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Status: Offline Registriert seit: 20.02.2007 Beiträge: 529 Nachricht senden | Erstellt am 20.03.2007 - 16:55 |  |
Ein ganz normaler Tag (oder auch nicht)
Es war noch gar nicht so lange her, seit ich einige Kurzgeschichten las, die mich sehr amüsierten. Wie machten die Mädels das bloß, über Arztbesuche, fehlende Filtertüten und Null Orientierungssinn so zu schreiben, dass man zwar durchaus Mitleid empfindet, sich aber trotzdem unweigerlich kringelig lachen muss?
In meinem Leben passiert irgendwie nie etwas wirklich Aufregendes und gleichzeitig Lustiges, über das es sich zu schreiben lohnt. Alles ist so… normal. Hin und wieder muss ich ja auch mal einen Arzt aufsuchen, aber diese Besuche laufen bei mir meist unspektakulär ab und für den Fall, dass ich mich auf meinem Weg zur Arbeit mal verfahre, trage ich seit einem halben Jahr ein Navigationsgerät mit mir herum, das ich selbstverständlich noch nie benutzt habe. Wo schalte ich das Teil überhaupt an? Nun ja… kommt Zeit kommt Rat.
Nicht mal die Filtertüten können mir ausgehen, weil ich meist für alle Eventualitäten gerüstet bin. Sollte mir doch mal die Lätta oder die Milch ausgehen, habe ich furchtbar nette Nachbarn, bei denen es mir absolut nicht peinlich ist, frisch aus dem Bett gestiegen an ihrer Tür zu klingeln und mir welche zu borgen. Die haben mich schließlich schon in den sonderbarsten Aufzügen gesehen und sogar mein Anblick, wenn ich mitten in der Nacht im Nachthemdchen vor unserem Gartenzaun stehe, kann die nicht mehr schocken. Sie sind den Anblick gewöhnt, denn der Hund steht des Öfteren vor meinem Bett und guckt mich wach, wenn er mal raus muss… mein Mann darf selig weiter schlummern.
Was wollte ich jetzt eigentlich erzählen?
Ach so, ich wollte euch nun doch einmal über einen ganz normalen Tag in meinem Leben berichten… einen Tag, der schon kurz nach Mitternacht anfing, als ich nämlich aufwachte, weil mir mein Arm ganz furchtbar wehtat. Ich plärrte ein bisschen in mein Kissen, bemüht, meinen Mann nicht zu wecken. Er kannte mein Gejammer ja schon und bevor ich mir wieder seine Schimpftiraden anhören durfte, von wegen „Geh bloß endlich zum Arzt“, litt ich lieber still vor mich hin. Irgendwann schlief ich wohl wieder ein und kreischte erst wieder los, als ich zum Wecker griff, um den Lärm abzustellen. Verdammt! Tat das weh! Okay, okay… heute Abend nach der Arbeit würde ich zum Arzt gehen!
Meine Probleme begannen im Badezimmer. Duschen und Zähneputzen ging alles noch ganz toll, das konnte ich alles mit nur einem Arm. Allerdings heulte ich wieder los, als ich in den Spiegel sah und feststellte, dass ich gegen diesen strubbeligen Mopp auf meinem Kopf nicht ankam. Ich konnte meinen Arm nicht heben und war völlig verzweifelt, weil ich nicht wusste, wie ich meinen Haaren zu Leibe rücken sollte. So konnte ich mich doch nicht auf die Menschheit los lassen!
Bei meinem letzten Schmerzanfall vor zwei Jahren war noch alles viel einfacher. Ich hatte noch lange Haare, konnte mich auf den Klodeckel setzen und mein liebes Töchterlein hat mir kichernd einen Pferdeschwanz gebunden. Nun habe ich allerdings eine Frisur, deren gewollter Wuschellook nicht gar so einfach zu bewerkstelligen war, wie man annehmen könnte. Auch meine Tochter war ratlos und weigerte sich, den Fön in die Hand zu nehmen.
Ich seufzte also abgrundtief und begann treu nach Anweisung meiner Friseuse, ohne den Föhn zu Hilfe zu nehmen, meine Haare zurecht zu zupfen und zu besprühen, nur um festzustellen, dass ich noch schlimmer als vorher aussah. Der würde ich beim nächsten Mal was erzählen! Von wegen verwuscheln, ein bisschen Haarwachs reinkneten und fertig! Pah! Eigentlich war es mir von vornherein klar, dass das nicht funktionieren würde, denn solange ich diese Frisur schon habe, habe ich es nicht einmal mit beiden Händen geschafft, in nur fünf Minuten ausgehfertig zu sein. Na egal, ich musste jetzt zur Arbeit!
