bin übrigens Shuen.’ Er hatte nicht einmal bemerkt, dass er sich nicht vorgestellt hatte, zu viele Gedanken schwirrten umher. Enola nickte kurz, als er sich vorgestellt hatte, versuchte dann eine Erklärung für seine Gedanken zu finden. ‚Ich weiss es nicht, Shuen. Und ich kann es auch nicht wirklich deuten, dass ich gefühlt habe, wo du bist. Doch es hat mich zu dir gezogen, ich musste mit dir sprechen. Wenn ich dir eine Frage stellen darf. Warum weicht dein Aussehen so sehr von dem der anderen Engel ab?’ Auch ihre Frage war sehr direkt, aber keinesfalls unangemessen. Schon so viele hatten diese Frage gestellt. ‚Keine Ahnung. Ich gleiche weder meinem Vater, noch meiner Mutter. Sie beide sind normal.’ Als er es aussprach klang es hart, wie er sich selber als abnormal bezeichnete, aber Shuen hatte sich längst mit seinem Aussehen abgefunden. Schliesslich war er nicht gerade hässlich. Enola schien zufrieden gestellt, was jedoch kein Wunder war, wenn sie fühlen konnte, was er fühlte. Sie würde wissen, dass er zufrieden war mit sich. Genau so zufrieden wie mit dem jetzigen Moment. Er mochte es, das hübsche Engelsmädchen um sich zu haben, obwohl er es für nicht richtig empfand, wie sie schon nach dem ersten Blickkontakt für einander fühlten. ‚Dein Aussehen kann man aber auch nicht gerade als durchschnittlich bezeichnen. Von wem hast du deine aussergewöhnliche Schönheit geerbt?’ fragte er und zum ersten Mal seit er Enola begegnet war, legte sich ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht. Ein warmes freundliches Lächeln. Der Kehle Enolas entglitt ein klanghaftes beinahe singendes Lachen, wunderschön anzuhören. ‚Auf diese Frage würde die exakt selbe Antwort passen, die du mir soeben gegeben hast.’ Shuen lächelte noch immer, begann sich Enola genauer anzusehen. Zu ihren silbernen Haaren passend trug sie eine weisse Bluse mit einem runden Ausschnitt, die ihr wie angegossen eng am Körper sass. Wiederum passend zu der Bluse hatte sie einen kurzen weissen Stoffrock übergezogen, so dass ihre langen Beine überaus gut zum Vorschein kamen. Wohl das genaue Gegenteil von Shuen. Er trug einen schwarzen Baumwollpullover, der seine muskulöse Brust elegant zur Geltung brachte und dazu eine Jeanshose. Obwohl sie so gegenteilig waren zog das ungewöhnliche Paar die Blicke der Spaziergänger auf sich. Zwei scheinbar perfekte Engel und doch Gegensätze. Wie die beiden da hockten, miteinander sprachen und Shuen immer noch die weisse Blüte in den Händen, gab ein Bild perfekter Harmonie. Alles schwieg, nur die Vögel sangen ihr einsames Lied, begleiteten die Worte der beiden Engel.
Als es schliesslich dunkelte sassen die beiden noch immer in vollkommenem Einklang nebeneinander, beide vor sich hinschweigend. Trotzdem schienen sie mit einander zu kommunizieren auf Gefühlsebene. Enola entschied sich schliesslich dazu, die Frage hemmungslos auszusprechen, die sie am meisten quälte. Ihre Stimme war nun leiser und wirkte etwas unsicher, verlor aber nicht an Melodie. ‚Ist das Liebe, Shuen?’ Sie hatte also tatsächlich ähnliche Gedanken gehabt wie er. Er zuckte nur mit den Schultern und drehte seinen Kopf seitlich ab, so dass er sie anblicken konnte. Als auch sie ihren Kopf ihm zuwandte und sich ihre Blicke wieder trafen, spürte er wieder diese Anziehung, die von ihnen ausging. Ihre Herzen suchten sich wie zwei Magneten. ‚Wie kann das sein?’ hauchte Enola leise. In den Augen von Shuen konnte man nun ein Glitzern entdecken. Seine blauen Augen erzählten von Zuneigung und Verlangen, er liess alle Gefühle zu. Langsam neigte er sich der Schönen entgegen und legte seine Hand unter ihr Kinn. Als sich ihre Lippen zärtlich berührten, verschmolzen sie zu einem innigen Kuss und die Gefühle schienen plötzlich wie elektrische Stösse durch den Körper zu strömen. Shuen spürte, wie Enola die Arme um seinen Hals legte und sich etwas an ihn drückte, was ihm die Bestätigung gab, dass er nichts getan hatte, was nicht in ihrem Willen lag. Doch er wusste, dass er etwas getan hatte, was ihm sein Verstand verboten hatte. Sein Herz zog ihn direkt zu diesem Engelsmädchen, doch sein Verstand wollte noch immer nicht begreifen, was gerade passierte. Shuen beendete den Kuss und strich mit seiner rechten Hand über ihre Wange. ‚Warum habe ich dich erst jetzt getroffen…’ sagte er leise und lächelte sanft. Sie beide waren von diesem Moment an überzeugt, dass es Liebe war, sie waren sich sicher, die Person fürs Leben bereits gefunden zu haben. Auch an der Schule gingen schnell Gerüchte. Überall wurde von ‚dem Traumpaar’ erzählt. Sie waren beinahe legendär durch ihre Schönheit und ihr perfektes Zusammenpassen.
Schon am nächsten Tag betraten sie Hand in Hand das Schulgelände, versuchten nicht einmal ihre so abrupt begonnene Beziehung zu verbergen. Keiner schenkte ihnen fragwürdige Blicke, so hatten doch alle das Gefühl, dass die beiden füreinander geschaffen waren, denn wenn sie zusammen waren, ging von ihnen eine ungeheure Ausstrahlung aus. Eine Art Magie, die jeden mit sich zog, in einen Rausch voller Glücksgefühle stürzte. Shuen und Enola hätten wohl während dem Unterricht so gut wie alles machen können, nicht einmal die Lehrer brachten den Mut auf, die beiden zu trennen, wenn sie beieinander waren. Es war normal für jeden, eine Beziehung zwischen den beiden gegensätzlichen Engeln zu sehen, wenn es doch ziemlich speziell war. Shuen, der an seiner Schule ohnehin schon beliebt war, genoss von der weiblichen Seite her noch mehr Ansehen, doch keine einzige hätte es gewagt, sich zwischen die beiden zu stellen. Zu stark war die Magie, die von dem Engelspaar ausging.
Von diesem einen Tage an verbrachte Shuen jede einzelne Sekunde seiner Freizeit mit seiner Geliebten, sie unternahmen alles zusammen und stritten sich nie, gerieten sich nicht einmal in die Haare. Oftmals unterhielten sie sich auf Gefühlsbasis, so dass kein anderer mitbekommen konnte, was sie kommunizierten. Und oftmals hörte man Leute raunen. ‚Sie verstehen sich sogar ohne Worte.’ Und es war so. Doch die Harmonie des Liebespaares sollte schon einige Wochen nach Beginn der Beziehung zerstört werden. Niemand hatte sich so etwas gedacht, als eine Menschenfrau ihr Reich betrat. Die Meisten hatten geglaubt, es sei einfach ein Mensch, der nicht mit Engeln verfeindet war. Dem war auch so, doch viel mehr war sie Enolas leibliche Mutter. Niemand wusste davon, nicht einmal Enola, schliesslich war sie gleich nach Geburt zu einer anderen Familie gegeben worden.
Es war nichts besonderes, dass sich die Frau für Enola und Shuen interessierte, nicht einmal, wenn sie ein Mensch war. Jeder interessierte sich für die beiden Engel. Mehr verwunderlich war der besorgte Gesichtsausdruck auf dem Gesicht der jungen Mutter, als wäre sie in Sorge um das Wohl ihrer Tochter. Doch das erste Problem würde sich ihr erst offenbaren, wenn sie versuchen würde, Enola zu erklären, dass sie, eine Menschenfrau, ihre Mutter war. Lieber wollte sie zuerst mit Shuen reden, denn er würde das ganze vielleicht eher verkraften.
Am nächsten Morgen hatte sie sich bereits über den Aufenthaltsort Shuen erkundigt. Er würde die Nacht bei Enola verbringen. Hoffentlich komme ich nicht zu spät. Die Frau war nervös, wusste nicht genau wie sie das Gespräch beginnen sollte. Doch als Shuen das Haus verliess folgte sie ihm bis an den Waldrand und näherte sich ihm langsam, legte ihm die Hand auf die Schulter, damit er sie bemerkte. Verwundert drehte er sich zu der Menschenfrau um. ‚Du bist Shuen, nicht war?’ fragte sie und ein warmes Lächeln umspielte ihre Lippen. Er gab keine Antwort, liess seine blauen Augen nur auf ihr ruhen und nickte. ‚Wer seid ihr?’ Seine Rückfrage folgte erst, als die Frau einen Moment schwieg, scheinbar in Gedanken abdriftete. ‚Es ist unwichtig wer ich bin, doch ich würde dir gerne eine Geschichte erzählen, die für dich ziemlich wichtig sein könnte. Hast du einen Moment Zeit?’ Der junge Engel willigte ohne zu zögern, mit einem weiteren Nicken, ein und setzte sich wieder zu der Eiche, wo er Enola zum ersten Mal geküsst hatte. Er deutete der Frau, sich ebenfalls zu setzen.
‚Ich werde zuhören, ohne Sie zu unterbrechen.’ versprach er ebenfalls mit einem Lächeln. Die Frau war ihm auf Anhieb sympathisch gewesen. Nun legte er die Hände auf seine Beine und wartete die Geschichte ab. Das Lächeln der Frau erstarb auf ihren Lippen und sie begann. ‚Vor sechzehn Jahren gab es eine Geburt auf einer Lichtung in der Menschenwelt. Eine Frau, die schwanger war von einem Engel.’ Sie erzählte ihm die ganze Geschichte, erzählte ihm von der Geburt Enolas und er lauschte geduldig ihren Worten. ‚Dies Engelsmädchen, welches geboren wurde, bekam den Namen Enola. Kaum war sie geboren, wurde sie von ihrem Vater, dem Engel, weggebracht in die Engelswelt. Niemand sollte von der Affäre erfahren und so sollte Enola bei Pflegeeltern aufwachsen. Doch es geschah etwas, von dem niemand wusste, ausser der Mutter. Kaum war der Vater verschwunden, setzten weitere Wehen ein. Die Menschenfrau sollte Zwillinge gebären. Auf das Engelsmädchen mit dem silbernen Haar, folgte ihr genaues Gegenteil. Ein Junge, rabenschwarze Flügel, rabenschwarze Haare und doch unendlich hübsch. Er …’ Sie machte eine kurze Pause während der Erzählung, schluckte schwer und richtete ihre Augen auf den Boden. ‚Er bekam den Namen Shuen und wurde ebenfalls in eine Pflegefamilie gegeben.’ Nun stoppte sie, blickte besorgt zu dem Jungen neben ihr. Seine Augen hatten sich geweitet und er starrte die Menschenfrau an. ‚Du lügst!’ fuhr er sie an, seine Stimme laut und abweisend. Das konnte nicht sein. ‚Woher solltest du all das wissen?’ Seine Frage war nun eher provozierend an die junge Frau gerichtet. Diese senkte nur wieder ihren Blick. ‚Weil … ich die Geburt miterlebt habe. Am eigenen Leibe. Es tut mir leid.’ In diesem einen Moment konnte sie es sich nicht verzeihen, die Kinder je von ihr weggegeben zu haben, doch rückgängig machen konnte sie es nicht. Shuen lehnte sich leicht nach vorne, es fühlte sich an, als hätte ihm gerade jemand einen Schlag in den Magen verpasst und ihm wurde übel. ‚Nein…’ hauchte er fassungslos. Er verschwendete keinen Gedanken daran, dass diese Frau gerade gesagt hatte, sie sei seine Mutter, das einzige was ihn interessierte war, dass er seine eigene Schwester liebte, wie eine Lebensgefährtin, dass er sie geküsst hatte und mit ihr die Nacht verbracht. ‚Das darf nicht sein…’ Er liess sich nach vorne fallen auf die Knie und krallte seine Finger in die langen Grashalme, krümmte sich, als hätte man ihm so eben sein Herz zerrissen. ‚Es kann nicht sein…’ Doch ihm war klar, dass diese Frau, seine Mutter, die Wahrheit erzählte, denn das Band, das er gefühlt hatte, war dasselbe Band, das Geschwister mit einander verband. Darum, und aus keinem anderen Grund konnten sie vom anderen fühlen wie es ihm geht. Genauso würde Enola nun seine Schmerzen fühlen. Schon wenige Minuten später tauchte Enola auch auf am Waldrand, erblickte eine Frau und den sich krümmenden Shuen. Sofort lief sie zu ihm, wollte ihm helfen aufzustehen. Doch dieser schüttelte nur energisch den Kopf. ‚Nein!’ Kamen seine Worte bestimmt, er wusste, dass er es sofort beenden musste, auch wenn es ihm das Herz brach. Fragend blickte sie ihn an, trat verwundert einen Schritt zurück. Shuen deutete mit dem Kopf auf die Frau, die nun das Engelsmädchen genau so besorgt anblickte wie zuvor den Jungen. ‚Deine Mutter…’ Kamen seine Worte. ‚Unsere Mutter.’ Folgte sogleich das, was ihm am liebsten erspart worden wäre. ‚U.. unsere?’ Ihre Stimme war zittrig und sie wurde immer unsicherer. ‚Ihr seid Zwillinge.’ erzählte die Frau nun auch Enola, deren Reaktion beinahe gleich ausfiel wie bei Shuen. Ihre Beine schienen ihr Gewicht nicht mehr tragen zu können und auch sie sackte zu Boden, blickte auf zu der Frau. ‚Bitte…’ flehte sie. ‚Sagen Sie mir, dass es nicht wahr ist.’ Ihr Blick war bittend, als würde es um ihr Leben gehen, doch die Frau schüttelte den Kopf. ‚Dies Band, das euch zu einem Paar gemacht hat, es wird euch stets zusammen halten, doch als Geschwister. Die Magie, die von euch ausging, als ihr zusammen wart, sie wird euch begleiten auf eurem Weg. Ihr beiden, seid die Auserwählten. Ihr werdet eure Generation zu ihrer Aufgabe führen. Zu erfahren, dass ihr Zwillinge seid, sollte euch erst später wiederfahren, doch ich konnte nicht mitansehen, wie ihr euch liebt und doch nicht wisst, wer ihr seid und wie ihr miteinander in Verbindung steht.’ Silbern schimmernde Tränen rollten über die Wangen Enolas, fielen zu Boden und versickerten sogleich. Zwei so wunderbare Geschöpfe waren zutiefst verletzt, von den Wolken direkt auf den Boden geschmissen worden. Jetzt waren sie also nicht nur Zwillinge, sondern auch Auserwählte. Wie toll. Genau das, was die beiden hören wollten.
