johnnyrebel  Moderator a.D.
 

Status: Offline Registriert seit: 12.09.2006 Beiträge: 242 Nachricht senden | Erstellt am 11.11.2007 - 18:24 |  |
El hombre
Er drehte sich auf dem Boden und wälzte sich dabei von Seite zu Seite. Seine Schulterblätter berührten schmerzhaft die Dielen, auf denen er lag. Und er kämpfte gegen das Schluchzen an, das seinen Körper schüttelte. Sein Schluchzen ließ wellenartige Krämpfe seinen Körper durchlaufen, während er sich langsam, wie ein schwer traumatisiertes Kind, in eine Embryohaltung begab. Seine Knie fest an seinen Körper gezogen, beugte er seinen Kopf dicht zwischen seine Knie und den Brustkorb. Dann beruhigte sich sein Körper für einen kurzen Moment, um sich schließlich aufbäumend zu entladen.
Kurze Momente der Trauer gab es in jedem Leben. Doch diesmal schien es mehr. Pure Verzweiflung, wie ein Schlag in seine Magengrube, ließ ihn endlich die Sinnlosigkeit seines Daseins spüren. Jedes Scheitern und jeder begangener Fehler, jede verfluchte Erinnerung führte ihn ein Stück weiter in die Dunkelheit, ließen ihn mehr und mehr stöhnen, bis sich endlich eine Woge des Vergessens über ihn breitete und ihn in die schreckliche Stille der Erschöpfung führte. Doch selbst in der völligen Erschöpfung trudelte er von einem Moment in den anderen, ließ wieder und wieder Verzweiflung aufwallen, um sich erneut in einem herzzerreißenden Schluchzen zu entladen. Immer dann, wenn sich sein Körper scheinbar zu beruhigen schien, überfiel eine neue Welle seinen Körper. Grausam und ein Stück schlimmer als zuvor, passte die Verzweiflung den Zeitpunkt ab. Und wenn sie den richtigen Augenblick für gekommen hielt, schlug sie erneut zu.
Er versuchte sich zu beruhigen, robbte auf allen vieren der ihm Zuflucht bietenden Wand zu. Mit dem Rücken zur Wand zog er beide Beine wieder fest an seinen Körper heran und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Endgültige Müdigkeit machte sich in seinem Körper breit. Und doch traf es das nicht genau. Er hatte den Rand der Erschöpfung bereits weit überschritten. Seine Klamotten waren eingerissen und dreckverschmiert, sein Gesicht aschfahl und ausgemergelt. Auf seinen Stiefeln klebte der Dreck aus einer Mischung zwischen Sand und Lehm. Mit kurzen, ruckartigen Bewegungen spielte er mit seinem Helm, um ihn endlich kraftlos zu Boden gleiten zu lassen. Dunkle Streifen bedeckten sein Gesicht, das die Tränen als Spuren hinterlassen hatten, während er langsam seine Stiefel öffnete und sie von den Füssen zog. Er bewegte einmal kurz seine Zehen, um danach auch die zerfetzten Strümpfe von seinen Füßen zu ziehen. Kurz darauf erfasste ihn eine neue Welle der Verzweiflung.
Nach dem Abklingen starrte er bewusst zum ersten Male auf seine Füße und bemerkte verwundert, dass sich das Fleisch bereits in Fetzen und bis auf die Knochen und Zehen aufgelöst hatte. Erneut senkte er seinen Kopf. ‚Es wird immer schlimmer und kann nichts dagegen tun’. Sein Flüstern verlor sich in der Endlosigkeit der Dunkelheit. Er fragte nicht mehr nach, genoss jeden Tag mehr die Momente der Stille und des Schweigens. Nur manchmal fragte er sich noch, ob es schlimmeres auf der Welt gäbe. Doch diese Momente wurden immer seltener. Und es war die einzige Chance, zu verstehen, wo es nichts zu verstehen gab. Jeder hatte den Preis dafür früher oder später bezahlt. Doch nicht so.
‚Es ist hinter mir her, lauert in jeder Ecke. Jeden Tag öffnet es seine Arme, umgibt mich, hoffnungsvoll, wie ein Wesen aus unendlicher Raum und Zeit.’
