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...   Erstellt am 13.10.2005 - 03:22Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Kölner Stadt-Anzeiger (Donnerstag, den 06. Oktober 2005 - 07:11 Uhr)
Ein komplettes Dorf heizt mit Gülle

Ein komplettes Dorf heizt mit Gülle
VON WALTER WILLEMS, 06.10.05, 07:01h
Biogasanlage in Jühnde. Artikel mailen Druckfassung
Gülle, Grünschnitt und „Energiepflanzen“ werden zu Biogas vergoren. Das Gas treibt ein Blockheizkraftwerk zur Stromerzeugung an. Die Wärme wird zum Heizen genutzt.
Konnichi wa, sagt August Brandenburg und neigt den Oberkörper leicht nach vorn. Es ist nun schon die vierte japanische Delegation in Jühnde. Und der 75-jährige Bürgermeister des niedersächsischen Dorfes hat Routine darin, die Gäste in ihrer Landessprache zu begrüßen. Aus Südkorea und Kanada, Russland und Chile kommen seit Monaten Besucher hergepilgert. Es ist nicht die Gastfreundschaft und auch nicht die reizvolle Lage des Dorfes am Hang eines Vulkans, die Fremde lockt: Jühnde ist der erste Ort in Deutschland, der seinen gesamten Energiebedarf aus Biomasse deckt.
Als Pioniere mit historischem Verdienst sind die Bewohner daher gelobt worden, als Rebellen oder als unbeugsame Gallier, die den großen Energiekonzernen entschlossen die Stirn bieten. „Die Jühnder bauen an der Zukunft dieser Republik“, sagte die damalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast beim ersten Spatenstich im November 2004.
Die Biogasanlage macht die Bewohner des 750-Seelen-Ortes unabhängig von den steigenden Öl- und Gaspreisen. Zudem produziert sie mit etwa vier Millionen Kilowatt-Stunden etwa das Doppelte der Elektrizität, die das Dorf selbst verbraucht. Die Kohlendioxid-Emissionen werden pro Bewohner um 60 Prozent gesenkt. Und: Das Geld für Wärme und Strom bleibt in der Region und bietet damit auch Landwirten langfristig eine Perspektive. „Das Projekt wird über Generationen Bestand haben“, sagt Eckhard Fangmeier, Sprecher der genossenschaftlichen Betreibergesellschaft.
Sechs der neun Jühnder Landwirte bauen auf etwa 15 Prozent der Agrarflächen des Dorfes „Energiepflanzen“ wie Raps, Mais oder Sonnenblumen an. Weil die Pflanzen schon im Grünstadium genutzt werden, können die Bauern zweimal im Jahr ernten. Düngemittel und Pestizide sind weitgehend überflüssig. Die Pflanzenmasse wird durch Vergären konserviert. Die Silage wird dann mit der Gülle des Viehs in die Biogasanlage eingespeist. Dort zersetzen Bakterien den Brei zu dem Biogas Methan, das dann im Blockheizkraftwerk verbrannt wird.
Die dabei entstehende Elektrizität fließt in das Netz des regionalen Energieversorgers. Die frei werdende Wärme geht über ein unterirdisches Leitungssystem direkt in die Häuser. Weil das allein im Winter nicht ausreicht, sorgt ein Holzhackschnitzel-Heizwerk dafür, dass die Jühnder nicht frieren. Bei einem Verbrauch von 3000 Litern Heizöl im Jahr spart ein Jühnder Haushalt bei einem Ölpreis von 65 Cent pro Liter 900 Euro.
Dabei fing alles ganz unscheinbar an. Im September 2000 bekam Brandenburg ungewöhnlichen Besuch. Der Agrarwissenschaftler Professor Konrad Scheffer fragte im Namen des Interdisziplinären Zentrums für nachhaltige Entwicklung der Uni Göttingen an, ob Jühnde daran interessiert sei, auf Energie aus Biomasse umzustellen. Der Bürgermeister reagierte zunächst skeptisch. Als er das Anliegen im Januar 2001 auf einer Dorfversammlung vorstellte, war jedoch das Votum der 150 Zuhörer einstimmig. Nicht zuletzt die Begeisterung im Ort sorgte - neben der bäuerlichen Infrastruktur - dafür, dass Jühnde 2001 von insgesamt 17 Kandidaten für das Projekt ausgewählt wurde. Für eine tragfähige Finanzierung mussten 70 Prozent der Haushalte Vorverträge abschließen, und ganz unumstritten war das Vorhaben anfangs nicht. Familien im Neubaugebiet, die gerade erst eine neue Heizung installiert hatten, betrachteten das finanziell riskante Fünf-Millionen-Euro-Projekt mit Skepsis. Auch einige Landwirte mussten erst dafür gewonnen werden, auf die Produktion von Biomasse umzuschwenken.
Das Verbraucherschutz-Ministerium für Planung, Forschung und Bau gewährte insgesamt 2,3 Millionen Euro an Zuschüssen. Von der EU erhoffte Fördermittel fielen jedoch weg und konnten nur teilweise durch Gelder vom Land und dem Landkreis kompensiert werden. Die Restfinanzierung wurde schließlich über Kredite gesichert, den Durchbruch brachte das Erneuerbare-Energien-Gesetz: Es garantiert Jühnde für die nächsten 20 Jahre pro eingespeister Kilowattstunde Strom 17 Cent, also pro Jahr 680 000 Euro.
Jeder Haushalt zahlt eine Einlage von 1500 Euro für die Mitgliedschaft in der Bioenergiedorf-Genossenschaft und 1000 Euro für den Anschluss an das Nahwärmenetz. Mit den Bauern hat die Betreibergesellschaft Fünf-Jahres-Verträge abgeschlossen, die sich an den Weltmarktpreisen für Weizen orientieren. Letztlich hängt die Vergütung aber vom jeweiligen Ertrag ab. Lukrativ sei das (kurzfristig) nicht unbedingt, sagt die Landwirtin Britta Syring: „Mit dem Anbau von Weizen hätten wir in diesem Jahr wohl mehr verdient.“ Zudem haben die Landwirte mehr Arbeit: Sie holen die Gülle nach dem Gärprozess von der Biogasanlage ab, um sie als Dünger auf die Felder zu bringen. Die Anwohner atmen auf: Denn nach der Gärung stinkt die Gülle nicht mehr.





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