Also schnell ins Auto gesprungen, rückwärts aus der Garage und im Zickzackkurs vom Grundstück gefahren und wenig später befand ich mich mit meinem zum Glück noch immer kratzerlosen Liebling auf dem Weg zur Arbeit. Meinem Arm ging es richtig gut, er lag ruhend auf der Armlehne der Fahrertür und ich freute mich, dass es nicht, wie beim letzten Mal, der rechte Arm war, der schmerzte. Es war damals ganz schön anstrengend, den zweiten und vierten Gang mit der linken Hand einlegen zu müssen.
Und dann stockte der Verkehr und ich sah schon von weitem, dass ein Polizist die Kelle schwingend auf der Straße herum sprang und den Verkehr auf die Autobahn umleitete. Oh nein, ein Unfall! Und ich sollte jetzt völlig unvorbereitet auf einer Autobahn fahren??? Das ging ja schon mal gar nicht! Schon beim Gedanken daran, brach mir der Schweiß aus. Nein, ich würde umkehren und eine andere Strecke fahren, auch wenn das einen riesengroßen Umweg bedeutete! Die Strecke kannte ich wenigstens und ich musste nur jederzeit mit Wildschweinen und Rehchen rechnen, die dort öfter die Straßenseite wechselten.
Mit zusammengebissenen Zähnen fing ich also an zu kurbeln, setzte mein Auto rückwärts über den schmalen Grünstreifen auf den Fahrradweg, rangierte hin und her und die schmerzhaften Lenkbewegungen trieben mir die Tränen in die Augen. Das verkniffene Gesicht des Mannes, das ich im Rückspiegel sah, nervte mich. Ich verbot mir trotzdem, ihm eine Grimasse zu schneiden, als ich sah, dass er abwechselnd in das Lenkrad seines protzigen BMW’s biss und die Hände über dem Kopf zusammen schlug. Er machte mir ganz deutlich klar, was er von einer unfähigen Frau in ihrem kleinen popeligen Honda hielt. Du meine Güte! Nun ging’s mir schon so dreckig und dann hatte ich auch noch so einen unsensiblen Idioten hinter mir, der sich für furchtbar wichtig hielt und mich wahrscheinlich irgendwann dafür verantwortlich machen würde, dass seine ganze Firma einpacken musste, nur weil er zu spät kam!
Okay, ich hielt zwar den ganzen Verkehr auf, aber musste dann doch grinsen, als ich sah, dass die Frau vor mir ihren Wagen ebenfalls zurücksetzte. Wie schön, dass der knurrige Mann mein Grinsen als ganz für ihn persönlich bestimmtes Lächeln deutete und nun sanftmütig zurücklächelte, als ich in die entgegen gesetzte Richtung an ihm vorbei fuhr. Oh, der sah ja richtig gut aus, wenn er nicht wie eine Bulldogge die Stirn in Falten legte und die Zähne fletschte!
Die Frau in ihrem kleinen schnuckeligen Polo klebte die ganze Fahrt, die über einsame Landstraßen und noch einsamere Feldwege führte, an meiner Heckklappe. Offensichtlich fühlte sie sich mir sehr verbunden und vertraute darauf, dass wir beide das gleiche Ziel hatten.
Nach dem halbstündigen Umweg befanden wir uns endlich wieder auf dem richtigen Weg. Die Frau folgte mir immer noch. Sie fuhr schließlich sogar hinter mir auf den Parkplatz, stellte ihr Auto neben meinem ab und stieg aus. Sie grinste mich an und stürzte auf mich zu. Vorsichtshalber trat ich einen Schritt zurück, ich musste mich ja nun nicht hier mitten auf dem Parkplatz von einer Frau anspringen lassen! Sie blieb vor mir stehen und verlieh wortgewaltig ihrer Erleichterung darüber Ausdruck, dass sie zum Glück mein Auto erkannt hatte, das fast jeden Morgen auf diesem Parkplatz stand und mit den vielen Plüschteufeln ja nicht wirklich zu übersehen war. Ich lächelte erfreut… endlich mal jemand, der sich nicht amüsiert über meinen Teufelchen-Tick äußerte! Wahrscheinlich hatten ihr meine Plüschis sogar drei graue Haare mehr erspart!
Nun ja… eine gute Tat am Tag macht mich immer glücklich und zufrieden und so schwebte ich mit einem enthusiastischen „Guuuuten Moooorgeeen!“ in mein Büro. Der irritierte Blick von meinem Chef zwang mich dazu, ihm mit eingefrorenem Lächeln standhaft in die Augen zu sehen und so zu tun, als ob ich nicht sehen würde, wie ungläubig er mit offenem Mund auf meine Haarpracht starrte. Er bekam seine Gesichtszüge aber ganz schnell wieder in den Griff und warf einen verstohlenen Blick in seinen Terminkalender. Seine Erleichterung darüber, dass er heute keine Gäste erwartete, war mir natürlich nicht entgangen… Schade eigentlich, denn dann hätte er mich bestimmt gleich wieder nach Hause geschickt.