Ein Hauch des Lebens (Deutsch ^^)
Als die Abenddämmerung langsam einsetzte, waren die drei Gestalten noch immer am Waldrand zu beobachten. Die Menschenfrau sass noch immer in der genau gleichen Haltung, mit einem besorgten Gesicht, auf der Wurzel und Enola hockte auf dem Boden, starrte verloren in den Wald hinein, fühlte sich, als hätte man ihr ihren Lebensinhalt gestohlen. Nur Shuen hatte sich verändert, seitdem er es erfahren hatte. Seine Augen funkelten kalt, abweisend und in ihnen konnte man keinen Funken Freundlichkeit erkennen. Das zuvor so perfekt geformt scheinende Gesicht, wirkte nun hart und kantig. Er hatte seine Faust zusammen geballt, ging ununterbrochen hin und her, wusste einfach nicht mehr weiter. Währenddem Enola nur an der soeben vollbrachten Trennung herumkaute, waren Shuens Gedanken schon einiges weiter. Wie sollten sie zusammen ihre Bestimmung ausführen, wenn sie einander so liebten und doch der Schmerz zwischen ihnen stand? Der Schwarzhaarige fürchtete sich davor, vor dem, was noch kam, denn es würde mehr Beherrschung denn je brauchen. Hätte er Enola gerne von nun an gemieden, um das Leiden zu mindern, war es doch sein Schicksal, in ihrer Nähe zu bleiben und mit ihr voranzuschreiten. Immer weiter in das Elend hinein.
Erst als sich die Frau erhob und sich ohne Worte zum Gehen abwandte wurden beide aus den Gedanken gerissen und Enola blickte zu der ‚Fremden’ hoch. ‚Danke!’ hauchte sie mit schwacher Stimme. Obwohl es ihr das Herz gebrochen hatte, war sie froh, davon erfahren zu haben. Die Frau brachte nur ein schwaches Lächeln hervor, sah wie sehr sie ihre eigenen Kinder verletzt hatte. So sehr, dass ihr Sohn sie nicht mal mehr anblickte. ‚Lebt wohl.’ Auch ihre Stimme war schwächer geworden und so wandte sie sich schliesslich ab und verliess das Engelsreich wieder, liess ihre Kinder ein weiteres Mal alleine. ‚Shuen...’ Enola versuchte den schwarzen Engel anzusprechen, wurde jedoch abrupt abgewimmelt. ‚Lass mich!’ fuhr er sie an und ging ebenfalls davon. Die Augen des Mädchens weiteten sich unmerklich, waren erschrocken. Nicht von seiner Reaktion oder davon wie er davon gegangen war, sondern von seiner Veränderung. Seine Stimme klang wie aus dem Munde eines Fremden und er hatte seine Worte gesprochen als wäre ihm Enola nicht mehr wert als ein Stück Dreck. Sie senkte den Kopf ab und lehnte sich verzweifelt an den Baumstamm, begann leise zu schluchzen. Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob ihm das alles je etwas bedeutet hatte, denn sie spürte wie die Verbindung zwischen den beiden schwächer wurde. Er versuchte wohl, zu unterdrücken, dass sie gegenseitig die Gefühle spüren konnten. Vielleicht sollte auch sie versuchen, ihre Emotionen besser zu kontrollieren.
Sie liess ihren Kopf nach vorne fallen, vergrub ihr zierliches Gesicht in ihren Händen und liess den Tränen freien Lauf. Es hätte sowieso nichts gebracht, wenn sie den Schmerz verdrängt hätte, irgendwann wäre er aus seinem Käfig ausgebrochen und wie eine Welle über ihr gesamtes Leben gerollt. Die Beine angewinkelt sass das Mädchen da, ihre Schönheit schien verblasst und jegliche Lebensfreude von ihr gewichen. Und währenddem sie da hockte, entfernte sich ihr Bruder immer weiter. Er brauchte Abstand und seine Ruhe. Shuen ging den weiten Weg ins Menschenreich, ohne die Gewissheit, je zurück zu finden. Er wollte mehr erfahren über die andere Welt, mehr wissen über sein Schicksal. Es würde ihn vorerst auf andere Gedanken bringen, ihn ablenken.
Als er das Portal erreicht hatte breitete er seine schwarzen Schwingen aus und liess sich in den Strudel fallen. Mit einem dumpfen Geräusch des Schmerzes prallte er auf den Boden, mitten in eine dunkle Gasse, mitten in den Dreck. Er war einige Meter gefallen und seine Hände waren leicht aufgeschürft, gescheitert beim Versuch, den Körper aufzufangen. Langsam erhob er sich, klopfte sich den Dreck von seiner schwarzen Hose und streckte seine Flügel. Doch da waren keine Flügel. Alles war exakt wie in seiner Heimat, bis auf die Schwingen. Shuen jedoch war überzeugt, dass er auch ohne sie zurecht kommen würde. Würde er mit ihnen doch nur staunende oder verachtende Blicke einfangen, konnte er sich ohne sie total frei bewegen. Neugierig schritt er voran, entschlossen zu vergessen, vielleicht zu entschlossen. Denn er spielte durchaus mit dem Gedanken, den er zuvor noch nicht hatte. Er würde einfach untertauchen in der Menschenwelt, vielleicht würde ihn nie jemand finden.
Enola, die gefühlt hatte, dass das Band nun entgültig gerissen war, suchte sich ihren Weg nach Hause, zu tiefst geknickt, die Haare im Gesicht hängend. Sie betrat das Haus, welches ihr plötzlich so fremd vorkam und blickte sich in der Eingangshalle um, ging dann den Flur entlang zum Wohnzimmer, wo ihre Engelseltern sassen und sich miteinander unterhielten. Das Gespräch wurde abrupt unterbrochen, als Enola im Türrahmen stand. Ihre sonst schneeweisse Kleidung war von Schmutzflecken übersäht und ihre Haare hingen strähnig und schlaff hinunter. Um ihre Augen zeichneten sich grosse rote Augenringe und sie waren leicht angeschwollen. Ihre ‚Mutter’ sprang sofort auf, streckte die Hand nach ihr und wollte sie in den Arm nehmen. Doch Enolas Augen funkelten gefährlich, trotz all der Trauer. Sie wich zurück und schob die Hand der Frau weg. Ihre Stimme war bestimmt, erzählte aber dennoch von all dem Schmerz. ‚Ihr seid nicht meine Eltern?’ Beide blickten beschämt zu Boden, und ebenfalls schienen sie traurig. Sie waren stets stolz gewesen auf ihre Tochter, auch wenn es nicht ihre leibliche war. Sie liebten sie dennoch. Und wäre es nach ihnen gegangen hätte Enola nie erfahren, was am Tag ihrer Geburt geschehen war. ‚Wir wissen nicht wer deine Eltern sind, Enola. Verzeih uns.’ Kam schliesslich die Mutter mit zittriger Stimme zu Wort. Wieder rannen Enola Tränen über die schmutzigen Wangen. ‚ Ich habe heute meine Mutter kennen gelernt...’ Sie stoppte und in ihrem Hals bildete sich ein Kloss. ‚Shuen ist mein Zwillingsbruder.’ Mit diesen Worten wandte sie sich auch schon ab und stürmte die Treppen hoch in ihr Zimmer, liess die Eltern völlig überrascht und schockiert zurück. Denn auch den beiden Engeln war die Harmonie des Paars aufgefallen, sie hatten geglaubt, Enola und Shuen für immer zusammen zu sehen. Doch sie hatten sich wohl genau so sehr wie die beiden selber getäuscht. Die Engelsfrau setzte sich wieder hin und fuhr sich verwirrt mit der Hand durch die Haare.
Schritt für Schritt wagte Shuen in die Menschenwelt und bemerkte immer schneller, dass die ‚fremde’ Welt gar nicht wirklich anders war als die Seine. Noch immer ging er durch das Labyrinth der Strassen, in völliger Dunkelheit, und lauschte dem Wiederhallen seiner Schritte. Alles war aus Stein, alles sah exakt gleich aus. Erbärmlich. Shuen war in einem Vorort einer Stadt gelandet. Ohne jegliche Orientierung stolperte er weiter. Da war etwas in ihm, was ihn immer weiter trieb, die Hoffnung auf etwas besseres. Die Hoffnung, alles zu vergessen, was bisher war. Und er wusste, dass dies nicht schwer war, denn wenn ein Engel zu lange in der Menschenwelt verweilte, neigte er dazu, seine Herkunft und Bestimmung aufzugeben. Für immer.
Sein rechter Mundwinkel zuckte auf einmal nervös zurück und seine Augen funkelten aufmerksam auf. Er hatte Stimmen vernommen. Mit geschmeidigen Bewegungen drückte er sich an einigen Mülltonnen vorbei und konnte dann eine Gruppe junger Männer sehen. Sie schienen nur wenig älter als er und Shuen wollte auch schon das schattige Versteck verlassen, um sich zu ihnen zu gesellen, als er zögerte. Die Männer bildeten einen Kreis und in ihrer Mitte kniete ein Junge, schwer atmend und mit blutverschmiertem Gesicht. Der eine löste sich von dem Kreis und ging näher zu dem verwundeten hin und grinste hämisch. Seine Schultern waren breit, er strotzte nur so vor Kraft und er war der Grösste. Doch dieser, der mit dem Namen Mike angefeuert wurde, ging nicht etwa hin, um dem Schwächeren zu helfen. Mit aller Wucht rammte er dem Bündel am Boden seinen Stiefel in die Magengegend, so dass dieser schmerzvoll aufstöhnte und einiges seines Mageninhaltes hinauswürgte. Mike zog erneut den Fuss nach hinten, um zuzutreten, doch Shuen war schneller. Mit nur wenigen Bewegungen stand er mitten zwischen den Männern und hielt Mikes Fuss in seinen Händen, damit dieser nicht zutreten konnte. Mike wirbelte herum und fixierte Shuen mit seinen wütend funkelnden Augen. Er war bestimmt einen Kopf grösser als der Engelsjunge vor ihm und Shuen war schlank, eher zierlich für einen Jungen. Das letzte was Shuen vernahm war dieses raue Lachen und ein gewaltiger Schmerz auf seiner Nase. Stöhnend ging er zu Boden, fasste mit der einen Hand ins Gesicht, um sie über und über mit Blut bedeckt wieder wegzunehmen. Trotz dem gezielten Schlag und den grossen Schmerzen, hatte sich seine andere Hand eisern um das Fussgelenk seines Gegners geschlossen. Er hatte den Fuss nicht losgelassen. Kurzerhand drehte er seinen Arm, so dass Mikes Bein gefährlich verdreht wurde und dieser ebenfalls zu Boden ging. Er hatte dem zerbrechlichen Jungen keine solchen Kräfte zugemessen und wurde nur noch wütender. Der Kreis der Männer zog sich nun enger um Shuen, sie würden es nicht zulassen, dass man ihren Anführer angriff. Dennoch, in Shuens Augen war kein Funke Angst zu sehen, da war nur dieses kalte Blau, welches einem zu verschlingen drohte. Erleichtert konnte er sehen, wie das vorherige Opfer fliehen konnte, dann jedoch fuhr ein Schmerz durch seinen Körper, wie er es noch niemals gespürt hatte. Ein schriller Schrei entfuhr seiner Kehle und er wurde ohnmächtig, seine Hand angestrengt an die Schulter gepresst. Doch es schien wie eine Erlösung, als er in die Dunkelheit gezogen wurde. Der Schmerz war verschwunden und er spürte die Schläge nicht, die ihm zugefügt wurden. Er driftete ab in eine Traumwelt, in der er die Engel sah, alle Engel, die er kannte. Sie alle standen da, ihr Gesicht schien gefroren und sie starrten ihn an. Dann hoben alle zugleich ihre Hand und zeigten auf ihn, der am Boden kniete. ‚Verräter!’ Die Worte durchdrangen ihn wie ein Messerstich. ‚Verräter!’ Immer wieder hallten die Stimmen in seinem Kopf und schwollen zu einem immer lauteren Geräusch an, bis sein Kopf beinahe zu platzen drohte. Und da wurde es hell vor seinen Augen. Alles war verschwommen, er hörte eine ferne Mädchenstimme und spürte kalte Hände auf seinem Arm. Als die Fremde versuchte, seine verkrampfte Hand von der Schulter zu lösen, schrie er wieder auf, schreckte aber mit dem Oberkörper hoch und versuchte ein klares Bild zu bekommen. Nach und nach konnte er die Gesichtszüge des Mädchens wahrnehmen. Ihr schwarzes Haar fiel lang über ihre Schultern und ihre grossen braunen Augen blickten Shuen halb angewidert, halb besorgt an. Bevor er sich der Sachlage bewusst werden konnte spürte er auch schon die Übelkeit und er neigte sich zur Seite, erbrach seinen gesamten Mageninhalt und würgte Galle. Das Mädchen verzog kurz etwas das Gesicht, dann kramte sie in ihrer Tasche und hielt dem Schwarzhaarigen dann eine Flasche Wasser hin. Mit einem freundlichen Lächeln forderte sie ihn auf, davon zu nehmen. Dankbar griff er zu und spülte seinen Mund aus, trank dann durstig einige Schlücke. Er blickte an sich nieder, sah die zerrissene Kleidung, sah überall Schmutz und Blut. Und dann seine Schulter. Er wusste was das Problem war, doch fürchtete er sich vor einem weiteren solchen Schmerz. Schwankend erhob er sich und stützte sich gegen die Wand. Dann rammte er den herausragenden Knochen in die Wand und seine Schulter reckte sich mit einem lauten Knacksen wieder ein. Der Schmerz raubte Shuen erneut seine Sinne und seine Beine wurden schwach. Doch das Mädchen war bereits aufgesprungen und stützte ihn an seiner gesunden Schulter. ‚Danke.’ stammelte Shuen leise und liess sich von ihr helfen. Sie lächelte schwach. ‚Ich danke dir. Du hast meinem kleinen Bruder geholfen. Nun ist es an mir, dir zu helfen.’ Man sah, wie sich das Mädchen vor der erbärmlichen Gestalt des Engels ekelte und doch scheute sie nichts, wollte sich nun revanchieren. ‚Komm.’ Ihre Worte waren leise und doch so deutlich, dass sich niemand dagegen gewehrt hätte. So stolperte der Engelsjunge an der Seite des Mädchens durch die Gassen, hinein ins Wohnquartier. Sie steuerte auf ein Haus zu, schloss auf und liess Shuen auf dem Sofa platz nehmen. Nur kurz verschwand sie, um sogleich mit einem Frotteetuch und einigen frischen Kleidern auf den Armen zurückzukehren. Sie stiess die Tür zum Badezimmer auf und deutete Shuen mit einer Kopfbewegung, dass er sich waschen und frisch machen konnte. Ebenfalls wortlos nahm Shuen die Sachen entgegen und schloss die Tür hinter sich. Die schmutzigen Klamotten faltete er zusammen und machte einen Haufen. Das heisse Wasser fühlte sich gut an auf seiner unterkühlten Haut und auch seine Wunden wurden ausgewaschen. Vor dem Spiegel dann, konnte er erstmals sehen, wie er zugerichtet wurde. Über seinen Bauch und seine Brust zogen sich einige Schrammen und blaue Flecken, seine Schulter war vollständig lila und am Vorderkopf prangte eine Schramme, die jedoch zum Glück von den Haaren verdeckt wurde. Mit den Händen fuhr er nur kurz durch die nassen Haare, was dem ganzen Frisieren entsprach. Dann schlüpfte er in die neuen Kleider, welche ebenfalls schwarz waren. Nun steckte er in einer schwarzen Jeans, die sich seinen Beinen anschmiegten und doch nicht zu eng waren und einem schwarzen Hemd, welches er nicht bis ganz oben zuknöpfte. Dennoch achtete er darauf, dass man seine blauen Flecken nicht sehen konnte.
