Valvenya unregistriert
| Erstellt am 18.04.2007 - 14:33 | |
Nun war sie also tatsächlich hier. Während ein Teil von ihr sich jetzt noch schwer damit tat, diesen Fakt zu akzeptieren, erinnerte sich ein anderer an die erst vor sehr kurzer Zeit erlebten Reisestrapazen und dankte den Göttern, endlich am Ziel angekommen zu sein. Dies zum Glück zusätzlich noch in einem Stück, auch wenn ein paar Nerven definitiv auf der Strecke geblieben waren. Und die noch vorhandenen bereits erbebten, wenn sie nur daran dachten, diese riesige Stadt bald wieder betreten zu müssen.
Energisch schob Valvenya jenen Gedanken erst einmal wieder weit von sich und nippte an der kühlen Kräuterbrühe, die mehr aus Wasser, als aus Geschmack bestand, aber genau das Richtige für ihren arg geplagten Magen darstellte. Zumindest diese Mahlzeit würde einmal nicht rebellieren, sobald sie sie heruntergeschluckt hatte. Die Dakerin strich sich mit einer Hand über den Bauch, um das mitgenommene Organ damit noch zusätzlich brav zu stimmen.
Doch zumindest hatte die beständige Übelkeit sie davon abgehalten, wirklich über ihren Abschied von Dakien nachzudenken, über diesen gewaltigen Schritt, den sie da gerade unternahm. Ihr Blick glitt nach oben und über die leuchtend grünen Wipfel der Bäume, die sich im auffrischenden Seewind wiegten und Meereswellen so gut nachahmten, dass Valvenya ihre Augen rasch wieder senken musste. Dieser kleine Inselwald war schön auf seine Art, aber er war trotzdem anders als alle Wälder ihrer Heimat. Und selbst wenn sie die Augen schloß und im Rauschen der Blätter nach bekannten Stimmen suchte, so zerstörte die selbst im Schatten noch drückende Hitze jegliche Illusion, zu Hause zu sein.
Venya sog tief die Luft ein und zog die Beine etwas näher an ihren Körper. Was brachte es auch, sich etwas Falsches vorzugaukeln? Sie war hier, und es gab einen guten Grund dafür, dass sie hier war. Was sie, wie ein sie dunkel streifender Gedanke ihr mitteilte, dem Schicksal allerdings auch geraten haben wollte.
Aber sie wusste, dass sie nicht umsonst hierher gesandt worden war. Schon nachdem ihr getrübter Blick die ersten Erhebungen der Insel am Horizont erspäht hatte, war ihr die letzte Gewissheit gekommen. Mediterranea mochte idyllisch anzuschauen sein, aber trotzdem war es ihr so dunkel erschienen, dass sie selbst in der blendenden Morgensonne hatte frösteln müssen. Es ging Gefahr davon aus, wie eine alte schwarze Schlange, die sich in den Tiefen wand, verborgen, aber angriffsbereit. Obwohl es nicht wirklich eine Schlange war, sondern etwas anderes, heimtückischeres....
Leider war ihre Konzentration noch zu sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, um sich näher mit jenem Schatten auseinanderzusetzen. Aber sobald sie sich ein wenig besser fühlte, würde sie die Knochen danach befragen. Vorausgesetzt, Nicolai selbst hatte ihr bis dahin nicht bereits nähere Informationen geben können.
Mit einem letzten Schluck leerte sie die flache Trinkschüssel und starrte geistesabwesend auf das Moos, welches einen Felsen in ihrer Nähe bedeckte wie ein Samtumhang. Es gefiel ihr gar nicht, Nicolai hier zu wissen, wo irgendwas in der erhitzten Luft lag. Aber war sie nicht deswegen hier? Um auf ihn aufzupassen?
"Oh ja, bei den tausend blühenden Hügeln, ich werde todesmutig den neuen König der Daker beschützen, so wie ich schon so viele andere beschützt habe mit meinen unglaublichen Kräften!"
Venya grinste eher ironisch als freudig zu dem bemoosten Stein hinüber und schlang sich noch etwas fester in die Decke, die sie eigentlich bei diesen Temperaturen nicht wirklich brauchte. Doch da ihre Kleider nach einer ordentlichen Wäsche noch zum Trocknen auslagen und die Heilerin nach einem ebenfalls sehr gründlichen Bad nicht nackt herumsitzen wollte, war die Decke trotzdem zum Einsatz gerufen worden.
