rumpelstar  FunkCrew
         

Status: Offline Registriert seit: 16.09.2005 Beiträge: 1643 Nachricht senden | Erstellt am 09.02.2007 - 11:42 |  |
Hier mal ein kleiner Rückblick in die Anfangszeit der CDs.
Dieser Bericht könnte doch einiges an Gesprächsstoff bringen.
Ein ziemliches Windei ... Verdrängen die Compact Discs bald die grossen schwarzen Scheiben?
Auf einmal sprachen alle von den Compact Discs (CDs) und ihren dazugehörigen CD-Spielern, die gerade ihrer Besonderheit wegen - ein mittels Laserstrahl berührungsfreies Tonabnehmen - für Aufsehen gesorgt hatten. Es war noch keine einzige Compact Disc im Handel, als ein Fachmann überwältigt ausrief: "Der ideale Tonträger scheint geboren zu sein. Die Tonqualität ist unschlagbar." Und Medien wie Plattenfirmen stimmten nicht nur in das Lob mit ein, sondern verfielen geradezu in einen wahren Superlativ-Taumel: "Das Jahr '83 markiert den Beginn einer neuen, vielleicht der endgültigen Schallplatten-Ära" ... "Dem Hörer verschlägt es den Atem" ... "Echte Digitalaufnahmen auf CD rauschen, knistern und knacken nicht, sie produzieren keine Rumpel- oder sonstige Oberflächengeräuche" ... "die kleinen silberglänzenden Scheibchen sind ein Wunder des Computer-Zeitalters" ... etc.
Was nun aber ist der genaue Grund für derartige Begeisterung?
Hierzu ein weiterer Mann vom Fach: "Das Compact-Disc-Digital-Audio-System - von Philips und Sony entwickelt und von PolyGram realisiert - verzichtet auf den Tonkopf. Der Tonabnehmer ist ein Lichtstrahl, gebündelt und auf den Compact Discs gerichtet. So woe die Augen des Lesers Wörter lesen, nimmt der Laserstrahl die Töne ab: berührungslos, ohne jedes Auflagegewicht. Dazu kommt, daß die CDs, die im Gegensatz zur 30-cm-LP nur noch einen Durchmesser von 12cm haben, nur einseitig abspielbar sind und dennoch bis zu 60 Minuten Musik transportieren, sozusagen Musik zum Anfassen. Will sagen, Staub, Fingerabdrücke, jeglichen Schmutz kann man einfach abwischen. Diese Schallplatte nutzt sich nicht ab. Unbegrenzte Lebensdauer, Bedienungskomfort, Raumklang - und nicht zuletzt Raumersparnis gegenüber der sechsmal grösseren LP - sowie optimale Wiedergabequalität sind die Hauptvorzüge dieses bahnbrechenden Systems."
"Zum ersten Mal erlebt der Hörer Musik, die aus einer absoluten Stille geboren wird, eine Dynamik von geradzu unermeßlichen Ausmaß, einen Klang fern aller traditionellen einengenden Vorstellungen von Konzertsaal und Orchestergraben - absolute Musik in absoluter Freiheit", fügte der Klassik-Chef einer Plattenfirma - einer Tochtergesellschaft des an der Entwicklung beteiligten Konzerns - euphorisch hinzu. Und er fuhr fort: "Auch die sogenannte Zimmerlautstärke tut der Brillanz keinen Abbruch. Der große Geräuschespannungsabstand ermöglicht auch bei leiserem Hören ein klares Hören. Die CD wirktz ihre Wunder auch in vier engen Wänden."
Nun waren beide, der Stereoanlagen-Freak und der PVC-Plattensammler völlig verunsichert. Waren sie jetzt tatsächlich an einen Wendepunkt angekommen, dem vergleichbar, an dem die alten Schellack-Platten in der Versenkung verschwanden und der Begin des Vinyl-Zeitalters markiert wurde?