Als er das Badezimmer verliess, hockte das Mädchen auf dem Sofa und der Mund blieb ihr weit offen stehen, bei dem Anblick, der sich ihr bot. Der zuvor noch blutige Shuen, hatte seine Erscheinung vollkommen verändert. Die schwarzen Haare umrahmten seine kantigen Gesichtszüge beinahe perfekt, seine Augen glitzerten wie die Tiefen des Ozeans und in seinem Auftreten lag Stolz. Er war stolz und erhaben, aber doch nicht hochnäsig. Und als er die Reaktion des Mädchens bemerkte, verzog sich sein Mund zu einem Lächeln, wo seine blanken Zähne zum Vorschein kamen. ‚Nicht ganz so wie vorher, hm?’ Seine Stimme blieb dennoch in gewisser Weise kalt und vielleicht ein wenig verbittert. Das Mädchen schloss den Mund wieder und lächelte etwas beschämt. ‚Tut mir leid.’ Sie richtete ihren Blick zu Boden. ‚Ich bin übrigens Amy.’ Shuen wusste nicht recht wofür sich die Schwarzhaarige entschuldigte, doch er entschied sich dazu, sich erst einmal zu ihr zu setzen. ‚Shuen.’ Stellte er sich dann ebenfalls vor. Noch immer klebte der Blick des Mädchens an ihm, an seinen Augen, an seinem Körper. Auch das hatte sich nicht geändert, auch in der Menschenwelt galt er als überaus attraktiv. ‚Noch einmal vielen Dank für deine Hilfe. Ohne dich würde ich wohl noch immer verletzt im Schmutz liegen.’ Ein dankbares Lächeln zeigte Amy, dass er es auch wirklich ernst meinte. Diese erwiderte das Lächeln und bedankte sich darauf ebenfalls noch einmal für die Rettung ihres Bruders, als dieser gerade das Wohnzimmer betrat. Sein Gesicht war an einigen Stellen leicht angeschwollen und bläulich verfärbt, doch es zeigte sich bereits wieder ein strahlendes Grinsen auf dem Gesicht des Kleinen. ‚Komm doch mal her, Andreas.’ rief Amy den Kleinen herbei. Sofort kam er her und setzte sich zwischen die beiden älteren. Unterdessen hatte sich Shuen neugierig in dem kleinen Haus umgesehen. ‚Wie kommt es, dass ihr alleine seid?’ Er hatte bemerkt, dass kein Elternschlafzimmer vorhanden war. ‚Unsere Eltern sind bei den Engeln.’ antwortete Andreas und erst jetzt erst fiel Shuen auf, wie klein der Junge noch war, zu klein um alleine in den dunkeln Gassen unterwegs zu sein. Doch das Erwähnen der Engel versetzte ihm einen Schlag. Wie kam es, dass ein so kleiner Junge von Engeln wusste? Und bevor er nachfragen konnte, ergänzte Amy bereits die Aussage Andreas’. ‚Sie sind vor einigen Jahren gestorben.’ Eine interessante Vorstellung, wie Shuen fand und so wandte er sich wieder an den blonden Jungen. ‚Weißt du, deine Eltern sind nicht bei den Engeln, aber sie werden von ihnen behütet und versorgt.’ erklärte er mit einer sanften warmen Stimme und die Augen des Kleinen weiteten sich. ‚Woher weißt du das?’ Seine Neugierde war kaum im Zaum zu halten und er rutschte ungeduldig auf dem Polster des Sofas herum, obwohl die Zeit zwischen Frage und Antwort nicht mehr als zwei Sekunden betrug. ‚Ich war schon einmal da.’ In seiner Stimme spiegelte sich eine Menge Schmerz, als er daran dachte, wie viele er dort oben zurückgelassen hatte. Ohne Abschied, ohne Abmeldung. Er war einfach verschwunden. Er erhob sich und ging in Richtung Tür, öffnete diese langsam und schritt hinaus in den kleinen Vorgarten. Dort setzte er sich mitten auf den frisch gemähten Rasen und blickte auf die Strasse. Ratlos blickte Amy durch die geöffnete Tür nach draussen, währenddem Andreas dem Engelsjungen eifrig nacheilte. ‚Erzähl mir davon!’ Trotz des Schmerzes zeigte sich nun doch ein zaghaftes Lächeln auf Shuens Gesicht, er mochte den kleinen Jungen, der sich so sehr für seine Welt interessierte. ‚Ein anderes Mal werde ich dir davon erzählen. Versprochen!’ Er fuhr dem Jungen durch die Haare und blickte dann nachdenklich zum Himmel.
Enola hatte sich grosse Sorgen gemacht als das Band zwischen ihnen so abrupt gerissen war. Sie konnte nicht mehr fühlen, ob er es nur unterdrückte, oder ob er gar tot war. Sie war noch am selben Abend noch einmal zu der alten Eiche am Waldrand zurück gekehrt und hatte sich hingesetzt. An den Ort, an dem Shuen sass, als sie sich das erste Mal unterhielten. Angestrengt versuchte sie ihn zu fühlen, oder wenigstens zu orten, doch sie scheiterte hoffnungslos und liess den Kopf hängen. Im blassen Mondeslicht schienen die weissen Blüten auf der Wiese vor ihr zu glühen, ihre eigene Geschichte zu erzählen, wie die weit entfernten Sterne. Mit einer solchen hatten Shuens Finger ununterbrochen gespielt, bei ihrer Begegnung.
Die Trauer stand dem Mädchen tief in den Augen, der Schmerz haftete an jedem ihrer Blicke, der in die Ferne starrte. Die Trennung ging ihr nahe. Näher als Shuen. Leicht lehnte sie ihren Kopf gegen den Baumstamm und betrachtete ihre silbernen Haare, wie sie im Abendwind tanzten. Es schien beruhigend, als würden sie sich zur Melodie einer einzelnen Violine sachte wiegen. Ihre Augen schlossen sich wie von alleine und die Müdigkeit überwältigte sie. Sie hatte nicht einmal gewusst wie erschöpft sie war. In ihren Träumen sah sie Shuen, wie sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, wie sie zusammen am Waldrand sassen und stundenlang redeten. Sie sah, wie sie sich zum ersten Mal küssten, sah wie sie lange Spaziergänge machten, glücklich, zufrieden, ohne jegliche Gespräch. Und zu letzt sah sie, wie sie Seite an Seite einschliefen, bevor am Morgen ihre ganze Welt zerstört wurde. Im Schlaf wimmerte sie leise und der Kälte wegen hatte sie ihre Arme um sich selber geschlungen. Leicht wippte sie hin und her, wie apathisch, doch sie war noch immer tief in ihrer Traumwelt. Dann war eine seltsame Veränderung auf ihrem Gesicht zu sehen, es wurde seltsam steinern und doch voller Sehnsucht. Sie streckte ihren Arm nach vorne, versuchte in ihren Träumen Shuen zu erreichen. ‚Komm zurück...’ bat sie ihn flehend, doch seine Augen funkelten nur hasserfüllt. Dann begann er zu lachen. Doch es war ein schreckliches Lachen. Ein Lachen, welches Enola das Herz in Stücke riss, ein boshaftes Lachen. ‚Du bedeutest mir nichts, hast mir nie etwas bedeutet und wirst mir nie etwas bedeuten. Warum sollte ich bleiben?’ Ihre Augen weiteten sich ängstlich und sie fürchtete, ihn nie wieder zu sehen. Erneut versuchte sie nach seiner Schulter zu greifen, doch sie fasste nur in die Leere und schreckte aus ihrem Tiefschlaf. Ihre Stirn war nassgeschwitzt und sie lag noch immer zwischen den Bäumen, mitten im Dreck. Die Dämmerung hatte eingesetzt, doch Enola fühlte sich, als hätte sie kaum geschlafen. Jeder einzelne Teil ihres Körpers schmerzte, da sie auf dem harten Boden gelegen hatte, was ihr das Aufstehen erschwerte. Ein kurzes Ächzen ihrerseits zeugte von der Schwäche in ihren Beinen, sie konnte sich kaum auf Beinen halten. Mühsam stolperte sie nach Hause, wo sich ihre Eltern noch immer sehr besorgt um sie zeigten. Als sie im Türrahmen stand, liessen ihre Beine entgültig nach und sie ging langsam zu Boden, wollte nur noch weiterschlafen. Ihr Vater hob sie vorsichtig hoch und trug sie hinauf in ihr Zimmer. Ihre Haut fühlte sich heiss an und sie schien zu schwitzen. Dennoch bedeckte er zumindest ihre Beine und sprach ihr gut zu, weiter zu schlafen. Ihre Eltern würden sie in der Schule abmelden.
Auch bei Shuen, in der Menschenwelt, war inzwischen eine Nacht vergangen, die er bei Amy und Andreas auf der Couch verbringen durfte. Er hatte ebenfalls das Angebot erhalten, noch eine Weile dort zu wohnen, als Dank für die Rettung Andreas’. Sein Schlaf war tief und seine Atemzüge gingen ruhig, er konnte sich vollständig entspannen und von dem lästigen Thema befreien. Doch am Morgen war er schlagartig hellwach, hatte das Gefühl einen gewaltigen Schmerz zu verspüren. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Seltsamerweise wusste er auch was. ‚Enola...’ Seine Stimme war flüsternd und doch bestimmt. Er setzte sich auf, zog sich seine Sachen über und verliess das Haus, blickte zu den Sternen. Als hätten diese seinen Wunsch von den Augen abgelesen bildeten sich schwarze Schwingen auf seinem Rücken. Er hatte keine Ahnung wohin, doch er stiess sich kraftvoll vom Boden ab und schnellte in die Lüfte. Ohne wirklich eine Richtung einzuschlagen, flog er immer höher und geriet nach einer Weile tatsächlich in einen strudelartigen Tunnel, der ihn zu seiner Heimat geleitete. Auf dem Boden angekommen, sass er ein weiteres Mal mitten im Dreck und seine Schulter schmerzte. Nachdem er den Schmutz von sich abgeklopft hatte, setzte er sich in Bewegung und fand auch schnell zu Enolas Haus. Er klopfte nicht an, betrat einfach das Haus und erklomm die Treppen. Das Zimmer erreicht, traf er schliesslich auch auf ihre Eltern, die sich leise mit besorgtem Blick unterhielten. Als sie Shuen erblickten, verstummten sie jedoch, unfähig etwas zu ihm zu sagen, denn sie hätten nicht gewusst was.
Auch er blieb stumm und betrat das Zimmer, bereit, den Schmerz, den er bereits gefühlt hatte, auch noch zu sehen. Enolas Gesicht war extrem blass, ihr Körper schweissüberströmt und hätte sie nicht ununterbrochen gewimmert und sich gekrümmt, hätte man sie wohl als tot befunden. Verkrampfte sich ihr zierlicher Körper nicht, so zitterte sie am ganzen Leibe, die Hände dennoch angestrengt ins Bettlaken gekrallt.