Es erübrigt sich, zu erwähnen, dass ich ausgerechnet an diesem Tag ganz besonders viele übellaunige Menschen am Telefon hatte und ich mich arg zusammenreißen musste, um nicht auch mal bockig zurückzupöbeln. Ich kämpfte mit dem Kopierer und ärgerte mich heute ganz besonders darüber, dass immer dann das Papierfach leer war, wenn ich kopieren musste. Welch Ironie, dass sich die Postfrau ausgerechnet heute mit einem verstauchten Arm krank meldete und ich die Postberge selbst durchs Haus tragen musste. Und als ob das alles nicht schon reichen würde, habe ich zum Feierabend fassungslos entdeckt, dass sich irgendein Idiot mit einem langen und tiefen Kratzer in meiner Autotür verewigt hat.
Mit einem Blick, der Bände sprach und den dummerweise niemand sah, stieg ich in mein Auto… und schrie mir meinen Frust aus dem Leib. Auch das hörte niemand, denn vorsorglich hatte ich vorher die Autotür geschlossen…
Es war genau 18.00 Uhr, als ich auf den Parkplatz der Arztpraxis fuhr und eigentlich rechnete ich schon fast damit, dass sie wegen Urlaub geschlossen sein würde. Aber dann sah ich die hell erleuchteten Fenster der Praxis und kletterte aufatmend aus dem Auto.
Es kam wie es an so einem Tag kommen musste. Ich sah aus wie ein Besen und ausgerechnet heute lief ich dem Mann über den Weg, der mich schon seit meiner Jugendzeit angehimmelt hatte. Jahrelang hatte ich ihn nicht gesehen… WARUM HEUTE???? Seine bewundernden Blicke hätten mir bestimmt wieder mal gut getan… Ich verfluchte den beleuchteten Parkplatz.
Nun ja, ich glaubte, in seinem Blick eine gewisse Ungläubigkeit erkennen zu können, welche dann der puren Erleichterung wich… ich hatte ihn nie erhört. Ich seufzte, grüßte wage in seine Richtung und stürmte an ihm vorbei in die Arztpraxis.
Zum Glück ist das Wartezimmer von meinem Doc nie voll und obwohl ich sehr selten seine Praxis betrat, begrüßte mich die Arzthelferin mit meinem vollen Namen und plauderte mit mir, als hätten wir bereits zusammen im Sandkasten gebuddelt. Entweder hatte sie ein super gutes Gedächtnis oder aber sie war glücklich, einen Patienten begrüßen zu können…
Wahrscheinlich von beidem ein bisschen, denn „mein“ Arzt ist nicht so wirklich begehrt bei meinen Mitmenschen. Er war mal Militärarzt und ist demzufolge absolut unbestechlich und immer darauf bedacht, die immer zu einem Plausch aufgelegten und mit selbstgebackenem Kuchen beladenen Omis so schnell wie möglich aus der Praxis heraus zuschieben.
Mir sind seine Eigenarten und sein militärischer Tonfall völlig egal, denn ich bin selten krank und wenn, dann brauche ich wenigstens nie lange im Wartezimmer herumzusitzen. Ich war sowieso nie wirklich krank, selbst wenn ich in seine Praxis auf Händen und Füßen gekrochen kam oder aussah wie eine Leiche. Einen Krankenschein gibt es bei ihm sowieso immer nur, wenn ich ihm mindestens zehn Minuten wegen einem solchen in den Ohren gelegen habe. Auch als ich mir meinen Zeh dummerweise mitten im Winter brach und nicht in meinen Schuh kam, durfte ich drei Tage zu Hause bleiben und ich war erstaunt darüber, dass er nicht trotzdem noch jeden Tag anrief, um mich zu fragen, ob der Schuh wieder passte.
Der Ordnung halber erwähne ich jetzt, dass er mich mit ein paar Schmerztabletten und Entzündungshemmern gegen die Knochenhautentzündung, die er innerhalb einer Minute diagnostizierte, nach Hause schickte. Natürlich ohne Krankenschein…
Als mein Mann nach Hause kam, saß ich am Küchentisch und lachte und heulte und lachte wieder. Vor mir hatte ich einen super starken Kaffee zu stehen. Die Tabletten lagen daneben und in der Hand drehte ich das Navigationsgerät hin und her, um herauszufinden, wo sich wohl dieser On-Knopf befindet. Mein Mann stand grübelnd vor mir und überlegte wahrscheinlich, ob er mich gleich noch heute Abend einweisen lassen sollte. Tat er aber erstmal nicht, sondern fragte nur:
„Öhm… alles okay? Wie war dein Tag?“
„Eigentlich ganz normal…“
Oder?
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