Er hob kurz den Kopf, um einen tiefen Atemzug die Luft einzuatmen, die hier doch so rein und sauber schien. Eisige Kälte umgab ihn, die er tief in sich aufnahm. Dann senkte er erneut seinen Kopf tief auf seine Knie. Alles drängte ihn zur Flucht, doch er blieb still sitzen. ‚Alles, was geschieht, ergibt einen Sinn. Doch konnte man es immer erkennen, wenn man skeptisch war?’ Sein Körper begann erneut zu zucken. Jeder Nerv in seinem Körper schien zu beben und feucht kalter Schweiß lief an seinem Körper herab, um sich schließlich an seinem Hosenbund zu sammeln. Er keuchte wie ein sterbendes Tier, leise und winselnde Laute verließen seinen Mund, während seine Hände zitternd, aber schlaff zu Boden hingen. Langsam kippte er seitwärts an der Wand hinunter, um dort, wie von Stromstößen gepeinigt, eng zusammengekauert liegen zu bleiben. Es gab keine Grausamkeit, die diesem Schmerz auch nur annähernd entgegen kam. Und es tat weh. ‚Nur noch mal für einen Moment einen Tag genießen, ein Lächeln zu empfinden, den Geschmack einer Orange zu erleben. Was würde er jetzt dafür geben.’ Doch der jetzige Moment verdammte ihn immer mehr zu dem Jetzt. Mörderische Angst umspannte seinen Brustkorb, die Lust am Bösen kroch langsam in ihm hoch. Die Zeit wandelte ihn und ließ ihn zu einem Zerrbild der Gewalt werden, in der er sich kaum mehr wieder erkannte. ‚Ich hatte nur kalte Wut, aber nicht das Böse in mir. Doch es war die Zeit, die ändert. Nicht vergraben, nicht verdrängt. Jeder hat es. Doch aus dem tiefsten Winkel geholt, wird es einen vernichten.’
Er hob seinen Kopf, wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und lächelte. Denn jetzt hatte er verstanden. Es hätte ihn jeden Tag haben können, doch er ließ es nicht zu, wenn sich die Gelegenheit bot. Oder er hätte es selber machen müssen. Doch jetzt hatte er es verstanden. Langsam legte er seinen Kopf seitwärts auf das Knie und blickte lächelnd in die ihn umgebende Dunkelheit. ‚Dieses eine Mal bin ich hier’, dachte er lächelnd. ‚Dieses eine Mal warte ich, um den einzigen Fehler wieder gutzumachen.’ Langsam schloss er seine Augen und erinnerte sich an den Duft einer Lilie.
[Dieser Beitrag wurde am 13.11.2007 - 19:15 von johnnyrebel aktualisiert]
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Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 12.11.2007 - 19:59 |  |
So, nach der dritten Lesung wage ich mich endlich mal an eine Kritik. 
Um ehrlich zu sein: Es fällt mir nicht leicht, diesen Text einzuordnen, denn auf mich wirkt er wie ein Fragment, ein Filmriss sozusagen.
Da ist einerseits eine Situation, die bis in die kleinsten Einzelheiten sehr bildhaft dargestellt wurde, zumindest am Anfang. Die Verzweiflung, der innere Schmerz des Protagonisten. Schließt man kurz die Augen, so sieht man ihn bildlich vor sich und man glaubt sogar, ihn mit der ausgestreckten Hand greifen zu können.
Andererseits ist es eine Momentaufnahme ohne jeglichen Zusammenhang, nur ein Fragment eben.
Wer ist der Prot? Wohin gehört er? Welche Rolle spielt er? Was ist mit ihm passiert? Warum ist er allein? Wer oder was ist hinter ihm her und warum?
Viele Fragen, die nicht einmal ansatzweise beantwortet werden.
Die Bezeichnung "El Hombre" würde auf einen Soldaten hindeuten, der sich in einem spanischsprachigen Territorium bewegt oder bewegt hat. Allerdings kein einfacher Soldat, denn der würde vermutlich keinen "Kriegsnamen" erhalten, obwohl es auf Spanisch im Grunde nur "Der Mann" heißt. Somit muß er wohl in seinem Umfeld etwas Außergewöhnliches sein. Möglicherweise ist es auch (als Metapher) eine Figur aus einem historischen Kartenspiel oder aber der Spieler selbst.
Eines der typischen Merkmale einer Kurzgeschichte ist, daß sie keine Einleitung besitzt, sondern mitten in der Handlung beginnt. Auch ein Ende ist nicht unbedingt erforderlich. So gesehen hätte ich hier eigentlich eine Kurzgeschichte vor mir.
Trotzdem gibt es dort einen Spannungsbogen, der vom Anfang bis zum Ende erkennbar sein sollte. Das ist hier nicht geschehen, auch eine Aussage und/oder eine Erkenntnis vermisse ich.