Shuens Augen flackerten schwach, als er das mit ansehen musste und dabei in seiner eigenen Brust ihren Schmerz toben spürte. Zaghaft näherte er sich dem Bett und setzte sich auf den Rand, fasste nach Enolas Hand und legte sie in seine. Nun schloss sich ihre Hand krampfend um seine, doch er reagierte nicht darauf. Der Schmerz in seinem Innern war stärker, übertraf alles andere was er bisher gefühlt hatte. Er blickte auf zu ihren Eltern. ‚Was hat sie?’ Seine Stimme war gefasst und noch immer war eine Kälte vorhanden, die er seit der Trennung mit sich trug. Zumindest gegenüber Engeln. Doch auch die beiden waren ahnungslos, zuckten nur mit den Schultern und berichteten Shuen schliesslich, dass auch der Arzt ratlos sei. Mit stockender Stimme fügte die Mutter schliesslich etwas an, was Shuen einen weiteren Schmerz versetzte, doch mehr einen Stich im Herzen. ‚Ihre... Chancen. Sie stehen nicht gut, Shuen.’ Leicht drückte er ihre Hand und sie schlug ihre Augen auf. Über sie war eine weisslich matte Schicht gelegt und ihre Augen verdrehten sich kurz Richtung Himmel, bevor ihr Körper entspannt liegen blieb und die Augen wieder zu fielen. Ihre Atmung ging schnell, unregelmässig und ihre Hände waren seltsam kalt. Sachte strich er ihr die nun grau wirkenden Haare aus dem Gesicht und über die Stirn, die sich nun ebenfalls eiskalt anfühlte. ‚Du wirst nicht gehen, deine Zeit ist noch nicht gekommen.’ Er klang entschlossen, sie am Leben zu halten, und doch unsicher, ob sie es schaffen konnte. Ihre Finger schlossen sich ein letztes Mal um seine Hand, dann setzte ihre Atmung aus und sie lag einfach so da, als würde sie schlafen. Schlafen und von besseren Zeiten träumen.
(Fortsetzung folgt ^^)
[Dieser Beitrag wurde am 08.07.2008 - 16:53 von KumoriTakano aktualisiert]
Signatur Name: Kumori Takano
Spitzname: Kumo
Alter: 20 Jahre
Beruf: Tierpfleger
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Mag:
Damon: Du bist schon in Ordnung.
Fin: Du spielst ein gefährliches Spiel zwischen Leben und Tod, pass auf, ehe du verlierst.
Amaya: Du bist eine sehr gute Kämpferin, doch manchmal muss man auch aufgeben.
Neutral:
Yumi, Arina, Rena, Masaru, Akira
Mag nicht:
Miu: Du bist lästig und aufdringlich. Versuch es mit weniger Worten.
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Stimmung: abweisend, in sich gekehrt
Situation: Isas; Stadt
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played by Pi
Kann man Herzen brechen? Können Herzen sprechen?
Kann man Herzen quälen? Kann man Herzen stehlen?
Können Herzen singen? Kann ein Herz zerspringen?
Können Herzen rein sein? Kann ein Herz aus Stein sein? |
KumoriTakano 

Status: Offline Registriert seit: 15.01.2007 Beiträge: 2250 Nachricht senden | Erstellt am 08.07.2008 - 16:50 |  |
Kissing Goodbye (Englisch = Abschiedskuss)
Enolas Gesicht schien auf einmal wie versteinert, ihre Augen waren friedlich geschlossen und ihre Hand lag sachte in Shuens. Eine zarte Berührung. Und doch, sie war nicht gesteuert von Enolas Seite. Der schwarzhaarige Engel drückte ihre leblose Hand, seine Augen starr und doch voller Angst. Stille Tränen brannten Löcher in seine Seele, der Schmerz schien ihn zu zerreissen, denn er krümmte sich angestrengt. Doch dann entwichen seinem Mund einige leise Worte. ‚ Die Hoffnung stirbt zuletzt...’ Er lehnte sich nach vorne und legte seine Hände um Enolas zierlichen Kopf, zwei seiner Finger auf ihrem Hals. Er konnte es fühlen, er wusste, es war nicht vorbei, er wusste die Zeit war noch nicht gekommen. Noch immer schlug Enolas Herz, denn er konnte ganz deutlich ihren Puls wahrnehmen. Nun hob er ganz leicht ihren Kopf hoch und drückte ihr einen zarten Kuss auf die Lippen. Er wusste, sie würde schon bald wieder atmen, denn solange ihr Herz noch schlug, war sie noch zu retten. Und schon wenige Augenblicke später krümmte sich ihr Körper ein weiteres Mal, doch diesmal, um angestrengt so viel Luft wie möglich in die Lungen zu befördern. Erst jetzt, als er sicher war, dass sie lebte, blickte er zurück, hatte zuvor die Eltern nicht mehr wahrgenommen. Trotz ihrer Rettung stand ihm der Schmerz ins Gesicht geschrieben. Er wusste, dass er seine Liebe zu ihr nicht stoppen konnte, noch nicht. Enola war ihm zu wichtig.
Enolas Adoptiveltern kamen nun auch zum Bett hin, vom Schock völlig unfähig etwas zu sagen, nur ihre Mutter verfiel in ein erbärmliches Schluchzen, als sie sah, dass Enola nun über den Berg war. Sie lag da und ihr Bauch hob und senkte sich regelmässig, ihre Hand lag nun wieder ruhig neben ihr, Shuen hatte sie losgelassen. Dieser stand schlussendlich auf. ‚Sie wird nicht wissen, dass ich hier war.’ Seine Stimme war leise und doch gefasst, dann wurde sie etwas bestimmter. ‚Und so soll es bleiben, sie soll nichts davon erfahren.’ Forschend ruhte sein Blick auf Enolas Eltern, um zu prüfen, ob sie seiner Bitte nachkommen würden und diese nickten, waren einfach nur glücklich, dass das Engelsmädchen überlebt hatte.
Shuens Schritte waren träge und seine Beine tonnenschwer, als er langsam die Treppe hinunter stieg, um schliesslich die Tür zu erreichen, wo er kurz verharrte, da er gerufen wurde. ‚Bleib doch hier...Bitte.’ Doch sie wussten nicht was sie taten, sie wussten nicht, dass sie damit ihre eigene Tochter nur noch mehr verletzen würden. Und so schüttelte er ganz einfach seinen Kopf, liess sein schwarzes Haar in die Stirn fallen und verliess das Haus. Ziellos zog er umher in dieser vertrauten Welt, besuchte Plätze, an denen er früher oft war und erreichte dann erst sein Elternhaus. Er blieb einfach am Gartentor stehen und starrte auf das beleuchtete Fenster. Vor ihm wartete eine grosse Herausforderung, die er jedoch annahm und entschlossen das Gartentor öffnete und auch das Haus ohne zu zögern betrat. Seine Eltern kamen ihm sofort entgegen gelaufen, wollten wissen, wo er die Nacht verbracht hatte, doch in seinen Augen lag ein böses Funkeln, welches sie doch auf Distanz hielt. ‚Was...?’ Seine Mutter stotterte verwirrt, hatte ihren Sohn noch nie so verändert gesehen, so hart, so verbittert. ‚Ich werde weggehen. Ihr seid nicht meine Eltern, doch ich verzeihe euch. Denn ich habe euch stets geliebt wie Eltern. Vergesst mich nicht.’ Seine Worte sollten eigentlich warm klingen, doch in einem Moment wie diesem konnte selbst er keinen Enthusiasmus entstehen lassen. Hart und beinahe gefühllos wirkten auch seine Gesichtszüge. ‚Auf Wiedersehen.’ Kurz umarmte er seine völlig überraschten Eltern und verliess dann so schnell wie möglich wieder das Haus mit einigen seiner Sachen. Er wollte nicht bleiben, wo ihn alles an ihn selber erinnerte, er wollte fliehen. Fliehen vor sich selbst und den eigenen Gefühlen. Denn ihnen konnte er nicht die Stirn bieten, noch nicht.
Wieder irrte er eine lange Zeit umher, versuchte die Zeit noch einmal zu geniessen in der er hier war, falls er jemals vergessen würde wie es war ein Engel zu sein, falls er vergessen würde, wie es sich anfühlte durch die Lüfte zu segeln und sich von den Flügeln tragen zu lassen. Noch ein letztes Mal wagte er sich hin zu dem Ort, der ihm so sehr am Herzen lag. Wie viele Stunden er bei diesem Baum gesessen hatte, als wäre es ein guter Freund, der immer in Ohr offen hatte. Und auch sein erster Kuss mit Enola hatte an diesem Platz stattgefunden, am Rande der mit Blumen übersäten Wiese, welche nun ruhig da lag im silbernen Mondlicht. Alles wirkte kälter, einsamer und irgendwie gespenstisch. Zaghaft hob Shuen seinen Blick zu den Sternen, die hier doch viel näher waren, als wenn man sie von der Erde aus bestaunte. Ein leises Seufzen verliess seinen Mund und er streckte seine Hand aus, strich zaghaft über die grobe Rinde, so als würde er vermeiden wollen, eine wichtige Erinnerung zu verletzen. Erst dann wandte er sich ab.
Als er dann das Portal erreicht hatte, blickte er wehmütig zurück auf all das, was er zurückliess. Doch er nahm es auf sich, er bezahlte den Preis, den er zu bezahlen hatte. Kopfüber liess er sich in den Strudel ziehen, landete diesmal elegant auf den Füssen und ging eilig davon, entfernte sich von der Versuchung zurückzukehren. Zielstrebig fand er zurück zum Haus von Amy und Andreas. Dort schlich er sich zurück ins Haus, doch er konnte es nur bei einem Versuch bleiben lassen, denn auf der Couch hockte Amy und blickte ihn mit grossen Augen an. ‚Wo warst du?’ Es war nicht gerade gewöhnlich, mitten in der Nacht das Bett zu verlassen, soviel war auch Shuen klar, doch er hatte auch nicht wirklich eine gute Erklärung bereit. ‚Ich... war zu Hause und habe einige meiner Sachen geholt.’ Ein Teil der Wahrheit würde hoffentlich auch reichen, um das Mädchen zu überzeugen, doch diese machte nicht den Anschein als würde sie aufhören, Fragen zu stellen. ’Du bist kein Mensch, nicht wahr?’ Shuen hatte viele Fragen von dem Menschenmädchen erwartet, doch ganz sicher nicht diese. Für einen Moment starrte er sie einfach nur an und überlegte, was er ihr als Antwort geben sollte. ‚Nein, das bin ich tatsächlich nicht.’ Es erstaunte ihn selber, wie ehrlich er ihr gegenüber war, doch nachdem sie ihn gerettet hatte, hatte er ihr sein Vertrauen geschenkt. Und er hatte nicht das Gefühl, dass sie vor Übermenschlichem davonlaufen würde. Doch sie fragte nicht, was er denn war, wenn kein Mensch. Sie sass einfach ruhig und abwartend da, wartete darauf, dass er von selbst erzählte, doch Shuen war unsicher. Er wusste nicht, wie gut es sein konnte, ihr alles anzuvertrauen. Denn als Engel hatte er ein Gelübde abgelegt auf welchem eine schlimme Strafe lag. Würde er zu viel verraten, würde er zum Menschen werden. Obwohl das auch seine Zukunft blieb, wenn er zu lange auf der Erde verweilte, war es anders. Denn wurde das Gelübde gebrochen, wäre es nicht einfach so, dass er kein Engel mehr war und nicht mehr zurück konnte. Jeder, seine Familie, seine Freunde würden seine Existenz vergessen. Schliesslich setzte er sich neben Amy und seufzte leise. Niemals würde er das Gelübde brechen, doch sie sollte den Teil erfahren, den sie wissen durfte. ‚Engel existieren... Sie sind dort, wo du sie nicht erwartest. Vertraust du auf einen Schutzengel, dann ist er wirklich da, denn er ist stets an deiner Seite, egal ob du es weißt oder nicht.’ Shuen sprach den Satz, dass er ein Engel war nicht wirklich aus und dennoch, er sprach von Engeln. Er wusste, sie würde ihn verstehen. Zumindest hoffte er es. Ihr Gesicht zeigte einige Regungen und sie sah aus, als würde sie gleich loslachen und ihm zu seinem Witz gratulieren, doch der Schein trog. Was auf ihrem Gesicht zu sehen war, war eher ein wehmütiges Lächeln als ein Lachen. ‚Du weißt, unsere Eltern... Sie sind gestorben. Doch du hast von Menschen gesprochen, von Verstorbenen, die von Engeln behütet werden. Bitte... Bitte erzähle mir davon.’ Shuen senkte seinen Blick etwas ab, nachdem er in die klaren Augen Amys geblickt hatte. Er wusste, dass er das Geheimnis der Engelwelt, die Existenz der toten Seelen, dass er das alles nicht verraten durfte. Es war schon schwierig genug, einigen wenigen Menschen beizubringen, dass es tatsächlich Engelswesen gab. Langsam schüttelte er den Kopf und krampfte seine Hand etwas in das Kissen neben ihm. ‚Es tut mir leid...’ Dass er ihr nichts über ihre Eltern preisgeben durfte war auch für ihn nicht angenehm, denn es erinnerte ihn selbst daran, wie es ihm vor kurzer Zeit ergangen war, als er die Wahrheit über sich erfahren hatte. In Amys Situation würde er wohl genauso gerne wissen, wie die Eltern nach dem Tode verweilten. Seine Stimme wurde etwas leiser als er fortfuhr. ‚Wenn wir den Menschen erzählen würden, wie das Totenreich ist, dann würden sie entweder versuchen mit Absicht zu sterben um dort hin zu kommen oder den Tod so lange wie möglich verhindern. Auch wir Engel dürfen das Schicksal nicht herausfordern. Das Ende fällt wohin es fallen muss.’ Das war wohl alles ein bisschen zu viel für Amy, denn diese stand auf und nickte schwach. ‚Gute Nacht.’ Sie sprach diese Worte, obwohl sie nur noch wenige Stunden hatten, die sie schlafend verbringen konnten. Shuen lächelte und nickte, legte sich dann hin, währenddem Amy wieder in ihr Zimmer verschwand.