Wenn das so ist, können wir bald unsere Anlagen und Sammlungen wegschmeißen" befürchten vielerorts Musikfans, die bis dato eifrig schwarze Scheiben gehortet hatten. Und einer meiner Freunde, auch Plattensammler, meinte: "Wir werden wohl oder übel unsere Platten und herkömmlichen HiFi-Geräte vergessen und uns auf die teureren CDs einstellen müssen und das, obwohl es in jüngster Zeit bei den bisher gebräuchlichen Stereo-Geräten und auf dem Gebiert der Klangqualität schwarzer Scheiben erhebliche Fortschritte gegeben hat."
Seine und vieler anderer Platten-Käufer Angst war verfrüht. Es dauerte nicht sehr lange, bis sich kritische Stimmen erhoeben. Der deutsche Musikverleger-Verband war der erste, der sich Sorgen darüber machte, wie viele Einspielungen wohl das Überwechseln von Vinyl auf Compact Sisc überleben werden. "Es ist (noch) nicht möglich", gab der aufgerüttelte Verband zu bedenken, "z.B. Karl Böhms meisterhafte Mozartsinfonien, Louis Armstrongs Trompeten-Soli, ebenso sämtliche Beatles-Nummern so aufzubereiten, wie sie ursprünglich aufgenommen wurden. Außerdem ist es nicht möglich, ohne erheblichen Qualitätsverlust Analog- in Digital-Aufnahmen zu verwandeln." Deswegen sei auch zu befürchten, so der Verband weiter, "daß vor allem die großen Produzenten, um nicht auf vergleichsweise schlichten Einspielungen sitzen zu bleiben, künftig auf so manches Prunk-Stückchen verzichten werden." Dabei werde es vor allem in der Übergangszeit "künstleriche Verluste" zu beklagen geben, schloß der Musikverleger-Verband.
Weniger künstleriche Verluste, als vor vielemehr klanglische Mängel bekrittelte wenig später der für diese Art Technik zuständige Mitarbeiter eines großen deutschen Nachrichtenmagazins. Tenor seines Artikels: Was nützen die besten Abspielgeräte und die technisch perfektesten Tonträger, wenn schon die Aufnahme-Praxis und Technik im Studio mangelhaft ist. Die vom Autor durchgehörten CDs hatten einen "harten, kantigen sowie grell und kalt" wirkenden Sound aufgewiesen, was der Sachverständige auf die bislang übliche, für die Einspielung auf CDs wenig taugliche Mikrophon-Politik zurückführte. Der schreibende Kenner resumierte, daß die derzeitige Technik der Aufnahme-Praxis weit hinterherhinke. Daraus ergeben sich natürlich Klang-Probleme. Aber damit noch längst nicht genug. Inzwischen ist nicht wenigen CD-Spezialisten manches aufgegangen, was dem Laien klar macht, daß die "Silberlinge" die schwarzen Scheiben noch lange nicht verschwinden lassen werden. Hier nun aufzählend zusammengefaßt die Bedenken einiger Fachleute:
Die noch immer übliche Analog-Magnetband-Aufzeichnung kann eine völlige Rausch-Armut nicht bewerkstelligen ... Die CDs sind mitnichten total verschleißfrei, wie das anfänglich versprochen wurde, und so enthalten die den Plättchen beigelegten Begleithefte (mit Informationen über Künstler, Werk etc.) eine ganze Latte von Empfehlungen, was man mit CDs besser nicht anstellt, um keine Qualitätsminderung in Kauf nehmen zu müssen ... Sie kostet im Schnitt bis zu 50 Prozent mehr als Platten aus Vinyl ... Es ist nicht möglich, Hits in solchen Stückzahlen auf den Markt zu werfen, wie dies anhand von LPs, Singles, Maxi-Singles etc. geht, da im moment überall, wo CDs hergestellt werden, begrenzte Fertigungskapazitäten vorliegen (also werden weiter alle Neuveröffentlichungen auf PVC erscheinen) ... Auf Compact Disc kommt nur, was sich weltweit millionenfach bewährt hat; demnach ist an die Erstellung eines lückenlosen Musik-Repertoires auf CD nicht zu denken ... Durchweg bessere Tonqualität ist eigntlich nur bei klassischer Musik vorzufinden, da Heavy Metal-, HardRock- und ähnliche Einspielungen auch auf dem neuen Tonträger nicht anders tönen als auf Vinyl, und oft werden bei älteren Aufnahmen derart schlechte Bänder zur Überspielung herangezogen, daß man mit schwarzen LPs (da sich nicht alle Unreinheiten so schonungslos aufdecken) besser beraten ist ... Nur auf allerbesten Anlagen (die in der Regel sehr teuer sind) kommen die CDs einigermaßen zur Wirkung ... Einzig die Kunstmusik nutzt die Speilzeit von ca. 60 Minuten, die der Tonträger bietet, auch tatsächlich aus ... Die Herstellung ist midestens viermal so teuer wie die von schwarzen Scheiben, d.h., ein Gewinn ist für die Industrie derzeit kaum oder gar nicht zu erzielen, ja man hört sogar von Subventionen, da die tatsächlichen Kosten durch den Verkaufspreis nicht gedeckt werden ...