Ich weiß schon, Du magst solche Kurzbelichtungen einer Szene ohne jeglichen Zusammenhang. Man könnte sogar von einem "Markenzeichen" sprechen, denn man findet das sehr oft in Deinen Texten.
Trotzdem hinterläßt mich diese Kurzbeschreibung ein wenig ratlos, deshalb hier eines meiner Zitate aus einer anderer Stelle:
ich schrieb
Johnny z.B. verwendet relativ häufig diesen Stil, allerdings nicht durchgehend, deshalb empfinde ich ihn auch nicht als störend.
Für längere Texte oder ganze Geschichten jedoch dürfte dieser Schreibstil kaum empfehlenswert sein, da kann er noch so "expressionistisch" sein.
Jeder Leser würde vermutlich so ein Buch nach kurzer Zeit wieder aus der Hand legen und nie wieder etwas von diesem Autor lesen wollen. |
Hier der einzige Grammatikfehler, der mir aufgefallen ist:
"der ihm zuflucht gebenden Wand"
= "der ihm Zuflucht gebenden (oder bietenden) Wand"
Außerdem ein Logikfehler: Wenn sich das Fleisch bereits bis auf die Knochen aufgelöst hat, dürfte es ziemlich schwierig sein, die Zehen zu bewegen. 
Was ist mit den Schmerzen an seinen Beinen? Spürt er dort nichts?
Das Ende dieses Textes kann ich ebenfalls nirgendwo zuordnen. Welchen Fehler kann er endlich wieder gutmachen? Was hätte er jeden Tag haben können und was hatte er endlich verstanden?
Nixverstehende Grüße vom Mino.
Sorry, aber wir wollten uns doch keinen Honig um´s Maul schmieren, oder? 
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Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |
johnnyrebel  Moderator a.D.
 

Status: Offline Registriert seit: 12.09.2006 Beiträge: 242 Nachricht senden | Erstellt am 13.11.2007 - 19:13 |  |
Huhuuuu Mino,
nun, mit Honig kann ich eh wenig anfangen, obwohl ich doch tatsächlich auf Süsses stehe *verschämtguckt*. Doch zurück: Also, diese Geschichte mag völlig unzusammenhängend erscheinen, weil sie es auch tatsächlich ist *g. Zumindest hatte ich mich einfach nur mal eines Nachts hingesetzt und begann mal wieder, etwas zu schreiben. Als ich fertig war, entschloss ich mich, die gesammte Geschichte einfach nur dahingehend zu Verändern, als ob eine Kamera nur einen kurzen Moment einer völlig verzweifelten Situation einfängt.
Was vorher oder hinterher geschah oder geschieht, war für mich als Schreiber völlig unrelevant. Aber vielleicht liest sich ja deshalb die Geschichte weniger gut bzw. lässt Fragen offen.
Minotaurus schrieb
Ich weiß schon, Du magst solche Kurzbelichtungen einer Szene ohne jeglichen Zusammenhang. Man könnte sogar von einem "Markenzeichen" sprechen, denn man findet das sehr oft in Deinen Texten.
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Und dazu: Ehrlich gesagt ist mir das noch nie wirklich aufgefallen. Erstens, ich habe ja nie eine schriftstellerische Ausbildung im klassischen Sinne genossen, noch habe ich jemals bewusst irgendwelche Regeln angewendet, sondern tatsächlich einfach nur hingesetzt, geschrieben, evtl. korrigiert und das wars. Neben verschiedenen Versuchen, auch mal vom eigenen Stil, den man irgendwann meint, zu erkennen, abzuweichen, hatte ich immer andere Eigenarten von mir vor Augen. Aber gut, viele Augen sehen mehr als Zwei, was ich allerdings positiv sehe, denn Kritik oder Erklärungsversuche bringen einen schliesslich auch weiter.
Und tja, die Rechtschreibfehler werden selbstverständlich korrigiert. 
lieben Gruss.... das Ich (oder so *ggg)
Ach ja, Anmerkung zur Überschrift - Nun, *stotter*, ehrlich gesagt, die Überschrift...öhm...naja...mir fiel nichts ein, ausser der, warum auch immer. Somit ist auch die vöööööööllig ohne Sinn und Verstand ausgewählt. Aber na ja, was bedeutet das schon bei mir 
[Dieser Beitrag wurde am 13.11.2007 - 19:20 von johnnyrebel aktualisiert]
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