Doch Shuen schloss diese Nacht kein einziges Auge. Er spielte die ganze Begegnung mit Enola immer und immer wieder in seinem Kopf durch. Doch er wurde nicht schlauer daraus. Warum sie beinahe ihr Leben gelassen hätte wusste keiner, wohl nicht einmal sie selbst. Doch da er nun spürte, dass es ihr gut ging, sie immer ruhiger wurde und in einen noch tieferen Schlaf verfiel, entschied er sich dafür, das Band zwischen ihnen wieder zu unterdrücken. Wenn sie spüren würde, dass das Band wieder zeitweise existierte, würde sie alles wissen, dass Shuen da war, an ihrem Bett. Vielleicht würde sie beim Erwachen sogar bemerken, dass die Verbindung für kurze Zeit aufrecht erhalten worden war, doch das wusste er nicht. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er wirklich wenig wusste, über sich selber, seine Herkunft und seine Bestimmung. Obwohl es ihm vorbestimmt war, dieses Band zwischen sich und seiner Schwester zu nutzen, konnte er es vollständig unterdrücken und es verdrängen. Der Engel wusste nichts über diese Verbindung, genauso wenig wie Enola.
Als wären die Stunden wie im Fluge vergangen, fielen Shuen schon bald die ersten goldenen Sonnenstrahlen ins Gesicht und er genoss für eine kurze Weile die Wärme und die Ruhe. Dann jedoch erhob er sich und suchte sich den Weg in die kleine geräumige Küche. Vorsichtig, um möglichst keinen Lärm zu machen, suchte er sich einige Sachen zusammen. Brot, Eier, Butter, Aufstrich, alles was er benötigte für ein ausgiebiges Frühstück. Und gerade als er alles zum Tisch gebracht und diesen sogleich auch gedeckt hatte, erschien Amy in der Tür, ein schwaches Lächeln auf dem Gesicht. ‚Das wäre doch nicht nötig gewesen.’ murmelte sie noch etwas verschlafen. Doch Shuen ging nicht darauf ein, er wusste dass er das nicht hätte tun müssen, doch er hatte es gerne getan, dafür, dass sie ihm so sehr halfen. ‚Schläft Andreas noch?’ Seine Stimme war bereits am Morgen früh angenehm anzuhören und wirkte keineswegs so, als wäre er gerade eben aus dem Bett gestiegen. Amy nickte und setzte sich an den Tisch, griff sich ein Stück Brot und gönnte sich einen herzhaften Bissen. Anscheinend hatte sie das Gespräch der Nacht bereits vergessen, oder sie sagte einfach nichts dazu. ‚Tut mir Leid, dass ich dir nichts über deine Eltern sagen konnte.’ entschuldigte er sich schliesslich ein weiteres Mal. Doch er bereute es, das Thema angesprochen zu haben, als der Schmerz wieder in Amys Augen stand. Sie und auch Andreas waren wohl beide noch nicht über den Tod ihrer Eltern hinweg gekommen. Shuen seufzte leise. ‚Ich werde dir ein Angebot machen.’ Sprach er leise weiter. ‚Es ist wohl das Beste, wenn Andreas nicht erfährt, wer oder was ich wirklich bin. Er ist zu klein, um zu begreifen, sofern man das überhaupt kann.’ Er wusste nicht, ob es je einen Menschen gab, der das Übernatürliche wirklich begreifen konnte, doch er hoffte schwer, dass Amy eine von wenigen war. ‚Ich habe euch erzählt, dass die Engel über die Seelen wachen und es entspricht tatsächlich der Wahrheit. Der Platz, wo eure Eltern verweilen ist mir nicht unbekannt.’ Er hielt kurz inne, um die letzten Zweifel beiseite zu schieben, denn er wusste nicht, ob er wirklich tun durfte, was er ihr anbot. ‚Ich werde ein einziges Mal in deinem Namen das Reich der Toten betreten. Du wirst die Möglichkeit haben deinen Eltern durch mich eine Nachricht zu überbringen, und auch sie werden die Möglichkeit haben, mich mit einer Nachricht für dich zurück zu schicken. Ein einziges Mal.’ Währenddem er gesprochen hatte, waren die Augen des Mädchens immer grösser geworden und sie hätte sich beinahe an ihrem Brot verschluckt. ‚Das... ist wirklich möglich?’ Ihre Stimme war zittrig und gerührt, doch da war auch ein Ton zu vernehmen, der von der Ungewissheit erzählte, ob sie dem Engelsjungen nun glauben schenken sollte oder nicht. Doch etwas in seinen klaren blauen Augen beruhigte das Mädchen und liess es wissen, dass er in vollem Ernst zu ihr sprach. ‚Es ist durchaus möglich, solange keiner jemals davon erfährt.’ Amy lächelte dankbar, sie wusste nicht, wie sie es verdient hatte, Shuen zu treffen und deshalb sprang sie auf und warf sich ihm um den Hals. ‚Danke!’ flüsterte sie leise und verharrte einfach so für eine Weile. Shuen, der von ihrer Reaktion ziemlich überrascht war, blieb einfach sitzen und starrte vor sich hin. Er hätte viel hergegeben, um in dieser Situation Enola so nah zu spüren, doch damit das möglich wäre, hätte er auch seinen Verstand hergeben müssen. Denn er würde sie nie verletzen wollen, nicht absichtlich. Erst als das Mädchen mit einem entschuldigendem Blick wieder von ihm liess, wurde auch er wieder in die Realität zurück geholt und versuchte zu vertuschen, dass er die ganze Engelswelt unglaublich vermisste.
Nachdem Amy von ihm zurückgewichen war und sich gesetzt hatte, um ihre Mahlzeit fortzusetzen, blieb es für eine ganze Weile ruhig. Sie konzentrierte sich voll und ganz auf ihr Brot, scheinbar, um ihre Emotionen zu unterdrücken, die durch ihren Körper jagten. Und Shuen sass da, blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Er wusste noch keineswegs, wie er das anstellen sollte mit dem Totenreich. Schliesslich konnte da nicht jeder kommen und einfach reinspazieren, um mal eben ein Gespräch mit Verstorbenen zu führen.
‚Shuen?’ Die Stimme des Mädchens liess ihn seinen Kopf anheben. ‚Andreas und ich besuchen eine Art Internatschule. In ein paar Stunden werden wir wieder losfahren müssen, um dort hin zu gelangen. Nur selten sind wir an Wochenenden zu Hause...’ begann die Dunkelhaarige und Shuen nickte ab und zu, um ihr zu bedeuten, dass er ihr zuhörte. ‚Ich... Weißt du... wegen dem wohnen...’ Amy wusste nicht wie sie es ausdrücken sollte. Sie konnte den Schwarzhaarigen nicht einfach rausschmeissen, andererseits konnte er auch nicht einfach alleine bleiben, wo er jetzt war.
Der Engel ergriff schliesslich das Wort, um ihr die Peinlichkeiten zu ersparen. ‚Gerne würde ich mit euch an diese Schule gehen. Ich werde mich erkundigen, ob man mir dies ermöglicht. Die Menschenwelt ist mir noch zu fremd, warum also, sollte ich sie nicht kennen lernen, als Teil von ihr?’ Neben seiner Neugierde für diese fremde Welt, wollte er sich einfach nur ablenken vom Trennungsschmerz von seiner Familie und Enola, und ausserdem würde er eine gute Bildung benötigen, wenn er sein Leben, oder zumindest ein Teil davon, hier verbringen wollte. ‚Ich werde dir gleich die Adresse und die Telefonnummer besorgen.’ Sagte Amy, die selbstverständlich begeistert war von Shuens Vorschlag.
Und so kam es, dass der schwarzhaarige Engel nur zwei Stunden später in einem Schulbus hockte, eingequetscht zwischen zwei blonden Mädchen, welche sich beide unerschöpflich für ihn interessierten. Wäre er nicht genau zwischen ihnen gesessen, hätten sie sich wohl gegenseitig die Augen ausgekratzt. Doch so sass er lediglich da, versuchte die gackernden Stimmen zu ignorieren und lächelte ab und an Andreas kurz zu, der das Geschehen neugierig betrachtete. Amy hatte sich einige Reihen weiter vorne eingefunden, da nur noch Einzelplätze frei gewesen waren. Ohne ihr Gesicht zu sehen wusste Shuen, dass auch sie den beiden Mädchen lauschte, und sich köstlich amüsierte bei dem Streit, den sie sich boten. Denn währenddem sie sich anschrieen, wer nun das erste Date mit dem Neuen bekommen würde, wurde natürlich kein einziges Mal Shuen angesprochen oder gefragt, ob er mit einer der beiden ausgehen würde.
Erst als die endlos scheinende Fahrt beendet war, wurden Shuens Ohren von dem schrillen Streit gerettet, als er mit seinem Gepäck in der Hand sofort auf Amy und Andreas zusteuerte. Gelegentlich wurden noch eifersüchtige Blicke auf Amy geworfen, da die beiden nun das Gefühl hatten, dass er mit ihr eine Beziehung führte. Doch Shuens Aufmerksamkeit wurde sogleich abgelenkt, denn vor ihm erstreckte sich nun ein riesiges Gebäude in die Höhe, welches ein bisschen an eine Kirche erinnerte mit den wunderschönen Verzierungen. Die Schule die er besucht hatte, war nicht einmal halb so gross und ein simples aber modernes Betongebäude gewesen. Amy grinste über beide Wangen, als sie sah wie der schöne Engel dastand, den Mund im Staunen leicht geöffnet. ‚Nun, das sind ein wenig andere Dimensionen als bei uns.’ Liess er vermerken und grinste kurz zurück. Und obwohl ihm alles so fremd vorkam, hatte er das Gefühl, dass es ihm hier wohl werden würde. Denn auch als er das Gebäude betreten hatte, erwartete ihn nichts minder schönes. Die Treppen, welche in der Mitte in die Höhe ragten waren mit schweren roten Teppichen bedeckt und die Geländer genau so vorsichtig verziert worden, wie der Rest des Gebäudes. Für eine Weile blieb er einfach in der Eingangshalle stehen, bestaune den Anblick der sich ihm bot mit einem leichten Lächeln. ‚Wir sehen uns dann später.’ Hörte er Amys Stimme, nickte nur und machte sich dann an den Aufstieg. Er würde sich beim Schulleiter melden müssen, um die Schulgebühren zu bezahlen, einen Stundenplan und eine Karte der Schule zu bekommen. Denn ohne würde er sich hier wohl kaum zurecht finden. Währenddem er Fuss vor Fuss setzte, liess er seine Hand langsam über die kalten steinigen Treppengeländer gleiten, betrachtete die verworrenen Zeichnungen an der Hallendecke. Er wusste, dass diese Schule verhältnismässig viel kostete für Menschen und nun realisierte er auch warum. Doch der Gedanke, wie sich Amy und Andreas eine solche Schule leisten konnten, schlich sich in seinen Hinterkopf. Sie hatten keine Eltern, die für sie bezahlten und irgendwie mussten sie ja auch das Haus unterhalten, solange dort keiner lebte.
Shuens Gedanken wurden unterbrochen von der grossen hölzernen Tür, die er nun erreicht hatte. Ein leises Klopfen an der Tür und schon hörte er eine freundliche Stimme. ‚Nur herein.’ Shuen drückte die eiserne Klinke nieder und trat ein in das gemütlich eingerichtete Zimmer, verlor kurz einen Blick auf das Kaminfeuer, ehe er sich gegenüber dem Mann hinsetzte und ihm einige Papiere hinstrecke. ‚Ich bin Shuen.’ Der Schulleiter lächelte, nahm seine Unterlagen entgegen und schüttelte ihm die Hand. Nachdem er sich alles durchgesehen hatte, begann er dem Schwarzhaarigen nach und nach alles zu erklären.