Die Liste von Erkenntnissen, die nicht gerade für "das neue Medium" sprechen, könnte noch fortgesetzt werden, aber wir wollen es nicht zuletzt aus Platzgründen hiermit bewenden lassen.
Immer mehr der Plattensammler, die nach Bombardements von Lobeshymnen auf die CDs bereits ihre Vinyl-Konserven und Anlagen eingekellert und sich auf das "neue Medium" gestürzt hatten, finden, wie man hört, bestärkt durch die die CDs nicht länger mehr als Wunder anerkennenden Verlautbarungen, zum Altbewärten ganz oder teilweise zurück. Manche fahren zweigleisig - Vinyl und CDs. Jedoch die Minderheit dürfte es sein, die weiterhin unbeirrt auf CDs schwört. Abschließend noch die Meinungen dreier Plattenfirmen-Angehöriger, eines mit der Materie bestens vertrauten Journalisten, eines Rundfunkredakteurs in leitender Position, sowie die eines Mitarbeiters des Fachhandels.
"PVC wird weiter seine Berechtigung haben. Schon allein das ganze Single-Geschäft ist mit CDs garnicht möglich. Außerdem sind im Rock-Bereich die Dynamik-Unterschiede wesentlich geringer als bei der Klassik. Und vergessen sollte man nicht, daß sich in den meisten Wohnungen die Vorteile der CDs nicht entfalten können". (Jörg Eckrich, Chef von HR3-Toptime)
"Beide Systeme werden weiterhin gleichberechtigt nebeneinander existieren, denn der einzig positive Unterschied von CDs zu schwarzen Scheiben ist, daß erstere nicht rauschen und knacken. Und auf sehr guten Anlagen merkt man eh keine Unterschiede. Die ganze CD-Geschichte wurde ohnehin viel zu hoch gejubelt." (Der zuständige für CDs bei Main-Records, Frankfurt)
"Die Vinyl-Platte wird immer neben der CD existieren, denn nur für bestimmte Leute lohnt es sich, die glänzenden Scheibchen zu kaufen. Ich halte sie eh für ein ziemliches Windei." (Mitarbeiter einer großen Plattenfirma, der angesichts seiner ehrlichen Antwort doch lieber ungenannt bleiben wollte)
"Die Gewinn-Margen bei CD sind, falls es sie gibt, so gering, daß jede Propaganda gefährlich wäre, die dem Konsumenten die Vorstellung vom baldigen Ende der schwarzen Scheibe zu suggerieren versucht." (Franz Schöler)
"Die CD ist augenblicklich noch viel zu teuer, um ein Massenmedium zu werden." (Wilfried Jung, EMI Geschäftsfüher)
"Die Entwicklung gehr so rasant vorwärts, daß es durchaus sein kann, daß in ein paar Jahren CDs garnicht mehr akut sind." (Bei CBS u.a. zuständig für CDs)
Text und Interview: Manfred Gerhard (Debüt Nr. 08 1984)
Irgendwie ist halt doch die Zeit an mir vorbei gegangen. Ich kaufe immer noch fleisig Vinyls......
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