Damit ihr erneut andere Gedanken kamen, betrachtete Venya ihr Unikat-Armband, um es auf eventuell beschädigte Stellen zu untersuchen, die wieder einmal repariert werden mussten. Ihr tastender Finger blieb an einer kleinen Strähne dunklen Haares hängen, die sich, gewellt wie sie war, um einige andere kuriose Anhänger geschlungen hatte. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie hatte damals ihren 'Bruder' nicht erst groß um Erlaubnis gefragt, sondern sich einfach ein scharfes Messerchen gegriffen und an seinem Haar zu sägen begonnen. Wortwörtlich nur um Haaresbreite hatte die Klinge bei der natürlich folgenden, heftigen Gegenwehr sein rechtes Ohr verfehlt und ihn damit nur knapp nicht zu einem einohrigen Prinzen werden lassen. Das hätte er ihr vermutlich niemals verziehen. Trotzdem hatte sie grinsen müssen, wie auch jetzt gerade. Bei den Göttern, es war schon mehrere Jahre her, dass sie sich zuletzt gesehen hatten. Hoffentlich würde sie ihn überhaupt noch erkennen.
Nun musste sie wirklich leise auflachen, während sie die kleine weiche Strähne vorsichtig um ihren Zeigefinger wickelte.
"Ich werde ihn wohl eher erkennen als er mich, deswegen sollte ich mir wirklich Mühe geben."
Venya befestigte die Haarlocke wieder ordentlich im Geflecht der vielen anderen Dinge, und erhob sich dann mit einem leisen Seufzer, um sich zu ihren Kleidern zu begeben. Ein unwirsches Schnauben tiefer in der Höhle hinter ihr ließ sie kurz innehalten und mit gespielter Unzufriedenheit das Gesicht verziehen, ehe sie sich grinsend ihre Gewänder schnappte und mit der Ankleidezeremonie begann. Schon sehr bald wurde ihr bewusst, dass sie bei Weitem nicht all das um ihren Körper schichten konnte, was sie gerne getragen hätte, wenn sie nicht schon auf halbem Weg zur Stadt zurück schmelzen wollte. Nach längerem Hin und Her wählte die Dakerin schließlich schweren Herzens eher dünne Stoffe und hüllte sich als eine Art Kompromiss noch in einen bodenlangen Kapuzenumhang. Anschließend wuschelte sie an ihrer hoffnungslos widerspenstigen Mähne herum, spielte zum xten Mal mit dem Gedanken, sich die langen Haare endlich abzuschneiden, und flocht sie endlich doch nur wieder zu einem dicken Zopf.
Nach einigem Zögern wagte Venya schließlich auch einen Blick auf ihr Spiegelbild auf der Wasseroberfläche des ruhig dahinfließenden Baches, nur um sich enttäuscht davon zu überzeugen, dass sie noch schlimmer aussah, als sonst schon. Keine Überraschung bei wochenlanger Unterernährung. Verärgert über ihr dummes Verhalten tauchte sie ihre Hände in das kühle Nass, hauptsächlich um ihr die Sicht auf ihr eigenes Gesicht zu nehmen, aber auch, um noch einmal einen ausgiebigen Schluck trinken zu können. Zusätzlich füllte sie ihren Wasserschlauch auf und packte ihre Umhängetasche zusammen. Einige ihrer Sachen konnten schon einmal hier in der kleinen Höhle bleiben, wie zum Beispiel jene Sache, die sie da aus den dunklen Tiefen anfunkelte und unruhig auf den Boden stampfte.
"Was, lässt die Wirkung etwa schon wieder nach? Aber nur die Ruhe, allzu lange musst du nicht mehr durchhalten. Und du.... auch nicht."
Bei den letzten Worten bückte sie sich zu einem größeren Korb hinab und nahm den kleinen Baummarder hoch, der sich bislang (weil eher nachtaktiv) dösend darin zusammengerollt hatte und sich nun eilig unter ihren Umhang verkroch. Die Seherin hatte ihn nicht in Dakien zurücklassen können, da er noch zu jung war, um sich alleine in der Wildnis zurechtzufinden. Und Atthelá würde seinen Spaß mit dem kleinen Kerl haben.
Und vielleicht dem Tier mehr Aufmerksamkeit widmen als dir?
Venya ignorierte diese spitze Bemerkung in ihrem Inneren und gab sich stattdessen alle Mühe, das etwas unruhige Kerlchen mit einer Hand sicher und behutsam festzuhalten, und mit der anderen nach ihrem Stab zu angeln. Flüchtig beklagte sie noch einmal heftig Nicolais Entscheidung, sein Schiff in der Bucht einer riesigen Stadt festgemacht zu haben, dann machte sie sich, nach einem letzten, absichernden Blick in die Höhle hinein, auf den Weg zum Hafen.
tbc: Öffentliche Gebäude -> Hafen
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