Die Augen des Engelmädchens flackerten schwach, ehe sie versuchte die Augen zu öffnen, da sie Sonnenstrahlen auf ihren Gesichtszügen verspürte. Für einen Moment nahm sie nicht mehr als ein unglaublich helles gleissendes Licht wahr und gefolgt von einem leisen Stöhnen schloss sie ihre Augen wieder. Sie konnte sich nicht erinnern an den Abend, wie sie ins Bett gelangt war, das letzte was sie in ihrem Kopf sehen konnte war die Trennung. Ihre Trennung. Erst als sie kühle Hände auf ihrem Gesicht fühlte, wurde ihr bewusst, wie fiebrig sie war. Die Stimme ihrer Mutter drang an ihre Ohren. ‚Wie geht es dir Enola?’ Sie schien ernsthaft besorgt und sie konnte auch ihren Vater wahrnehmen, zumindest seine Shilouette im Sonnenschein. Als dieser dann endlich die Vorhänge zu zog und somit das Licht am eintreten hinderte, schlug sie ihre Augen vollends auf und lächelte schwach, versuchte, sich im Kissen etwas aufzusetzen. ‚Alles in Ordnung...’ nuschelte sie leise, doch ihr Kopf schmerzte, als würde er gleich bersten. Ihre Mutter begann nun leise zu weinen und umarmte sie herzlich. Doch noch immer konnte sich das Mädchen nicht erinnern, was geschehen war, nur an eine warme Hand, die sachte die ihre gehalten hatte. ‚Was ist passiert?’ fragte sie müde, blickte ihre Mutter aber dennoch neugierig an. ‚Warum weinst du?’ Ihr Vater hatte sich mittlerweilen auch an den Bettrand gesetzt und strich ihr liebevoll über den Kopf. In seinen Augen stand tiefer Schmerz als er zu sprechen begann. ‚Enola... Du hattest starke Fieberschübe, es ging dir sehr schlecht. Weißt du denn nichts mehr?’ Sie senkte ihren Blick etwas. ‚Das einzige, was ich noch weiss, ist die Hand, die mich gehalten hat.’ Ihre Eltern tauschen einen kurzen Blick aus, bevor ihr Vater weitersprach. ‚Wir sind keine Sekunde von deiner Seite gewichen, meine Kleine.’ Erzählte er ihr und lächelte wieder etwas. ‚Doch dann hast du diese Krämpfe bekommen, hast mit dir selber gerungen und –‚ Ihre Mutter schluchzte nun laut auf und nahm sie wieder in die Arme, fiel ihrem Mann ins Wort. ‚Wir dachten wir hätten dich verloren! Du... du hast nicht mehr geatmet!’ Auch von ihrem Vater wurde sie nun umarmt und sie drückte sich an die beiden, genoss den Moment der Geborgenheit. Doch in ihrem Innern, sah nun plötzlich alles ganz anders aus. Sie hatte den Tod gekostet, war für eine kurze Weile von dieser Welt gegangen und doch hatte sie irgendetwas zurück ins Leben geholt. Noch immer hatte sie Fieber, doch sie konnte sich nicht vorstellen, wie ihre Eltern neben ihrem Bett gehockt waren, ihre Hand gehalten hatten und zusehen mussten, wie ihre Tochter von ihnen schied. ‚Es tut mir leid... Ich wollte euch nicht erschrecken.’ Enolas Mutter lachte kurz unter den Tränen. ‚Ach Kleine. Du musst dich nicht entschuldigen.’ Das Mädchen lächelte, wollte dann aufstehen, um nicht den ganzen Tag im Bett zu liegen, doch als sie sich auf die Beine hievte, wurde sie wieder von diesem stechenden Schmerz in ihrem Kopf übermannt und ihre Beine gaben nach. Als sie geradewegs zurück ins Bett fiel, wurde sie von ihren Eltern sofort wieder zugedeckt und umsorgt. ‚Ruhe dich aus, Enola. Du wirst es benötigen. Ich werde dir gleich einen Tee bringen.’ Flüsterte ihre Mutter leise und die beiden verliessen das Zimmer, um ihr auch wirklich die Ruhe zu gönnen, die sie brauchte. Und als ihre Mutter nach fünf Minuten zurückkehrte, waren Enolas Augen auch schon wieder geschlossen und sie war in einen tiefen Schlaf zurück verfallen. So stellte sie das Tablett mit der Teekanne und der Tasse neben ihr Bett, zog die Decke über Enolas Schultern und verliess dann das Zimmer wieder, um zu ihrem Mann im Wohnzimmer zu gehen. Noch eine Weile unterhielten sie sich über den Zustand Enolas, der nun wieder annehmbar war. Doch ihre Mutter ahnte, was hinter diesem körperlichen Zusammenbruch stecken könnte und seufzte leise, hoffte jedoch, dass sich ihre Befürchtungen nicht bewahrheiten würden.
Geduldig hatte Shuen dagesessen, wohl bereits über eine halbe Stunde, und hatte sich das überflüssige Geplapper des älteren Mannes angehört. Nun, er war sich sicher, dass es lieb gemeint war, doch der Engelsjunge interessierte sich nur wenig für die gesamte Geschichte, die diese Schule bislang hinter sich gelassen hatte. Als dann die freundliche Stimme verstummte, täuschte der Junge ein Gähnen vor, um den Klauen der Langeweile zu entweichen, bevor er eine erneute Geschichte zu Gehör kriegte. Der Schulleiter lächelte milde. ‚Tut mir leid, dich aufgehalten zu haben. Du siehst müde aus, lass dich also nicht davon abhalten, dein Zimmer aufzusuchen und deine Genossen kennen zu lernen. Viel Spass und einen guten Anfang wünsche ich dir, Shuen.’ Ein weiteres Mal reichten sie sich die Hand und der Schwarzhaarige bedanke sich, bevor er erleichtert die schwere Holztür hinter sich ins Schloss fallen liess. Er seufzte und lehnte sich an die Wand hinter sich, verdrehte kurz die Augen in Richtung Himmel, ehe er schon eine weitere Stimme vernahm. ‚Die Geschichten dieser Schule haben noch keinem geschadet nicht wahr?’ Die Augen des Engels wanderten etwas nach links, wo er ein breites Grinsen entdecken konnte. Seinen eigenen Mund verzog er schliesslich auch zu einem Grinsen. ‚Wer weiss, vielleicht bringt es mal jemanden ins Grab. Schliesslich soll es ja irgendwelche geheime Räume geben in dieser Schule. Plötzlich verschwindet einer.’ Tatsächlich schaffte er es, alles hinter sich zu lassen, was ihn noch diesen Morgen so sehr beschäftigt hatte und da stand er, lachte ungehindert mit dem Fremden. ‚Wer weiss.’ Erwiderte dieser, stimmte in das Lachen ein, ging dann auf den Engel zu, streckte ihm seine Hand hin. ‚Raphael. Nenn mich aber ruhig Ra.’ Schon wieder ein Handschütteln, doch das würde ihm unter Umständen noch einige Male begegnen an jenem Abend. ‚Shuen.’ Dennoch schüttelte er höflich die Hand seines Gegenübers, da er ihm nicht unsympathisch war. ‚Du willst mir nicht zufälligerweise durch die wirren Gänge zu meinem Zimmer verhelfen? Sonst werde ich wohl noch in zwei Stunden hier herumwandern.’ Selbstverständlich war der eher kleine Ra damit einverstanden und ging neben Shuen durch die endlos wirkenden Gänge, währenddem sie darüber sprachen, wie es hier im Internat zu und her ging, und wie Shuen an diese Schule geraten war. Und natürlich hatte der Schwarzhaarige auf diese Frage eine perfekte Antwort bereitgelegt, die ihn keineswegs als übernatürliches Wesen entlarven würde. Er erzählte von einer nicht sehr einfachen Kindheit, da er schon sehr bald von seiner Adoption erfahren habe. Eine rastlose Suche nach seinen Eltern, die keinen Erfolg erbracht hatte und schliesslich von einer Flucht von zu Hause. Seine Geschichte war gut durchdacht, er war von zu Hause weggegangen, weil er es nicht mehr ausgehalten hatte, von seinen Adoptiveltern so gut behandelt zu werden, ohne ihr richtiger Sohn zu sein. Ausserdem hatte er längst das Alter erreicht, in dem er doch schon alleine umher ziehen konnte. Und seine Lüge endete mit der Schilderung der Begegnung zwischen Amy, Andreas und ihm, wie er bei ihnen quasi eingezogen und schliesslich am Internat gelandet war. Erstaunlicherweise interessierte sich Ra wirklich für seine Geschichte und hörte ihm aufmerksam zu, er war, wie er später erfuhr, so oder so immer der, der für alle da war, egal wie sehr er sie mochte. Shuen fühlte sich durch seinen kleinen Freund irgendwie an die Aufgabe der Engel erinnert, doch selbstverständlich waren seine Lippen eisern versiegelt.
Vor der Tür seines zukünftigen Zimmers angekommen, klopfte er kurz an das alte dunkle Holz, ehe er eintrat in sein neues Heim, bereit wieder ganz am Anfang zu beginnen.
Rendez-Vous (Franz. = Verabredung)
Als Enola die Augen zögerlich öffnete standen die Zeiger ihrer Uhr auf exakt sechs Uhr. Selbstverständlich abends. Sie hatte also den ganzen Tag verschlafen. Diesmal bewegte sie sich einiges langsamer als noch am Morgen, da sie sich an den Schmerz erinnerte. Erst mal setzte sie sich auf, um zu entdecken, dass ihr zwar noch leicht schwindlig war, jedoch die Kopfschmerzen verschwunden waren. Noch immer stand ein Tablett mit Tee neben ihrem Bett, weshalb sie sich auch eine Tasse eingoss und einige Schlucke trank. Da ihre Mutter eine Thermoskanne gefüllt hatte, war die klare Flüssigkeit noch immer heiss und Enola war sehr froh um diese Wärme. Denn hatte sie zuvor noch hohes Fieber gehabt, fröstelte sie nun etwas ohne ihre Decke.
Vorsichtig erhob sie sich, stützte sich hilfesuchend an der Wand ab und öffnete ihren Kleiderschrank, um einen Winterpullover herauszunehmen, den sie sich überzog. Ein paar Mal atmete sie tief durch und setzte dann ein leichtes Lächeln auf, verliess ihr Zimmer. Sie hatte schon immer den Drang dazu gehabt, die Starke spielen zu wollen. Und das, obwohl sie ganz genau spürte, wie schwach ihre Beine waren, als sie sich die Treppe runter kämpfte, nur um dort tadelnde Blicke ihrer Mutter zu ernten. ‚Du solltest dich doch ausruhen Enola!’ hörte sie ihre Mutter sagen. ‚Ich habe doch den ganzen Tag geschlafen...’ beklagte sie sich, doch man konnte deutlich hören, dass sie noch immer nicht erholt war, von dem, was in der Nacht geschehen war. Und auch ihre Haltung strahlte nicht gerade jene Stärke aus, die sie beweisen wollte. Auch sie sah nach einigen Minuten bereits ein, dass sie noch nicht gesund genug war, um über längere Zeit zu stehen und sie setzte sich aufs Sofa neben ihren Vater. Gedankenverloren starrte sie auf den Bildschirm, der in allen Farben flackerte. Fernsehen war nie eine grosse Vorliebe von ihr gewesen, doch sie hatte nicht viele andere Möglichkeiten. Momentan war ihr sowieso alles Recht, wobei sie nicht an Shuen denken musste, doch schlafen wollte sie ebenfalls nicht. Schlaf und unruhige Träume hatte sie beides reichlich gekriegt in den letzten zwei Tagen.
Das war es also, die neue Welt. Das Zimmer, welches er betreten hatte war gemütlich eingerichtet, vier Betten, die an die Wände gerückt waren, ein dunkelfarbiges Sofa und ein Teppich auf dem kalten Steinboden. Eigentlich war alles sehr dunkel gehalten, doch Shuen störte das keineswegs, schliesslich würde er selber gut in dieses neue Umfeld passen. Und das Zimmer wirkte keineswegs unfreundlich oder kalt. Denn zu seiner Rechten konnte der Engel sogar einen kleinen Kamin entdecken, in dem ein Feuer flackerte und den Raum in ein angenehmes rot-orange eintauchte. ‚Hey!’ hörte er schliesslich eine Stimme, schreckte etwas auf, da er bisher nicht darauf geachtet hatte, ob jemand im Raum war. Erst jetzt entdeckte er den ebenfalls schwarzhaarigen, der gelassen zurückgelehnt auf dem Sofa verweilte und ihn von oben bis unten musterte. Shuen nickte und ging dann zu ihm hin, liess sich ebenfalls in die weichen Polster fallen und seufzte leise. Der Junge neben ihm lachte leise und das Glänzen in seinen Augen war recht amüsiert. ‚Da ich dich hier noch nie gesehen habe, nehme ich einfach mal an du bist gerade dem Direktor entkommen.’ Auch seine Stimme war freundlich und trug eine Wärme mit sich, dass man sich sogleich wohl fühlte. Shuen grinste. ‚Hier scheint ja jeder alles zu wissen.’ Raphael stand noch immer in der Tür, nun ebenfalls ein Grinsen auf dem Gesicht. ‚Man sieht sich später! Seb, Shuen.’ Und bevor die beiden andern antworten konnten, hatte er die Tür auch schon hinter sich zu gezogen. ‚Du bist also Shuen. Mein Name ist Sebastian, aber wie du so eben mitbekommen hast, bin ich unter dem Namen Seb etwas besser bekannt.’ Shuen horchte auf, als er den ersten Satz gehört hatten. Warum wusste Seb, dass er kommen würde? Doch dieser lachte nur noch etwas lauter als vorhin, als er den fragenden Blick des Engels sah. ‚Du bist nicht der einzige Neue. Der Direktor hat uns erzählt, dass ein Shuen und ein Arttu unserer Schule beitreten werden und sowohl du als auch Arttu, wer auch immer das ist, werdet in diesem Zimmer hier wohnen. Mit mir und Alex.’ Kurz nur sah sich der Schwarzhaarige um, um zu erkennen dass weder Alex noch Arttu da waren, sie waren alleine. ‚Und wo sind die beiden?’ Zu gerne hätte er all jene, die er kennen musste, noch an jenem Abend kennen gelernt, damit er sich nicht am darauffolgenden Morgen damit abquälen musste, sich jedem vorzustellen. Seb erhob sich und strecke ihm seine Hand hin. ‚Na komm. Arttu ist wohl noch nicht angekommen und Alex wird sich wohl bereits über das Nachtessen stürzen.’ Der Schwarzhaarige liess sich von seinem Mitbewohner aufhelfen und folgte ihm in den Speisesaal, wo doch bereits einige anwesend waren. Auch hier war alles sehr gross und pompös, grosszügig eingerichtet. Mitten im Saal standen etwa zwanzig Tische, an denen je die Leute aus zwei Zimmern sassen. Meistens ein Jungen- und ein Mädchenzimmer. Als Shuen jedoch entdeckte, dass er an einem der wenigen Tische sass, an denen zwei Jungenzimmer vereint waren, atmete er erleichtert aus. Er war sehr froh darüber, nicht noch einmal eine solche Situation wie im Bus erleben zu müssen. Dennoch spürte er genau, wie sich die Blicke der Schüler in seinen Rücken bohrten, als er Seb zu ihrem Tisch folgte. ‚Alex!’ rief dieser schliesslich, damit der grossgewachsene Junge aufblickte. ‚Das ist Shuen, Arttu wird wohl erst später ankommen.’ Alex blickte zwar kurz neugierig auf, um den Engel zu grüssen, konzentrierte sich dann aber wieder vollends auf seine Nahrungszufuhr, was sowohl Seb als auch Shuen ein Lachen entlockte. ‚Für ihn ist Essen das wichtigste, obwohl man ihm das nicht ansehen würde.’ Tatsächlich war Alex ziemlich schlank für die Menge an ungesunden Sachen, die er in sich hinein stopfte.
