Daggi 
      

Status: Offline Registriert seit: 20.02.2007 Beiträge: 569 Nachricht senden | Erstellt am 16.10.2007 - 10:00 |  |
Einen schönen Menschen entstellt nichts!
Mit diesem Spruch wollte ich meine Freundin trösten, als sie mir mal wieder weinerlich erklärte, dass sie ihre Verabredung mit mir nicht einhalten könne, weil ihre Haare ganz furchtbar aussähen! Sie ist ein toller Mensch und eine total hübsche Frau und keiner würde den drei bis vier Haaren, die nicht so lagen wie sie sollten, Beachtung schenken! Leider war sie untröstlich und blieb zu Hause. Sie schmollte eine Zeit lang mit mir, weil ich sie nicht verstand.
„Einen schönen Menschen entstellt nichts“, sagte ich einmal zu meinem Chef, als er jammernd vor mir stand und mir die Schnittwunde auf seiner Wange zeigte, die er sich am Morgen beim Rasieren zugezogen hatte. Es waren wohl nicht die richtigen Worte in einem solchen Augenblick, denn schließlich hatte er es ja gerade noch so geschafft, dem Tod von der Schippe zu springen!
Die Augen gen Himmel gerichtet, betete ich diese Worte auch vor mich hin, als mein Mann sich mir freudestrahlend in diesem scheußlichen, zitronengelben Hemd präsentierte.
„Guck mal Schatz, hab ich wieder gefunden! Im Kleiderschrank ganz unten rechts.“ Na da hätte es auch bleiben sollen! Warum bloß hatte ich es nicht gleich in den Sack für die Altkleidersammlung gesteckt? Ach ja, weil er dort immer zuerst sucht, wenn er eins seiner geliebten und von mir gehassten Kleidungsstücke vermisst. Hatten wir alles schon…
Vor einiger Zeit kam meine zehnjährige Tochter nach Hause und zeigte mir plärrend einen Pickel auf der Nase. Klar, das sah schon irgendwie witzig aus und ich musste mir direkt das Lachen verkneifen, denn ihr Blick sagte mir, dass es wirklich besser wäre, das nicht zu tun. Stattdessen tröstete ich sie ein bisschen. Aber ob meine Sätze „Einen schönen Menschen entstellt nichts! Gewöhn dich besser schon mal daran, das wird nicht dein letzter Pickel sein.“ sie trösten konnte, sei mal dahingestellt.
„Einen schönen Menschen entstellt nichts.“ Vor ein paar Tagen habe ich diese weisen Worte für null und nichtig erklärt. Es ging nämlich um meine eigene Schönheit…
An bewusstem Morgen musste ich zum Zahnarzt.
Nachdem ich eine geschlagene Stunde im Wartezimmer saß, eingekeilt zwischen einer Frau, die ungerührt in einer Klatschzeitung las, und einem Mann, der stark schwitzte und apathisch vor sich hin starrte, konnte ich dann endlich auf dem Folterstuhl Platz nehmen. Ich nahm entspannt meine Spritze in Empfang, ohne die ich keinen Bohrer an mich heran ließ, und während wir darauf warteten, dass ihre Wirkung einsetzte, ließ ich mich von der zuckersüßen Stimme der Ärztin und den beruhigend meinen Arm streichelnden Händen ihrer Helferin einlullen. Dann ging Frau Doktor frisch ans Werk. Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass Zahnärzte immer irgendwelche Fragen stellen, wenn man nicht antworten kann? Wahrscheinlich, weil sie die Antwort eh nicht interessiert… aber das mal nur am Rande.
Jedenfalls stand ich zehn Minuten später wieder auf der Straße mit einer irgendwie schief herunterhängenden Unterlippe, aber mit einem schicken Zahn, dessen Füllung mich allerdings um schlappe dreiunddreißig Euro ärmer gemacht hatte. Es war klar, dass ich auf dem Weg ins Büro gar nicht erst versuchte, irgendjemanden anzulächeln. Schade war’s ja, denn wie immer in solchen Momenten kreuzten ein paar wirklich interessante Exemplare der männlichen Gattung meinen Weg.
Egal. Im Büro angekommen, kämpfte ich erst einmal mit meinem Kaffee. Den brauchte ich dringend und ich hatte mit der Zeit eine gewisse Übung darin entwickelt, trotz nicht vorhandener Lippe irgendwie trinken zu können. Dann hatte ich Hunger und weil meine Kollegen eine hungrige Daggi ganz gewiss nicht überleben würden, zeigte ich mich gnädig und knabberte voller Einfallsreichtum an meinem Frühstücksbrötchen. Dass ich auch auf meiner Lippe herumkaute, merkte ich erst, als ich das Blut an meinem Brötchen entdeckte.
Ein Blick in die verchromte Kaffeekanne zeigte mir, dass ich aussah wie Draculas Schwester nach ihrem Abendmahl und mein durchdringender Schrei veranlasste meinen Chef dazu, geschwind aus seinem Büro und mir zur Rettung zu eilen. Er lachte nicht, konnte aber dieses verräterische Zucken um seine Mundwinkel nicht wirklich verhindern. Gleich darauf schickte er mich zu unseren IT-Leuten, weil er ganz dringend eine neue Druckerpatrone brauchte. Mein waidwunder Blick erweichte ihn nicht. Süffisant grinste er mich an. „Einen schönen Menschen entstellt nichts!“ Nun ja, ich sollte wohl in Zukunft doch mitfühlender sein, wenn er mal wieder halbtot ist…
Ich fühlte mich elendig. Von Minute zu Minute schwoll meine Unterlippe immer mehr an und zum Feierabend sah ich aus, als wäre ich das Opfer einer missglückten Schönheitsoperation.
Zu Hause angekommen, empfing mich meine freudestrahlende Tochter, deren Gesichtszüge aber entglitten, als sie mich genauer ansah. Leicht angewidert begutachtete sie meine Lippe. „Wie hast du denn das nun wieder geschafft?“
Interessiert lauschte sie meinen wehleidigen Erklärungen und legte dann tröstend ihren Arm um mich.
„Ach Mama… einen schönen Menschen entstellt nichts! Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein!“ Irgendwie blöd, dass sie ihre Mama so gut kannte und ich nahm mir im Stillen vor, beim nächsten Zahnarztbesuch vorher zu frühstücken.
Das Wochenende war jedenfalls gelaufen. Von vornherein war für mich klar, dass ich nicht zur Grillparty unserer Freunde gehen würde und ich hörte das Grinsen meiner Freundin regelrecht durch den Telefonhörer. Meinen Einwurf, dass meine dicke Lippe nicht mit ihren drei bösen Haaren zu vergleichen wäre, überhörte sie.
Die Reaktion meines Mannes überraschte mich dann aber doch. Weit gefehlt, jetzt zu glauben, er hätte versucht, mich zum Mitkommen zu bewegen. Nicht, dass sein Bitten irgendetwas gebracht hätte, aber es ärgerte mich ganz gewaltig, dass er mich so mitleidig ansah, meinen Arm tätschelte und ziemlich schnell erklärte, dass wir wohl besser zu Hause bleiben sollten.
Ich frage mich bis heute, warum ausgerechnet ihm meine innere Schönheit nicht reicht…
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Daggi 
      