Nachdem er nun auch seinen anderen Zimmergenossen kannte und dessen Vorliebe für Nahrung beobachtet hatte, gingen sie zusammen los, um selber Essen zu holen. ‚Hat hier irgendjemand Angst er würde verhungern?’ fragte Shuen staunend, der wie angewurzelt vor dem Buffet stand, wo es so viele verschiedene Nahrungsmittel gab, dass sich davon eine ganze Armee hätte ernähren können. Kein Wunder, dass sich Alex so viel auf den Teller lud. ‚Glaub mir, das alles ist schneller weg, als du denkst.’ Lachend ging er voran, bediente sich und blieb dann bei Ra stehen, um sich etwas mit ihm zu unterhalten, bis auch Shuen so weit war. Dieser liess sich genügend Zeit, um alles etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, denn nicht all diese Sachen waren ihm bekannt. Deshalb nahm er sich vor all dem was er kannte soviel, dass er keinen Hunger leiden würde, und einige wenige unbekannte Dinge legte er sich am Rande hin, um sie zu kosten. Dann erst gesellte er sich zu den anderen beiden, die mittlerweilen beim Thema Mädchen angelangt waren. Und als sie schliesslich am Tisch sassen, und mit dem Essen begonnen hatten, wurde nun auch Shuen mit Fragen gelöchert. Natürlich hatten ihm sofort alle hier angesehen, dass ihm Frauen nachliefen, doch er wusste nicht wie er von Enola erzählen sollte, denn erstens würde es viel Vertrauen benötigen, um seine Lippen zu öffnen und zweitens wäre es nicht wirklich gewöhnlich, von einem Mädchen mit silbernen Haaren zu erzählen. Auf sein Gesicht schlich sich ein selbstsicheres Grinsen. ‚Joa, man könnte wohl wirklich sagen, dass ich eine grosse Auswahl habe.’ Die anderen Jungs am Tisch hatten selbstverständlich auch bereits ihre Ohren gespitzt, warum auch nicht, bei diesem Thema. ‚Erzähl mal von deiner Letzten!’ Und da waren sie auch schon angelangt bei exakt dem Gespräch, welches der Engel niemals hatte führen wollen, doch er konnte sich wohl kaum noch herauswinden. Er schmunzelte, seine Maske war perfekt. ‚Lange weissblonde Haare, blaue Augen, schlank, sportlich, etwas kleiner als ich. War jedoch nichts festes.’ Ja, weissblond klang tatsächlich besser als silbern. Er war froh, dass sich seine Kameraden schliesslich in ein Gespräch darüber verstrickten, ob sie jemals eine Freundin gehabt hatten, deren Beschreibung nur annähernd so gut klang. Und nur wenige kamen zu einem positiven Ergebnis. Sie waren sich aber alle einig, dass es besser war, anfangs nichts festes anzufangen, man konnte so die Frauen besser kennen lernen und sich zuerst anschauen, was es so gab, bevor man sich festlegte. Und Shuen ass ungestört weiter. Nun ja, ungestört war er nicht, doch er schien vollkommen unbekümmert und entspannt, wie immer. Dann jedoch wurde das Wort wieder an ihn gerichtet und er verschluckte sich heftig, begann laut zu husten und goss darüber eiligst ein Glas Wasser runter. Seine Augen zeigten nicht die Verwunderung oder das Entsetzen, welches er empfand. ‚Bitte?’ Seb grinste nur, denn da hatten sie alle schon durchmüssen, wenn Ra mal wieder das Gespür dafür hatte, wahnsinnig sensible Fragen zu stellen. ‚Ob du noch Jungfrau bist...’ wiederholte der Kleinwüchsige seine Worte, als würde er nur gerade fragen, welche Farbe Wasser hatte. Noch einmal hustete Shuen kurz, um die übrigen Essensreste aus seiner Luftröhre zu befördern. ‚Nope.’ Gab er dann endlich die Antwort von sich, genau so selbstverständlich, wie Ra ihn gefragt hatte. Dieser jedoch senkte darauf den Blick ab und konzentrierte sich für Shuens Geschmack etwas zu hartnäckig auf seinen Teller. Auf seinen fragenden Blick hin lehnte sich ein Zimmergenosse Raphaels etwas zu dem Engel hin und sprach ihm leise ins Ohr. ‚Er ist wohl doch der einzige hier, der noch Jungfrau ist...’ Nur kurz lächelte der Engel und nickte, fand es toll, dass ihn seine Freunde zu nichts drängten oder ihn deswegen ausschlossen. Ra blickte kurz auf, funkelte seinen Kollegen an. ‚Du musst es ja nicht gleich allen erzählen...’ warf er ihm vor. Dieser jedoch lachte nur auf diesen Satz hin. ‚Dann musst du auch nicht alle fragen. Ich wette du weißt es sogar schon von jedem einzelnen Menschen in dieser Schule!’ Die anderen stimmten in das Lachen ein und nach einer Weile sogar Raphael selbst.
Nach einer Weile des weiteren Gespräches und nachdem er ausgegessen hatte, erhob sich Shuen und nickte den anderen kurz zu. ‚Tut mir Leid, ich habe noch einige Dinge zu erledigen, man sieht sich bestimmt später.’ Er würde noch alle seine Sachen auspacken müssen und sich überlegen, wie er dass mit Amy und dem Totenreich anstellen sollte. Noch bevor er die Halle verliess blickte er kurz zu dem Mädchen, lächelte ihr zu und suchte sich dann seinen Weg zurück zu seinem Zimmer, den er auch erstaunlich schnell gefunden hatte.
Kaum hatte der Schwarzhaarige die Tür hinter sich geschlossen, wurde sie auch schon wieder aufgestossen und ein weiteres Mal an diesem Abend starrten die Schüler einen Neuzugang an. Diesmal stand da ein grossgewachsener Junge mit blonden Haaren, die ihm nicht ganz bis zur Schulter reichten. Doch keiner der anwesenden konnte sagen, was es war, das fesselte. Ob die blonden Haare, die golden schimmerten, als wären sie aus purer Seide, oder die klaren blauen Augen, die suchend über die Tische glitten und dennoch eine gewisse Leere zeigten, in der man zu versinken drohte, oder gar der schlanke und dennoch athletische Körper. Vielleicht war es auch alles zusammen, denn genau wie zuvor als Shuen das Esszimmer betreten hatte, war da eine drückende schwere Stille. Nur Seb liess ein leises Lachen von sich hören. ‚Ich fühl mich immer hässlicher im Verlauf vom heutigen Tag.’ Natürlich sah auch Sebastian unverschämt gut aus, wie auch noch einige andere hier, doch Shuen und diesen Blonden konnte auch er nicht übertreffen. Er winkte den Neuen zu sich hin, bot ihm einen Platz neben sich an und stellte sich sogleich vor, erklärte ihm alles, so wie auch Shuen zuvor. Auch Ra nahm den Blonden sogleich in Besitz und half eifrig beim erklären. Nachdem der Blonde dann schliesslich zu essen begonnen hatte, war der warnende Blick von Raphaels Zimmergenossen kaum zu übersehen. Ra sollte den Blonden erst einmal in Ruhe lassen, bevor er ein weiteres Mal seinen doch relativ grossen Mangel an Feingefühl bewies. So liessen sie es dabei, ihn einfach essen zu lassen, denn der Blonde war sehr abweisend und in sich gekehrt. Zwar hatte er zugehört, als man ihm erklärt hatte was er wann zu tun hatte und wo er sein Zimmer finden konnte, aber er hatte bisher kein Wort gesprochen. Man hatte es ihm abgenommen, sich vorzustellen. So oder so hatte jeder schon gewusst, wer er war. Seine kühle Seite brachte sogar Ra in die Situation, in der er zweifelte, ob er ihn in eine Konversation einbeziehen sollte oder nicht. Und erstaunlicherweise gelangte er schlussendlich zu der Erkenntnis, dass es besser war, stillzuschweigen. Zumindest gegenüber dem Fremden. Denn dieser hatte den Teller etwas von sich weggeschoben, als er fertig war, war dann schliesslich aufgestanden und hatte den Raum wortlos wieder verlassen, selbstverständlich unter misstrauischer Beobachtung aller.
Schon nach kurzer Zeit hatte Shuen seine Sachen ausgepackt und in dem für ihn vorgesehenen Schrank verstaut. Einige seiner persönlichen Sachen hatte er auf dem kleinen Tisch neben seinem Bett platziert, oder in der Schublade, damit er sie stets nahe hatte. Wie zum Beispiel ein Foto seiner Eltern. Dieses jedoch hatte er in der Schublade verstaut, da es nicht jeder sehen sollte. Dann betrachtete er gedankenverloren die vier Betten. Sie waren so aufgestellt, dass je zwei aneinander grenzten. Er würde also so nahe bei irgendeinem Fremden schlafen. Leise seufzte er, als seine Gedanken zu Enola abschweiften. Bisher war er kaum so nahe neben jemandem gelegen und ausgerechnet jetzt erinnerte er sich daran zurück, wie es war, zu erwachen und auf seiner Brust den zierlichen Kopf Enolas zu sehen, ihr zärtlich durch die Haare zu streicheln. Der Schwarzhaarige drehte sich um, ging hastig auf die Tür zu, um sich im Badezimmer Wasser ins Gesicht zu spritzen, er durfte keine solchen Gedanken haben. Doch noch bevor er die Tür öffnen konnte, wurde sie von aussen geöffnet und er rannte gegen irgendjemanden, da er nicht mehr bremsen konnte. ‚Pass doch auf!’ hörte er eine Stimme leise fluchen, die trotz dem fauchenden Unterton irgendwie sanft klang. ‚Entschuldige!’ Er versuchte sich wieder zu sammeln, zu verdrängen, woran er gerade eben noch gedacht hatte, wich dann einen Schritt zurück und blickte auf in strahlend blaue Augen. Die beiden zeigten wohl beide etwa dieselbe Reaktion, denn beide taumelten einen Schritt zurück. Irgendetwas in Shuen löste eine Angst aus, ein komisches Gefühl, welches langsam in ihm hoch schlich. Sein Gegenüber hatte beinahe unnatürlich schöne Haare und in seinen eigentlich blauen Augen, war für einen kurzen Moment ein grünes Funkeln zu erkennen. Doch der Engel wusste, dass es nicht möglich war, mit blonden Haaren solch leuchtend grüne Augen zu haben. War es etwa nur eine Illusion gewesen? Er schüttelte den Kopf, um sich von diesen wirren Gedanken und Gefühlen zu befreien, merkte dass sie sich immer noch gegenseitig anstarrten. Sein Gegenüber wusste genau, dass er kein Mensch war, so wie er wusste, dass der Blonde kein Mensch war. Und es fürchtete ihn, dass dieses Wesen, welches soeben erst in sein Leben getreten war, alles herausfinden, seine Tarnung auffliegen lassen könnte. Da diese Ruhe, das Zurücktaumeln und das Anstarren sehr komisch war, räusperte sich Shuen leise. Keiner der beiden hatte wohl damit gerechnet, ein anderes unmenschliches Wesen anzutreffen, doch da mussten sie nun wohl durch, hoffentlich ohne wirklich entdeckt zu werden. ‚Shuen.’ Stellte er sich nun wieder gefasst vor und lächelte etwas. ‚Ich bin ebenfalls neu hier.’ Der Blonde entspannte sich nun auch wieder, hatte wohl das Gefühl, dass sein Gegenüber nichts bemerkt hatte und schloss dann die Tür hinter sich. ‚Arttu, mein Name.’ Seine Stimme hatte den beinahe wütenden Unterton verloren, klang aber immer noch recht kühl. Der Schwarzhaarige nickte und ging dann kurz ins Bad, stellte auch dort seine Utensilien an den rechen Ort und liess sich dann ins Sofa fallen, starrte auf die tanzenden Flammen im Feuer, legte schliesslich etwas Holz nach, worauf das Feuer etwas mehr Licht und auch Wärme spendete. Wortlos hatte Arttu seinen Platz bezogen, ebenfalls seine Kleider in den Schrank eingeräumt und lag nun auf seinem Bett, den Bauch nach oben und die Arme hinter seinem Kopf verschränkt. Er hatte seine Augen geschlossen und doch konnte Shuen erkennen, dass er nicht schlief. ‚Werden hier alle Neuen so angestarrt?’ Der Blonde sprach leise aber dennoch bestimmt, als er diese Frage aus dem Nichts heraus stellte, als habe er den Blick des Engels gespürt. Shuens Augen bekamen nun einen herausfordernden Glanz, als er dem Blonden seine Antwort gab. ‚Nicht, wenn man ein Mensch ist.’ Arttu, der selbstverständlich nicht auf eine solche Antwort gefasst war, schlug erschrocken die Augen auf, hätte sich jedoch für seine Reaktion sofort ohrfeigen können, da Shuen nun wusste, wie Recht er hatte mit der Annahme, keinem Menschen begegnet zu sein. Scharf zog er die Luft ein. Er wusste, dass er nie hätte hierher kommen sollen. Schon als ihn alle angestarrt hatten hatte er gezweifelt, doch nun wusste er, dass es ein Fehler war. ‚Sie werden es nicht merken...’ sprach Shuen leise, als er die Reaktionen des Blonden beobachtete. ‚Denn sie haben es auch bei dir nicht bemerkt.’ Beendete Arttu den Satz für den Engel und dieser nickte nur. Er hatte also nicht nur recht behalten, als er seinen Zimmergenossen als nicht menschlich entlarvt hatte, sondern auch damit, dass Arttu auch von seinem Geheimnis wusste. Erneut drehte er sein Gesicht den Flammen zu, um das Spiel des roten Glimmens zu beobachten. Eigentlich hatte er sich noch mit Amys Problem befassen wollen, doch seine Konzentration war kaum wieder zu gewinnen, da seine Gedanken noch immer wild umherschwirrten.