Status: Offline Registriert seit: 20.02.2007 Beiträge: 569 Nachricht senden | Erstellt am 18.10.2007 - 10:20 |  |
ihr Lieben,
nun ja, liebe Martina, als ich so entstellt war, waren es nachts noch keine 12 Grad… Aber du könntest schon recht damit haben, dass auch er keine rechte Lust hatte. Am PC sitzt er aber ganz gewiss nicht, er weiß gar nicht, wie der angeht! 
Nö, lieber Stefan, wenn ich Hunger habe, knabbere ich meine Kollegen nicht an, aber ich werde dann manchmal ganz schön böse. Wenn ich außerdem gewusst hätte, dass ich soooo lange im Wartezimmer sitzen muss, hätte ich unter Garantie vorher was gegessen, wusste ja schließlich, dass was gemacht werden muss… 
Übrigens, ich habe Frau Doktor hinterher gefragt, warum sie Fragen stellt, die ich bloß mit dusseligen Lauten beantworten kann… sie hat bloß gegrinst und gemeint, dass sie doch auch mal was zum Lachen haben muss. Komisch, denn sie feixt ja immer schon, wenn sie mich bloß sieht! 
Liebste Grüße von mir!

Jetzt genehmige ich mir ein Käffchen 
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Gudrun
     

Status: Offline Registriert seit: 01.03.2007 Beiträge: 454 Nachricht senden | Erstellt am 20.10.2007 - 13:55 |  |
Ah, Wirbelwind, sicherlich bist Du eine der Schönsten in eurem Lande! Innerlich wie äußerlich!
Dein Mann traut sich nur nix sagen, er hat Angst, wenn Dir das bewusst wird, rennst nur noch singend, tanzend, lachend durch die Welt und die dicke Lippe wird zum "must" des Monats gewählt.

Daggi schrieb
Am PC sitzt er aber ganz gewiss nicht, er weiß gar nicht, wie der angeht! |
   
Nein, ich lache nur zufällig. Was soll man auch mit so einem kalten, grauen Ding rumspielen, wenn man eine Daggi hat!

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