Nachdem Enola eine Weile fern gesehen hatte, wurde der Fernseher ausgeschaltet und ihre Mutter hatte sich zu ihr gesetzt, sie in den Arm genommen und einfach so dagesessen. ‚Enola...’ Sie begann zu sprechen, schien jedoch zu zögern, da sie nicht genau wusste, wie sie ihre Worte formulieren sollte, wollte ihre Tochter zu nichts drängen. ‚Was... – Weißt du was diese heftige Reaktion bei dir hervorgerufen haben könnte?’ Doch das übermüdete Mädchen schüttelte nur den Kopf. Sie wusste, dass es ihr psychisch sehr schlecht ergangen war aufgrund der Trennung, dennoch wagte sie es, zu bezweifeln, dass man starb, nur weil man sich von jemandem trennte, den man noch immer liebte. Wieder tropften ein paar wenige Tränen von ihren Wangen. Sie liebte ihn noch, und zwar von ganzem Herzen, doch sie wusste auch, dass ein Versuch die Beziehung zu retten gescheitert wäre. Es war nicht möglich, dass zwei Geschwister zusammen waren. Es war ganz einfach unmöglich. ‚Ich... wollte ihn doch nie verlieren.’ Schluchzte sie und grub sich in das T-Shirt ihrer Mutter. ‚Ich wollte ihn nie verlieren...’ Sie wiederholte ihre Worte, versuchte den Schmerz irgendwie zu verdrängen, doch er schien immer nur grösser zu werden. Denn Shuen hatte das Band unterbrochen und nachdem er dies zum zweiten Mal getan hatte, war es endgültig gerissen. Für immer. Und er hatte es einfach so getan, hatte sich nicht darum gekümmert wie es ihr gehen würde. Einfach so hatte er sie verlassen, als hätte ihm das Ganze nie etwas bedeutet. ‚Schhhhhh...’ Sie spürte die Hand ihrer Mutter, wie sie ihr langsam über den Hinterkopf strich und die andere, die auf ihrer Schulter lag und sie an sich drückte. In dieser Geborgenheit schloss sie ihre Augen, versuchte ihre Tränen versiegen zu lassen. Schon bald wurde sie von ihrer Müdigkeit übermannt und ihre Tränen flossen trotzdem noch, durchnässten den Stoff unter ihrem Gesicht. Ein weiteres Mal wurde sie also vorsichtig aufgehoben und nach oben in ihr Bett getragen. Ihre Mutter nahm ein Taschentuch und wischte ihr die Tränen weg, die schliesslich doch versiegten. Dann setzte sie sich auf den Bettrand und hielt besorgt die Hand ihrer Adoptivtochter. ‚Er war hier Enola... Er war hier.’ Ihre Worte waren nicht mehr als ein heiseres Flüstern, darauf bedacht, dass Enola nicht wirklich mitbekam, was sie da sagte. Doch hätte sie es auch laut aussprechen gewollt, wäre es ihr nicht möglich gewesen, da ihre Stimme von den Emotionen erstickt wurde. Als hätte das Mädchen die Worte wahrgenommen, legte sich sogleich ein ruhiger Ausdruck auf ihre Züge. Die Frau erhob sich, schloss diesmal die Tür nicht, zog sie nur leicht zu, damit sie es hören würde, falls es dem Mädchen nicht gut erginge, denn sie hatte ja soeben schon wieder einen emotionalen Zusammenbruch erlitten. Würde er noch einmal diese Folgen mit sich bringen, wäre Shuen nicht anwesend, würde das hübsche Mädchen vielleicht tastsächlich von ihnen gehen.
Es war ungefähr eine viertel Stunde vergangen, als sich Arttu aufsetze, den Blick auf den Schwarzhaarigen gerichtet. ‚Was bist du?’ Die Frage mochte aufdringlich und unfreundlich wirken, war jedoch eher neugierig und der Blonde interessierte sich tatsächlich dafür, schaffte es für eine Weile, sämtliche Kälte aus seiner Stimme zu verdrängen. Ohne zu überlegen was er tat, erhob sich der Schwarzhaarige, ging zu den Betten hin und stellte sich mit dem Rücken zu dem Blonden. Und bevor dieser den Mund öffnen konnte, um zu fragen, was dies sollte, erschienen auf dem Rücken schwarze glänzende Schwingen. Shuen drehte sich etwas um, um dem anderen einen fragenden Blick zuzuwerfen und dieser hatte verstanden. Arttu hob seine Hand an, schob seine langen Haare zurück, so dass Shuen freien Blick hatte auf dessen Ohr, welches sich auch sogleich veränderte, spitz zulief, währenddem sich seine Augen tiefgrün färbten und auf seinem Rücken ebenfalls Flügel erschienen, die jedoch beinahe transparent waren und leicht silbern schimmerten. Ein Elf also. Plötzlich jedoch zuckte Arttu zusammen, hatte wieder seine menschliche Gestalt angenommen. ‚Sie kommen...’ Dankbar nickte Shuen kurz und liess ebenfalls seine Schwingen verschwinden, keine Sekunde zu spät, denn da standen auch schon Seb, Ra und Alex im Zimmer. ‚Na, habt ihr euch schon kennen gelernt?’ Die beiden nickten kurz und Shuen setzte sich auf sein Bett, da es sich die anderen drei auf der Couch gemütlich machten. Kurz darauf klopfte es an der Tür und drei weitere Personen traten in das Zimmer ein, diesmal jedoch Mädchen. Shuen wusste, dass er die Blonde von Bus kannte, doch er wusste nicht einmal welche von beiden es war. Ihr folgte Amy und zu letzt ein Mädchen mit kurzen braunen Haaren. Amy setzte sich neben Arttu und Shuen auf das Bett, währenddem sich die beiden anderen nervös kichernd auf den Boden setzten. Seb durchbrach die Stille mit einem herzhaften Lachen, seine Hände auf den Bauch gepresst und leicht nach vorne gelehnt. Der Anblick der beiden Mädchen war einfach zu komisch für ihn. Zu durchschaubar. Wie sie dort auf dem Boden sassen, unglaublich nervös, hoffend, dass Sebastian sie nicht verraten würde und sie selbst zu Wort kommen konnten. Doch dieser Gefallen wurde ihnen nicht getan. Denn als das Gelächter verstummt war und sich Seb die Tränen wegwischte, die sein Anfall hervorgequetscht hatte, erzählte er auch schon das Ereignis des Abends. ‚Die werten Damen sind vor unserer Zimmertür rumgeschlichen. Ich konnte natürlich nicht anders, als sie einzuladen. Nun, ich denke ihr dürft nun mit den beiden neuen Herren sprechen, es sei euch erlaubt.’ Wieder quetschte sich ein Lachkrampf hervor, doch er zügelte sich dieses Mal recht schnell und blickte die Mädchen erwartungsvoll an, blickte dann jedoch zu Amy. Sie war nicht zu durchschauen, zumal sie nicht aufgeregt auf dem Boden umherrutschte sondern sich direkt zu den beiden gesetzt hatte, so als würde sie die beiden bereits kennen. Es war also weitaus lustiger für ihn, sich weiterhin auf die anderen zu konzentrieren. Diesmal jedoch ergriff Alex das Wort, stellte sich zwischen die Mädchen und die Neuen. ‚Darf ich vorstellen. Shuen, Arttu.’ Mit seinen Händen deutete er zuerst auf den einen, dann auf den andern, bevor er auf die Brunette zeigte. ‚Nathalie und Lindsey.’ Zuletzt zeigte seine Hand in Richtung der Blonden und er setzte sich wieder zu Ra und Seb, versuchte nun ebenfalls sein Lachen krampfhaft zu unterdrücken. Dann endlich entschied sich Lindsey dazu, nicht weiter diese Peinlichkeitsnummer durchzuziehen und blickte zu Shuen auf, lächelte zaghaft. ‚Du... äh... Wir kennen uns ja schon aus dem Bus.’ Doch der Engel fühlte sich keineswegs positiv an die Busfahrt erinnert, was seltsamerweise dem Blonden hinter ihm ein Kichern entlockte. Doch vorerst entschied er sich dafür, Arttu zu ignorieren und nur kurz zu nicken. ‚Ich wollte... dich fragen, ob ... wir mal zusammen ausgehen könnten...?’ Shuen erschien es seltsam, wie ruhig und unsicher das Mädchen wirkte, zumal sie noch am Nachmittag wie ein verrücktes Huhn geschnattert hatte, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Und dass sie ihn nun um ein Date bat, kam ihm irgendwie nicht recht und er hob eine Augenbraue fragend an. ‚Tut mir leid, aber ich denke kaum, dass das klappen würde.’ Seine Antwort war ehrlich und unglaublich erschütternd für die Blonde, die nun mit Tränen in den Augen aus dem Zimmer stürzte. ‚Na also schlecht sah sie wohl nicht aus.’ Meldete sich Raphael zu Wort und Shuen zuckte darauf mit den Schultern. ‚Nicht so ganz mein Typ.’ Natürlich stimmte seine Aussage nicht, das Mädchen war sehr wohl hübsch, doch seine Gefühle waren zu ungeordnet. Er würde es nicht fertig bringen, seine Maske aufrecht zu erhalten, wenn er plötzlich mit einem anderen Mädchen ausgehen würde. Die anderen waren ein wenig erstaunt über seine Aussage, liessen es jedoch dabei sein, richteten ihre gierigen Blicke auf Nathalie, währenddem sich Shuen kurz Amy zuwandte. ‚Du bist hier wegen dem Versprechen?’ Er sprach so leise, dass ihn die anderen nicht hören konnte, wenn dann nur Arttu, doch der würde hoffentlich nicht nachfragen. Amy nickte, stand dann aber auf. ‚Ich werde ein anderes Mal wieder kommen, ich habe das Gefühl ich sollte mal zu Lindsey.’ Ihr Grinsen war wohl genauso breit wie das von Seb, dann verabschiedete sie sich von allen und ging wieder, tatsächlich mit der Absicht zu der Blonden zu gehen, da sie ihr ja immerhin angeboten hatte mit zu gehen, nachdem sie erzählt hatte, dass sie den Engel besuchen würde. Nun war es wohl an Nathalie auch noch ihr Anliegen anzubringen. ‚Eigentlich ist ja das Ganze hier sinnlos, aber versuchen schadet ja nie.’ Ein leises Seufzen unterbrach ihre Worte, dann sprach sie weiter. ‚Ich wollte eigentlich dich fragen, Arttu, ob wir mal zusammen etwas machen wollen.’ Der Blonde lag noch immer gelassen auf seinem Bett, blickte neben Shuen vorbei auf Nathalie, die recht geduldig seine Reaktion abwartete, doch er zeigte keine, schwieg für eine Weile. Dann erst öffnete er seinen Mund, wirkte vollkommen entspannt währenddem er sprach. ‚Tut mir leid, aber ich bevorzuge Männer.’ Er hatte es nun definitiv ein weiteres Mal geschafft, dass sich alle Blicke auf ihn richteten. ‚Du bist schwul?’ Diese Frage stammte natürlich von keinem anderen als Ra, der nie ein Blatt vor den Mund nahm. Arttu jedoch liess sich nicht verunsichern, nickte auf die Frage hin. ‚Ich werde dann mal gehen. Vielleicht können wir ja trotzdem mal was zusammen machen, als Freunde.’ Nathalies Reaktion war weitaus reifer und überlegter, doch darauf konzentrierte sich momentan kaum einer. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, setzte sich der Blonde auf und blickte in die Runde. ‚Ich werde schon nicht über euch herfallen...’ sagte er wieder mit diesem kalten abweisenden Ton. ‚Davor hatten wir auch keine Angst.’ Erwiderte Shuen, der nun zu seinem Schrank hin ging. Erstaunt blickte der Blonde auf. Raphael nickte. ‚Ja, das ist schon okay.’ Er lächelte, stand dann auf und verliess ebenfalls das Zimmer. ‚Danke.’ Sagte Arttu leise, schätzte es, dass er deswegen nicht verstossen wurde und zog sich schliesslich bis auf die Boxershorts und ein Shirt aus, bevor er in sein Bett schlüpfte. ‚Gute Nacht.’ War noch Shuens Stimme zu vernehmen, bevor er sich neben Arttu unter die Decke legte und leise gähnte. Seb war ebenfalls aufgestanden, jedoch, um noch einmal weg zu gehen, und sich dann spät reinzuschleichen. Bisher hatte er es noch immer geschafft mitten in der Nacht zurück in die Schule zu kommen ohne erwischt zu werden. Alex war schon seit einer ganzen Weile eingeschlafen, weshalb sie ihn auch auf der Couch liessen, um ihn nicht noch einmal zu wecken. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen schloss Shuen dann die Augen und wurde von einem tiefen Schlaf heimgesucht.
(Falls jemand Fragen zur Handlung oder zu Personen hat, könnt ihr gerne fragen ^^)
[Dieser Beitrag wurde am 08.07.2008 - 17:00 von KumoriTakano aktualisiert]
Signatur Name: Kumori Takano
Spitzname: Kumo
Alter: 20 Jahre
Beruf: Tierpfleger
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Mag:
Damon: Du bist schon in Ordnung.
Fin: Du spielst ein gefährliches Spiel zwischen Leben und Tod, pass auf, ehe du verlierst.
Amaya: Du bist eine sehr gute Kämpferin, doch manchmal muss man auch aufgeben.
Neutral:
Yumi, Arina, Rena, Masaru, Akira
Mag nicht:
Miu: Du bist lästig und aufdringlich. Versuch es mit weniger Worten.
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Stimmung: abweisend, in sich gekehrt
Situation: Isas; Stadt
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played by Pi
Kann man Herzen brechen? Können Herzen sprechen?
Kann man Herzen quälen? Kann man Herzen stehlen?
Können Herzen singen? Kann ein Herz zerspringen?
Können Herzen rein sein? Kann ein Herz aus Stein sein? |